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Ausgabe:

1883 Nr. 11

Spalte:

251-256

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kolde, Thdr.

Titel/Untertitel:

Analecta Lutherana 1883

Rezensent:

Enders, Ernst Ludwig

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251

Theologifche Literaturzeitung. 1883. Nr. II.

252

synonimus. S. 6 med. lies: 13, 22; S. 20, Anm. 3: p. 903;
S. 49, Z. 5: Pf. 45-

Jena. Paul W. Schmiedel.

Kol de, Prof. Dr. Thdr., Analecta Lutherana. Briefe und
Actenftücke zur Gefchichte Luthers. Zugleich ein
Supplement zu den bisherigen Sammlungen feines
Briefwechfels. Gotha, F. A. Perthes, 1883. (XVI,
479 S. gr. 8.) M. 10. —

Als ,eine vorläufige Feftfchrift zum Lutherjubiläum'
bezeichnet der Verfaffer felbft fein Werk, und wir fetzen
gleich an die Spitze unferer Befprechung hinzu: es ift
eine fehr werthvolle Gabe, durch welche unfere Kenntnifs
des Lebens Luther's und der Reformationsgefchichte in
mannigfacher Weife gefördert wird. Das Werk befteht
aus Briefen von, an und über Luther, wozu noch
einige fonftige Actenftücke kommen. Von welcher Bedeutung
aber Briefe gerade für die fpecielle Kenntnifs
jener Zeit find, weifs Jeder, der fich einmal fei es auch
nur mit einer kürzeren Periode des Reformationszeitalters
befchäftigt hat; weifs es, wie trotz der grofsen Gefchichts-
werke von Seckehdorff bis Ranke herab, für fo manches
Einzelne erft die Briefe uns das gewünfchte völlige Ver-
itändnifs darbieten. t Bei diefer ungemeinen Wichtigkeit
ift, auch nach den umfangreichen Sammlungen de Wette's
und Burckhardt's für Luther, des Corpus Reform, für
Melanchthon, jede weitere Veröffentlichung aufs Freudigfte
zu begrüfsen, befonders wenn fie, wie die vorliegende
Kolde'fche, des Neuen fo Zahlreiches und Werth volles
darbietet. Vollftändig wiedergegeben finden wir 19 Briefe
und Bedenken von Luther, nebft einem, zwar bei
de Wette fchon befindlichen, hier aber aus dem Original
verbefferten und ergänzten Briefe, ferner 113 Briefe an
Luther, und aufserdem 84 theils ganz, theils nur im
Auszuge gegebene Briefe von Zeitgenoffen, welche von
Intereffe für das Leben und Wirken Luther's find. Die
meiden derfelben find hier zum erften Mal veröffentlicht,
einige wenige in vergeffenen oder fchwer zu befchaffenden
Werken befindliche durch Wiederabdruck dem Forfcher
allgemein zugänglich gemacht. Eine fo reiche Ausbeute
konnte der Herausgeber liefern, da er in der glücklichen
Lage war, 7 Monate hindurch die bedeutendften deutfchen
und fchweizerifchen Bibliotheken fyftematifch durchfor-
fchen, ja feine Auffpürungen felbft bis nach England hin
ausdehnen zu können. — Von den Briefen Luther's, die
von K. aufgefunden wurden, Rheinen uns einer befonderen
Hervorhebung werth: der an Heinrich von Zütphen, den
bekannten Dithmarfifchen Märtyrer, damals noch in
Bremen, vom 1. Septb. 1524; mehrere Briefe aus den
Jahren 1527—1529 in der aus de Wette 3, 381. 543 ff.
fchon bekannten Angelegenheit der Katharine Hornung
und des Kurfürften Joachim I. von Brandenburg u. f. w.
Weit gröfser ift die Zahl der bedeutungsvollen Schreiben
an Luther, fowohl durch ihren Inhalt, wie auch dadurch,
dafs wir Männern begegnen, von denen bisher noch
keine Briefe an Luther bekannt waren. Von folchen
machen wir namhaft den Augultiner-Prior in Lauingen
Caspar Amman, welcher am 22. Oct. 1522 eine originelle
Erklärung der Stelle Tu es Petrus etc. durch Rücküber-
fetzung in's Hebräifche giebt; Joh. Apel, den durch feine
Verheirathung mit einer Nonne imj. 1523 und feine dadurch
hervorgerufene Gefangenfchaft bekannten Würzburger
Chorherrn, fpäter Prqfess. jur. in Wittenberg und
damaligen preufsifchen Kanzler in Königsberg; Heinr.
Bullinger in Zürich (Brief vom März 1538, worauf Luther
bei de W. 5, m am 14. Mai antwortet, und Bullinger
wiederum am 1. Septb. für diefe Antwort dankt); Andreas
Ebert, Pfarrer in Frankfurt a. O. (Luther's Antwort
de W. 5, 12); Joh. Egranus oder Wildenauer; Sebaft.
Hofmeifter aus Schaffhaufen, der Oeconomus in Zwingli's
Briefen; Conr. Pellican in Bafel, fozufagen der erfte

Herausgeber von Luther's Werken (beantwortet de W.
B 553)> den fur Luther fo begeifterten Wolfg. Rychardus,
Arzt in Ulm; den um des Evangeliums willen gefangen
gewefenen Lorenz Zoch, magdeburgifchen Kanzler des

(Cardinais Albrecht von Mainz, u. A. m. — Als die inhaltlich
bedeutendften Briefe möchte ich die in Augsburg
1530 gefchriebenen 7 Briefe des Juft. Jonas bezeichnen
, fodann die grofse Anzahl der von den oberdcutfchen,
befonders Strafsburger, und fchweizer Theologen und
Reformatoren gefchriebenen, welche fich fämmtlich auf
die Abendmahlsftreitigkeiten und Concordienverhand-
lungen beziehen. Als gleichfam ftändiger Correfpondent
Luther's tritt uns da der Strafsburger Rechtsgelehrte
Nicol. Gerbel entgegen mit 13 Briefen aus den Jahren
1521—36; ferner erhalten wir von Bucer und Capito je
8 Briefe. Diefe werthvollen Briefe der überdeutfchen
verdankt der Herausgeber vorzugsweife dem nach dem
verhängnifsvollen Brande der Strafsburger Bibliothek,
wofelbft fich die Originale befanden, unfchätzbar gewordenen
Thesaurus Baumius; leider aber Rheinen diefe
Abfchriften in Bezug auf Correctheit manches zu wünfchen
zu laffen, wenigftens will mir bedünken, und es werden
unten die Belege dafür folgen, -dafs die ältere, weithin
bekannte Simler'fche Sammlung in Zürich mit ihren Lesarten
öfters den Vorzug vor dem Baum'Rhen Texte
verdient.

Was die Art der Herausgabe anlangt, fo hat fich
K. darin einer diplomatifchen Genauigkeit befiiffen, mit
der ich mich kaum einverftanden erklären kann. Es
dürfte hier zwifchen Original und Abfchrift zu Rheiden
fein. Originale mag man immerhin in diplomatifcher
Treue, felbft mit allen Inconfequenzen der Schreibweife,
die fich der Abfaffer beikommen liefs, wiedergeben.
Hingegen diefe Treue auch auf Abfchriften auszudehnen,
Rheint mir nicht angezeigt. Da mufs m. E. dem Herausgeber
in erfter Linie flehen, einen lesbaren, verftänd-
lichen Text herzuftellen, die oft finnlofcn Schreibfehler
zu verbeffern und foweit es ihm gelingen mag, in den Text
einen Sinn hineinzubringen, grammatifche Schnitzer in
Bezug auf die consecutio temporum (deren fich, foweit ich
fehe, Luther z. B. nur feiten Rhuldig machte) oder
j Germanismen (kam mir doch z. B. eine Abfchrift vor,
j in welcher öfters die Präpofition ,sine' c. accus, conftruirt
i war; diefelbe Abfchrift bot auch Lesarten, wie jenuit,
injenium für genuii, ingenium, war im Uebrigen aber
recht brauchbar!) richtig zu ftellen, und kann er dann
die falfchen Lesarten feines gebrauchten Codex in den
j Noten verzeichnen. Es ift ja möglich, dafs fich der
Herausgeber mit feinen Conjecturen hin und wieder vergreift
, aber die Möglichkeit, wiederum ihn zu verbeffern,
wird in den Noten gegeben fein, im Ganzen aber wird er
den Gebrauch feiner Edirungen erleichtern, wenn er den
Lefer nicht allzuhäufig an finnlofen Ausdrücken anftofsen
läfst.

Neben den von ihm mitgetheilten neuen Briefen ift
man dem Herausgeber noch einen weiteren Dank Rhuldig
dafür, dafs er die von Burckhardt in feinem BriefwechRl
Luther's (1866) überfehenen oder feitdem erft veröffentlichten
Briefe, die durch ihre Verzettelung in verfchiedenen
■ Zeitfchriften wohl kaum fämmtlich dem einzelnen Forfcher
bekannt werden können, in Regeftenform verzeichnet hat,
deren Zahl fich auf 110 beläuft, freilich um ein Bedeutendes
vermehrt werden kann und von denen ich unten
einige der wichtigeren nachtragen werde.

Bei dem zugemeffenen Räume mufste ich mich begnügen
, durch eine kurze ftatiflifche Zufammenftellung
auf das reichlich hier dargebotene Material hinzuweifen,
und leider es mir verfagen, auf den Inhalt felbft, deffen
Gebrauch durch erläuternde Noten und ein Rrgfältig
gearbeitetes Regifter unterftützt wird, des Näheren einzugehen
. Ich fchliefse mit einer Anzahl Bemerkungen,
wobei ich die Reihenfolge der Briefe einhalte. Sie mögen
einerfeits dem verehrten Verfaffer den Beweis liefern,