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Ausgabe:

1883

Spalte:

559-560

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Delitzsch, Franz

Titel/Untertitel:

The Hebrew New Testament of the British and Foreign Bible Society 1883

Rezensent:

Kautzsch, Emil

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Seite 1

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es vorher: und giebt dasfelbe wirklich das richtige Bild
ihrer Vergangenheit? Oder: läfst fich für den breiten
Raum, den im A. T. die prophetischen Schriften einnehmen
(wie breit ift er übrigens?) nur der Grund geltend
machen, dafs die altteft. Offenbarungsftufe eben über fich
hinausweift in die Zukunft? Oder: ift beim N. T. die
Sache von Volck nicht geradezu auf den Kopf geftellt,
wenn er die altteft. Schrift darum den neuteft. Schrift-
ftellern für infpirirt gelten läfst, weil fie in ihf die Urkunde
der auf Jefum Chriftum abzielenden Gefchichte
fehen? Ift es nicht vielmehr fo: die altteft. Schrift galt
ihnen wie ihren Volksgenoffen fchon vorher für infpirirt
und darum müffen fie nun auch Chriftus in derfelben
finden, und wo der natürliche Schriftfinn ihn nicht, ja
vielleicht das Gegentheil des Chriftlichen aufzeigt, dies
durch Allegorie hineinlegen? Dies war der Hauptgrund
für die allegorifche Auslegungsweife au.ch bei den Kirchenvätern
und hätte darum auch S. 655 erwähnt werden
follen. Zu S. 638: Die innere Kritik fchon bei Origenes
und die äufsere Tradition noch bei Luther fehr wefentlich.
Zu S. 643: Wenn nur ein vollftändiger Bericht, d. h.
ein folcher, in dem alle wefentlichen Seiten und Stufen
der grundlegenden Offenbarung zur Darftellung kommen,
der Kirche den Dienft leiften kann, den fie braucht, mufs
dann nicht auch noch die aufserbiblifche chriftliche Literatur
hinzukommen? Ich kann nicht fehen, wie man
zwifchen kanonifch und nichtkanonifch auf diefe oder
irgend eine andere Weife einen principiellen Unterfchied
ftatuiren kann. Im A. T. dürfte z. B. nach den von
Volck aufgestellten Grundfätzen das I. Makkabäerbuch
im Kanon nicht fehlen. — Noch mehr als die Kanonik I
erinnert die Hermeneutik an die von Volck herausgegebene
Vorlefung v. Hofmann's über diefen Gegenftand,
daher ich auf diefelbe nicht weiter einzugehen mir erlaube.
Die Darfteilung ift oft überaus fchwerfallig; S. 633 z. B.
,welches der Grund des eigenthümlichen Verhältnifses
fei, in welchem die Chriftenheit zu dem Schriftganzen
fleht, fofern fie in ihm das für fie mafsgebende Wort
Gottes zu befitzen glaubt'. S. 658 ,Dieftel a. a. O.', ohne
dafs die genannte Bchrift vorher genannt wäre. S. 664
unten wird neben Pf. 2 noch Pf. 8 gemeint fein, S. 671
ftatt ebenda 32 bis 5 Mof. 32.

Die Anzeige ift länger als andere; die Schärfe des
darin gefällten Urtheils, die Wichtigkeit der behandelten
Disciplinen, die Anfprüche, mit denen das Werk auftritt,
mögen dies rechtfertigen.

Ulm aD. Dr. E. Neftle.

Delitzsch, Prof. Franz, The Hebrew New Testament of the
British and Foreign Bible Society. A Contribution to
Hebrew Philology. Leipzig, Dörffling & Franke, 1883.
(37 S. 8.) M. 1. 20.

Das Büchlein, vom Verfaffer englifch gefchrieben aus
Dankbarkeit gegen die englifchen ,pnblislicrs and patrons'
feines hebräifchen Neuen Teftaments, will laut Vorrede
erftlich einen Einblick in die Arbeit geben, als deren
Frucht das hebr. Neue Teftament nun zum fünften Mal
erfchienen ift, zweitens aber auf die Refultate hinweifen,
die fich dabei auch für die hebr. Grammatik, insbefondere
die Syntax, ergeben haben. Die Gefchichte diefes hebr.
N. Teftaments datirt von 1838, wo Delitzfch 1 Cor. XIII
als erfte Probe in ,Wiffenfchaft, Kunft und Judenthum'
veröffentlichte; 1870 folgte der Römerbrief (mit vielem
gelehrten Apparat), die erfte Gefammtausgabe 1877, die
vierte 1882; die 5000 Exemplare diefer 4. (electrotypirten)
Auflage waren fo rafch abgefetzt, dafs bereits für 1883
eine fünfte Auflage nöthig wurde. In der That ein grofs-
artiger Erfolg! Die 5. Auflage bezeichnet der Verf. als
eine nicht nur oberflächlich revidirte. Zum Beweife folgt
S. 6 ff. eine Lifte von 56 Stellen, welche durch Wahl
anderer Wörter und Formen oder durch Umftellungen

i geändert find (mit Befriedigung fand Referent darunter
auch n"m Luc. 10, 28 ftatt des früheren ITm). Es folgen
Bemerkungen über die Anwendung der' Scriptio plcna,

! die Synkope des Aleph von 1318 nach Präfixen [die
Synkope unterbleibt vor dem St. constr. 13S*sc und allen
Formen mit pluralifchen Suffixen, alfo i;i;hsb u. f. w.],
über die Wiedergabe der Ausdrücke des Zweifeins, des
Wortes XtiTovQyia, dann S. 18 ff. zwei Liften von Stellen,
welche fyntaktifche, grammatifche und textkritifche Erörterungen
und Aenderungen veranlafsten, endlich S.
26 f. eine Lifte von incorrecten Formen der erften Ausgabe
. — Von allgemeinem Interefle find die Anhänge:
eine Auseinanderfetzung mit Prof. Driver (welcher nach
Durchprüfung der I. Ausgabe weniger Wörtlichkeit und
mehr Hingabe an den Genius der Sprache gewünfcht
hatte; über Aufgaben und Ziele des Ueberfetzers und
die Möglichkeit ihrer Erreichung; fodann eine nicht
minder intereffänte Zurückweifung der Forderung, das
Neue Teftament ftatt in's Hebräifche in das Paläftinen-
fifch-Aramaifche als das Idiom Jefu und der Apoftel zu
überfetzen. Dagegen macht Delitzfch geltend, dafs trotz
der Herrfchaft des Aramäifchen als Umgangsfprache das
Hebräifche die heilige, allen irgend Gebildeten bekannte
Sprache geblieben war, während das Aramäifche nur von
einem Theil der Diafpora verftanden wurde. Dann:
,Der femitifche Einfchlag des neuteftam. Hellenismus ift
hebräifch, nicht aramäifch. Unfer Herr und die Apoftel
dachten und fprachen meiftentheils hebräifch. — Ein Beweis
für den befchränkten Nutzen einer folchen [aram.] Ueber-
fetzung ift die geringe Hülfe, welchen die Pefchitta dem
Ueberfetzer des N. Teft.'s in's Hebräifche bietet'. S. 32
rechtfertigt der Verf. noch die Beibehaltung von yatü
gegen die erhobenen Einwände. Ein Appendix zählt die
verwandten Arbeiten des Verf.'s (Talmudifche Studien,
Horac hebr. et talm. in der luther. Ztfchrift, Artikel in
,Saat auf Hoffnung') auf. Wir aber fcheiden von dem
dankenswerthen Büchlein mit aufrichtigem Glückwunfeh
zu dem fchönen Elrfolg, den die mühfame und ausdauernde
Arbeit des Verf.'s in einem Zeitraum von
45 Jahren auch auf diefem Gebiete erzielt hat.

Tübingen. Kautzfeh.

Wessely, Karl, Evangelienfragmente auf Papyrus. [In:
Wiener Studien, Zeitfchrift für claffifche Philologie.
4. Jahrgang 1882, 2. Heft, S. 198 bis 214.]

Obfchon es nicht thunlich ift, in Zeitfchriften er-
fchienene Abhandlungen an diefem Orte anzuzeigen, fo
mag die Wichtigkeit der Entdeckung einer Papyrus-
handfehrift, welche Theile des N. T. gr. enthält, eine
Ausnahme geftatten, zumal wenn, wie in dem vorliegenden
Falle zu vermuthen ift, den Theologen fonft die
Kunde von ihr entgehen möchte. Bekanntlich waren
bis vor Kurzem keine neuteftamentlichen Handfchriften
auf Papyrus bekannt. Soviel wir wiffen, ift dann auch
die einzige bislang entdeckte diejenige geblieben, von
welcher Tifchendorf auf der Philologenverfammlung zu
Halle im J. 1867 berichtete, dafs fie in ,einem glücklichen
Winkel des Orients' (sie!) gefunden fei, dem ruffifchen
Bifchof Porfiri gehöre und aus dem Ende des 4. Jahrhunderts
flamme; vgl. Verhandlungen der 25. Verfamm-
lung deutfeher Philologen in Halle, Leipz. 1868, 4°,
S. 44 f. Es enthält diefe Handfchrift fünf oder fechs
Blätter, auf welchen einige Theile von 1 Cor. 6 u. 7
entziffert werden konnten. Scrivener, welcher noch auf
S. 24 der zweiten Auflage feiner Introduction to the cri-
ticism of the New Testament (1874) fagte, dafs kein Manu-
feript des N. T. auf Papyrus erhalten fei, hat dann S. 161
desfelben Buches diefen geringfügigen Reft einer folchen
Handfchrift noch nachträglich erwähnt.

Zu diefem erften Papyrusfragment kommt nun als
zweites dasjenige, von welchem Weffely in dem oben
citirten Auffatz Bericht erftattet. Es ift ein Blatt, 24,5