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Ausgabe:

1882 Nr. 25

Spalte:

584-587

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kölling, Heinrich

Titel/Untertitel:

Der erste Brief Pauli an Timotheus, auf‘s Neue untersucht und ausgelegt. 1. Thl. Die allgemeinen Fragen 1882

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 25.

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einer Nüance der ,pritnären' Wurzel "is creuser, percer, I
nämlich an der Sippe, die fich um "llJÄ luire und "IIS feu
gruppirt. Der Zufammenhang mit der Wurzelbedeutung j
wird in ergötzlicher Weife dadurch motivirt, dafs ja |
die Alten ihr Feuer anzündeten en percant rapidement
avec un silex un morceau de bois sec. Indem nun für S
auch fiflih für "1 aber b eintreten und die fo modificirte
Wurzel ferner noch durch alle möglichen Vorfatzconfo-
nanten erweitert werden kann, fo erhalten wir fchon
von diefer einen Nüance der Urwurzel eine überaus
ftattliche Reihe von Weiterbildungen. Wir übergehen
hier die anderweitigen Exemplificationen der Inverfion
u. f. w. und führen nur noch an, dafs der Verf. S. 40 ff.
die vollfländige ,Genealogie' der Wurzel -ih breyer (wozu
alfo auch "Q, "ß, b», bS, bfi, DI, DI, Sp nebft den obligaten
Vor- und Zufätzen gehört) in 15 Bedeutungsnüancen
vorführt; S. 66ff. die Wurzel 1 reunir, Herrn 10 Bedeutungsnüancen
, zu denen fich noch 10 fecundäre Wurzelgruppen
gefeilen, fo dafs fchliefslich das halbe Lexikon
glücklich untergebracht ift; allerdings ift diefe Wurzel 1
nach S. 66 ,eine der fruchtbarften und reichften der
Sprache Sem's'.

Fragt man nun nach dem Ergebnifs, welches der
Verf. mit all' feinem Eifer für die Wurzelforfchung erzielt
hat, fo ift diefes leider nicht hoch anzufchlagen.
Dafs in einer ziemlichen Anzahl von triliteralen Stämmen
, welche je zwei Confonanten gemeinfam haben, ein
und derfelbe Grundbegriff wiederkehrt, ift eine allgemein
anerkannte Thatfache; nicht minder der Umftand,
dafs als Zufatzbuchftaben vor allen die fogen. fchwachen
Confonanten verwendet worden find. Aber von der
Anerkennung diefer Thatfachen ift noch ein weiter Weg
zu dem Erweife, dafs es im Semitismus jemals eine
Sprachperiode von reiner Biliteralität der Wortftämme
gegeben habe. Jedenfalls bedürfte es zu diefem Erweife
einer ganz anderen Vertiefung in die Lautphyfiologie,
als fie der Verf. für nöthig gehalten hat. Seine Theorien
über den Modus der Wurzelabzweigung würden nur
dann als plaufibel bezeichnet werden können, wenn er
feite, unter gewiffen Vorausfetzungen regelmäfsig wiederkehrende
Gefetze der Stammbildung aufzuzeigen vermocht
hätte. Statt deffen commandirt er die Thatfachen
auf Grund vorgefafster Theorien, d. h. er erfinnt Wortbedeutungen
, um den einmal angenommenen Wurzelbegriff
unter allen Umftänden feftzuhalten. So foll cpD
devorer {broyer avec les dents) heifsen, jDX etre He und
in Folge deffen etre ferme, fidele, fittri reunion, multititde,
"153, Her, qcB eig. enveloppe, precieux — und fo viele andere
Fälle,' in denen die einfachfte Beobachtung des
Sprachgebrauchs etwas ganz anderes lehrt, ganz zu ge-
fchweigen von fo ergötzlichen Dingen, wie die Zurück -
führung von Bb3 auf nb wegen der Anhänglichkeit des
Hundes an feinen Herrn. Was der Verf. aus dem Bereiche
des aufserhebräifchen Semitismus beibringt, ift
reines Anhängfei und dürfte einer gemeinfamen Quelle,
wie etwa Schindlers Lexicon pentaglotton entftammen.
Steht doch der Verf. felbft mit der hebr. Grammatik
auf einem ziemlich gefpannten Fufse, fo dafs Dinge, wie
n*T, "pbD, Das ^DnSp und viele andere eben wegen ihrer
Häufigkeit fchwerlich noch als ,Druckfehler' gelten dürfen
. Aber gefetzt auch, dafs er fich von allen diefen
Mängeln gänzlich freigehalten und auch in feinen Etymologien
nur Zweifellofes oder doch Wahrfcheinliches
vorgetragen hätte, fo würde Ref. fchliefslich doch zweifeln
, dafs auf diefem Wege der vom Verf. behaupteten
Stagnation der hebr. Sprachwiffenfchaft abzuhelfen fei.
In wie vielen Stämmen und Wortbildungen jeweilen
einer der 20 Urbegriffe wiederkehre, kann uns für die
wahrhafte Erforfchung des alten Teftaments herzlich
gleichgültig fein. Was wir brauchen, ift eine Darlegung
des thatfächlichen Entwickelungsganges, den die Wortbedeutungen
im lebendigen Sprachgebrauch, fo weit er
uns noch vorliegt, durchlaufen haben. An der Löfung

diefer letzteren Aufgabe wird fich allerdings unfer Verf.
fo lange nicht mitbetheiligen können, als er z. B.
rpriffiS (sie) für eine Nebenform von rTSTÖS Istar, Astarte
— mit Intercalation eines n — erklärt.'

Tübingen. E. Kautzfeh.

Kölling, Superint. Paft. Lic. Heinr., Der erste Brief Pauli

an Timotheus, auf's Neue unterfucht und ausgelegt.
I. Thl. Die allgemeinen Fragen. Berlin 1882, Hugo
Rother. (XX, 338 S. gr. 8.) M. 6.—

Während Lernme das Rettungswerk an den Pafto-
ralbriefen bei dem Punte angreift, der fraglos am meiften

Ausfichten auf Erfolg bietet, überdies auch gar nicht von
der Abficht geleitet ift, die Briefe wie fie vorliegen dem
Apoftel zu vindiciren, fetzt der Verf. obiger Schrift (zu
Rofchkowitz in Oberfchlefien), ,welcher bei apologetifeh
gerichtetem perfönlichen Intereffe den Forderungen
wiffenfehaftlicher Objectivität gerecht zu werden fich
bemüht' (S. V), gleich am bedrohteften Punkte der ganzen
Linie ein und beweift, dafs Paulus, als er fich im
Frühling 57 zu einer Vifitation der macedonifchen Gemeinden
entfchlofs, den Timotheus in das Vifitations-
gebiet vorausgefandt, um fich zu orientiren und in Vertretung
des Apoftels vorläufige Anordnungen zu treffen.
Unfer Brief aber ift eigentlich kein Brief, fondern eine
Inftruction, die der Apoftel feinem Legaten gleich bei
feiner Abreife mit gab(S. 226 f.). Daher 3, 14 yoärpoj und

i keine Grüfse am Schlufs. Datier aber auch der von der
Kritik mit Recht hervorgehobene Mangel an Dispofition
und logifcher Gliederung (S. 231 f.); das leitende Moment
liege nämlich diesmal aufserhalb des Briefes (S. 233), fo-
fern die Anordnung eine rein geographifche fei (S. 234);
d. h. Capitel 1 beziehe fich auf macedonifche (S. 237 f-)>
Capitel 4—6 auf korinthifche Verhältnifse (S. 241 f.),
Capitel 2 und 3 aber ftellen ein ,Vifitationsbüchlein' dar
(S. 240 f.). Dazu ftimmen nun freilich fchlecht genug
fchon der briefliche Eingang (1, I. 2) und die Situationsangabe
1, 3. Doch dafür hat ja fchon Otto geforgt,
an deffen Zurechtlegung fich der Verf., abgefehen von
wenigen unbedeutenden Abweichungen (S. 222 f. 237 f.
285 f. 300 f.), im Ganzen wie im Einzelnen anfchliefst.
Bisher hat man überfetzt und Weizfäcker überfetzt
noch als Anakoluth oder vielmehr Ellipfe: ,Wie ich dich
aufgefordert habe in Ii.ph.efus zu bleiben, als ich nach
Macedonien ging, damit du gewiffen Leuten aufgebeft,

! nicht abweichend zu lehren. . . .'. Die Doctoren Otto
und Kölling bringen das Gegentheil heraus: .Gleichwie
ich dich zum Standhalten ermahnt habe in Ephefus, fo
follft du auf der Reife nach Macedonien etlichen gebieten
etc.' (S. 221). Davon dürfte aber doch heute noch
genau dasfelbe gelten, was vor 20 Jahren Weifs bemerkt

! hat über ,diefes Meifterftück von Exegefe, das dem Apoftel
die Worte im Munde umkehrt' (Studien und Kritiken,
1861, S. 579). Ich glaubte in meiner Schrift ,Dic Paftoral-
briefe' (S. 284—89) die Sache vollends erledigt zu haben,
werde nunmehr aber belehrt, meine Bemerkung, xctxrtos
ftehe ebenfo als Anantapodoton wie blo7ieo Matth. 25,
14. Rom. 5, 12 verftofse gegen die von mir fonft anerkannte
Verfchiedenheit beider Partikeln. Ich habe aber
S. 284 fogar noch ei y«o 2 Petr. 2, 4 als weiteres Bei-
fpiel angeführt, woraus doch nicht folgt, dafs ich folches
et yao für gleichbedeutend mit xaireog halte. Allen Be-
anftandungen des topifchen Sinnes von nQOOiieveiv habe
ich S. 287 die vollkommen ausreichende Stelle Apg.
18, 18 entgegengehalten. Damit ift das vom Verf. S.
213 an mich geftellte ,Erfuchen' im Voraus erledigt, und
das Wagnifs, dem Worte an der angezogenen Stelle einen
moralifchen Sinn unterzulegen, als habe es Paulus fchwer
empfunden, an einem Orte auszuharren, wo feinen jüdi-

1 fchen Anklägern das Handwerk fogar vom heidnifchen

I Pöbel gelegt wurde (S. 215), bedarf keiner ernfthaften
Gegenbemerkung. Die ganze Manipulation aber, an