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Ausgabe:

1882 Nr. 16

Spalte:

374-375

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rieks, J.

Titel/Untertitel:

Geschichte der christlichen Kirche und des Papsttums 1882

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 16.

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heidenchriftlichen Kreifen gewefen ift! Findet fie fich
doch fogar in fehr vielen fog. regulae fidci! — Worauf
fich die S. 51 ausgefprochene, aber nicht begründete Behauptung
ftützt, dafs fich das .kirchliche Todtenfeft' bis
an das Ende des 2. Jahrhunderts zurückverfolgen laffe,
ift Ref. unbekannt. Ebenfo ift die beftimmte Behauptung
(a. a. O. : .Gemeinden wie Rom, Karthago und
Alexandrien hatten doch mindeftens je 500 Märtyrer in
ihren Diptychen verzeichnet', uncontrolirbar, da der Verf.
hier wie anderwärts auf eine nähere Beftimmung der
Epoche, die er im Auge hat, fich nicht einläfst. Sie ift
übrigens höchft wahrfcheinlich für jede Epoche falfch.
— Eine Erklärung des berühmten 36. Kanons der Synode
zu Elvira vom J. 306 hat der Verf. nicht gegeben,
mit Recht aber die vulgäre Deutung, welche lediglich
Ausdruck der Verlegenheit ift, abgewiefen. In diefer
Frage ift jetzt Dale, The Synod of Elvira p. 292 sq. zu
vergleichen. — In dem Abfchnitt über die Entftehung
und den Entwickelungsgang der altchriftlichen Kunft
(S. 87 f.) überrafcht die Sicherheit, mit welcher Schultze
diefen Gang zeichnet. Er ftellt den Satz voran, dafs es
eine Zeit gegeben hat, wo die Kunft in der Kirche die
unverändert heidnifche war — in diefer Allgemeinheit
eine gewifs fehr disputable Behauptung. Um fie zu
limitiren, geräth der Verf. aber vollends auf eine falfche
Fährte. ,Man begnügte fich vorerft(!) mit der Kunft des
Heidenthums'. ,Die Lage, wie natürlich fich diefelbe
auch darftellt, war ein Nothbehelf und von vornherein
nur als proviforifch gedachtO). Die Schöpfung
einer eigenen chriftlichen Kunft war das von den chrift-
lichen Künftlern zu erftrebende Ziel'. Wenn dem wirklich
fo wäre, dann hätten die doch Recht, denen
Raoul-Rochette zugerufen: ,Un art ne s'improvisepas'.
An die Stelle der falfchen Allgemeinheiten, mit denen
der Verf. in dem bezeichneten Capitel operirt, hätte er
fehr concrete Beobachtungen aus der Literatur des 2.
Jahrhunderts ftellen können, die vielleicht weniger erklären
, aber defto mehr belehren. — Zum Verftändnifs
der berühmten Münzen von Apamea (S. 108) befitzen
wir in der gleichzeitigen Literatur des 3. Jahrhunderts
ein hinreichendes Material; erinnert fei hier an die
Keozot des Julius Africanus. — Unbegreiflich ift Ref. die
Entgegenfetzung (S. 116 f.) gewefen, dafs nämlich aus
den Monumenten die centrale Bedeutung des Auferfteh-
ungsdogmas, ,man darf nicht fagen in der Theologie,
aber in der Gemeinde erhelle'. Gerade in diefem Punkte
war es am wenigften angebracht, zwifchen Theologie und
Gemeindeglauben zu fcheiden. Der Auferflehungsglaube
ift ja vielmehr das feftefte Band zwifchen beiden. —
Um den Urfprung des Fifchfymboles hat fich der Verf.
fleifsig bemüht; aber feine Deutung, dafs es .offenbar'
aus den Worten Mtth. 7, 9 f. entftanden fei, wird wenige
überzeugen (S. 117 f.). Der Verf. hat felbft bei
ähnlichen Problemen folche gezwungene und kleinliche
Deutungen abgelehnt. Das verbreitetfte und dabei uralte
chriftliche Symbol wird, fo darf man fchon a priori
vermuthen, nicht einer neuteftamentlichen Parabel feinen
Urfprung verdanken, fo wenig es aus der bekannten
Buchftaben-Spielerei entftanden fein kann, die erft durch
Optatus — den ein Druckfehler S. 128 in das 3. Jahrhundert
verfetzt hat — bezeugt ift. Da der _ Fifch auch
in einer jüdifchen Katakombe und zwar auf einem Korbe
liegend und neben Brodkörben nachgewiefen ift (S. 121),
und da an eine mechanifche Nachahmung chriftlicher
Symbole hier fchwerlich gedacht werden kann, fo ift es
vielleicht möglich, dafs Brod und Fifch ursprünglich die
Bezeichnung einer asketifchen Lebensweife, d. h. der
unfchuldigen Speife, find (fo haben z. B. die Mar-
cioniten kein Fleifch, wohl aber Fifche genoffen; ähnliches
ift auch fonft bekannt). Die Figur ift dann zum
Symbole geworden, und fobald man dem Brode die^ Beziehung
zum Abendmahle im Sinne des (püoi.iaxov dira-
vaaiaq gab, war der Fifch in diefe Symbolik mit hineingezogen
. Was das Ichthys-Monument von Autun (S.
117 f.) betrifft, fo vermag Ref. nicht einzuteilen, warum
v. 1—6 der Infchrift fich deutlich als ein älteres, vielleicht
noch dem 2. Jahrhundert angehöriges Stück ver-
rathen foll, während doch v. 7—11 auch nach Schultze
früheftens dem Ausgang des 4. Jahrhunderts angehört.
Sprache, Versmafs und Anfchauung finden fich ebenfo
in den fpäteften Sibyllen-Orakeln. — Der Beweis für die
Behauptung, dafs die Taube als Symbol urfprünglich
der Arche Noah's zugehöre, fich aber frühzeitig abge-
löft habe (S. 121), ift nicht zu erbringen; es ift vielmehr
wahrfcheinlich, dafs fie von Anfang an ein felbitändiges
Symbol gewefen ift. — Die Hypothefe, dafs das con-
ftantinifche Monogramm im 4. Jahrhundert ein Schibolet
der Kirche auch gegenüber dem Arianismus, wie gegen
das Heidenthum geworden fei (S. 123), ift ganz un-
wahrfcheinlich. Der Verf. ftützt fich darauf, dafs mit
den arianifchen Streitigkeiten auch der häufige Gebrauch
des Monogramms aufhöre. Allein diefe Beobachtung in
allen Ehren, fo verfchwinden ja überhaupt feit dem Ende
des 4. Jahrhunderts die Symbole mehr und mehr aus
der Kunft und machen den hiftorifchen Darftellungen
Platz. Es wird alfo nicht angehen, das neuerdings wieder
beliebte Monogramm Conftantin's als ein orthodoxes
Erkennungszeichen aufzupflanzen. — Den böfen Druckfehler
im Namen des Origenes (S. 129) follte ein Kir-
chenhiftoriker verabfcheuen, da ihm in unzähligen Büchern
diefe Verunftaltung entgegentritt.

Ref. mufs fich mit einer genauem Mufterung der
erlten 130 SS. des Buches hier begnügen. Er fchliefst
mit dem Wunfche, dafs der Verf. bald Gelegenheit haben
möge, feine fo dankenswerthe Leiftung zu vervollkommnen
.

Giefsen. Adolf Harnack.

Rieks, Stadtpfr. J., Geschichte der christlichen Kirche und
des Papsttums. Lahr 1882, Schauenburg. (VII, 549 S.
8.) M. 4. —

Schon in dem Titel ift es angedeutet, dafs diefes
kirchengefchichtliche Lern- und Lefebuch, welches zu-
nächft für die oberen Klaffen höherer Schulen beftimmt
ift, zugleich eine Parteifchrift ift, eine altkatholifche
Parteifchrift wider die Papftkirche. Die Gefchichtsbe-
trachtung, welche hier faft auf jedem Blatte zu Tage
tritt, erinnert aufs lebhaftefte an die des Flacius und
der Magdeburger Centurien. Das Papftthum ftellt fich
hier in immer fteigendem Mafse als das Princip des Böfen
in der Kirchengefchichte dar. Dafs eine unparteiifche
Kritik dagegen fehr Erhebliches einzuwenden hat, daran
foll hier nur erinnert werden. Aber es ift nicht etwa
der Standpunkt des Erasmus, welcher einen grofsen Thcil
unferer proteftantifchen Confeffionsgenoffcn hindert, der
altkatholifchen Bewegung ihre herzliche und wirkfame
Theilnahme zu fchenken, fondern diefe Bewegung ift
ihnen unbequem und verdächtig. Ein nichts weniger
als lutherifcher Trieb weift fie im Kampfe zwifchen Rom
und dem muthigen Häuflein von Theologen, Geiftlichen
und Laien, welche ihr Gewiffen nicht befleckt haben
wie die deutfchen Bifchöfe, an die Seite Rom's, mögen
fie das auch nicht mit aller Offenheit geliehen, noch fich
felbft darüber klar fein. Die landläufigen Ausreden,
dafs fich an die altkatholifche Bewegung manches Unreine
oder Zweideutige angehängt hat, und dafs ihre
Führer die volle reformatorifche Kraft noch nicht bewährt
haben, verfchlagen gar nichts. Denn fürs erfte
wäre zu erinnern, welch' trübe Waffer auch die deutfche
Reformation des 16. Jahrhunderts aufgeregt und mit fich
geführt hat, und in dem anderen Satze mufs man ein
nicht geringes Mafs von Selbftzufriedenheit conftatiren.
Oder dürfen wir uns die Kraft, welche die Reformatoren
einfl befeffen haben, einfach zu Gute fchreiben, und ift
es nicht unfere Pflicht, der .Schwachheit' derer zu Hülfe