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Ausgabe:

1883 Nr. 18

Spalte:

417-423

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wendt, H. H.

Titel/Untertitel:

Die christliche Lehre von der menschlcihen Vollkommenheit 1883

Rezensent:

Möller, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 18.

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26 katholifch), bei Ehefchliefsungen evangelifcher Frauen j völlig ausreichendes Mittel für den Menfchen find, feine
mit katholifchen Männern fällt in Starkenburg das Ueber- • begriffsmäfsige Exiftenz als Menfch zu erreichen und zu

gewicht auf die katholifche Seite (64 gegen 43), in Rhein-
heffen ftehen beide Theile gleich (mit je 42), was alles
wiederum nicht zu Ungunften der evangelifchen Seite
fpricht. Aehnlich verhält es fich mit der Taufe der Kinder
aus gemifchten Ehen. Nach den ,ftatiftifchen Mittheilungen
' wären 1880 in Heffen nur 85 Proc. derfelben
evangelifch getauft worden. Aber 1881 wurden Kinder
aus Mifchehen evangelifch getauft: in Starkenburg 480
von 907 geborenen, in Oberheffen 143 von 192 geborenen
, in Rheinheffen 732 von 1326 geborenen, alfo überall
erheblich mehr als die Hälfte oder 100 Proc. nach
der angenommenen Berechnungsweife: man begreift nicht,
woher diefe plötzliche Steigerung kommen foll, wenn
die obigen 85 Procent richtig find. Auch an anderen
Stellen erweift fich der anfcheinende Vorfprung der katholifchen
Kirche bei genauerer Prüfung nicht probehal-
tig. Einen verblüffenden Eindruck macht z. B. auf den
erften Anblick das rafche Anwachfen der katholifchen
Bevölkerung in Berlin und im preufsifchen Staate überbehaupten
, d. h. ihn zur menfchlichenVollkommen-
heit zu führen. Die hierbei vorauszufetzende Vorftel-
lung von der menfchlichen Vollkommenheit kann nicht
aus der empirifchen Befchaffenheit der Menfchen im
aufserchriftlichen Zuftande abftrahirt, fondern nur mit
Hülfe eines idealen Begriffes vom Menfchen feftgeftellt
werden. Die Gefchichte der chriftlichen Lehre zeigt nun,
dafs bei Apologeten und griechifchen Vätern jener Nachweis
zu führen verfucht wird einmal durch den Gedanken
, der Menfch erreiche im Chriftenthum die derMenfch-
heit von Anfang an gefetzte Beftimmung, fodann aber
durch den andern, der Menfch gelange im Chriftenthum in
den (als Ideal menfchlicher Vollkommenheit angefehenen)
Anfangszuftand der Menfchheit zurück. Letztere Betrachtung
verdrängt die erftere, obgleich dabei eine völlige
Congruenz zwifchen der nach dem biblifchen Bericht
gebildeten Vorftellung vom Urftand und der Idee, die
man fich vom Heilsltand macht, nicht erreicht, überdies
auch die Schwierigkeit nicht genügend gelöft wird, dafs

haupt (es gab in Berlin 1846: 16579, 1880: 80616 katho- ein Urftand zum Mafsftab menfchlicher Vollkommen-
lifche Einwohner). Aber im gefammten Deutfchland
haben fich die evangelifchen Einwohner trotzdem, dafs
die ftarke Auswanderung faft nur evangelifche Landes-
theile berührte, von 1871 bis 1880 um 10,89, die katho

hcit für Subjekte gemacht werden foll, die nie felbft im
wirklichen Befitze diefes Urftandes gewefen find. Auch
in der abendländifchen Entwickelung bei lateinifchen
Kirchenvätern und Scholaftikern wird die Vorftellunp;

lifchen nur um 9,16 Proc. vermehrt, ,und das ift ent- menfchlicher Vollkommenheit vorzugsweife durch Be-
fcheidend', wie der Verf. mit Recht bemerkt (S. 17). 1 rufung auf den Schöpfungszuftand gewonnen, dem ge-
Jenes Anwachfen der katholifchen Bevölkerung im Nor- [ genüber nach der einen zur Geltung kommenden Ge-
den ift einfach eine Folge der Freizügigkeit und wieder- i dankenreihe der Zuftand der Menfchen ohne Chriften-

holt fich in umgekehrter Weife in alt-katholifchen Gebieten
. So gab es in Mainz

1861: 8119 Evangelifche 29833 Katholifche

9029 - 30236 ' -

9305 - 30490

15848 - 34504

18095 - 35122

1864
1867
1871
1875
1880

thum als durchaus abnormer, der chriftliche als der dem
wahren Begriff des Menfchen entfprechende aufgefafst
wird, und zwar fo, dafs abweichend von der griechifchen
Auffaffung, nicht fowohl das durch den Fall hervorgebrachte
phyfifche Uebel, als vielmehr die Sünde felbft als
die Abnormität hingeftellt wird, von welcher die Gnade
befreit. Damit durchkreuzt fich aber eine andere Ge-

20390 - 37153 - I dankenreihe, welche beftimmt durch das Streben, den

Sonach hat fich in 20 Jahren die evangelifche Be- Eintritt des Falles trotz der vorausgefetzten fittlichen
völkerung von 8119 auf 20390, alfo um 12271 vermehrt, | Güte des Urftands begreiflich erfcheinen zu laffen.

was (abgerundet) einen Zuwachs von 150 Proc. darftellt,
die katholifche nur um 37153—29833 = 7320 oder etwa
25 Proc. der Anfangszahl. Alles in Allem gereicht die
Statiftik dem Eindruck von einer impofanten Machtftell-

dazu führt, die fittliche Rechtbefchaffenheit der Proto-

plaften nicht als zu ihrem eigentlichen menfchlichen

Willen gehörig, fondern als einen demfelben fremd ge-

genüberftehenden objectiven Befitz (donum supernat.) an-
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ung der katholifchen Kirche, den der Augenfchein | zufehen. Dies führt dazu, die empirifche, aufserchriftliche
namentlich auf den evangelifchen Diafporagebieten leicht Befchaffenheit des Menfchen als Mafsftab bei der Unter-

fcheidung des natürlichen und übernatürlichen Befitzes
im Urftande anzuwenden, fie alfo zur Bedeutung des eigentlichen
Begriffs des Menfchen zu erheben, mithin den
Gedanken auszufchliefsen, dafs der Menfcherft im Chriftenthum
feinem Begriff entfprechend werde. Nachdem die
Blüthezeit der Scholaftik diefe zweite Reihe vollftändig
ausgebildet, tritt der reformatorifche Proteft dagegen
hervor. Luther betont, der Werth der Erlöfung Chrifti
werde herabgefetzt, wenn man die justitia originalis zu
einem der menfchlichen Natur fremden Dinge mache,
bei deffen Hinwegnahme die naturalia als integra blieben.
Er rechnet zu der zum wahren Wefen des Menfchen gehörenden
und feine eigentliche Beftimmung repräsentiren-
den justitia originalis des Paradiefeszuftands neben der
Erkenntnifs Gottes und der rechten Befolgung des göttlichen
Willens zugleich die Ausübung unbedingter Herr-
M- 4- fchaft über die Welt. Indem er aber bei aller Ideali-

Der Inhalt diefer anziehenden Monographie ift den 1 firung des Paradiefeszuftandes den irdifchen CharaWr
Grundzügen nach folgender. Soll die chriftliche Lehre j desfelben fefthält, tritt derfelbe in Analogie mit dem
dazu dienen, die Menfchen zur Annahme refp. Bewahrung ' gegenwärtigen Chriftenftand, der, wenn auch die Vollendes
Chriftenthums zu befähigen und anzutreiben, fo be- dung der Wiederherftellung dem Himmel zugewiefen
darf es, wie der Darlegung des Wefens und der Wahr- j wird, doch bereits qualitativ die wefentlichen Züge des-

hervorbringt, nicht zur Beftätigung. Freilich mufs man
fich hüten Alles, was zu Ungunften der katholifchen In-
tereffen fpricht, ohne Weiteres als einen Gewinn für die
evangelifche Kirche in Anfpruch zu nehmen. Mit Recht
hebt der Verf. hervor (S. 39), dafs von den Mifchehen
viel weniger die Gefahr katholifcher Propoganda als die
der anwachfenden religiöfen Indifferenz zu beforgen fei,
wie denn auch unzweifelhaft ein fehr erheblicher Theil
der Mifchehen, die nicht evangelifch getraut werden,
überhaupt ohne kirchliche Trauung bleibt.

Darmftadt. K. Köhler.

Wendt, Prof. H. H., Die christliche Lehre von der menschlichen
Vollkommenheit, unterfucht. Göttingen, Van-
denhoeck & Ruprecht's Verl. 1882. (VI, 230 S. gr. 8.)

heit des Chriftenthums fo auch der Begründung des Ur
theils, dafs das Chriftenthum oder der chriftliche Heils

felben in fich faft. Während von Zwingli in der An-
fchauung vom Urftand mehr die Beftimmung der Menfch-

ftand von abfolutem Werth für den Menfchen fei. Zu heit und ihre Anlagen zu deren Erreichung ins Auge
letzterem Behüte mufs gezeigt werden, dafs die chrift- 1 gefafst werden, fchliefst Calvin fich ziemlich nah an
liehen Heilsgüter ein durchaus notwendiges aber auch | Luther. Auch auf römifch-katholifchem Gebiete tritt in