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Ausgabe:

1882 Nr. 18

Spalte:

426

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hofmann, Rud.

Titel/Untertitel:

Predigten über das Vaterunser 1882

Rezensent:

Meyer, Ernst Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 18.

426

Reihe der innerkatholifchen Reformer. — Ueber die
Handfchriften, welche der Herausgeber benutzt hat, berichtet
er S. 1 {Codex Univ. Oenipontanae 68. 638 et Cod.
Stamensis, a Georgio Fabri, cooperatore in Hall, intra
annos 1456 et 1478 exaratus). Der Text ift mit Recht
nach der heutigen lateinifchen Orthographie hergeftellt;
nur an den dunklen Stellen hat der Herausgeber die
Schreibweife der Codices in Anmerkungen beigefügt.
Die Freunde der Vorgefchichte der Reformation werden
ihm für feine Mühwaltung Dank wiffen.

Halle a/S. P. Tfchackert.

Wiese, Dr. L., Gesundheit der Seele, worin befteht fie?
Ein Vortrag. Berlin 1882, Wiegandt & Grieben.
(53 S. 8.) M. —. 80.

Der Verfaffer fagt mit Recht, dafs die Noth der gegenwärtigen
Zeit weniger in diefem oder jenem äufseren
Mangel in den Zuftänden und Einrichtungen beftehe, als
vielmehr in der ruhelofen Haft des Lebens, welche keine
Zeit laffe, fich um den Zuftand des inneren Lebens zu
kümmern. Es fei aber ein hohes Gut um die Gefund-
heit nicht nur des Leibes, fondern auch der Seele,
welche letztere das Werthvollfte und Einzige fei, das
der Menfch fein eigen nennen könne.

In der Ausführung befpricht Wiefe zuvörderft die
Natur der menfchlichen Seele. Diefe wird auf Grund
der biblifchen Scheidung von Geift, Seele und Leib dahin
beftimmt, dafs die Seele die doppelte Function habe, 1
einerfeits als vegetative Kraft den Leib zu bilden, zu
halten und zu tragen, andererfeits der fruchtbare Boden
für das Geiftesleben zu fein. In dem ungeftörten Zu-
fammenwirken von Geift, Seele und Leib beftehe die
innere Gefundheit. Der Ausdruck ,Gefundheit der Seele'
fei nach Analogie des Leibes gebildet, und in der That
fänden Zuftände des Leibes im Seelenleben vielfach ihr
Abbild. Allein darin fei doch eine Verfchiedenheit des
leiblichen und feelifchen Lebens gegeben, dafs der Leib
unter den allgemeinen Naturgefetzen flehe, während das
Leben der Seele in eine Region der Freiheit reiche. Und
gerade in der Freiheit, die fie in einem vom Sinnlichen
unabhängigen Leben zu bethätigen fähig und beftimmt
fei, beftehe näher die Gefundheit der Seele. Die Vor-
ausfetzungen diefer Freiheit feien Gan zheit undEinheit
des Seelenlebens. Diefem dürfe weder eine wefentliche
Kraft fehlen, noch dürfe das Zufammenwirken der
Kräfte behindert fein. Dabei bleibe das Recht der Individualität
beliehen; nur feien die natürlichen Anlagen
recht zu erziehen. Es komme an auf Mafshalten, Diät
und das rechte Verhältnifs zwifchen Kopf und Herz. —
Zu den häufigen Krankheitserfcheinungen des Seelenlebens
gehöre befonders Vernachläfligung der Einheit
desfelben : ausfchliefsliche Verftandesbildung, Verzärtelung
des Gefühls, ungezügelte Phantafie, Paffivität, fo-
wohl im Erkennen und Wollen, wie in den Affecten.

Die blofs natürliche Moral indeffen fei unfähig, die
gefchilderte Freiheit des Seelenlebens zu erzielen. Die
Wahrheit von oben müffe uns frei machen, und in jeder
Menfchenfeele lebe ein Sehnen nach Gott. Von Gott
werde das Beglückendfte der Menfchenfeele dargereicht:
Erkenntnifs und Liebe. Erft die Erkenntnifs der göttlichen
Wahrheit bringe der Seele die hienieden mögliche
Ganzheit, wie andererfeits die aus dem Glauben an Gott
geborene Liebe zu ihm, indem durch fie die innere Entzweiung
aufgehoben werde, die wunderbare Kraft befitze,
die Seele in fich einig zu machen. Die fo von Gott bewirkte
Seelengefundheit bewähre fich auch, nicht nur im
thätigen Leben, fondern ganz vorzüglich im Leiden.

Schon aus diefer kurzen Skizze ift erfichtlich, wie
tief der Verfaffer fein Thema aufgefafst hat. Es fpricht
aus ihm der fromme Chrift und der allfeitig gebildete
Pädagoge, dem eine aufserordentlich reiche Erfahrung
zu Gebote fleht. — Mögen feine tiefen und zugleich

wahrhaft erbaulichen Ausführungen einen grofsen Lefer-
kreis finden!

Lennep. Lic. Dr. Thon es.

Hof mann, Prof. Univ.-Pred. D. Rud., Predigten über das
Vaterunser, gehalten in der Univerfitätskirche zu Leipzig
. Leipzig 1881, Hinrichs. (IV, 115 S. 8.) M. 1. 60;
geb. M. 2. 40.

Seitdem Fr. Arndt und Cl. Harms in den drei-
fsiger Jahren diefes Jahrh. mit Vat erunferpredigten
begonnen haben, ift diefer fpecielle Zweig der Homiletik
mit befonderer Liebe gepflegt worden, und eine
ganze Reihe von Predigtcyklen über das unerfchöpfliche
Herrengebet, diefes kürzefte und doch längfte Gebet, ift
feit jener Zeit, zum Theil aus der Hand von homileti-
fchen Autoritäten erften Ranges, erfchienen. In diefe
Predigtkette gliedert fich nun auch die vorliegende
Sammlung ein. Der Verf. hat bei der auf vielfachen
Wunfeh. erfolgten Herausgabe feiner Predigten befonders
fein Augenmerk auf Lehrerkreife gehabt, in der Hoffnung
, dafs fie diefen für den Katechismusunterricht von
befonderem Gewinne fein werden. Diefe Hoffnung des
als Katecheten rühmlich bekannten Verf.'s ift wohl berechtigt
. Als gründlich und tief durchdachte, klar und überficht-
lich geordnete Auslegungen des Vaterunfers mit fruchtbaren
Winken fürs Leben und erbaulichen Anwendungen
auf dasfelbe werden fie gerade dem Lehrer zu vielfacher
Anregung und Förderung dienen; aber auch der Gemeinde
bieten fie reichen Stoff zur Erbauung und Belehrung
. In einzelnen Predigten knüpft der Verf. in ge-
fchickter Weife an die verschiedenen Zeiten des Kirchenjahres
an, fo bei der Auslegung der zweiten Bitte
als einer ,Adventsbitte', und bei der Auslegung der
dritten Bitte als einer .Todtenfonntagsbitte'.

Der Eindruck, den die gehaltenen Predigten Sicherlich
auf die Gemeinde gemacht haben, und den fie auch
im Lefen machen, würde noch vermehrt worden fein durch
gröfsere Einfachheit; an den Stellen, an welchen fich der
Verf. derfelben bedient, redet er befonders wirkfam, mit
eindringendem, gewiffenfehärfendem Ernfte und mit zu
Herzen gehendem Trotte; aber im Grofsen und Ganzen
ift die Sprache der Predigten noch zu fehr die Sprache
der Schule und ift zu viel Kunft an ihnen, wie fich u. A.
in den ftellenweife gefuchten Bildern zeigt, z. B. S.
4 f., wo von den ,Gebetscompofitionen' die Rede ift
welche das gebetskundige Herz aus der heiligen Octave
(müfste ftreng genommen, fei's dafs man die Anrede und
denSchlufs des Vaterunfers wegläfst, oder hinzufügt: Septime
oder None heifsen) der Gebetstöne des Vaterunfers
macht, und S. 56, wo die Himmelspflanze der Ergebung
mit einer bald ,dunkelrothen', bald ,afchgrauen' Rofe
unter dem Kreuz verglichen wird, dunkelroth, ,wenn
das Herz vor Schmerz blutet', afchgrau, ,wenn das Herz
in düftrer Wehmuth trauert'. Abgefehen davon, dafs
,afchgraue' Rofen wohl nur in Phantafiegärten blühen,
ift letzteres Bild überhaupt verfehlt; die Pflanze der Ergebung
, die ,der Ewigkeit' entflammt, das Leid verklären
und über dasfelbe erheben foll, darf eben deswegen
nicht felbft die Farbe des dunkeln Erdenleids tragen,
fondern eine lichte, himmlifche Farbe; Luther befchreibt
darum in der bekannten köftlichen Auslegung feines
Siegels die Rofe unter dem Kreuz, das Sinnbild der aus
tiefftem Schmerz geborenen, feiigen Chriftenfreude in
der Verföhnung als eine weifse Rofe, .anzuzeigen, dafs
der Glaube Freude, Troff und Friede giebt, nicht wie
die Welt Fried und Freude giebt; weifse Farbe ift der
Geifter und aller Engel Farbe'.

Den Preis unter den Predigten möchten wir der letzten
, befonders warmen und gedankenreichen Predigt
über die fiebente Bitte und über die Doxologie geben.
Dresden. Meier