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Ausgabe:

1882

Spalte:

596

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kühn, Wold.

Titel/Untertitel:

Unsere Ruhe in Gott. Predigten 1882

Rezensent:

Fay, Friedrich Rudolf

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Seite 1

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595

Theologjfche Literaturzeitung. 1882. Nr. 25.

596

S. gehört der Papft zum Katholicismus. Aber S. bleibt |
doch in feiner religiöfen Selbftbeurtheilung unabhängig
dem Papfte gegenüber. Man möchte fagen, S. ahnte
noch nichts von der Unfehlbarkeit des Papftes. D.
weifs auch dogmatifch noch nichts davon. Aber er
glaubt daran. Der Papft ift thatfächlich für ihn die
Vorfehung. Das zeigt fich vor Allem an der Weife,
wie er für fein Leben perfönlich, aber auch in allen
amtlichen Beziehungen den Willen des Papftes ganz felblt-
verftändlich als die ultima ratio, wie einen Entfeheid j
Gottes — ich möchte fagen wie ein Orakel — behandelt. I
Erleichtert ift ihm feine Hingebung an den Papft durch
feine Ueberzeugung, dafs die ,mittelalterlichen Anfprüche'
des Papftthums abgethan feien. Er felbft ift freilich der
Vertreter von politifchen Anfprüchen feiner Kirche, die
ganz ohne Frage das Prädicat der .mittelalterlichen'
verdienen. Es lind fehr wichtige Capitel, die von feinen
Bemühungen zu Gunften feiner Kirche gegenüber den
überkommenen ftaatlichen Ordnungen handeln. E r ift
es, der in Wien den Anftofs zu der definitiven Befeitigung i
des Jofephinismus und zur Thun'fchen Concordatspolitik !
giebt. Aber — das ift das Eigentümliche an ihm —
ihm erfcheint Alles ftets direct in feiner religiöfen Beziehung
. Er will wirklich nur dem Chriftenthum dienen
und kennt keine weltlichen Herrfchaftsgelüfte. Die
.ewige Befferung des Menfchengefchechts', das ift fein
Ziel und wenn er um diefes Zieles willen für politifche
Anfprüche der Kirche eintritt, die fchwerlich das Ge-
ringfte damit gemein haben, wenn er unter diefem Ge-
fichtspunkte das ganze päpftliche ,Recht' unmittelbar wie
göttliches Recht behandelt, welches dem Staat facro-
fanet fein müffe, fo bleibt er perfönlich doch fähig, auch
den gegebenen Staat und felbft das evangelifche Königthum
— wie die oben erwähnte Probe zeigt — als ,gött- j
liehe Ordnung' zu ehren. Er kennt die Stimmung nicht,
die den richtigen Ultramontanen kennzeichnet, dafs die
Kirche felbftverftändlich jede Situation auszunützen habe,
um den Staat unterwürfig zu machen. In feiner indivi- I
duellen Haltung kann D. für den Typus echt katholi-
fcher Frömmigkeit gelten. Er ift in feiner Rehgiofität
durchaus myftifch gerichtet. Wie es dann nicht auszubleiben
pflegt, erachteten Proteftanten ihn zum Theil
für proteftantifch. Als ihm eine desbezügliche Aeufse-
rung G. H. Schubert's in München mitgetheilt wurde,
zeigte er das richtigere Verftändnifs. In feinem littlichen 1
Ideale fehlt es nicht an einem kräftigen asketifchen Ein-
fchlag. Sein Unterleibsleiden wird ein wenig zur Er- j
klärung feiner Stimmung mit heranzuziehen fein. Es ift
ihm bitterer Ernft mit der Ablehnung aller Ehren, die
ihm angetragen werden; es hat ihm jede bis zum Car-
dinalate hin octroyirt werden müffen. Charakteriftifch ift
befonders auch fein immer wiederkehrendes, ihn auch im
höchlten Glänze und unter den reichften Arbeitserfolgen
nicht verlaffendes Verlangen nach dem Tode. Er kommt
fich recht eigentlich vor als der .Wanderer': wie es in
der Scholaftik das Prädicat des auf Erden lebenden j
Menfchen ift homo in via. Das ift in gewiffem Sinne ja
gemeinchriftlich; die befondere Nuance nur ift katholifch: j
die Nüance, wonach das gegenwärtige Leben nur Warte- j
zeit ift, nur die Fremde. Wir Proteftanten wiffen, dafs
wo Vergebung der Sünde ift, da Leben und Seligkeit j
ift. Aber D. ift nicht Cjuietift. Es verträgt fich für den I
Katholicismus jene ftetige Todesfehnfucht und eine
unermüdete Arbeitstreue. Es ift das fogar erft der
correcte Katholicismus. Doch ich beabfichtige hier
nicht weiter zu analyfiren und interpretiren. Ich habe j
nur andeuten wollen, wie das Werk von R. trotz feiner
499 Seiten engen Druckes immer wieder das Intereffe I
felfeln kann.

Giefsen. F. Kattenbufch.

Kühn, Paft. Wold., Unsere Ruhe in Gott. Predigten. Leipzig
1881, Böhme. (VIII, 198 S. 8.) M. 2. 50.

Die homiletifche Literatur unferer evangelifchen
Kirche ift eine fehr reichhaltige und wird noch immer
reichhaltiger, da Jahr für Jahr neue Predigtfammlungen
erfcheinen. Der Verf. hat daher ganz Recht, wenn er
nicht ohne ein gewiffes Bedenken in die Oeffentlichkeit
tritt. Dennoch hat er es gewagt, da auch diefe Sammlung
.miterbauen, einen Bauftein mit beitragen helfen
möchte zur Kirche Chrifti, damit wir immer mehr erbauet
werden zu einer Behaufung Gottes im Geifte.' Diefer
guten Abficht entfprechen manche der hier mitgetheilten
Predigten durch erbauliche Wärme der Empfindung,
biblifchen Gehalt und anfprechende Form; fo z. B. die
Pfingftpredigt über Job.. 3, 16—21, die Antrittspredigt
über Matth. 22, 1 —14, eine Reformationsfeftpredigt über
Rom. 3, 23—25 und ,die Stimme vom Himmel an den
Gräbern unferer Todten', eine Todtenfeftpredigt über
Offenb. 14, 13.

Andere haben uns weniger befriedigt; zum Theil
fchon aus einem formalen Grunde. Der Verf. giebt nämlich
wiederholt die Theile in Reimen an. Im Anfchlufs
an Elph. 5, 1. 2 lautet das Thema fchlicht und einfach:
,So feid nun Gottes Nachfolger!' Dann folgen die
Theile: ,1. Die Gnade Gottes hat uns möglich, dies
gemacht; Ein Liebesopfer hat der Herr für uns
gebracht. II. Wir werden zu dem hohen Ziele
dringen, Wenn wir's zum Wandel in der Liebe
bringen' (S. 16). Auf S. 55 lefen wir als Thema einer
Ofterpredigt über 1 Cor. 15, 19. 20: ,Die Hoffnung
unferer Auferftehung und des ewigen Lebens —
im Lichte der Auferftehung Chrifti', als Theile die
beiden Verschen: ,1. Befchränkt fich der Chriften
Hoffnung nur auf diefes Leben, So find wirdem
Elend auch am meiden preisgegeben. II. Da
Chriftus aber von des (?) Todesbanden ift befreit,
So hoffen wir auch eines ew'gen Lebens Herrlichkeit
.' Das Evangelium des zweiten Sonntags nach
Trinitatis (Luc. 14, 16—24) trägt die fchöne Ueberfchrift:
,Die Einladung Gottes zum grofsen Abendmahl:
Kommt; denn es ift Alles bereit!'; ob aber die Ver-
fification der Theile fchön ift, möchten wir bezweifeln,
da diefe folgendermafsen angegeben werden: I. Gott
ladet zu feinem Mahl die ganze Welt, Das feine
Gnade bereit in Chrifto hält. II. Weil Viele aber
fich entfchuldigen fo fein, Ladet Gott Arme,
Krüppel, Lahme, Blinde ein. III. Doch fchliefst
er aus von feinem Mahl der Ehren, die feiner Einladung
den Zugang wehren. (S. 123).

Ref. gefleht offen, dafs er fich für diefe Verwendung
der Dichtkunft nie hat begeiftern können. Sie hat ihn
ftets allzufehr an die versus menwrialcs der lateinifchen
Grammatik und den bekannten Präpofitionen-Vers der
deutfehen erinnert. Während aber die befagten Denk-
verfe bei höchft fragwürdigem poetifchen Gehalte doch
wenigftens einen praktifchen Nutzen haben, erreicht man
mit gereimten Predigtdispofitionen alles andere, nur die-
fen nicht: man quält vielmehr fich felbft, die Gemeinde
und den Text! Etwas hievon wefentlich verfchiedenes
und fehr anmuthiges ift es, der Eintheilung einen ge-
wiffen poetifchen Ausdruck zu geben, wie dies unter
den jetzt lebenden, hervorragenden Kanzelrcdnern Gerok
in hohem Grade verficht und jüngfthin noch bei feiner
herrlichen Feftrede auf dem Schlachtfelde zu Lützen
über 1 Sam. 7, 12 bekundet hat. Alfo keine Reimerei,
die oft ungereimt wird, aber wirkliche Poefie, die der
geiftlichen Rede wohl anfleht, wie das apoftolifche Vorbild
1 Kor. 13 fo glänzend beweift!

Crefeld. F. R. Fay.