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Ausgabe:

1882 Nr. 23

Spalte:

537-542

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Janssen, Johannes

Titel/Untertitel:

An meine Kritiker. Nebst Ergänzungen und Erläuterungen zu den drei ersten Bänden meiner Geschichte des deutschen Volkes. (Schluß.) 1882

Rezensent:

Kolde, Theodor

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537

Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 23.

538

Es ift das eine neben das andere geftellt, eine Vermittlung
zwifchen den fo grellen Gegenfätzen kaum verflicht
. Dagegen enthält nun diefer Theil Abfchnittc,
welche vor allem dadurch wahrhaft wohlthuend wirken,
dafs wir jetzt erft das Gefühl haben, uns auf hiftorifchem
Boden zu finden, aber auch dadurch, dafs wir auf die-
fem mit ficherer kundiger Hand geführt werden, wie in
der Analyfe der Bergpredigt, und ebenfo des Verhaltens
Jefu zum Gefetze. Wenn übrigens am letzteren
Orte felbft die Behandlung des Sabbaths nur darauf zurückgeführt
wird , denfelben im Sinne der göttlichen
Stiftung zu reformiren, fo ift doch wohl einleuchtend,
dafs hier die Anficht von einem vollen ungetrübten Einklang
der Stellung Jefu zum Gefetze etwas zu weit
führt. Ob die Erklärung der Worte Jefu vom Faften
und vom neuen Lappen auf dem alten Kleid, wonach
bei dem Bräutigam nicht an Jefus zu denken fei und in
jenem Bilde den Johannesjüngern die Fähigkeit für die
Ordnungen Jefu abgefprochen fei, Beifall finden wird,
mag billig dahingeftellt bleiben. Verwundern wird fich
aber diefer und jener, dafs neben die älteften Gefchieilten
über das Verhältnifs Jefu zu den Zöllnern und deffen
Anfechtung in diefe frühe Zeit auch die Parabel vom
verlorenen Sohn und die Gefchichte von der falbenden
Sünderin geftellt wird. Erftere freilich mit Befestigung
der tieferen Deutung, möglichft verallgemeinert; dafs hier
die literarifche Kritik gänzlich bei Seite gelaffen wird,
darf nicht erft bemerkt werden. Was die Gefchichte
von der Sünderin betrifft, fo ift nicht beftritten, dafs
Lukas um ihretwillen die Salbung in Bethanien wegliefs;
aber fie wird demungeachtet des Inhaltes wegen für eine
andere erklärt, und wir haben daher hier ein Beifpicl
harmoniftifcher Verdoppelung. Ueber die weitere Thä-
tigkeit Jefu, welche diefer Theil behandelt, die Heilungen
, die BefefTenen insbefondere, ift fchon oben einiges
berichtet. Anderes mufs unerörtert bleiben.

Es war meine Abficht von Anfang, in diefer Be-
fprechung mich möglichft nur berichtend zu verhalten.
Der Bericht ift aber unwillkürlich vielfach zum Wider-
fpruch geworden, ich hoffe nicht zum Nachtheile der
Treue und Deutlichkeit. Dafs ich dabei hin und wieder
zugleich meinen eigenen früheren Aufffellungen wider-
fprochen habe, darf ich mit dem Fortfehritte der Forfch-
ung rechtfertigen. Was aber die Sache felbft, nämlich
die Aufgabe des befprochenen Buches betrifft, fo will
ich damit nicht zurückhalten, dafs, foviel ich fehe, im-
fere allerdings fehr wefentlich fortgefchrittene Quellenkritik
nicht dahin führt, dafs wir mit dem Leben Jefu
in die Breite gehen können, fondern dafs wir uns recht
gründlich befcheiden lernen müffen. Nur dann werden
wir haltbare Früchte fehen.

Tübingen. C. Weizfäcker.

Janssen. Jobs., An meine Kritiker. Nebfl: Ergänzungen
und Erläuterungen zu den drei erften Bänden meiner
Gefchichte des deutfehen Volkes. 1—8. Taufend. Frei-
burg i Br. 1882, Herder. (XI, 227 S. gr. 8 ) M. 2. 20.

(Schlufs.)

Am 15. Juli 1545 fchreibt Luther an Jonas, er habe
vor Steinfchmerzen die ganze Nacht nicht fchlafen können
a doloribus camißeis mei et Satanae mei (De Wette
V, 742). Janffen berichtet III, 533 folgendermafsen darüber
: .Luther wollte in der That noch mehr fchreiben
gegen den Papft, aber feine Steinfchmerzen, die er hindeutend
auf ihre Urfachen feinen „Scharfrichter"
nannte, hinderten ihn an weiteren Exceffen des Grimmes
, der ihn zu verzehren drohte'. Wie Schade, dafs
Janffen uns hier keine nähere Erklärung giebt! —Auf der-
felben Seite geifselt J. Cranach's Schmachblätter gegen

berg 1545): .Noch gemeiner und roher (als das Titelblatt
zu: Wider das Papftthum zu Rom) find mehrere
der von dem Carricaturenmaler Lucas Cranach nach
Luther's Anleitung gegen den Papft verfertigten und
verbreiteten Holzfchnitte'. Dafs Luther darüber fchreibt :
,Meiner Lucas ift ein grober Maler. Poterat sexui jemi-
nino parcere propter creaturam Dci et maires uostras.
Alias fonuas Papa dignas pingere poterat nempe mag/s
diabolkas (De Wette V, 742) und weiter unten Agam dir
ligenter, si sitperstes fuero, itt Lucas pictor foedam haue
picturam mutet honestiore iFbendaf. 742), hat der Verf.
tiberfehen, obwohl es in feiner Quelle (Schuchardt, Cranach
II, 253) ausdrücklich bemerkt wird und auf der-
felben Seite in Luther's Briefen fich findet, wo er den
eben erwähnten .Scharfrichter' gefunden hat. — Während
man bisher von Kurfürft Johann Friedrich, um mit
Ranke zu reden, der Anficht war, dafs er fich ,durch
die fittlich ftrenge Haltung, die er beobachtete, vor allen
Zeitgenoffen auszeichnete', begegnen wir in dem von M.
Lenz mitgetheilten Briefwechfel Buccr's mit Landgraf
Philipp einer Bemerkung, worin der letztere den Kur-
fürften der Sodomiterei bezichtigt. Es war zu erwarten,
dafs Janffen fich diefe fchmutzige Gefchichte nicht entgehen
laffen werde, aber es ift charakteriftifch für feine
Methode, wie er fie benutzt. Nehmen wir an, dafs die
Anklage, obwohl fie im Affect gethan und als Repreffalie
dienen follte, richtig ift, was fehr möglich ift, was folgt
nun daraus für Luther's Charakter? Das hören wir von
Janffen in feiner Entgegnung gegen Ebrard: .Luther
fchätzte den Kurfürften Johann Friedrich von Sachfen
für eine der ftärklten Stützen feines neuen Kirchenthums
, deffen Erhaltung fogar auf diefem beruhe; findet
nun Herr Ebrard etwa eine Spur, dafs Luther oder andere
,Männer der Reformation' dem Kurfürften feine
Sodomiterei, von der uns Landgraf Philipp berichtet,
vorgehalten und ihn deshalb ihrer Freundfchaft unwerth
erklärt haben?' (An ni. Kritiker S. 145). Woher weifs
denn J., dafs Luther von der Sache, die bisher kein
Menfch kannte, erfahren hat? Freilich er weifs noch
mehr. Auf jene Drohung des Landgrafen hin, von der
Sache zu reden, ift nach Janffen die Schrift des Julius
Menius gegen die Vielweiberei unterdrückt worden, fo
erzählt er uns in unmittelbarem Anfchlufs an jene Be-
fchuldigung III, 436. Dafs indeffen rein aus Opportuni-
tätsrückfichten, auf Grund eines Gutachten Bruck's und
Luther's jene Schrift gute anderthalb Jahre fpäter, Anfang
1542, von der Cenfur nicht zum Druck zugelaffen wurde,
kann der ,einfichtige Lefef umfoweniger merken, als der
Verf. fortfährt: ,Landgraf Philipp dagegen liefs die Vielweiberei
öffentlich vertheidigen', und uns dann von der
vom- Sonntag Laetare 1541 datirten Schrift des Lening
erzählt. Aber wir wollen Janffen nicht Unrecht thun,
das find gewifs nur kleine Verfehen, wie fie dem Hifto-
riker pafuren können; lefen wir doch S. 4 feiner Antikritik
, dafs er, feines Wiffens nicht ein einziges Mal aus
fubjectiver Vorftellung handelnden Perfonen Beweggründe
untergefchoben, die ihnen fremd waren, nirgendwo mit
Abficht Dinge verfchwiegen, die zur richtigen Darfteilung
und Würdigung mitgetheilt werden mufsten'. Wer
fich davon überzeugen will, der lefe u. a., wie er Luther
zur Hölle fahren läfst. Flugs werden (III, S. 538) zwei
Citate aus Ratzeberger in eins gefchoben, um Luther
mit einem Fluche gegen das Papftthum Herben zu laffen
— feine Glaubenszuverficht, das fette Vertrauen auf die
Gnade Gottes, in deffen Hände er feine Seele befiehlt, gehören
nach Janffen nicht ,zur richtigen Darftellung und
Würdigung'feinesTodes. Man erinnertlich dabei an Luther's
Spruch: ,Alfo thun alle untere Widerfacher, was an uns
böfe ift, das mutzen fie auf, des andern Guten fchweigen
fie' (Tifchreden IV, 154). Diefe Beifpiele mögen ge-
gnügen, um Janffen's Methode bei der Mifshandlung

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das Papftthum und Luther's Unterfchriften dazu (Ab- , Luther's zu illuftriren, ein Verfahren, welches nach dv.
bildung des Bapfttum durch Mart. Luther. D., Witten- | Urtheil eines katholifchen Kritikers, der feit Jahrhunderter

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