Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1882 Nr. 18

Spalte:

414-415

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Spiess, F.

Titel/Untertitel:

Das Jerusalem des Josephus. Ein Beitrag zur Topographie der heiligen Stadt 1882

Rezensent:

Schürer, Emil

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

413

Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 18.

414

den vorhandenen Separat-Ausgaben, den Venetus wohl
nach dem Apparat von Holmes und Parfons. Jedenfalls
ift Deane im Apparat von Fritzfche unabhängig.
Bei der Feftftellung des textkritifchen Apparates be-
fchränkt er fich in der Mehrzahl der Fälle auf die genannten
fünf Uncialhandfchriften und giebt die Lesarten
der anderen wichtigeren Textzeugen nur in Auswahl.
Dies hat den Vortheil, dafs der Apparat bei ihm knapper
und dadurch überfichtlicher wird als bei Fritzfche.
Sehr willkommen ift die Beigabe der alten lateinifchen
Ueberfetzung, die in fprachlicher Beziehung merkwürdig
und wegen ihrer Wörtlichkeit und ihres hohen Alters
für die Textkritik wichtig ift. Sie ift bekanntlich auch
in die Vulgata übergegangen, flammt aber aus vorhie-
ronymianifcher Zeit und ift von Hieronymus bei feiner
Revifion der Itala nicht emendirt worden {porro in eo
libro, qui a plerisqae Sapientia Salomonis inscribitur et in
Ecclesiastico .... calamo teniperavi, tantummodo ca-
nonicas scriptutas vobis cinendarc desiderans). Leider giebt
Deane nur einen Text-Abdruck ohne Apparat, und fagt
nicht einmal, woher er den Text genommen hat.

Vorangefchickt ift dem Texte eine Einleitung
(S. I—43), welche in gründlicher Weife die in Betracht
kommenden Fragen befpricht und namentlich auch einen
Abrifs der griechifchen und jüdifch-alexandrinifchen Spe-
culation giebt, foweit fie die hiftorifche Grundlage für
den Gedankenkreis der Sap. Sah bilden. In der Be-
ftimmung der Abfaffungszeit geht der Verf. feine
eigenen Wege. Während man fich in der Regel damit
begnügt, es als wahrfcheinlich zu bezeichnen, dafs das
Buch eine vor-philonifche Stufe der alexandrinifchen
Speculation repräfentire, glaubt Deane das Buch fpeciell
der erften Hälfte des zweiten Jahrhunderts vor Chr. zu-
weifen zu können. Er meint nämlich, es müffe in einer
Zeit entftanden fein, in welcher die ägyptifchen Juden
bedrückt und verfolgt waren. Dies fei aber weder unter
den erften noch unter den letzten Ptolemäern der Fall
gewefen, fondern nur unter Ptolemäus IV Philopator
um 217 v. Chr. (nach der Erzählung des dritten Makka-
bäerbuches) und unter Ptolemäus Vit Physkon um 145
(nach Jofephus). In diefer Zeit, alfo etwa zwifchen
217—145 v. Chr., müffe das Buch gefchrieben fein (p. 32).
Ich glaube freilich, dafs fchon die Vorausfetzung, auf
welcher diefe ganze Argumentation ruht, nicht hinreichend
begründet ift. — In der Ueberficht über die
Handfchriften und die fonftigen Text-Zeugen (p. 39—41)
ift mir p. 40 die Bemerkung aufgefallen, dafs Tifchen-
dorf in feiner letzten Ausgabe derLXX ,einen ziemlich
genauen Abdruck des Codex Vaticanus' (a fairly accu-
rate reprint qf tkis texf) gebe. Bekanntlich hält fich Ti-
fchendorf einfach an den Text der fixtinifchen Ausgabe
von 1587, deren Text durchaus nicht mit dem des
Codex Vaticanus identifch ift.

Die zweite Hälfte des Buches (S. in—220) nimmt
der Commentar ein, der in knapper fcholienartiger
Form gegeben wird. Es ift hier kein Wort zu viel, aber
auch keines zu wenig gefagt. Alles was zur fprach-
lichen und fachlichen Erläuterung nöthig ift, wird ausreichend
gegeben; aber auch kein Wort mehr verloren,
als was diefem Zwecke dient. Selbftverftändlich ift der
vortreffliche deutfehe Commentar von Grimm, über
welchen Deane in der Vorrede mit gebührender Anerkennung
fpricht, fleifsig benützt. Aber Deane ift doch
keineswegs fklavifch abhängig von ihm; fondern er
bringt auf Grund eigener Arbeit auch manches felbftän-
dige Material zur Erläuterung bei, fo dafs fein Werk
auch in Deutfchland wenigftens von denjenigen, welche
fich eingehender mit dem Gegenftande zu befchäftigen
haben, nicht ignorirt werden darf. Sehr fleifsig werden
Parallelen aus den LXX und dem Neuen Teftamente,
auch aus Philo, Jofephus und den Kirchenvätern beigebracht
. Für die Sammlung der patriftifchen Citate hatte
Deane eine treffliche Vorarbeit an der kleinen Schrift

von Reufch (Obseii'ationes criticac in librum Sapientiae,
Friburgi Brisg. 1861), welche ebenfalls p. 40 gebührend
anerkannt wird.

Aus dem auf S. 42—43 gegebenen Literaturver-
zeichnifs fei hier noch mitgetheilt, dafs kurz vor Dea-
ne's Ausgabe drei andere, vermuthlich mehr populäre
Erklärungen in englifcher Sprache erfchienen find, nämlich
aufser der Erklärung der Apokryphen von Biffell,
über welche ich in der Litztg. 1881, Nr. 9 berichtet habe,
noch: I. H. Blunt, The Annotated Bible, vol. II, Apo-
cryp/ia, London 1879, und: The ivisdom of Solomon,
edited for the Society for Promoting Christian Knowledge,
by the Rev. W. R. Clin /ton, 1880.

Giefsen. E. Schürer.

Spiess. F., Das Jerusalem des Josephus. Ein Beitrag zur
Topographie der heiligen Stadt. Mit 2 lith. Tafeln.
Berlin 1881, Habel. (IV, 112 S. gr. 8.) M. 2. 80.

In ähnlicher Weife wie in dem früher veröffentlichten
Vortrage über den .Tempel zu Jerufalem' (f. Theol.
Litztg. 1881, Sp. 251) giebt hier der Verf. eine Zu-
fammenftellung und Befprechung des Materiales aus
Jofephus zur Topographie von Jerufalem. Einen grofsen
Theil des Raumes nimmt auch hier wieder die Be-
fchreibung des herodianifchen Tempels ein. Und zwar
ift die neuere Darftellung ausführlicher als die alte. Es
fcheint, dafs das Material für die umfaffendere Darfteilung
fchon gefammelt war, als der Verf. vorläufig in
jenem Vortrage eine kürzere Ueberficht desfelben veröffentlichte
. Ueber die Arbeit im Allgemeinen ift wieder
dasfelbe zu fagen, wie früher. Das Material aus Jofephus
ift fleifsig gefammelt, und im Wefentlichen vollftändig
mitgetheilt. Schwierigkeiten, die fich aus der Darftellung
des Jofephus ergeben, find umfichtig befprochen. Mit
den neueren topographifchen Forfchungen ift der Verf.
in der Hauptfache vertraut. Im Einzelnen liefse fich
freilich dies und jenes beanftanden, z. B. die Anfetzung
des ,Rathhaufes' S. 45 , die vielleicht anders ausgefallen
wäre, wenn dem Verf. die Abhandlung des Referenten
über den .Verfammlungsort des grofsen Synedriums'
(Stud. und Krit. 1878, S. 608—626) bekannt geworden
wäre. Hier und da kommen auch Unrichtigkeiten vor,
z. B. in Betreff des fog. Skopos, wo der Verf. S. in
j die abenteuerliche Vermuthung ausfpricht, es fei vielleicht
,in dem heutigen Dorfe Schä fät eine Spur feines
j von Jofephus nur gräcifirten Namens erhalten'. Alfo
Skopos foll lautlich nach Schafat gebildet fein (!!), und
letzteres wird wieder mit hebr. HBin in Verbindung gebracht
. Vor diefen feltfamen Combinationen wäre der
Verf. bewahrt geblieben, wenn er das Material voll-
ftändiger berückfichtigt hätte. Es ift ihm nämlich die
wichtige Stelle Antt. XI, 8, 5 entgangen, welche nach
dem Text der beften Handfchriften (wie ich einer freund-
1 liehen Mittheilung Niefe's entnehme) folgendermafsen
lautet: elg ihnov xiva Suiplv [nicht — uqa] Ktyöiierov xn
de öiOfia xovxo iieiupegoiierov tig xhv 'Ellr/ir/.vr yl.vrcxav
S%onbv [nicht 2Vo7/»)r] atytuivei. Die aramäifche Form
Ictylv = f-iSS entfpricht einem hebräifchen CFBiS, wie
die Lokalität in der That in der Mifchna Pesachim III, 8
heifst. Mit hebr. ns» hat alfo der Skopos nichts zu
j thun; diefer Name ift vielmehr Ueberfetzung von
hebr. Zophim. — An diefem einen Beifpiel zeigt fich
auch, wie verhängnifsvoll unter Umftänden die einfeitige
| Befchränkung auf das von Jofephus dargebotene Material
werden kann. Und dies bringt mich auf die Haupt-
Ausftellung, die ich gegen die fonft fleifsige Arbeit des
Verf.'s zu machen habe. Es fcheint mir principiell nicht
gerechtfertigt, in fo ausführlicher Weife die Topographie
von Jerufalem zu behandeln, ohne dabei etwas anderes
anzuftreben als eine halb populäre Zufammenftellung
des Materiales aus Jofephus. Gerade weil Jofephus der
Hauptgewährsmann ift, hat es keinen Zweck, fich auf