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Ausgabe:

1882 Nr. 1

Spalte:

17-19

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kübel, Rob.

Titel/Untertitel:

Ueber den Unterschied zwischen der positiven und der liberalen Richtung in der modernen Theologie 1882

Rezensent:

Herrmann, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 1.

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nur als eine der Unvollkommenheit gemachte Concefiion
angefehen. Aber zur Reformationszeit ift das alte Zinsverbot
längft durchlöchert, und unter der Firma lucrum
CtSS ans, dominum emergens, Interesse nimmt man überall

werthen, getrübt wurde. Ueberhaupt aber glaube ich,
dafs der Verf. unfere gegenwärtige Lage nicht richtig
beurtheilt, wenn er die Gefahren derfelben in der Dies-
feitigkeit und der Bewufstfeinstheologie findet, der eine

Zins. Gerade die Kirche war mit den Geldgefchäften, | grofse Anzahl von Theologen huldigen follen. Wohl
den Fuggern u. a. im Bunde, und Eck vertheidigte aus- j ift es eine falfche Diesfeitigkeit, wenn man die Wirk-
drücklich das Zinfennehmen. Dagegen find es die Re- j lichkeit unteres höchften Gutes lediglich in der Ver-
formatoren, die mit dem Zinsverbot wieder Ernft ma- 1 breitung religiöfer und fittlicher Grundfätze fehen will,
eben, Luther und nachher ganz befonders ftrenge Chem- ! Es handelt fich in der Religion nicht um die Herrfchaft
nitz; aber bei ihnen find die Motive die, welche der [ von Ideen, fondern um die Seligkeit von Individuen.
Verf. dem Mittelalter unterfchiebt, dafs es unfittlich ift , Mit Recht betont deshalb der Verf., dafs wir die Jen-
von fremder Arbeit leben, wie Luther fagt, hinter dem , feitigkeit des höchften Gutes in dem einfachften popu-
Ofen fitzen und fein Geld für fich ohne Mühe und Fahr lären Sinne behaupten müffen. Aber erichreckend ift
werben laffen. die Unbefangenheit, mit welcher der Verf. fich bei diefer

Man mufs es heute jedem Dank wiffen, der dazu populären Belehrung beruhigt. Nichts verräth die Erbeiträgt
, die Erkenntnifs zu verbreiten, dafs die wirth- | kenntnifs, dafs der Glaube, der die Bedeutung der üffen-
fchaftlichen Nothftände der Gegenwart im tiefften Grunde 1 barungsthatfache für uns verfteht, eben darin eine leben-
fittliche Nothftände find, und infofern verdient auch das 1 dige Anfchauung von dem Inhalt des höchften Gutes
vorliegende Werk Anerkennung. Aber diefe Erkenntnifs , befitzen kann und foll. Dem Verf. kommt es vielmehr
fangt auch längft an, in weiteren Kreifen fich Bahn zu darauf an, dafs die .höhere Welt' etwas von der reli-
brechen, und die Periode einer Nationalökonomie, welche ! giöfen und fittlichen Beftimmtheit des Geiftes total Verden
ethifchen Faktor ganz vernachläffigte und die Volks- fchiedenes fei . . Das ift, wie mir fcheint, der vermeint-
wirthfehaft lediglich auf den Egoismus baute, ift bereits 1 liehe Supranaturalismus des katholifchen Dogma's, wel-
vorüber. Das Urtheil des Verf.'s über die heutige Na- | eher jede Gewifsheit von der Realität des Uebernatür-
tionalökonomie ift höchft einfeitig. Selbft in England, i liehen ausfchliefst, aber zugleich das innere Leben, wel-
gegen das der Verf. befonders eingenommen ift, regen i ches fich an dem richtig verftandenen Uebernatürlichen
fich fchon ftark andere Anfchauungen. Vgl. z. B. Da- j nähren foll, der Herrfchaft zuchtlofer Phantafien uber-
vidSyme: Outlines of an industriell science (London 1876). läfst. Der Verf. hält es für richtig, dafs der Gedanke
Es ift auch anzuerkennen, dafs die katholifche Kirche : des höchften Gutes in der Unbeftimmtheit verbleibe, in
auf diefem Gebiete befonders thätig ift, des Verf.'s Ar- I welcher er den Gegenftand jedes finnlichen Begehrens
beit liefert dafür einen neuen Beweis. Aber freilich den j bezeichnen kann. In dem Theologenkreife, in welchem
Beweis liefert fie auch, dafs die römifch-katholifche : die Apologie der Auguftana entftanden ift, würde man
Ethik nicht ausreicht und den Aufgaben der Gegenwart j diefe Jenfeitigkeit eines modernen Pofitiven unter den
nicht gewachfen ift. Das ift nur die echt evangelifche Titel Schwarmgeifterei gebracht haben. Und die Gefahr
Ethik, wie fie die oben angeführte Stelle der Conf. Aug. diefer Haltung ift ganz diefelbe wie diejenige der Dies-
m uuee in fich fchliefst. Nicht Rückkehr zur römifchen I feitigkeit, welche der Verf. rügt. Hier wie dort vollen-
Kirche und zur mittelalterlichen Ethik, fondern Rück- den fich die religiöfen Vorftellungen und mit ihnen das
kehr zum Evangelium ift unferer Zeit Noth; nur da I gefammte Verhältnifs des Einzelnen zu Gott nicht innerliegen
die fittlichen Kräfte, die unferm Volke helfen
können, die wirthfehaftlichen Nothftände zu überwinden,
und wieder zu einem gefunde n wirthfehaftlichen Leben
zu kommen. Möchte nur mehr, als es gefchieht, daran
gearbeitet werden, das unferm Volke zum Bewufstfein
zu bringen.

Hannover. G. Uhlhorn.

Kübel, Prof. Dr. Rob., Ueber den Unterschied zwischen der
positiven und der liberalen Richtung in der modernen Theologie
. Nördlingen 1881, Beck. (143 S. gr. 8.) M. 2. —
Bei dem Verfuche, die pofitive und liberale Richtung

unter uns zu charakterifiren, läfst der Verf. für die letztere I von Lipfius über die Bedeutung des Hiftorifchen im Chri

halb der Beziehung, welche zwifchen der gefchichtlichen
Offenbarung und der chriftlichen Gemeinde ftattfindet,
fondern aufserhalb derfelben. In diefem Subjectivismus,
der immer nur eine halbe Anerkennung der Offenbarung
zuläfst, pflegen fich die Pofitiven des Verf.'s mit
feinen Liberalen zu begegnen. Diefer Fehler, an welchem
der Verf. partieipirt, hemmt die gefunde Entwicklung
der evangelifchen Theologie. Dagegen vermag
ich in dem, was der Verf. Bewufstfeinstheologie im Ge-
genfatz zur Thatfachentheologie nennt, keine Gefahr zu
fehen. Was dagegen zu fagen ift, ift bereits ausreichend
gefagt. Die Vertreter diefes theologifchen Fehlers find
nicht zahlreich und haben, wie aus der trefflichen Rede

eine Reihe von Autoren fehr verfchiedener ,Richtung' I ftenthum zu erfehen ift, ihren kraftvolIlten P uhrer verloren,
reden. Sie follen alle darin übereinkommen, dafs fie J In eine fonderbare Lage geräth der Verf., indem er endeten
Standpunkt der Diesfeitigkeit vertreten, Bewufst- j lieh den Gegenfatz der Pofitiven und Liberalen an ihrer
feinstheologie treiben und der h. Schrift nur eine ein- 1 Stellung zu dem Inhalt der h. S. nachweifen will. Der
gefchränkte Autorität zugeftehen. Nicht ohne Grund | Verf. mufs nämlich felbft einräumen: kein einziger der
weift der Verf. diefe Eigentümlichkeiten feiner ,Libe- Pofitiven, felbft Beck nicht ausgenommen, kann eine
ralen' an Worten von Biedermann und Lipfius nach, fichere Grenze beftimmen zwifchen dem, was in der
Aber zu einem klaren Bilde liberaler Theologie bringt Bibel mit Fehlgriffen behaftet fein kann, und was nicht,
er es doch nicht, weil er fich dazu verleiten läfst, auch Indeffen meint er, es liege in der Natur der Sache, dafs
Ritfchl's Theologie hier unterzubringen. Der Verf. ift man nicht protokollarifch feftftellen könne, wo das In-
dabei auf Schritt und Tritt genöthigt, mühfam aufge- 1 fpirirte anfange und aufhöre. Auf jeden Fall fei die in
ftellte Behauptungen zur Hälfte wieder zurückzunehmen. 1 der Bibel vorliegende Lehre das Autoritative. Was
Er wird daher das Recht der Frage anerkennen müffen, ' aber von diefer als Gottes Wort gelten folle und was
ob es nicht beffer gewefen wäre, bei diefer Auseinander- 1 davon als Nachwirkung der Zeitvorftellungen, der jüdi

fetzung der pofitiven und liberalen Richtung Ritfehl ganz
aufser Acht zu laffen. Auf jeden Fall hätte er dann
eine Reihe von Mifsvcrftändnifsen vermieden, welche
auf feinen Fleifs und feine Aufmcrkfamkeit bei der Leetüre
theologifcher Bücher ein fehr übles Licht werfen
würden, wenn es nicht offenbar wäre, dafs fein Urtheil
durch den Vorfatz, Ritfehl für feinen Zweck zu ver-

fchen Tradition u. f. w. in Abrechnung zu bringen fei,
das ift durchaus dem Zufall und der Willkür der Pofitiven
zu überlaffen. Es ift traurig, dafs der Verf. in
diefer wahrhaft beklagenswerthen Lage fich damit tröffen
kann, den Liberalen gehe es auch nicht beffer. Es
gefällt ihm nämlich an diefem Punkte, als liberale Anficht
fich den Satz gegenüberzuftellen, das Autoritative