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Ausgabe:

1882 Nr. 4

Spalte:

85

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Minghetti, Marco

Titel/Untertitel:

Staat und Kirche. Autorisierte Uebersetzung aus dem Italienischen nach der 2. durchgeseh. Aufl 1882

Rezensent:

Benrath, Karl

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85

Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 4.

86

Minghetti. Marco, Staat und Kirche. Autorifiertc Uebe;r*
fetzung aus dem Italienifchen nach der 2. durch-
gefeh. Aufl. Gotha 1881, F. A. Perthes. (XV, 318 S.
gr. 8.) M. 6. —
Ref. hat diefe Schrift nach der erften italienifchen
Ausgabe an diefer Stelle (1878, Sp. 189 ff.) eingehend
behandelt. Die vorliegende Ueberfetzung ift forgfaltig,
lesbar und im allgemeinen treffend. Sie wird in dicfem
Augenblick, wo das allgemeine Intereffe fich wieder den
Beziehungen Italiens und des Papftthums zugewandt hat,
weitere Kreife über einfchlagende Fragen orientiren
können.

.Marburg. Benrath.

Jean, Abbe, docteur en theologie, Francisqtie. Histoire
contemporaine de Fenseignement et de l'education
clericale et monastique. Paris 1879, Sandoz & Fischbacher
. (382 S. 8.) 3 Fr. 50 C.

Strenggenommen gehört eine Anzeige diefes Buches
nicht in diefe Zeitung; denn es hat die Anlage und Ge-
ftalt eines hiftorifchen Romans: an dem Lebensgange
eines franzöfifchen Jünglings Namens Francisque fchil-
dert der pfeudonyme Verfaffer den Bildungsgang des
römifch-katholifchen Klerikers. Dat Buch ift geiftvoll
und glänzend gefchrieben und feffelt, mit Ausnahme weniger
Partien (z. B. S. 228 ff. die Schilderung der jugendlichen
Lafter), durchgängig die Aufmerkfamkeit des
Lefers. Allein nicht wegen diefer formellen Vorzüge
kann hier der francisque1- erwähnt werden ; der Grund,
weshalb die Vertreter der Kirchengefchichte und der
Pädagogik von diefem Werke nicht ohne Nutzen Notiz
nehmen dürften, liegt in dem Umftande, dafs es keinen
erdachten, fondern einen erlebten Bildungsgang fchil-
dert und dadurch zu einer Quelle unferer Zeitgeschichte
wird. Wir lernen hier die klerikale Vorfchule, das Petit
Seminaire kennen, begleiten dann Francisque in das Noviziat
des Jefuitenordens und erleben hier mit ihm den
Conflict, in welchen das fittliche Bewufstfein des Jünglings
mit dem Jefuitismus geräth. Die Schilderung des
Seelenkampfes, in welchem Francisque mit dem Orden
bricht, gehört wohl zu den beften Partien des Buches.
Nach folchen Erfahrungen bereitet er fich zum Welt-
geiftliehen vor; das Thun und Treiben eines Prieftcr-
feminars, des Grand Heniinaire und der Empfang der
Weihen wird anziehend gefchildert. Unkundig der
Welt hat der Jüngling das Gelübde der .Kcufch-
heit' abgelegt; im Pfarramt fcheitert er an diefer Un-
erfahrenheit; er bricht das Gelübde und fucht fich in der
Welt eine Exiftenz zu gründen; aber in der ihm fremden
Welt findet er fich nicht zurecht. Wieder zieht ihn
die Sehnfucht nach Bufse in den Schofs der katho-
lifchen Kirche zurück; noch einmal beginnt er den
Kampf der Abtödtung des Ich; aber jetzt, im Büfser-
leben des Trappiften-Ordens, das der Verf. aus lebendiger
Anfchauung fchildert, erkennt er, dafs durch rö-
mifche Gefetzlichkeit der Menfch nicht zum Frieden
kommt. Er verläfst den Orden und begiebt fich auf die
Univcrfität, um in der Luft des freien Geiftes zum
,chriftlichcn Humanismus' hindurchzudringen, zur ,prote-
ftantifch'-fittlichen Erkenntnifs, ,que notre vic soit conforme
a nos convictions, pourvu qrfelle soit sincere et que notre
recherche de la verite soit sericuse' (S. 373). Der pofitive,
ethifche und dogmatifchc Standpunkt des Verfaffers wäre
demnach der der fubjectiven Gewiffcnhaftigkeit und der
freien Forfchung. Das ift leider ein matter Schlufs des
fehönen Buches.

Halle aS. Paul Tfchackert.

Steinmeyer, F. L., Beiträge zur Christologie. I. Die Epi-
phanien im Leben des Herrn. II. Die Theophanien
im Leben des Herrn. Berlin 1880 u. 1SS1, Wiegandt
& Grieben. (VIII, 132 u. VI ,130 S. gr. 8.) ä M. 2. —

Unter Epiphanien verfteht der Verf. .diejenigen offenkundigen
Thatfachen der evangelifchen Gefchichte, in
welchen der lebendige Gott dem Chrift in handgreiflicher
Manifeftation gegenübertritt und ihm frei heraus fein
Wort zum Siegel und Pfände giebt, er habe die aivLy-
ftaza der Propheten durchfehaut, er habe fie mit fteigen-
der Gewifsheit gelöft'. Als folche Thatfachen bieten lieh
.ungefucht' dar: die Taufe, die Verfuchung und die Verklärung
. Die evangelifchen Berichte ifoliren diefe Thatfachen
und ordnen fie zu einer Gruppe, diefelben flehen
im engften Connex untereinander und keine ift für die
conftitutiven Momente des Begriffs entbehrlich; endlich
im hohepriefterlichen Gebet, mit Bez. auf die Taufe V.
19, auf die Verfuchung V. 15, die Verklärung V. 24,
legt der Chrift auf Grund diefer Epiphanien Rechenfchaft
ab. ,Das hohepriefterliche Gebet garantirt die Zufammen-
faffung der drei Thatfachen in den einheitlichen Begriff
der Epiphanien mit feiner vollen Autorität!' Die Taufe
giebt die Eröffnung zum Antritt des Berufs, die Verfuchung
zeigt den Gang, den der Fufs des Mefüas in
dem verordneten Lauf nehmen mufs, die Verklärung
giebt ihm die Gewifsheit des Lohnes, fie bildet den
Höhepunkt und Abfchlufs der Epiphanien. Die Ausführung
diefer Gedanken erfolgt in einer genauen, fcharf- und
feinfinnigen Auslegung der evangelifchen Berichte über
die drei Vorgänge mit vielen treffenden, nicht feiten
überrafchenden Bewcifen für die chriftologifche Auffaf-
fung des Verf.'s. Aber auch für diefe glauben wir den
Beweis dafür nicht erbracht, dafs die Verfuchung zu
den Epiphanien in dem Leben des Herrn gehört. Die
Diakonie der Engel nach der Verfuchung kann und darf
nicht mit den Manifestationen in den andern Vorgängen
in Parallele gehellt werden. Der enge Zufammenhang
zwifchen Taufe und Verfuchung beruht nicht in der
Gleichartigkeit beider Vorgänge, fondern diefe ift die
Probe auf jene; fo dafs zwifchen beiden ein ähnliches
Vcrhältnifs befteht wie zwifchen der Verklärung und
dem Scelenkampfc in Gethfemane.

Als .Theophanien' bezeichnet der Verf. diejenigen
überwältigenden und überzeugenden Thatfachen in dem
Leben Chrifti, aus welchen die Jünger erkannten, dafs
ihnen der Sohn Gottes erfchienen fei. Wieder find es
drei Thatfachen, welche den Begriff erfchöpfen: die
Reinigung des Tempels, das Wandeln auf den Wogen
des Meeres und der Einzug in Jcrufalcm. Bei der erften
Thatfache hat Chriftus den ftrafenden Act mit feiner
Stellung als Sohn motivirt, der Eifer des lebendigen
Gottes felbft ift es, welcher hier erfcheint; alles ungöttliche
Wefen foll hinweg aus dem Plaufe Gottes, und
durch den Sohn wird es daraus verfchwinden, auf Schritt
und Tritt wird Gottes Zorn durch ihn offenbar. Die
Lage der Jünger in jener Nacht auf dem See ift ein
Vorbild ihrer künftigen Laufbahn; das Walten Jefu offenbart
Gottes Vorfehung; in dem Sohne Gottes vollzieht
fich Providenz und Regierung bis an das Ende der Tage.
Bei dem Einzug in Jerufalem huldigt das Volk dem
Sohne Gottes, der als der König kommt, und hier die
Hcrrfchaft darfteilt, welche er am Kreuz erworben hat,
fo dafs diefer Vorgang ein Vorbild der Erfcheinung in

Herrlichkeit ift.--Faft möchte man denken, dafs die

evangelifchen Berichte auf Grund eines Compendiums
lutherifcher Chriitologic coneipirt feien!

Die nächfte Abtheilung der .Beiträge' wird die
Chriftophanicn des Herrn behandeln, welche im Verein
mit einander diefen Theophanien entfprechen. ,Die Ver-
wandtfehaft zwifchen der Erfcheinung Chrifti vor den
Augen des Stephanus Und zwifchen der Reinigung des
Tempels liegt zu Tage; die Correfpondenz der Mani-