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Ausgabe:

1882

Spalte:

612-615

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Acten der Erfurter Universität. Bearb. von J. C. Herm. Weißenborn. 1. Thl 1882

Rezensent:

Kolde, Theodor

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6n Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 26. 612

halb der Chriftenheit' erft aus den Monumenten? Was I
lehrt uns denn die ganze altchriftliche Literatur, wenn fie
uns das nicht lehrt? Es ift erfreulich, dafs uns die Ka- 1
takomben das jetzt auch und z. Th. in neuer Weife lehren;
aber wer es nicht fchon wüfste, der würde es mindeftens
fchwer haben, es aus den Katakomben in feiner ganzen
Bedeutung zu erkennen. Für wichtig habe ich ftets ge- j
halten, dafs fich in den römifchen chriftlichen Katakomben
kein einziges jüdifches Symbol gefunden hat (S. 26) — für
wichtig deshalb, weil es das beftätigt, was fich über dieZu-
fammenletzung der römifchen Gemeinde aus dem I. Clemensbrief
und dem Hirten ergiebt.

7) Miffionsgefchichte und Statiftik. Der Verf.
legt auf diefes Gebiet befonderen Werth: er hat die Betrachtung
desselben (S. 8—Ii) vorangeftellt. Aber er
erfchüttert am Schluis feine Glaubwürdigkeit als Kir-
chenhiftoriker durch den exorbitanten Satz: ,Wichtig ift jedoch
vor Allem die aus der Literatur nicht erkannte (!) und !
wohl auch nicht erkennbare (!) Thatfache, deren Kunde !
wir den Denkmälern verdanken, dafs die altchriftliche !
Miffion der erften Jahrhunderte mit fehr feltenen Ausnahmen
fich innerhalb der griechifch-römifchen Cultur-
welt gehalten hat, dafs die Grenzwälle und die Grenz-
ftationen der Legionen die Grenzen auch für die chriftlichen
Miffionäre bildeten'. Hierauf ift zu fagen: Seitdem j
die Legende von der Apoftelpredigt in aller Welt ab- I
gekommen, hat man fich die Sache niemals anders vor-
geftellt, und diefe Vorftellung fchwebte nicht in der
Luft, fondern war durch die elementarften und ficherften
Beobachtungen zu beweifen; fie war alfo ,erkennbar und
erkannt*. Im Einzelnen laffen fich die Nachweife des
Verf.'s in zwei Gruppen zerlegen. Erftlich führt er monumentale
Thatfachen an, die zwar nicht für die
Miffionsgefchichte, aber für die kirchliche Statiftik
von Werth find, vorausgefetzt, dafs die Datirungen richtig
find. Dafs es in der Cyrenaica und an den Rhonemündungen
im 2. Jahrhundert, auf Melos im 3., in Neapel
angeblich im I. (wenn die Katakombe fo alt ift)
Chriften gegeben hat, und dafs Trier im 4. Jahrhundert
eine Hauptftation für die Miffion in Gallien und Ger- j
manien gewefen ift — diefe nackten Thatfachen werfen
auf die Miffionsgefchichte kein Licht, fobald man I
diefen Begriff ftreng fafst. Ein folches Licht würde uns
in den umgekehrten Fällen leuchten, wenn nämlich z. B.
nachweisbar auf Melos im 3. Jahrhundert, in der Cyrenaica
und an den Rhonemündungen im 2. Jahrhundert
noch kein Chriftenthum vorhanden und Trier nachweisbar
nicht die Hauptftation der chriftlichen Miffion
im 4. Jahrhundert gewefen wäre. Wir würden dann erwägen
dürfen, ob das Chriftenthum etwa durch die vierte
Dimenfion im 2. Jahrhundert nach Lyon gekommen
ift, und es wäre ernfthaft zu fragen, ob die Hiftoriker fich
nicht täufchen, wenn fie Trier im 4. Jahrhundert für die
Hauptftadt des ganzen Weftviertels des Reiches halten. |
So gewifs beides abfurd, fo gewifs ift ein Ertrag der
Monumente für die Miffionsgefchichte hier nicht]
vorhanden. Der Verfaffer führt aber zweitens Thatfachen
an, die, wenn fie zuverläffig wären, für die
Miffionsgefchichte von höchftem Belange wären. Sie
find es aber nicht. Er behauptet erftlich, dafs in Italien
das Chriftenthum, von der Weftküfte beginnend,
erft im 4. u. 5. Jahrhundert die Höhen der Apenninen er-
ftiegen habe. Nur argumenta e silentio der Monumente
könnten für diefe Thefe beigebracht werden. Sie reichen
nicht aus. Dafs die grofse Miffion von der Weftküfte begonnen
, ift freilich gewifs; dafs es aber in der 2. Hälfte
des 3. Jahrhunderts und im Anfang des 4. überhaupt
noch kein Chriftenthum jenfeits der Apenninen gegeben,
das wird Niemand den fehlenden Steinen glauben, der [
fich z. B. auch nur der Synode von Rimini erinnert. Die
Beobachtung, dafs das Chriftenthum langfamer an der
Oft- als an der Weftküfte fich heraufgearbeitet und fpäter
erft im Innern, fleht im fetten Zufammenhang mit der

Culturentwicklung Italiens, wie fie vor mehr als 2100 Jahren
begonnen hat und fich noch heute darftellt. Zweitens
verweift der Verf. auf die überrafchenden Auffchlüffe in
Bezug auf die gallifche Miffionsgefchichte, die Le Blant
gegeben habe. ,Unferes Wiffens hat die Kirchenge-
fchichte diefe Refultate bisher ignorirt'. Sie find mir bekannt
; fie find für das 2. u. 3. Jahrhundert wefentlich
durch Rückfchlüffe von Belang. Für die folgende Zeit
hat z. B. Hatch {Organization 2. edit. p. 202) ohne Le
Blant's Hülfe für Gallien wefentlich dasfelbe erkannt.
Der Schlüffel liegt auch hier in der römifchen Provincial-
verfaffung, in der Vertheilung der Städte im Lande und
in dem Gange der Militärftrafsen. Endlich drittens behauptet
der Verf. — freilich ohne Belege: ,Hätten (bei
den neueren Verhandlungen über den Urfprung des
Chriftenthums in Britannien) die von Hübner edirten
altchriftlichen Infchriften des Landes Berückfichtigung
erfahren, fo wäre wohl in diefer Frage ein falfches Ur-
theil vermieden und ein ficheres Ergebnifs erlangt worden
'. Ich geftehe, dafs ich meinen Augen nicht getraut
habe, als ich diefes las. Sollte dem Verf. wirklich das
Mifsgefchick paffirt fein, dort von Auffchlüffen über den
Urfprung des Chriftenthums zu träumen, wo vielmehr
die Monumente nur Auffchlüffe über die Verdrängung
desfelben geben ? Man fchlage die beiden Hübner'fchen
Karten auf, auf welchen fich der Kundige mit einem Blick
orientiren wird. Faft alle Infchriften flammen aus Wales
und Northumbrien und gehören dabei, foviel ich fehe,
fämmtlich der angelfächfifchen Periode an. Wir fehen
das Chriftenthum, wie es von den Angelfachfen verdrängt,
fich in die gebirgigen Theile des Landes zurückzieht,
und wir finden dort auch fpäter noch die meiften Infchriften
aus älterer Zeit erhalten, wo die Cultur am ge-
ringften gewefen ift. Hat das Chriftenthum in Wales und
Northumbrien begonnen ? Die Infchriften fagen darüber
nichts; an fich ift es fo unwahrscheinlich wie möglich.
Woher das britifche Chriftenthum flammt, diefe Frage
kann nur nach dem Cultus und den Symbolen beantwortet
werden. Was hat der Verf. ermittelt?

Ich glaube alle Punkte berührt zu haben, welche der
Verf. genannt hat. Der Lefer möge entfeheiden, wer
von uns beiden im Recht ift. Es ift nicht meine Schuld,
wenn die Darfteilung die Form eines Verhöres erhalten
hat. Es liegt mir ferne, die Katakombenforfchung deshalb
für unwichtig zu erklären, weil fie für das 2. u. 3.
Jahrhundert bisher des .Neuen' fo wenig gebracht hat.
Wir freuen uns auch des ,Alten' in neuer und originaler
Geftalt, und darum fei das Urtheil wiederholt: ,Vir können
nur dankbar fein, wenn proteftantifche Kirchenhiftoriker
ihren Fleifs und ihr ganzes Intcreffe diefem Gebiete zuwenden
'. Nur follen fie nicht eher in Bezug auf den ,theo-
logifchen Ertrag' Schlüffe ziehen, als bis fie fich in der
altchriftlichen Literatur die nöthigflen Kenntnifse erworben
haben. Die Frage aber, ob ,die Katakombenforfchung
ein Recht hat, fich als eine eigene Disciplin innerhalb
des theologifchen Wiffenfchaftsganzen zu geberden'
(S. 29), hat wirklich ein fehr geringes Intcreffe.

Giefsen. Adolf Harnack.

Acten der Erfurter Universität. Bearb. von Prof. Biblioth.
Dr. J. C. Herrn. Weifsenborn. 1. Thl. [Gefchichts-
quellen der Prov. Sachfen, 8. Bd.] Halle 1881, Hendel.
(XXVIII, 442 S. 4. m. 4 chromolith. Wappentaf.)
cart. M. 27. —

Die vorliegende Publication darf das allgemcinfte
Intereffe auch in theologifchen Kreifen beanfpruchen.
Gilt von der Gefchichte der mittelalterlichen Univerfitäten
fchon überhaupt, dafs fie bis zu einem gewiffen Grade
Gefchichte des theologifchen Studiums und der theologifchen
Wiffenfchaft ift und darum eine gröfsere Auf-
merkfamkeit verdient, als man ihr zur Zeit zu Theil
werden läfst, fo wird die Gefchichte der Univerfität Erfurt,