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Ausgabe:

1882 Nr. 15

Spalte:

341-344

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wickes, Will.

Titel/Untertitel:

A treatise on the accentuation of the three so-called poetical books of the Old Testament, Psalms, Proverbs, and Job 1882

Rezensent:

Kautzsch, Emil

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341 Theologifche Literaturzeitung. 1882. Nr. 15. 342

mehr ein Fortfehritt vorliegt? Das Verfahren in diefem
Falle ift für die Beweisführung der ganzen Schrift bezeichnend
: das Fehlen der Prämiffen wird nicht ohne
Gefchick verdeckt, und die Folgerung aus den fehlenden
keck gezogen. Es bleibt trotz dem Verf. dabei, dafs
fich auf gefchichtlichem Wege in den Anfängen der
Mcnfchheit ein des Naturgrundes entbehrender Gottesglaube
nicht nachweifen läfst, wohl aber (wenigftens bei
den Ariern) eine Verehrung der Natur, welche nicht mit
feftftehenden Einzelheiten derfelben die Gottheit iden-
tificirte, etwa das, was Max Müller mit dem nicht eben
günftigen Namen ,Henotheismus' meint. Will man trotzdem
.Theismus' im Sinne des Verf.'s an die Spitze ftellen,
fo follte es nur gefchehen mit dem unumwundenen Zu-
geftändnifse, dafs andere als hiftorifche Erwägungen diefe
Annahme veranlaffen. Wenn der Theismus des Anfangs,
die .Urreligion der Menfchhcit', von dem Verf. charak-
terifirt wird als diefer Glaube: ,Es ift Gott. Er ift der
Schöpfer der Menfchen und aller Dinge und ihr
ftetiger Erhalter' (S. 98), fo bleiben die gefchichtlich als
die älteften nachweisbaren Religionsformen, die Religion
der Vedenhymnen nicht ausgenommen, völlig unbegreiflich
; denn es ift nicht einzufehen, wie aus einer derartig
beftimmten Unterfcheidung von Gott und Natur fich
entwickelt haben follte die in älteften Religionen nicht
zu verkennende Anfchauung von dem Himmel und
feinen Lichterfcheinungen, als wären eben fie das Göttliche
felbft. Wohl alle älteften Gottesnamen der Arier
lcren Zeugnifs ab für diefe Anfchauung, und die älteften
femitifchen Gottesnamen, welche freilich nicht von
Naturdingen entlehnt find (von einer .ethifchen' Gottheit
tS. 631 zeugen fie aber nicht), dürfen nicht dagegen angerufen
werden, weil wir vor der naturaliftifchen Deu-
tu ng derfelben eine andersartige nicht nachweifen können,
alfo kein Recht haben, fie anders anzufeilen denn als
Titel (nicht Wefensbezeichnungen wie bei den Ariern)
ebenfalls naturaliftifch gedachter Gottheiten. Dafs auch
der alten Hebräer Gott in einer vormofaifchen Zeit gedacht
wurde als der Himmel felbft in feinen mannigfachen
Licht- und Feuercrfcheinungcn, ift im Alten Tefta-
mente noch deutlich genug zu erkennen. Die Ent-
wickelung von Naturreligion zu Geiftesreligion liegt in
der ifraelitifchen Religionsgefchichte klar zu Tage;
lediglich conftruirt aber ift das Bild einer umgekehrten
Entwickelung, welches der Verf. zeichnet:
,Der Menfch, aus der urfprünglichen Einheit mit Gott
herausgetreten, behielt doch die Erinnerung Gottes.
Und zwar müffen wir diefe Erinnerung bei den erften
Gefchlechtern als rege und deutlich uns denken, bis fie
allmählich trüber und fchwächer wurde, und zuletzt nur
eine dunkle Ahnung Gottes zurückblieb. Diefe Ahnung
des Unfichtbaren trieb dazu, ihn zu fuchen, und verleitete
[?] zugleich, das Walten diefes Unfichtbaren in
Naturerfcheinungen zu finden. Wollte man ihm einen
Namen geben, fo wählte man die fchon gebrauchten
Namen für Himmel oder Sonne' (S. 99 f.)

Marburg i. H. Wolf Bau dilti ri.

Wiekes. Will., D. D., rr"ax iti»t3. A treatise on the ac-
centuation of the three so-called poetical books of the
Old Testament, Psalms, Proverbs, and Job. With an
appendix containing the treatise, assigned to R. Je-
huda Ben-BiTam, on the same subject, in the original
arabic. Oxford 1881, at the Clarendon Press. [London
, Henry Frowde.] (XI, 119 S. gr. 8.) 5 s.

In diefem Büchlein wird uns der Ertrag eines jahrelangen
Fleifses dargeboten und zwar eines Fleifses, der
dem Verf. eine nicht geringe Selbftverleugnung auferlegte
. Wenn auch Accentftudien an fich keineswegs fo
fteril und geifttödtend find, als es dem PTrnerftehenden
fcheinen könnte, fo ift doch eine umfaffende Collation

I von Handfchriften und Drucken, die lediglich auf die

! arcana accentuationis gerichtet ift, eine Leiftung, zu der es
eines befonderen Organs bedarf. Um fo mehr müffen
wir es dem Verf. Dank wiffen, dafs er der Wiffenfchaft
diefes Opfer gebracht und zugleich die Refultate in einer
Form vorgelegt hat, die Anderen eine rafche und mühe-
lofe Verwerthung derfelben geftatten. Ueber die Zu-
verläffigkeit der Handfchriftencollationen liefse fich natürlich
nur auf Grund eigener Nachprüfung urtheilen;
aber die peinliche Akribie, die uns in dem Büchlein
allenthalben fonft entgegentritt, berechtigt zu dem Vor-
urtheil, dafs wir auch den textkritifchen Mittheilungen
des Verf.'s vertrauen dürfen. Die Arbeit bildet fomit
eine werthvolle Ergänzung zu Baer's .Accentuations-
fyftem' der drei Bücher (im Anhang zu Delitzfch's Pfal-
mencommentar, Bd. II von 1860), auf welches wir bisher
in der Hauptfache angewiefen waren. Verfuchen
wir nun, das oben gefällte Urtheil über die Reichhaltigkeit
der Arbeit von Wiekes durch ein kurzes Referat
über den Inhalt zu erhärten. Erwähnung verdient zuvor
noch, dafs der Verf. in wiffenfehaftlichem Austaufch mit
Dr. Baer gearbeitet hat, fowie, dafs er aufser den Petersburger
Handfchriften bereits auch den 1. Band von
Ginsburg's .Mafforah' tT88o) verwerthen konnte.

In der Vorrede bemerkt der Verf., dafs er grofsen-
theils auf eigene Initiative angewiefen gewefen fei, indem
von den chriftlichen Accentuologen des 17. und 18. Jahrh.
wenig zu holen war, und dafs er feinerfeits vor allem
durch eine umfaffende Collation von Handfchriften die
Löfung der Aufgabe eritrebt habe. In der That ift es
ein .umfaffendes' Material, welches er uns p. VII sq.
aufzählt. Die Reihe eröffnen 18 Codices des British
Museum, darunter derjenige, welcher nach Wiekes iden-
tifch ift mit Kennicott 201 und fchon von letzterem als
codex antiquissimispraestantissimisque accensendus bezeichnet
wurde. Auch Wiekes hält diefen Codex und den
Erfurt. 3 für die vielleicht älteften Handfchriften der
drei Bücher. In der weiteren Aufzählung find fo gut,
wie alle, grofsen Bibliotheken (Berlin, Cambridge, Copen-
hagen, Parma, Erfurt [1— 4, jetzt zu Berlin], Rom, Hamburg
, Oxford, Paris, Petersburg, Wien) vertreten. Hierzu
kommt noch der Cod. Francfurt, von 1294 (jetzt im Belitz
von S. M. Goldfchmidt), drei Handfchriften aus dem
Ghetto zu Rom und folche aus kleineren Bibliotheken,
welche nach den Nummern Kennicott's citirt werden.
Daran fchliefsen fich Mss. über die Acccntuation der
drei Bücher, endlich der Cod. Erfurt, (jetzt Berol.) mit
der Masora parea. Von gedruckten Ausgaben find die
Soncino-Bibel von 1488, Bomberg I und II, Jablonski,
Opitius, Michaelis, Norzi (Mantua 1744), fowie Heiden-
heim's Pfalmen und Baer's kritifche Bearbeitungen der
drei Bücher benutzt (über Norzi urtheilt der Verf. p. IX,
dafs derfelbe jedenfalls nicht viel von den Accenten
verftanden habe!). Den Schlufs bilden die Arbeiten
über die Accentuation von Wasmuth (1664) bis zu Baer
und Strack's Ausgabe der Dikduke hateamim.

Aus dem einleitenden Cap. I heben wir hervor, dafs
nach der Annahme des Verf.'s die Cantillation urfprüng-

! lieh mündlich überliefert wurde, unter Zuhülfenahme von
Zeichen, die man mit den Händen in der Luft befchrieb;
auf diefe Zeichen fei wohl grofsentheils die nachmalige
fehrifthehe Geftalt der Accente zurückzufuhren. Die
Anfänge der fchriftlichen Pdxirung fetzt Wiekes erft in
das Ende des 7. Jahrh. und nimmt dabei einen Einflufs
der griechifchen und befonders der fyrifchen Kirche an,
welche damals ihre Syfteme der mulikalifchen Bezeichnung
und Interpunktion beendigt gehabt hätten. — Auf
eine endgültige Emendation aller Irrthümer verzichtet
der Verf.; einer folchen flehe ebenfowohl die relative

! Jugend der Handfchriften, wie der Umftand entgegen,
dafs fich mancherlei Fehler fogar durch Auctoritäten,
wie z. B. Ben Afcher, eingebürgert hätten. Andere Mifs-
ftände rühren von der Hereinziehung der Pfalmenüber-