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Ausgabe:

1883 Nr. 12

Spalte:

274-277

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wille, Jak.

Titel/Untertitel:

Philipp der Grossmüthige von Hessen und die Restitution Ulrichs von Wirtemberg 1526-1535 1883

Rezensent:

Brieger, Theodor

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Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. 12.

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des Hegefipp zu evangelifchen Gefialten im Sinne des
Paulus macht, die alexandrinifchen Chriften für Gefinn-
ungsgenoffen der paläftinenfifchen Ebioniten erklärt, die
Stellung des Katholicismus zum Gefetze für im Wefent-
lichen identifch hält mit der Stellung der Ebioniten zu
demfelben, im Ebionitismus den Mutterboden für den
gnoftifchen Idealismus erkennt und endlich durch einen
Mythus vom ,Abfall' das gröfste Problem, welches die
Gefchichte des Chriftenthums Hellt, auf einer Zeile löft,
da giebt es keine Discuffion mehr. Diefe ,Gefchichte
der chriftlichen Sitte' zeigt auch in diefem erften Stücke
des zweiten Bandes, dafs man in der Wiffenfchaft vom
Chriftenthum noch immer auf das Abenteuerlichfte gefafst
fein mufs und eine Continuität der Arbeit noch immer
nicht exiftirt.

Ich vermag die Vermuthung nicht zu unterdrücken,
dafs der Verf., als er diefe erfte Abtheilung des
Bandes niederfchrieb, über die Gefchichte der Heidenkirchen
und des Katholicismus im 2. und 3. Jahrhundert
nur oberflächlich unterrichtet gewefen ift; denn nur
fo kann ich es mir erklären, dafs die Ideen der fchlech-
ten, vulgären Tradition über den Katholicismus fich
zwifchen ihn und fein Object, das Judenchriftenthum,
gefchoben haben. Man foll auch nur eine Stelle in
feinem Buche nachweifen, an welcher ein charakteri-
ftifcher Zug des alten Judenchriftenthums vollftändig beobachtet
und richtig wiedergegeben ift! Angefichts des j
erften Bandes hat Kuenen (Volksreligion und Welt- j
religion. Deutfche Ausgabe S. 229) fein Bedauern aus-
gefprochen, dafs der Verf. ,fich feiner fchönen Aufgabe j
fo wenig gewachfen gezeigt hat'; es gilt dies Urtheil 1
leider auch von dem zweiten Bande. Die grofsen Worte,
die kecken Redensarten haben fich etwas vermindert
und — zu diefer Ehrenerklärung halte ich mich verpflichtet
— die unqualifixirbaren Tiraden, die der erfte
Band enthielt, hat fich der Verf. faft ganz abgewöhnt;
aber feine Methode hat fich wenig verändert. Indefs,
man wird in diefem Bande doch ab und zu daran erinnert
, dafs der Verf. es mit gefchichtlichen Objecten zu
thun hat, und in diefem Sinne foll zugeftanden werden,
dafs derfelbe einen gewiffen Fortfehritt über den erften
bezeichnet. Läfst der Verf. fich in den Anmerkungen
dazu herbei, ein einzelnes Problem aus der an unge-
löften Problemen fo reichen Literatur des Judenchriftenthums
zu erörtern, fo ift, foviel ich fehe, in allen Fällen j
allerdings eben nur der Verfuch lobenswerth, obgleich
die Löfung mit grofser Sicherheit gegeben wird. Das
'Qßllag bei Hegefipp foll (nach Hof"mann) aus "Qßöiag
(Obadja) entftellt fein; die Frage lig 1) Vvga top 'lraov
foll eine gedankenlofe Ueberfetzung der fyrifch geftellten
Frage nach den msst» (Urfprüngen) Jefu fein; der Sinn
und Gebrauch des Wortes Xaiwg foll fich nur aus dem
Rabbinifchen erklären laffen; der Gebrauch des Wortes ,
<lo>nnu6g für die Taufe (von Juftin ab) foll aus dem
Hebräifchen "in: erklärt werden = überftrömen (fowohl I
vom Waffer als vom Licht); von dem Worte ocpqaytg
= Taufe wird fälfehlich behauptet, dafs es in diefer Bedeutung
zuerft bei Clemens Alex, vorkomme — fchon i
die App. Väter haben es —, und dafs es aus dem
Hebräifchen zu erklären fei (3>3"J fowohl fiegeln als ein- j
tauchen); ,man follte es kaum glauben', heifst es S. 116,
,dafs die alberne Meinung des Epiphanius, die Sampfäer
trügen ihren Namen von der Sonne, noch heute nach- |
gefprochen wird. Das Wort thstä = Diener liegt fo
nahe' etc. etc.2) Alle diefe Bemerkungen beweifen, wie
leicht fich der Verf. mit Problemen abzufinden verfteht.

2) Eine Erklärung des oft befprochenen elkefaitifchen Gebets (Epiph.
•9> 4) hat Prof. Delitzfch (S. 110) dem yerf. gegeben: ,Nimm hinweg
das Leiden von meinen Vätern. O mach' ein Ende ihren Drefchern, dem
Elend ihrer Drefcher mach' ein Ende, von meinen Vätern das Leiden
nimm hinweg. Friede'. Die Erklärung von Stern und Levy f. bei
Hilgenfeld, Htrmae pastor, 2. edit, p. 239.

Das Stärkfte in diefer Hinficht bietet der angehängte
zweite Excurs, der auf zwei Seiten ,Ueber die neueren
Darftellungen der altkatholifchen Kirche' handelt. Der
Verf. hat hier ein wichtiges und fchönes Thema mit
ein paar ganz dürftigen und halbwahren Bemerkungen
abgethan. Sollte ihm nicht felbft allmählich klar geworden
fein, wie fehr er der Sache, die er vertreten will, fchadet,
indem er jeden Einfall zu Markte trägt? Noch kann
man die Hoffnung bei den nicht gewöhnlichen Gaben
des Verf.'s hegen, dafs ihm das Raufchegold und die
geiftreichen Flitter felbft widerwärtig werden, und er
fich endlich doch entfchliefst, in ernfter Arbeit das zu
erwerben, was er jetzt zu befitzen wähnt.

Giefsen. Adolf Harnack.

Wille, Univ.-Biblioth. Dr. Jak., Philipp der Grossmüthige
von Hessen und die Restitution Ulrichs von Wirtemberg
1526—1535. Tübingen, Laupp, 1882. (VII, 345 S. gr. 8.)

M. 6. —

Diefe Monographie beruht auf fleifsiger und umfallender
archivalifcher Forfchung, welche den Verf. auch
in den Stand gefetzt hat, die im Anhang (S. 253—345)
abgedruckten, nicht unwichtigen Actenftücke, aus den
Jahren 1532—1535, an's Licht zu ziehen. Sie find gröfsten-
theils dem Marburger Archiv entnommen, fo namentlich
die Stücke aus der Correfpondenz des Landgrafen Philipp
mit feinem Kanzler Feige, mit Johann Friedrich von
Sachfen, mit Bayern und mit feiner Schwerter, der Herzogin
Elifabeth. Die Verarbeitung feines reichhaltigen
Stoffes in der Darfteilung ift dem Verf. freilich nicht durchweg
gelungen. Das gilt wenigftens von dem 1. Buche:
friedliche Unterhandlungen und kriegerifche Entwürfe
1526—1533' (S. 19—104). Ein klares Bild der Vorgänge
gewinnt man hier nicht; Bedeutendes und Unbedeutendes
wirbelt an dem Lefer vorüber, ohne dafs er, fofern er
nicht felbftthätig den Dingen nachgeht, eins vom anderen
zu unterfcheiden vermöchte. Vielleicht wäre eine einheitliche
und fachliche Dispofition unfehwer dadurch zu
erreichen gewefen, dafs der Verf. den Schwäbifchen Bund
in die Mitte gerückt hätte. Diefem wendet er fich eingehender
erft zu Anfang des 2. Buches zu, welches die
Auffchrift hat: ,Ausfichten und Vorbereitungen. Kriegszug
und Friedensfchlufs. 1533—35' (S. 105—251). Gerne
hebe ich hervor, dafs die Kraft des Verf.'s während der
Arbeit gewachfen ift: das 2. Buch zeigt eine ungleich
gröfsere Beherrfchung des Stoffes, fo dafs es nicht blofs
lehrreich ift, fondern fich auch gut lieft. Unfere Kenntnifs
ift hier vielfach gefördert. Ich verweife auf die genaue
Darlegung folgender Punkte: der Verbindung der Würtem-
bergifchen Angelegenheit mit der Wahlfache Ferdinand's;
der vielverfchlungenen und zweideutigen Politik der
Bayerifchen Herzoge, d. h. ihres Kanzlers Leonhard
von Eck; der Auflöfung des Schwäbifchen Bundes; der
Einzelheiten der Schlacht oder, um mit Landgraf Philipp
[f. Heyd III, 11] zu reden, der ,Flucht' von Lauffen; der
Spannung zwifchen dem Landgrafen und Ulrich von
Würtemberg, welche durch den Artikel von der After-
lehnfchaft veranlafst wurde; der endlichen Annahme des
Kadaner Friedens durch Ulrich. Hatten gleich dem Verf.
Sattler, v. Rommel, v. Bucholtz, Heyd u. A. zum
Theil in ausgezeichneter Weife vorgearbeitet, fo dafs
fchlechthin neue Auffchlüffe fich nicht gewinnen liefsen,
fo hat Wille es doch verftanden, uns überall hier vorwärts
zu bringen. Vor allem aber ift es ihm gelungen,
durch Heranziehung der Correfpondenz der Herzogin
Elifabeth von Sachfen mit ihrem Bruder und mit dem
Kurfürften Johann Friedrich über die Entftehung des
Kadaner Vertrages neues Licht zu verbreiten: der An-
theil nicht nur des Kurfachfen, fondern auch der mit
weiblicher Beforgnifs kräftig in die Politik eingreifenden
Herzogin felbft liegt jetzt klar vor uns, und wir können

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