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Ausgabe:

1882

Spalte:

620-622

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fricke, Metaphysik und Dogmatik in ihrem gegenseitigen Verhältnisse

Titel/Untertitel:

unter besonderer Beziehung auf die Ritschl‘sche Theologie 1882

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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Seite 1, Seite 2

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6ig Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 26. 620

Oehler es gethan, vor der Darfteilung der Particular-
kirchen die ,oekumenifchen Symbole' zu behandeln wie
einen Inbegriff gemeinfamer Anfchauungen. Oehler bemerkt
felbft zum Voraus, dafs das Wort gelte: duo si
profitentur idem, non est idem. Er weifs dann freilich der
Schwierigkeiten, die fich hier aufthun, fo wenig Herr zu
werden, dafs er mit den literarifchen Bemerkungen über
die ,oekumenifchen' Symbole überhaupt über die Sache
wegfchlüpft. Indefs ich berühre diefen Punkt nur deshalb
, weil ich bemerken möchte, dafs überhaupt die
,Symbole' gar nicht die wefentlichen Quellen einer rö-
mifchen ,Symbolik' find. Die Symbole find Befitzftücke
der Kirche, die überall anders angefehen werden. Im
Katholicismus fpeciell find fie recht gleichgültig Elemente
der Tradition. Sie empfangen ein gewiffes Mafs
von Reverenz; aber fie dürfen nie aufgeboten werden
gegen die Intereffen der lebendigen Kirche d. h. des
Papftthums und werden nur deshalb nicht überhaupt aufser
Curs gefetzt, weil theils die Fiction der Gültigkeit der
Tradition aufrecht erhalten werden foll und weil es
andererfeits der jefuitifchen Theologie nicht fchwer fällt,

Fricke, Prof. Dr., Metaphysik und Dogmatik in ihrem gegenseitigen
Verhältnisse, unter befonderer Beziehung auf
die Ritfchl'fche Theologie. Vortrag auf der Meifsner
Conferenz, am 28. Juni 1882. Leipzig 1882, Hinrichs.
(39 S. gr. 8.) M. -.80.
Es würde um Vieles leichter fein den wiffcnfchaft-
lichen Austaufch zu pflegen, wenn das Beifpiel von Polemik
, welches der oben bezeichnete Vortrag vor Augen
ftellt, ein wenig häufiger nur zu finden wäre, als leider
der Fall ift. Der verdiente Leipziger Theolog hat wirklich
zu erfüllen gewufst, was er als eine ,geweihte Pflicht'
bezeichnet: das älrjtheveiv iv ayd.etj. Man erkennt es
überall, dafs es ihm darum zu thunift, Ritfehl gerecht
zu werden. Dazu gehört, dafs er auch das hervorhebt,
was er zu den Verdienftcn diefes Theologen rechnet.
,Der Herr hat diefe ausgezeichnete Kraft berufen und
gerüftet zur Ethifirung der Religion und ihrer Wiffen-
fchaft, die zu keiner Zeit vergeffen werden darf, und zur
Anregung Neues fchaffender Gedanken an Schrift, Dog-
mengefchichte und Glauben des kirchlichen Lebens

aus Allem Alles zu machen. In diefer letzteren Hinficht ; unterer Gegenwart'. Es ift ein befonderes Abfehen F.'s,
hat man einfach zu wenig Kenntnifs deffen, was die je- j den Streit um die Ritfchl'fche Theologie auf ,das wiffen-
fuitifche Theologie dermalen thatfächlich leiftet, wenn , fchaftliche Gebiet nach Möglichkeit einzudämmen'. Der
man meint, dafs das Mafs deffen, was etwa nach den ! Streit hat ja fchon kirchenpolitifchen Charakter ange-
Regeln der kunftmäfsigen Interpretation als der wirk- ; nommen. Aber, ,wo neben entfehieden geiftiger Bedeutliche
Sinn oder nach den Regeln der wiffenfehaftlichen j ung und Originalität eine fo warme Liebe zu Chrifto
Gefchichtsforfchung als der wirkliche Urfprung einer als unferem Erlöfer und ein fo tiefer Ernft des Bewufst-
überlieferten Lehre, eines fymbolifchen Documents eruirt feins von unferer allein in Chrifto gewonnenen und zu
werden könne, auch für jefuitifche Sophiftik eine Schranke gewinnenden Erlöfung vorhanden ift, wie bei Ritfehl, da
biete. Ich zweifele nicht, dafs die katholifchen Theo- gehören Fragen wie die hier zu erörternden zunächft nur
logen uns Proteftanten in der Streitlituation immer ver- 1 der Wiffenfchaft an'. Die Fragen, die F. erörtert, be-
fuchen werden feilzuhalten bei den ,Symbolen' refp. den ' treffen R.'s Stellung zur ,Metaphyfik in der Theologie'.
,officiellen Lehren'. Glückt ihnen dies, fo ift es leicht, j Es ift fchwierig, ein getreues Bild von den Ausführungen
weite Gebiete der wirklichen katholifchen Praxis, auch zu gewähren, die F. bietet. Die Gelehrfamkeit und Ge-
der päpftlich approbirten, für unter Auge zu verfchleiern. '■ wiffenhaftigkeit des Verf.'s geftattet nicht diejenige Stoff -
Gerade dies aber liegt dringend im Intereffe des Jefuitis- ! befchränkung, die für einen Vortrag faft unerläfslich
mus, der unter der Deckung der proteftantifchen Un- ! ift. Es ift F. nicht unbekannt, dafs R. nicht der Erlte
kenntnifs der wirklichen Mittel, wodurch die ,Kirche' j ift, der die Metaphyfik und die Theologie auseinander
wirkt, den Sieg am ficherften erhoffen kann. Ich meine ; zu wirren ftrebt. Er erinnert fleh an Luther und Me-
aber, die Unterfcheidung von officiellen ,fymbolifchen' 1 lanchthon und aus der neueften Zeit an Schleiermacher.
Lehren und freier Meinung und Praxis geht die wiffen- j Er weifs auch die Verwirrungen, die thatfächlich durch
fchaftliche Symbolik des Katholicismus nur fo an, dafs j die Metaphyfik fchon für die Theologie geftiftet find, zu
fie davon Notiz nimmt, dafs diefe Scheidung überhaupt j würdigen. Es kommt immer darauf an, die falfche Me-
exiftirt und an ihrem Theile ja mit einer Erklärung be- j taphylik mit R. fernzuhalten und dann doch der wahren
darf. Im Uebrigen haben wir uns darauf zu befinnen, Metaphyfik ihr Recht zu behaupten. Eine Fülle hiftori-
dafs es durch Nichts verbürgt ift, dafs die ,officielle' fcher Kenntnifse treten dabei zu Tage, die doch oft nur
Entfcheidung eine befonders lichtvolle, die religiöfe In- wie zur eigenen Beruhigung in kurzen Epithetis und Partention
des Katholicismus wirklich klarlegende fei — enthefen angedeutet werden können. Eine grundfätz-
man bedenke, dafs unter diefem Gefichtspunkt der Papft liehe Erörterung der Aufgabe der Metaphyfik einerfeits,
fchon gegenüber dem Tridentinum das Interpretations- j der Theologie refp. der Dogmatik andererfeits, wodurch
recht ausfchliefslich fich lefervirt hat — und ferner, dafs j die Bedeutung der Metaphyfik auch für die Theologie
es auch durch Nichts verbürgt ift, dafs alle oder auch 1 erwiefen werden foll, wird angeftellt im Zufammcnhange
nur die wefentlichften katholifchen Anfchauungen officiell mit einer encyklopädifchen Ueberficht über das Gefammt-
lehrhaft fixirt find. Es kann uns nur die Beobachtung j gebiet der Wiffenfchaft und mit einer Unterfuchung der

des gefammten Lebens des Katholicismus, feiner Lehre
und feiner Sitte, feines Cultus und feiner Politik, feiner
Inftitutionen und feiner Perfonen helfen. Die Einfchränk-

Gefichtspunkte, wonach fich überhaupt die verfchiedenen
Disciplinen unterfcheiden. Vom Allgemeinften zum Spe-
ciellften, vom Weiteften zum Concreteften bewegt fich

ung der Deutung des Katholicismus auf feine officiellen | die Erörterung herüber und hinüber. Wie mir fcheint,

Lehren hat höchftens einen Sinn für diejenigen inner- | ift es doch ein Vorwurf, der der beherrfchende genannt

katholifchen Parteien, die durch eine Uebermacht be- ; werden kann. R. ift zu ,fkeptifch'. Verf. erachtet R.

droht werden, ohne fich doch felbft überzeugen zu können, | für einen Kantianer und den Kantianismus für Skepti-

dafs fie aufgehört hätten katholifch zu fein. Für die : cismus. In Wirklichkeit ift weder R. Kantianer, noch

Wiffenfchaft ift es eine unerträgliche Verkürzung ihrer ' Kant Skeptiker. Indefs diefe hiftorifchc Bemerkuni;

Mittel, wenn man nicht alle Gefichtspunkte, die das i entkräftet nicht den fpeciellen Vorwurf, den F. gegen R.

Leben gewährt, in's Auge faffen follte. erhebt. R. hat nicht den Muth, ,die höchften Probleme

/-■/•„„ F v,KP„i,„fri, ! anzufaffen'. Die höchften Probleme find nach F. von

Gielsen. r. ivattenoulcn. , . . . ,. „ „ t_ , . ,. , . .. ,

zweierlei Art: die Frage nach der Beweishchkeit der

chriftlichen Weltanfchauung und die volle Erfchöpfung

._ der ,objectiven Inftanzen', auf denen unfer Verhältnifs

zu Gott, wie wir es im Chriftenthume erfahren und erleben,

beruht. R. bleibt bei der blofsen Erfahrung flehen.

Aber diefelbe (teilt doppelt ungedeckt da. Er will nichts