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Ausgabe:

1882 Nr. 16

Spalte:

375-376

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schlottmann, Konst.

Titel/Untertitel:

Der deutsche Gewissenskampf gegen den Vatikanismus 1882

Rezensent:

Fay, Friedrich Rudolf

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375

Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 16.

376

zu kommen, die doch unleugbar (ich in einem ähnlichen
Kampfe befinden, wie unfere Vorväter? Dies gefchieht
aber gar nicht. Der Verf. mufs (S. 502) klagen: ,Ein
grofser Theil der fog. orthodoxen Proteflanten unter-
ftützt und fördert die ultramontanen Beftrebungen auf ;
alle Weife . . . Der Leipziger Theologe Luthardt unter- j
ftützt feit vielen Jahren in der Allg. evang.-lutherifchen
Kirchenzeitung, dem angefehenften proteftantifchen Organ,
die Anfprüche der ultramontanen Partei'. Eis ift traurig,
dafs man den Verf. um diefes allerdings übertriebenen Ur-
theils willen nicht Lügen ftrafenkann: die Haltung unterer
verbreitetften Kirchenzeitung gegenüber dem Ultramontanismus
nimmt in der That wenig mit den Grundfätzen der ;
Reformatoren und es ift nicht möglich, den Widerfpruch
durch die Berufung auf die gänzlich andere Zeitlage zu
entfchuldigen. Nicht nur unfer politifcher Confervativis-
mus macht mit wenig rühmlichen Ausnahmen (hier ift
vor allem der Rheinifch-Weftphälifche Courier zu nennen)
ein Bündnifs mit den Römern, fondern auch unfere fog.
Orthodoxie fucht dort nach Stützen, und in ihrer tiefen
Feindfchaft gegen alles, was fie ,liberal' nennt, heftet iie
fich immer fetter an die Sohlen des Katholicismus. Der J
Fufstritt für alle EVeundfchaft — man geftatte diefes
häfsliche Wort — wird nicht ausbleiben, und man wird
in der Zeit der Noth nicht einmal mehr das Bewufstfcin
eines guten evangelifchen Gewiffens haben. Schon regen j
fich die Anzeichen einer verhängnifsvollen katholifchen !
Reaction, die man freilich in rein proteftantifchen Län- I
dern noch nicht zu fpüren braucht. Ift das Unglück
einmal da, dann wird dem Staat und der Regierung die 1
Schuld wieder zugefchoben werden; denn der proteftan-
tifche Eifer hat fich nun einmal feit einem Menfchen-
alter gegen diefe gekehrt, und fchreitet auch hier auf
der gleichen Linie mit dem Ultramontanismus: ,Wenn
ein römifches Inftitut fällt, fo fällt ein Stück Chriften-

thum'.....Die Fehler des fog. Culturkampfes mögen

gewifs Vieles hier erklären; aber heute ericheint es bereits
fo, als follte fich Luc. n, 26 in neuer Weife erfüllen.

Unfer Verf. hat die Kirchengefchichte —■ abgefehen
von feiner Tendenz gegen das Papftthum — in einem
freieren Geifte befchrieben, als unfere evangelifchen
Schulbücher der Kirchengefchichte ihn dulden. Dafs die
Altkatholiken die Gelegenheit, die überkommenenKirchen-
fätze zu revidiren, nicht vorbeilaffen wollen, ohne hier
und dort manches Alte und Hinfällige auszufegen, foll j
befonders anerkannt werden. In der Vorrede führt der
Verf. die Autoren an, welche er benutzt hat. Ein Theil
der Namen ift gefperrt gedruckt. Ref. mufs annehmen,
dafs dies bei folchen gefchehen ift, deren Arbeiten der J
Verf. zum Theil wörtlich abgefchrieben hat. Dies ift
z. B. bei dem Vortrage des Ref. über ,das Mönchthum'
der Fall, der feitenweife Wort für Wort Aufnahme gefunden
hat. Bei diefer Art der Benutzung hätte es fich
wohl empfohlen, die Quelle felbft zu nennen.

Giefsen. Adolf Harnack.

Schlottmann, Konft., Der deutsche Gewissenskampf gegen
den Vatikanismus. Aus deffen Erasmus Redivivus
Kap. 2 ins Deutfche überfetzt von Pred. A. J. J. Ja.- j
cobi. Mit einem Vorwort des Verfaffers. Halle,
Buchh. des Waifenhaufes, 1882. (LIV, 144 S. 8.)
M. 1. 80.

Es war ein guter Gedanke, den ein früherer Zuhörer
Schlottmann's, der Prediger Jacobi in Magdeburg
, hatte, das von den Ultramontanen im preufsifchen
Landtage fo heftig angegriffene zweite Kapitel des Erasmus
redivivus in's Deutfche zu überfetzen. Dem Verf.
wäre dies, felbft nach dem erwähnten öffentlichen Angriffe
, ,nicht in den Sinn gekommen' (S. VI), wohl aber
bejahte er die Anfrage feines jungen Ereundes, ,ob er
nach den erwähnten Verhandlungen im Abgeordneten- I

häufe die Herausgabe feiner Ueberfetzung für angemcllen
halte und eine Vorrede dazu fchreiben wolle' (S. VII)
Auf diefe Weife ift ein äufserft werthvoller Beitrag zur
Gefchichte des grofsen kirchenpolitifchen Streites der
Gegenwart jedermann zugänglich geworden, nachdem
der Kirchenhiftoriker, Profeffor Jacobi in Halle in der
von uns bereits angezeigten Brofchüre, die Schlottmann
mit Recht als eine /inhaltsreiche und geiftvolle'
(S. V) bezeichnet, die Grundzüge der Ausführungen feines
Facultätsgenoffen in klarer Darftellung mitgetheilt
hatte. Wer jetzt die vortreffliche Abhandlung im Zu-
fammenhange lieft, wird fich davon überzeugen, dafs
Profeffor Jacobi ihren Inhalt meifterhaft fkizzirt hatte,
zugleich aber den Zorn der ,Centriker' begreifen, da
,der deutfche Gewiffenskampf gegen den Vatikanismus
' von Schlottmann, deffen Tendenz trotz
aller Polemik dennoch irenifch genannt werden darf, der
Wahrheit gemäfs gefchildert worden ift, die Wahrheit
aber von den Klerikern nicht gern gehört wird. Namentlich
kommen die Jefuiten (S. 34—45) fchlecht weg.
Sie find es denn auch gewefen, die fich, wie in dem
Vorworte zu lefen ift (S. XXVIII), durch die Scene im
Abgeordnetenhaufe zu rächen fuchten. Sie war von
ihnen eingefädelt. Wir haben es alfo hier wieder ein
Mal mit einem jener reizenden Jefuitenftückchen zu thun,
die, obwohl fchlau geplant, fchliefslich doch mifslingen.
Möge ein jeder, etwa noch in Ausficht flehender, derartiger
Angriff auf die freie Meinungsäufserung evange-
lifcher Theologen eben fo zu nicht« werden, die in
Frage flehende Abhandlung aber über den deutfehen
Gewiflenskampf gegen den Vatikanismus fammt ihrer
mafsvollen und gerade deshalb fchneidigen Vorrede die
weitefte Verbreitung finden!

Crefeld. F. R. Fay.

Raebiger, Prof. Dr. J. F., Zur theologischen Encyklopädie.

Kritifche Betrachtungen. Breslau 1882, Morgenftern.

(82 S. gr. 8.) M. 1. 50.

Faft gleichzeitig mit Räbiger's ,Theologik' (Leipzig
1880, vergl. Theol. Lit.-Ztg. 1880, Nr. 3) erfchien die
,Encyklopädie' von Hofmann's, nach Vorlefungen und
Manufcripten herausgegeben von Beftmann (Nördlingen

1879) , die IO- Aufl. von Hagenbach's .Encyklopädie
und Methodologie', beforgt von Kautzfeh (Leipzig

1880) und die ,Theolog. Encyklopädie' von Richard
Rothe, aus dem Nachlafs herausgegeben von J. Rup-
pelius (Wittenberg 1880). Mit diefen Werken, fowie
mit einer Abhandlung von Willibald Grimm, ,Zur
theologifchen Elncyklopädie' in Hilgenfeld's Zeitfchrift
für wiffenfehaftliche Theologie (Jahrg. 1882. H. 1.) fetzt
fich der Verf. in der vorliegenden Schrift auseinander.
Dabei werden Hagen bach 'S. 4—6) und Grimm (S.
72—82) ziemlich kurz erledigt, v. Hofmann (S. 6—41)
und Rothe (S. 42—72) defto ausführlicher behandelt.
Naturgemäfs, da beide ein eigenthümlich geftaltetes Sy-
ftem der Encyklopädie vertreten. Von demfelben giebt
R. zunächft einen klaren, höchft dankenswerthen Abrifs,
um dann in aller Kürze Uebereinftimmung und Abweichung
zu conftatiren. So intereffant diefe Verhandlungen
auch find —, wir müffen ein näheres Eingehen
darauf uns verfagen, weil wir damit in die Gefahr kämen,
felbft wieder ein Buch zu fchreiben.

Jena. Bernhard Pünjer.

Theologischer Jahresbericht. Unter Mitwirkung von Baffermann
, Benrath, Böhringer etc. hrsg. von B. Pünjer.
I. Bd., enthaltend die Literatur des Jahres 1881.
Leipzig 1882, Barth. (V, 389 S. gr. 8.) M. 8. —
Diefer Jahresbericht kann als eine nützliche und
dankenswerthe Gabe beftens empfohlen werden. Die
Mitarbeiter haben fich fämmtlich bemüht, in gröbster