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Ausgabe:

1883 Nr. 13

Spalte:

308-309

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Baur, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Evangelisches Neujahrswort 1883

Rezensent:

Gottschick, Johannes

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3°7

Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 13.

308

Armanden erklingen follen'! Aus dem Evangelium vom
Jüngling von Naim läfst fich doch gewifs nicht ,lernen:
3. dafs man geiftlich auferftanden fein mufs, um fich auf
die leibliche Auferftehung zu freuen' (II, 214). AmTodten-
feft (II, 205) redet der Verf. von der .Hoffnung einer per-
fönlichen Fortdauer des Menfchen nach dem Tode';
diefem Thema fehlt die Abgrenzung, es ift nur die Bezeichnung
eines Gegenftandes; indem derfelbe in den
Theilen feine Prädicate erhält (,fie ift', ,fie gründet fich
auf' u. f. w.) entftehen ebenfoviele Themata, als Theile
find. Uebrigens ift das Thema zu allgemein-philofophifch,
die Predigt vielleicht die am Wenigften befriedigende.
Im Einzelnen bemerke ich noch zu II, 208: der ,Gegenbeweis
' gegen perfönliche Unfterblichkeit befteht doch
nicht blofs in dem ,Sie können fich's nicht denken';
auch find diejenigen, welche fie leugnen, nicht durchweg
,diefelben, welche fagen: es ift kein Gott'. Zu der
Bufstagsbetrachtung II, 187 fr.: fpricht man gegen Atheismus
und Materialismus, fo mufs man nicht feine Vorwürfe
an die Naturwiffenfchaft als folche adreffiren; diefe
erkennen wir alle an und brauchen wir, der Redner wie
feine Hörer. Es find nur die Auswüchfe und Ueber-
fchreitungen, welche wir bekämpfen. Ohne Beachtung
diefer Grenze entfteht leicht der Eindruck des Unwahren,
der Phrafe. Endlich möchte ich den Ausdruck ,zum
Baue verfchreiten' (II, 133. 135) nicht in die deutfche
Sprache eingeführt wiffen.

Heidelberg. Baffermann.

Brüggemann, Pfr. Frz., Bilder und Züge aus dem Leben
und Wirken Jesu, in Predigten gezeichnet. Kettwig, Flothmann
, 1882. (VII, 361 S. gr. 8.) M. 2. —; geb. M. 3. —

Uiefe Predigtfammlung verdient Beachtung fchon
wegen der Aufgabe, welche der Verfaffer fich geftellt
hat. Das Leben Jefu zur Darftellung zu bringen, er-
fcheint zwar nicht als Aufgabe des Predigers, wenn man
den hiftorifchen Pragmatismus berückfichtigt wiffen will,
oder wenigftens eine in fortlaufender gegenfeitiger Beziehung
gehaltene Reihe von Vorträgen verlangt. Aber
indem ein felbftändiger Zug des Lebensbildes Jefu zum
Gegenftand der einzelnen Predigt gemacht wird, und
indem diefe ein abgerundetes Bild aus dem Leben Jefu
fchildert, vermag auch der Prediger die grofse Aufgabe
zu unternehmen, der Gemeinde das Lebensbild Jefu vor
Augen zu führen. So rechtfertigt fich der Titel, welchen
Br. feiner Predigtfammlung gegeben hat, ,Bilder und
Züge aus dem Leben Jefu'.

Die Sammlung enthält 29 Predigten, in verfchiedene
Gruppen geordnet; die crfte derfelben bringt ,Bilder aus
der Jugend und Wirkfamkeit Jefu', die zweite handelt
,vom Himmelreiche als dem Ziele des Wirkens Jefu',
theils nach Gleichnifsen aus Matth. 13, theils nach andern
Worten Jefu, in denen die Art des Himmelreichs
und deffen Verhältnifs zu irdifchen Lebensgebieten auseinandergefetzt
ift. Die folgenden zwei Predigten find
unter der Ueberfchrift zufammengefafst ,von dem Erfolge
der Wirkfamkeit Jefu bei leinen Lebzeiten'; in dereinen
wird diefer Erfolg an den Jüngern nachgewiefen in der
Antwort derfelben auf die Frage Chrifti bei Cäfarca
Philippi, in der andern, ,die Thränen Jefu', wird das
Widerftreben der Menfchen gegen den göttlichen Heils-
willen an dem Beifpiele Jerufalems gezeigt. Vier Predigten
behandeln fodann die Vollendung des Lebenswerkes
Jefu, indem die Geduld Jefu als Abglanz der
Geduld Gottes nach Ebr. 12, 1 ff. gepriefen, das Lamm
Gottes, welches die Sünde der Welt trägt, in dem Gebetskampf
in Gethfemane gezeigt, endlich das gute Bekennt-
nifs Jefuvordem hohenRathgewürdigt, unddie Vollendung
des Erlöfungswerkes am Kreuz nachgewiefen wird. Als
Einleitung ift eine Weihnachtspredigt üb. Luc. 2, 1 —14,
welche von der Berechtigung der Weihnachtsfreude handelt
, und als Schlufswort eine Ofterpredigt üb. Luc.

24, 1—14 beigegeben, in welcher die innere Nothwen-
digkeit der Auferftehung Jefu Chrifti nachgewiefen wird.
Das Lebensbild Jefu wird alfo aus dem Gefichtspunkt
j feiner Lebensaufgabe betrachtet; diefe felbft wird dar-
i gelegt und ihre Löfung im Laufe der Lebensgefchichte
wird nachgewiefen. Die Bilder aus der Wirkfamkeit Jefu
I befchränken fich nicht darauf, eine Darlegung des ein-
I zelnen Vorganges zu geben, fondern werden zu um-
faffenden Schilderungen der fortdauernden Heilswirk-
famkeit Jefu, welcher feine Macht in den Dienft der
Menfchheit ftellt, um fie zu erlöfen. Vielleicht wird man
nicht überall mit dem Verf. übereinftimmen (fo z. B. ift
die Erklärung der Heilung des Ausfätzigen Jefus heilt,
j was zerriffen ift' nicht erfchöpfend), aber jede Predigt ift
I reich an anregendem und im bellen Sinne erbaulichem
| Gehalt. Die Ausführung zeugt von den eingehendften
exegetifchen Vorftudien, und wenn bei diefen Predigten
der lehrhafte Charakter naturgemäfs vorherrfcht, fo hat
man doch nie den Eindruck, als ob es dem Verfaffer
darauf ankäme, ein Wiffen mitzutheilen. Alle Details
werden in höchft lebendiger Weife ausgelegt und auf
die Verhältnifse des chriftlichen Lebens bezogen. Die
Anwendung zeigt allenthalben, dafs der Verfaffer mit
Erfolg bemüht ift, unferer Zeit und befonders den gebildeten
Zeitgenoffen das Evangelium nahe zu bringen,
und mitzuwirken, dafs auch die irdifchen Verhältnifse
unferer Tage fittlich verklärt werden.

An die hergebrachte Form der Predigtdispofition hat
fich der Verf. nicht überall gebunden; ihm liegt mehr
daran, die Aufgabe in folgerichtiger lebendiger Gedankenentwicklung
zu löfen und die Hörer auf dialektifchem
Wege zur Ueberzeugung zu führen, als von dem dog-
matifchen Gefichtspunkt den Ausgang zu nehmen und
diefen nach den verfchiedenen Seiten darzulegen. Vortrefflich
hat er es verftanden, in jeder einzelnen Predigt
den Punkt hervorzuheben, auf welchen das Intereffe fich
zu concentriren hat, um der Unterfuchung folgen zu
können, inwiefern das Werk der Erlöfung und Verformung
gefördert und zur Vollendung geführt wird. Dadurch
ift es ihm in der That gelungen, ein tieferes Ver-
ftändnifs zu vermitteln und den innern Lebensprocefs
nachzuweifen, in welchem die Löfung der Lebensaufgabe
Jefu vor fich geht. Ganz befonders ift dies der Fall in
der Predigt über Gethfemane und in der Karfreitagspredigt
. Die Vorzüge der Art des Verfaffers treten hier
am meiften hervor, weil gerade hier für den Prediger die
Verfuchung am gröfsten ift, fich in den breit getretenen
Pfaden der hergebrachten Predigtweife zu ergehen.

Solche Predigten verlangen allerdings fehr aufmerk-
fame Hörer und Lefer; und manchmal hätten wir, auch
beim Lefen, einen äufserlich markirten Abfchnitt als
Ruhepunkt und zur Erleichterung der Ueberficht ge-
wünfcht; aber die Anordnung im Ganzen ift überall
durchfichtig und die Darfteilung verftändlich. Wir dürfen
den Predigten recht viele aufmerkfame Lefer wünfchen,
um fo mehr als der Preis des Buches aufserordentlich
niedrig geftellt ift; namentlich unfere gebildeten Chriften
würden von denfelben reichen Gewinn haben und in der
Ueberzeugung geftärkt werden, dafs in dem Evangelium
auch für die tiefften Bedürfnifse ihres perfönlichen
Lebens reiche Befriedigung geboten, und dafs das Chriftcn-
thum ein Object der Erkenntnifs ift, welches die ernftefte
Arbeit verdient und reichlich belohnt.

Halle a/S. A. Wächtler.

Baur, Wilh., Evangelisches Neujahrswort. [Aus: ,Kirchl.
Monatsfchrift'. | Magdeburg, E. Baenfch jun., 1883.
(22 S. gr. 8.) M. —.15. 50 Exemplare zu M. 5. —,
100 zu M. 8. —

In ebenfo warmer wie kräftiger Weife legt dies
,Neujahrswort' Zeugnifs ab von der Bedeutung, die
Luther als die .leibhaftige Darftellung der tiefinnigen Ver-