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Ausgabe:

1882 Nr. 19

Spalte:

452

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Claus, W.

Titel/Untertitel:

Leben und Wirken des Georg Müller in Bristol, nach den besten Quellen dargestellt. 3. gänzlich umgearb. Ausg 1882

Rezensent:

Lindenberg, H.

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Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 19.

452

liehen Miffionen hervorgehoben, können wir auch hier
wiederholen: 1) dafs neben den evangelifchen auch die
katholifchen Miffionen überfichtlich dargeftellt find, 2) dafs
es keine trockene Statiftik ift, fondern der Verfaffer bei
einzelnen hervorragenden Perfönlichkeiten und Ereignif-
fen mit Liebe verweilt, während minder Wichtiges übergangen
wird, 3) dafs die Hauptquellen angegeben find, j
aus welchen der Lefer fich weitere Belehrung holen kann.
Aber auch hier muffen wir wieder unfer Bedauern aus-
fprechen, dafs die fchöne Arbeit fehr viele Fehler enthält
, welche hier aufzuzählen der Raum verbietet, und
welche hätten vermieden werden können, wenn die zu-
verläffigen deutfehen Quellen wie Burkhardt-Grunde-
mann's Kleine Miffionsbibliothek oder die Mif-
fionsbilder vom Calwer Verlagsverein beffer
benützt worden wären. Sind auch die einfehlägigen
Hefte zum Theil erft nach dem dänifchen Original er-
fchienen, fo hätten fie doch bei der Ueberfetzung berück-
fichtigt werden können. Auch in diefem zweiten Band
läfst die geographifche Orientirung viel zu wünfehen
übrig; doch find uns hier keine fo grofsen Sprünge aufgefallen
wie im erften. Einzelne Gebiete, wo die evan-
gelifche Miffion grofsen Erfolg errungen hat, wie Sumatra
, Celebes, Madagaskar, hätten etwas eingehender be-
fprochen werden dürfen. Ueberhaupt wird man fagen
können, die Arbeiter der letzten Jahrzehnte feien im
Verhältnifs zu früheren etwas zu kurz gekommen.

Bauernfeind's Miffionsftunden wollen nach der
Vorrede nur ein ,Witwenfcherflein' fein, da fie keine Originale
, fondern überwiegend nur Bearbeitungen aufgeteilter
Stoffe feien. Allein wer Miffionsftunden hält,
weifs, dafs die Schwierigkeit gewöhnlich nicht im Stoff
liegt, fondern in der Gruppirung. Namentlich für Landgenieinden
dürfen nicht zu viele geographifche Kennt-
nifse und Ueberblicke vorausgeletzt werden. Es müffen
einzelne Geftalten hervortreten, anfprechende Lebensbilder
, die erbaulich im biblifchen Sinn des Wortes wirken
, nicht nur rührende Anekdoten, fondern Gefchichten,
die zugleich das Verftändnifs und die Liebe zur Miffion
wecken. Andererfeits follen es keine Novellen mit ge-
fchichtlicher Grundlage fein, fondern durchweg wirkliche
Gefchichten. Aber es ift fchwierig, hier das Richtige zu
treffen, denn die Miflionsgefchichte liefert nicht lauter
intereffante Lebensläufe und Bekehrungen, und es liegt
die Verfuchung nahe, dafs man das, was an verfchiede-
nen Orten und Perfonen gefchehen ift, zu einem einzigen
anziehenden Bilde zufammendichtet, oder einzelne Züge
mit etwas Phantafie ausmalt, um die Zuhörer beffer in
die fremdartigen Verhältnifse zu verfetzen. Bauernfeind's
Miffionsftunden find wirklich fehr anziehend zum Vor-
lefen und können Leute von den verfchiedenften Bildungs-
ftufen befriedigen. Ein klein wenig eigene Ausmalung
wird fich allerdings an einigen Stellen finden, aber im
Ganzen ftehen fie auf dem Boden der hiftorifchen Objec-
tivität und fchildern das wirkliche Leben der Heiden
und der neugewonnenen Chriften recht anfehaulich; fie
können daher beftens empfohlen werden. Während fie
im Ganzen fehr populär gehalten find, ift uns der eng-
lifche Ausdruck ,Enquirer' (S. 2) aufgefallen. Warum
nicht das deutfehe ,Taufbewerber', das doch die Sache
deutlicher bezeichnet?

Mögling's Leben von Gundert ift ebenfalls ein
anfpruchslofes, aber gehaltvolles Buch. Wir können es
ein Miffi on sfamilienle ben nennen. Ein fchwäbifcher
Pfarrersfohn, deffen Vater erft nach und nach zu tieferer
chriftlicher Erkenntnffs heranwächft, hat auf der Univerfi- 1
tät unter Schöngeisterei und burfchikofem Leben doch
die edeln Keime nicht ganz verloren, welche feine früh 1
verstorbene fromme Mutter in ihn gepflanzt hat. Er ent-
fcheidet fich als Candidat zum grofsen Erstaunen feines
Vaters ohne befonderen äufseren Antrieb für die Miffion.
Der reich begabte junge Mann wird einer der Bahn- 1
brecher der Basler Miffion in Oftindien; er verfucht ver- [

fchiedene Miffionsmethoden, will namentlich tiefer herabsteigen
zum Volk als andere Miffionare, und wirkt besonders
als Schulmann mit grofsem Erfolg, fo dafs er
1843 die Bekehrung der 3 ersten Brahmanenjünglinge erlebt
. Ihm ift fein Stiefbruder Gottfried Weigle in die
Miffion gefolgt, deffen Leben nun ebenfalls in dem Buch
befchrieben wird, ein noch gründlicher gebildeter Candidat
, von anderem Charakter und ruhigerem Lebensgang,
aber nicht minder bedeutend namentlich als feiner Sprachkenner
. Nach Weigle's frühem Tod heirathet Mögling
deffen Witwe und wirkt noch eine Reihe von Jahren in
Indien, fpäter in der Heimath. Mögling hatte keine besondere
Rednergabe, er drang nicht fo gewaltig vor und
machte nicht folches Auffehen wie z. B. fein Mitarbeiter
Hebich, aber er gewann durch feine hingebende Liebe
fowohl Heiden als christliche Freunde unter den Engländern
in Oftindien und in der Heimat für die Miffion.
Dem gediegenen, anfpruchslofen Charakter Mögling's
entfpricht auch diefe Darstellung feines Lebens von Gundert
. Man möchte manchmal noch mehr von der eigentlichen
Miffionsarbeit in Oftindien erfahren; das Buch ift
fast zu familiär gehalten, namentlich für nichtwürttem-
bergifche Lefer, aber es führt fo recht in das tägliche
Leben der Miffionsfamilien ein, giebt durchaus ungeschminkte
Wahrheit und wird gewifs von vielen gerne
gelefen werden.

Blaubeuren. P. Wurm.

Claus, Pfr. W., Leben und Wirken des Georg Müller in
Bristol, nach den besten Quellen dargestellt. 3. gänzlich
umgearb. Ausg. Mit den Bildern der 5 Waifen-
häufer. Bafel 1881, Spittler. (VIII, 280 S. 8.)
M. 1. 6b; geb. M. 2. 80.

Die Thatfache, dafs ein einzelner Mann ohne jegliche
eigene Mittel, ohne Gehalt, ohne Verbindung mit
einer Gefellfchaft nur durch freiwillig ihm zugewandte
Gaben eine Waifenverforgungsanftalt gegründet hat,
welche gegenwärtig in fünf grofsen eigenen Häufern
2000 verwaisten Kindern Unterhalt und Erziehung gewährt
, rechtfertigt allein fchon eine Darstellung feines
Lebens und Wirkens. Georg Müller in Bristol, von Geburt
ein Deutfcher und einst als armer Student in einer
Freiwohnung der FYancke'fchen Stiftungen in Halle wohnend
, ift der englifche August Hermann Francke geworden
, der allein durch die Macht eines unerschütterlichen
Gottvertrauens aus den kleinsten Anfängen heraus
ein grofsartiges Wohlthätigkeitswerk gefchaffen hat. Die
Entflehung und das allmähliche Wachsthum diefer Stiftung
, die aufserdem noch jährlich Taufende von Pfunden
für Miffion, Sonntagsfchulen, Bibel- und Tractatenver-
breitung beifteuert, befchreibt die vorliegende Biographie
und bietet damit einen werthvollen Beitrag zur
Geschichte der inneren Miffion in unlerer Zeit. Der
Verf. fchöpft fein Material meist aus den eigenen Jahresberichten
Müller's und enthält fich der Kritik, obwohl
manche der angeführten Gebetserhörungen und namentlich
die Art, wie Müller ziffernmäfsig die Zahl der gläubigen
' und ,nichtgläubigen', der ,bekehrten' und ,unbe-
kehrten' Zöglinge feftftellt, eine folche stark herausfordern
. Der Umstand, dafs Müller felbft Baptist geworden,
wenn auch nicht gerade ein fanatischer, erklärt den
eigenthümlich pietiftifch-methodiftifchen Zug, der feinem
Wirken anhaftet. Dem Biographen aber foll kein Vorwurf
daraus gemacht werden, dafs er fich auf ein ob-
jectives Referat aus den Quellen befchränkt und das
Urtheil über die Einzelheiten dem Lefer überläfst.

Nuffe. H. Lindenberg.