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Ausgabe:

1883

Spalte:

396-400

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Beck, J. T.

Titel/Untertitel:

Vorlesungen über christliche Ethik. I. Bd 1883

Rezensent:

Lemme, Ludwig

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395 Theologifche Litcraturzeitung. 1883. Nr. 17. 396

Philofophie, und erfahren dabei, dafs Jefuit Pefch das I zu ,verrichten' und alfolvirte ihn: ,die ganze furchtbare

Kant'fche Syftem ,in wahrhaft vernichtender Weife'wider- ] Operation war gefchehen; fo leicht hatte ich fie mir in

legt hat. Auf S. 57 ff. werden wir mit Auszügen aus den j der That nicht vorgeftellt! Ich fchwamm jetzt in einem

,höchft intereffanten' aber nur ,für Erwachsene' empfeh- 1 Strom von Wonne und Freude'. Wir erfahren dann noch

lenswerthen Schmähfchriften des Convertiten Evers über I Einiges über den Widerfpruch, den er von Seiten feiner

Luther beläftigt und lernen hier, wie derartige ,falfche [ Verwandten zu beliehen hatte, über feinen Entfchlufs

Gröfsen', die nur den bekannten ,hiftorifchen Fälfchungen' ; geiftlich zu werden, feinen Austritt aus dem Staatsdienft

des Proteftantismus ihren Ruhm verdanken, vor dem ] und feinen Eintritt in den Jefuitenorden, können aber den

durch die katholifche Wahrheit erleuchteten Auge nicht j Einzelnheiten hier nicht weiter nachgehen. Sein autori-

nur in den Staub, fondern auch in den Schmutz finken ! tätsbedürftiges Herz hatte gefunden, wonach es fich

müffen. Dabei verblüfft uns die Wahrheitsliebe des , fehnte, das ,objective' Chriftenthum, bei welchem es des

Verf.'s, der feinen Lefern erzählt, dafs H. Baumgarten j ,Forfchens und Disputirens' nicht weiter bedarf. Seines

,unferem grofsen Hiftoriker' Janffen kürzlich, wenn auch evangelifchen Glaubens ift er, foweit man aus feinen

widerwillig, doch das ,Zeugnifs' einer faft übertriebenen
Objectivität und Treue in Wiedergabe der Quellen nicht
habe vertagen können. Diefe Probe von Gewiffenhaftig-
keit im Referiren macht uns billig bedenklich, ob wohl
auch des Verf.'s Unterredungen mit Ullmann, Dorner
u. A., bei welchen diefe immer nur ganz unbefriedigend
oder gar nicht von ihrem evangelifchen Glauben Rechen-
fchaft zu geben wufsten, mit treuer Erinnerung wiederErinnerungen
fchliefsen darf, fich nie klar bewirfst ge-
wefen, fonft würde er wohl nicht fo thöricht über die
evangelifche Rechtfertigungslehre reden. Er identificirt
nicht nur die Verwaltung der Diöcefe Rom, fondern zugleich
die Oberleitung der gefammten Kirche. Päpftliche
Gefandte führten das Präfidium auf dem Concil zu Nicäa
u. dgl. m. Solche fchöne Traditionen rühmt er als das
fefte und folide untere Stockwerk des Elaufes, in welchem

gegeben feien. Der ganze zweite Theil feines Buches | die Chriftenheit wohnt; auf diefen Stützen ruht das obere
hat mit ,Erinnerungen' gar nichts mehr zu thun, fondern j Stockwerk, die heil. Schrift, und er kann fich daher
enthält in der alten fyllogiftifchen Manier dogmatifcher j nicht genug wundern, dafs wir Proteftanten fo thöricht
Controverskünftler Expofitionen des Jefuiten über die J find, das untere Stockwerk wegzureifsen. Da mufs doch
Echtheit des katholifchen Bekenntnifses und die Hin- ] naturgemäfs die Autorität der heil. Schrift nachftürzen!
fälligkeit des evangelifchen Chriftenthums. Hier mag es 1 Befonders lehrreich ift das Capitel vom ,Gebet' mit
genügen, auf die erftaunlichen kirchenhiftorifchen Kennt- ! feinem Rühmen der Gebetsbrüderfchaften, die neuerdings
nifse, die fich aus der Tradition fchöpfen laffen, hinzu- | mit feften Netzen die katholifchen Gebiete umfpannen
weifen. Er kennt noch den Ritus, nach welchem die ! und mit ihrer Gebetsmechanifirung und dem Spuk der
Apoftel das Abendmahl gefeiert haben, er weifs, dafs i nachher in den Organen dieferVereine regelmäfsig ver-
Jacobus in Spanien und Thomas in Indien das Evange- ! öffentlichten ,Gebetserhörungen' wie eine Epidemie um
iium gepredigt haben. Elöchft wahrfcheinlich hat Papft fich greifen. Der Verf. rühmt die frommen Priener,
Petrus noch den erften Bifchof für Trier in Rom ordinirt; j welche jetzt ,auf den Flügeln der modernen Preffe das
ficher aber übertrug er noch an Linus vor feinem Tode 1 Gebet ausbreiten (!) über alle Theile der civilifirten Erde',
feinen Ereunden fchon frühzeitig in den Ruf, in politifcher , In der That find die periodifchen Schriften diefer Gebets-
Beziehung reactionär gefinnt zu fein, in religiöfer fucht ! vereine mit ihren fpaltenlangen Regiftern von Gebetserdas
,objective'Chriftenthum, .nicht ein folches, welches | erhörungen, mit Angabe der Mittel und Mittelchen,
ein Jeder nach feinem Gutdünken fich zurechtmodelt'. ! welche die Hülfe vermitteln follten, der dabei wirkfam

Als Heidelberger Studiosus juris ift er zugleich der arifto
kratifche Dilettant in Theologie, der bei Schenkel ein
theologifches Colleg hört — es war vor 30 Jahren, ehe
noch Sch. feine .Dogmatik vom Standpunkt des Gewiffens'

erfundenen Gebctsformeln wie der Talismane (Marien -
medaillen, Waffer von Lourdes u. dgl.;, die zur Ver-
ftärkung der Wirkung angewendet worden, mit ihrem
Berichte über Gebete zu diefem und jenem Eleiligen,

gefchweige fein .Charakterbild Jefu' gefchrieben hatte — bei welchen der Beter dem betr. Heiligen auch gleich

ja fogar an einem theologifchen Studentenkränzchen unter
Schenkel's Leitung eifrig Theil nimmt. Er tritt wie mit
diefem, fo auch mit Ullmann in perfönlichen Verkehr.
Zugleich aber wird er in Stift Neuburg in das Haus der
Schloffer'fchen Wittwe eingeführt und lernt dort hervorragende
Repräfentanten des füddeutfehen Katholicismus

in anregendem Verkehr kennen. Die Vereinigung hoher i Beck, weil. Prof. Dr. J. T., Vorlesungen über christliche

Veröffentlichung verfprochen', eine der lehrreichften und
ergiebigften Quellen zur Beurtheilung der heutigen Papft-
kirche. — —

Magdeburg. G. Kawerau.

geiftiger Bildung mit kindlicher Frömmigkeit, wie er fie
in diefer katholifchen Gefellfchaft wahrnimmt, übt grofse
Anziehungskraft auf ihn; über die proteftantifchen Kreife,
in denen er fich bewegt hat, urtheilt er, dafs fie, foweit
fie künftlerifche oder wiffenfehaftliche Intereffen gehabt,
auch zugleich dem Chriftenthum fern geftanden, foweit
fie dagegen pietiftifch fromm gewefen, habe er fie ftets
geiftig unbedeutend und wenig anregend gefunden. Dem
Suchenden kommt dann Möhler's Symbolik in die Hände
und zaubert ihm jenen bekannten idealifirten Katholicismus
vor; dann imponiren ihm hervorragende Perfön-
lichkeiten der weftfälifchen katholifchen Ariftokratie und
befeftigen den Eindruck, den jene Leetüre auf ihn gemacht
hatte. Endlich ift es Ketteier in Mainz, der ihn
im eigenen Haufe aufnimmt und ihn katholifche Kirchenluft
athmen läfst. Dort in Mainz kam er denn auch
,zum Ziele'. ,Die Zeit des E~orfchens und Disputirens
war vorüber', als er in der bifchöflichen Hauskapelle in
vertrautem und vornehmem Kreife das katholifche Glau-
bensbekenntnifs ablegte. Auch die gefürchtete erfte
Beichte wurde glücklich überftanden — der freundliche
Beichtvater gab ihm ,als Bufse' nur einige kleine Gebete

Ethik. Hrsg. von Jul. Lindenmeyer. 1. Bd. Die gene-
tifche Anlage des chriftlichen Lebens. Gütersloh,
Bertelsmann, 1882. (X, 407 S. gr. 8.) M. 6. 75.

Von allen Vorlefungen des feiigen Beck ift wohl keine
mit folcher Spannung erwartet worden wie die über Ethik:
war es doch diefe, von der Beck's Schüler vor allen angeregt
zu fein bekannten, auf die fie fich für die Lehranfchau-
ungen ihres Meifters — refp. der heil. Schrift — befonders
beriefen. In gewiffer Weife befriedigt fie die in fie
gefetzten Erwartungen, infofern niemand etwas Anderes
als fyftematifirte Bibellehre erwarten konnte, und infofern
niemand dem Inhalte diefer EThik eine hohe geiftige
Bedeutung und tiefen geiftlichen Gehalt abfprechen kann.
Dem höchften Erfordernifs theologifcher Vorlefungen ift
hier genügt: der Vortrag ift nicht blofse Lehrmittheilung,
fondern hinter dem Vortrag fleht eine durchgereifte und
geweihte chriftliche Perfönlichkcit. Eher fpricht ein Mann,
der aus eigener Erfahrung und aus eigenem Erleben in
den Breiten und Tiefen chriftlichen Lebens wirklich zu
Haufe ift: das giebt diefen Vorlefungen eine Bedeutung,
die über die Currentarbeit hinausreicht, und einen Werth