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Ausgabe:

1883 Nr. 22

Spalte:

516-518

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bassermann, Heinrich

Titel/Untertitel:

Die Bedeutung des Liberalismus in der evangelischen Kirche 1883

Rezensent:

Gottschick, Johannes

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5i5

Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 22.

5.6

ohne folche Hülfe durch zutreffendere erfetzt werden
können.

Immer aber hat Janfen durch feine dankenswerthen
Bemühungen, einen lesbaren Text herzuftellen, eine Col-
lation der Trienter Handfchrift nicht überflüffig gemacht,
fofern noch Dutzende von Stellen einer durchgreifenden
Correctur bedürfen. Diefe Trienter Handfchrift konnte
aber, was Janfen entgangen ift, uns weit mehr bieten, als
eine Verbefferung des Friedrich'fchen Textes, da fie, was
Friedrich forgfam verfchwiegen hat, aber aus Finazzi,
Discorso prcliminare zu dem 6. Band der Miscellanca di
Storia Italiana (Turin 1865) mir zur Gewifsheit wurde,
weit mehr an Aleander-Depefchen enthält, als was Friedrich
uns geboten hat. Letzterer hat aus der Handfchrift
(nach richtiger Zählung und Datirung) entnommen: 19
Depefchen und einen Brief aus Worms, 5 Depefchen aus
den Niederlanden; die Handfchrift bietet aber aufserdem
9 Depefchen aus Worms (darunter ungemein wichtige), '
9 weitere aus der Zeit nach dem Wormfcr Reichstage
nebft noch 5 Briefen und Billeten meift aus Worms, d. h. I
23 neue Stücke, die fämmtlich mit Ausnahme eines Bil-
lets aus Worms bisher unbekannt waren. Meinem unter
der Preffe befindlichen Abdruck diefer neuen Actenftücke,
dem ich die Trienter Handfchrift zu Grunde lege, für 1
den ich aber teilweife auch den Vaticanifchen Codex benutzen
konnte*), fah ich mich genöthigt, einen Neudruck !
der fchon von Friedrich veröffentlichten Depefchen hinzuzufügen
, da meine urfprüngliche Abficht, nur meine
Collation des Friedrich'fchen Textes zu geben, fich
wegen des grofsen Umfanges, zu dem dicfelbe bei der I
Befchaffenheit jenes Druckes anfchwellen mufste, fich als j
unzweckmäfsig erwies. Der Text ift faft in jedem Satze
umgeftaltet, und gerne hebe ich es hervor, dafs mir für
die Befeitigung mancher Fehler Janfen erwünfehte Hülfe
geleiftet hat. —■

Mit der Verbefferung des Textes befchäftigt fich
Janfen hauptfächlich in dem 1. Abfchnitte feiner Schrift:
,Die Briefe und ihre Verwerthung' (S. I—22). In einem |

2. Abfchnitt: .Aleanders Auffaffung und Verfahren' (S. j
22—40) giebt er eine lebhaft gefchriebene Charakteriftik
Aleander's und feiner Thätigkeit in Worms. In dem ]

3. und letzten Abfchnitt (S. 40—72) verflicht er zunächft,
die von Friedrich zumeift undatirt vorgefundenen und [
grofsentheils nur ziemlich vage angefetzten Depefchen genauer
chronologifch zu beftimmen, um fo eine fichere
Grundlage zu gewinnen für die eigentliche Aufgabe diefes !
Abichnittes, eine Darftellung des ,Ganges der Verhand- 1
lungen'. Leider ift jener Verfuch faft durchweg mifs-
lungen. Obgleich J. hier gelegentlich ein Mal zu einem
haltbaren Ergebnifs gelangt, fo hat er doch — infolge J
theils mangelhafter Kenntnifs der Zeit, theils einer nur oberflächlichen
Beobachtung — die von Friedrich angenommene
, an wichtigen Punkten irrige Reihenfolge der
De p efchen ausnahmslos beibehalten. Dafs N. 11 nicht
Anfang März gefchrieben fein könne, fondern vor den
13. Febr. falle, dafs N. 16 richtig vom 29. März datirt 1
und nicht auf den 19. zu verlegen fei, dafs N. 18 nicht
etwa vom 31. März fein kann, fondern früheftens dem !
Mai angehöre (falls anders diefe Depcfche überhaupt den j
Wormfern beizugefellen ift), dafs N. 23, von Janfen auf
den 15. Mai verlegt, vielmehr in den Auguft fällt — das 1
alles konnte einem aufmerkfamen Beobachter auch ohne
Kenntnifs der neuen Depefchen nicht entgehen. Mit j
Hülfe der neuen Stücke aus Worms läfst fich, obwohl fie
fämmtlich ohne Datum, eine ungleich genauere und zu-
verläfligere Datirung der alten erzielen:

N. 11, nach Janfen aus Anfang März, ift vom 8.
Februar.

*) Quellen und Forfchungen zur Gefchichte der Refor- I
mation. I. Band: Aleander und Luther 1521. Die vervollllän-
digten Aleander-Depefchen nebft Unterfuchungen über den Wormfer Reichstag
. Gotha. F. A. Perthes.

N. 12, nach Janfen vom 5. oder 6. März, ift etwa vom
19. März.

N. 13, nach Janfen ,gegen den 10. März', ift etwa
vom 4. März.

N. 17 und 15 (von Janfen erftere ,kurz vor dem 26.
März', letztere auf den 15. März verlegt) bilden eine De-
pefche, als deren Datum der 8. März lieh erweifen läfst.

N. 22 nach Janfen nach dem 26. April, oder ,zwifchen
26. April und 10. Mai', ift vom 27. April.

N. 24, nach Janfen ,kurz vor dem 18. Mai', ift vielmehr
auf den 18. Mai zu verlegen.

Von der falfchen Datirung von N. 16, 18 und 23
war fchon die Rede*). So bleibt, wenn man davon abheilt
, dafs Janfen richtig erkannt hat, dafs N. 8 und 9
Eine Depefche ausmachen, dafs fomit der Datum der
letzteren (27. Febr.) auch von der erfteren gilt, als einziges
Ergebnifs übrig, dafs Janfen wahrfcheinlich gemacht
hat, dafs N. 20 mit Unrecht das Datum des 13. April
trägt und auf den 15. zu verlegen ift.

Es bedarf nicht erft der Bemerkung, dafs Janfen's
Darftellung des ,Ganges der Verhandlungen' bei der
unrichtigen Datirung der einfchlagcnden Depefchen gröfs-
tcntheils in der Luft fchwebt. Erft jetzt auf Grund der
zuverläffig datirten PYiedrich'fchen Depefchen wird man
mit Hülfe der neuen eine genauere Darlegung der Vorgänge
in Worms verfuchen können, obwohl uns (vgl. S.
14 meiner Schrift) noch immer ein Bruchtheil höchft belangreichen
Materials fehlt.

Marburg. Th. Brieger.

Bassermann, Prof. Lic. H., Die Bedeutung des Liberalismus
in der evangelischen Kirche. Vortrag, geh. am 11. März
1883 in Wiesbaden. Wiesbaden, Krcidel, 1883. (30 S.
8.) M. —. 60.

Diefer Vortrag kehrt feine Spitze nicht gegen die
Feinde, fondern gegen die Freunde des evangelifch-
kirchlichen Liberalismus. Er ift eine ernfte Mahnung an
die Anhänger der empirifchen, halb kirchlichen, halb
politifchen Partei, fich darauf zu befinnen, dafs fie als
eine Partei, welche innerhalb der Kirche ftehen will,
verpflichtet ift, mit den letzten Zielen und den erften
Grundfätzen diefer Kirche fich im Einklang zu wiffen
und folchen Einklang im praktifchen Handeln zu bewähren
. Von diefer Tendenz aus, vage Stimmungen und
Velleitäten zu einem pofitiven kirchlichen Streben _ zu
concentriren, erklärt fich der Weg, welchen der Verf.
cingefchlagen hat. Er gewinnt nämlich, von dem Etymon
UberaliS im Gegenfatz zu senilis und banaufifch ausgehend
, den Allgemeinbegriff des Liberalismus, dafs er
das Beftreben fei, die Bcftimmung des Einzelnen zu per-
fönlicher Selbftändigkeit und zum Handeln nach eigener
Einficht zur Geltung zu bringen. Er wendet diefen Begriff
dann auf das Gebiet der, gleichviel ob politifchen
oder kirchlichen, Gemeinfchaft an: L. bedeute hier die
Tendenz, den unvermeidlichen Gemeinfchaftsordnungen
eine folche Gcftaltung zu geben, dafs fie mit der per-
fönlichen Freiheit des Einzelnen verträglich feien. Er
ftellt dann die Thefe auf, dafs der kirchliche Liberalismus
nur eine kirchenpolitifche Partei fei, dafs aber liberale
Theologie und liberale Frömmigkeit Undinge feien, weil
Theologie als Wiffenfchaft und Frömmigkeit als Herzensempfindung
an fich frei feien; der Liberalismus könne
nur dahin ftreben, ihnen durch kirchcnpolitifch.es Handeln
Freiheit der Bethätigung zu verfchaffen. In der chrift-
lichen und in specie in der evangelifchen Kirche vollberechtigt
, weil im Wefen des Chriftcnthums und des
Proteftantismus die Emancipation des Einzelfubjects liegt,
unterfteht der L. doch der Möglichkeit, ja der Wahr-

*) Den Beweis für meine Anfatzc kann ich hier nicht führen. Ich
verweife auf Abfchnitt 3 meiner Schrift, wo ich diefelben eingehend begründet
habe.