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Ausgabe:

1883

Spalte:

466-467

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Criegern, Herm. Ferd. von

Titel/Untertitel:

Johann Amos Comenius als Theolog 1883

Rezensent:

Weizsäcker, Carl

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Thcologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 20.

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lieh wiederkehrenden Reformationsfeften, wird von dem
Verfaffer dahin beantwortet, dafs wir diesmal untere
Blicke nicht allein auf den Kirchenreformator Luther,
fondern hauptfächlich auf feine ganze Perfönlichkeit zu
richten, und demnach vornehmlich deffen zu gedenken
haben, was Gott an ihm nicht blofs der Kirche, fondern
auch dem deutfehen Volke infonderheit gefchenkt hat.
In Rückficht darauf werden befprochen die Schrift an
den chriftlichen Adel deutfeher Nation in Verbindung
mit der von der Freiheit eines Chriftenmenfchen, ferner
die von der babylonifchen Gefangenfchaft der Kirche,
die Bibelüberfetzung, die Katechismen und Kirchenlieder.
Aus diefen Schriften tritt uns Luther entgegen als der,
welcher dem deutfehen Volke die rechte chriftliche Freiheit
gezeigt, ihm die Bibel zum Gemeingut, zum deutfehen
Volksbuch gemacht, durch feine Katechismen ein
Volkslehrer im weiteften Sinne des Wortes geworden
(wozu noch feine anderen Verdienfte um die Volks- und
höheren Schulen kommen) und den Grund zu dem
reichen Liederfchatz der deutfeh-evangelifchen Kirche
gelegt hat. Wir verdanken ihm weiter die richtige fitt-
liche Würdigung des weltlichen Berufs gegenüber der
einfeitig überfpannten Werthfehätzung des priefterlichen
Standes. Endlich ift noch zu berückfichtigen, welchen
grofsen Antheil er daran gehabt, dafs wir heutzutage des
edlen Gutes voller Gewiffensfreiheit uns erfreuen dürfen

_ Alles Thaten und Schöpfungen des Reformators

Luther, welche nicht blofs dem evangelifchen Theil des
deutfehen Volkes zu gute gekommen, fondern deren
Einflufs auch die katholifche Kirche Deutfchlands ihre
wefentlich beffere Befchaffenheit als die der romanifchen
Länder verdankt. Wenn wir von diefen Segnungen
einen treuen Gebrauch machen, dann wird das deutfehe
Volk von den innerlichen GeDrechen genefen, an denen
es in der Gegenwart bei aller äufserlichen Machtfülle fo
fchwer krankt.

Dies in kurzem und andeutungsweife der Inhalt des
gedankenreichen Vortrags eines Mannes, der auf feinem
Specialgebiete, dem Kirchenrecht, fchon längft als ein
treues Glied feiner Kirche bekannt ift.

Oberrad. L. Enders.

Schollmeyer, Fr. Superint. Dr. Guft., M. Hieronymus
Tilesius. der Reformator Mühlhausens. Eine Skizze feines
Lebens mit den von Ludw. Helmbold, Donatus Grofs
und Vitus Kleinfchmidt auf feinen Tod verfafsten
Trauergefängen. Halle, Fricke's Verl., 1883. (VIII,
103 S. 8.) M. 1. 20.

Mühlhaufen, ein Hauptfitz des Münzerifchen Treibens
, war nach Niederwerfung-des Bauernaufruhrs, obwohl
Reichsftadt, unter das Regiment der Fürften gekommen
, welche der Bauernempörung ein Ende gemacht
hatten. Die Regimentsführung follte jährlich wechfeln
und fiel zuerft Herzog Georg von Sachfen zu. Dafs
durch diefen die katholifche Reaction mit voller Energie
betrieben wurde, verlieht fich von felbft; fein Hauptwerkzeug
dafür — was übrigens dem Verfaffer unbekannt
geblieben zu fein fcheint — war Hieronymus Düngersheim
von Ochfenfurt, damals Profeffor in Leipzig (vgl.
u. a. deffen ,Wider Martinum Luther famt den wider-
teuffern, von den er gefchrieben hat' Bl. 2). Wie gründlich
alle Reformations-Gelüfte unterdrückt wurden, ergiebt
lieh daraus, dafs der neue Rath das Anerbieten der mit-
betheiligten evangelifchen I^ürften, die der Stadt auferlegte
Strafe zu erlaffen, wenn er die reine Predigt des
Evangeliums zulaffen wollte, abfehlug und fpäter dem
Herzog Heinrich d. j. von Braunfchweig feinen Beiftand
gegen die Proteftanten zufagte. Das bei der Einnahme
Wolfenbüttels vorgefundene Schreiben gab diefen Ver-
anlaffung, den Rath zu zwingen, von dem Bündnifs abzutreten
und der evangelifchen Lehre Eingang zu ver-

ftatten. Nur widerwillig fügte fich der Rath, trat deshalb
auch nach der Schlacht bei Mühlberg fofort wieder
von der Reformation ab und machte dem evangelifchen
Gottesdienft ein Ende. Die nächfte Anregung zur Wiedereinführung
desfelben ging von dem Deutfehenorden aus,
welcher als Patron die Kirchen- und Schulftellen zu be-
fetzen hatte. Der evangelifche Provincial-Comthur der
Bailei Thüringen, Hans von Goermar, beftand darauf, dafs
wenigftens Eine der Kirchen der evangelifchen Lehre geöffnet
werde. Der Rath konnte fich diefem Verlangen nicht
entziehen, wandte fich nach Leipzig um einen evangelifchen
Prediger, und fo kam 1557 zunächft der bekannte
Profeffor Heinrich Salmuth nach Mühlhaufen, deffen
Thätigkeit fich aber faft nur auf die Ausarbeitung einer
kurzen Kirchenordnung befchränkte. Ihm folgte Hier.
Tilefius, mit deffen Wirken vorliegende Lebensfkizze
fich befchäftigt. Er kann mit Recht der Begründer und
Befeftiger der evangelifchen Kirche in Mühlhaufen genannt
werden, obgleich ihm nur eine kurze, noch dazu
durch einen mehrmonatlichen Aufenthalt in Eger zum
Zweck der Einführung der Reformation unterbrochene
Thätigkeit vergönnt war, da er bereits 1566, erft 37 Jahre

' alt, ftarb. Was die im Ganzen fpärlich fliefsenden Quellen
für feine Lebensdarfteilung boten, hat der Verf. forgfältig
ausgenützt. Auch die Verdienfte, welche fich Tilefius
um die deutfehe Literatur erwarb, finden eingehende Be-
rückfichtigung. Er war nämlich, freilich nicht aus litera-
rifchem oder äfthetifchem, fondern aus polemifchem Inter-
effe, Herausgeber des älteften deutfehen Dramas aus dem

| J. 1480 ,Elin fchön fpiel Von fraw Jutten' von Theo-

i dorich Scharnberck, welches die Gefchichte der Päpftin
Johanna behandelt. — Den Schlufs, aber mehr als die
Hälfte des Büchleins (S. 48—101) einnehmend, bildet der
Abdruck der auf Tilefius verfafsten Plpicedien, welche
der Verf. auch in deutfeher Ueberfetzung wiedergiebt. Wir

I können diefer Beigabe keinen befonderen Werth zumeffen:
in poetifcher Hinficht ergehen fich diefe Epicedien in der
damals gewöhnlichen Ueberfchwänglichkeit; die wenigen
gefchichtlichen Angaben, die fie enthalten, hätten in
Noten am Fufse des Textes gegeben werden können;
kamen fie aber einmal zum Abdruck, fo wäre für Einzelnes
ein näherer Nachweis wünfehenswerth gewefen,
z. B. auf welche Perfönlichkeiten Mühlhaufens das geht,
was S. 79 erwähnt wird von dem kathol. Prediger, der
plötzlich auf der Kanzel die Sprache verlor, und von
dem Schüler Melanchthon's, welcher den Katholicismus
dichterifch verherrlichte. Die Ueberfetzung kann keineswegs
als eine gelungene bezeichnet werden, da die Verfe
oft recht holperig ausgefallen find.

Schliefslich wollen wir noch auf einen Punkt hinweifen
, der infofern von Intereffe ift, als hier, unferes
Wiffens zum erftenmale, der Verfuch gemacht wird, die
Gegenpartei von dem Genufs des Augsburger Religionsfriedens
auszufchliefsen. In einer Anrede an den Rath
behauptet nämlich Tilefius (S. 31): ,Die Religion, wie
fie in der (katholifchen) Barfüfser-Kirche betrieben würde,
wäre im Reichsfrieden nicht begriffen, denn fie wäre
nicht die römifche, auch nicht die evangelifche, fondern
der Interims-,Mifchmafch'.

Oberrad. L. Enders.

! Criegern, Subdiak. Dr. Herrn. Ferd. v., Johann Arnos
Comenius als Theolog. Ein Beitrag zur Comeniusliteratur.
Leipzig, C. F. Winter, 1881. (VII, 396 S. gr. 8.) M. 6. —

Wenn ich dem Wunfeh des Herausgebers entfpreche
jetzt noch die durch meine Schuld verfpätete An-
J zeige diefes Buches nachzubringen, fo gefchieht das
um fo williger, als ich glaube, der manchmal laut gewordenen
Anficht entgegentreten zu dürfen, als ob doch
die Ausbeute einer Würdigung gerade der theologifchen
Bedeutung des Comenius eine unbedeutende fei und fein
müffe. Mir fcheint eben, was der Verfaffer diefer Schrift