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Ausgabe:

1882

Spalte:

278-280

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Runze, Georg

Titel/Untertitel:

Der ontologische Gottesbeweis. Kritische Darstellung seiner Geschichte seit Anselm bis auf die Gegenwart 1882

Rezensent:

Gottschick, Johannes

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277

Theologifche Literaturzeitung. 1882. Mr. 12.

278

auf S. 241: ,Dr. Varrentrapp hat fich bemüht (!) zu
zeigen, dafs die Gropper direct widerfprechende Erzählung
Butzer's über das Wormfer Geheimgefpräch den
Vorzug vor derjenigen des Kölner Gelehrten verdiene.
Da V.'s Schrift erft während des Druckes meiner Arbeit
erfchien, kann ich hier auf diefe Frage nicht näher eingehen
. Ich bemerke nur, dafs mich die Ausführungen
V.'s von der Richtigkeit feiner Anficht nicht überzeugt
haben'. In der That, ein höchft bequemes Verfahren,
fich mit einer erdrückenden Beweisführung abzufinden!
Wenn Varrentrapp's Buch zu fpät erfchien (es ift übrigens
fchon S. 189 citirt), fo war es die Pflicht des Verf.'s,
bei einem fo wichtigen Punkte der gegnerifchen Ausführung
noch nachträglich einen Excurs zu widmen, um
die Zuverläffigkeit der von ihm bevorzugten Quelle zu
retten: ftatt deffen das kurze Bekenntnifs nicht überzeugt
zu fein, wo doch für jeden Urtheilsfähigen durch
Varrentrapp mit Hülfe der von ihm herbeigefchafften
Briefe und Urkunden der Procefs zu Ungunften Groppels
entfchieden ift — und zwar in einer fo zwingenden
Beweisführung, dafs ein Entrinnen hier fchlechter-
dings unmöglich ift. — Die von Varrentrapp abgedruckten
Briefe find aber für P. überhaupt nicht vorhanden; man
vergl. nur S. 239 A. 3 die auch jetzt noch wiederholte
Behauptung, dafs es Philipp von Heffen gewefen, welcher
Butzer den Auftrag fich in ein Geheimgefpräch einzu-
laffen ertheilt hat!

Man wird es den modernen Gegnern der Reformation
nicht verargen, wenn fie das vorhandene Quellenmaterial
in ihrem Sinne interpretiren und gruppiren;
man wird ihnen nur Lob fpenden können, wenn fie
neue Quellen erfchliefsen, um ihre Anfchauung ficherer
als bisher zu begründen; aber die Anforderung wird
man an Jeden ftellen müffen, mit dem überhaupt eine
wiffenfchaftliche Discuffion noch möglich fein foll, dafs
er da, wo klare und unzweideutige Urkunden vorliegen,
nicht fernerhin aus der trüben Quelle parteiifcher Berichte
des 16. Jahrhunderts fchöpft. —

Gewifs dürfen wir zu Ehren unferes Verf.'s annehmen,
dafs er fich hier nicht abfichtlich einer principiell verwerflichen
Methode bedient hat, fondern dafs der gerügte
Fehler auf Rechnung der Oberflächlichkeit zu fetzen
ift, von der auch feine Darfteilung der Regensburger
Verhandlungen vielfaches Zeugnifs ablegt. Gefördert
hat uns diefelbe in keinem Punkte (man müfste denn in
den aus den Frankfurter Reichstagsacten beigebrachten
Notizen, z. B. S. 253 ff., eine Bereicherung unferer
Kenntnifs der Vorgänge erblicken, die aber jedenfalls
fehr gering anzufchlagen wäre). Dagegen ift die ge-
fammte Darftellung diefes wichtigften Vereinigungsver-
fuches von der nämlichen Tendenz beherrfcht, wie die
früheren Abfchnitte des Buches: die ,letzte Schuld' an
reinem Scheitern tragen zwar nicht die proteftantifchen
Theologen (,fie waren die Diener ihrer Herren und
thaten was diefe geboten. Denn das war ja der Charakter
des neuen Kirchenthums: die moralifche Knechtung
'), wohl aber trägt fie der Kurfürft von Sachfen:
Johann Friedrich wollte eben keinen andern PYieden mit
der Kirche als denjenigen der Herrfchaft über fie. Er
wollte fefthalten an feinem Landeskirchenthum und darum
wollte er keinen Vergleich. Sein Nicht wollen
war das eigentlich entfcheidende Moment für das Mitklingen
des Regensburger Reunionsverfuches'. — Auf all
die einzelnen fei es ftreitigen, fei es bedenklichen Punkte
diefes Abfchnittes einzugehen, würde theils zu weit fuhren,
theils fich nicht verlohnen. Ein oder der andere Punkt
läfst überhaupt dank den inzwifchen (von Lenz, Victor
Schnitze, mir und Paftor felbft) allgemein zugänglich
gemachten Acten keinen Zweifel mehr zu. Auch die
Behauptung P.'s, zu welcher er eine gelegentliche Ver-
muthung Maurenbrecher's gefteigert hat, man fei in dem
Artikel von der Rechtfertigung zu Regensburg .zuletzt
doch wieder auf den anfangs verworfenen Text der

Vorlage [des Regensburger Buches) zurückgekommen',
wird demnächft ihre definitive Würdigung finden, da
kürzlich der urfprüngliche Text des 5. Artikels des
Regensburger Buches von Max Lenz aufgefunden und
bald mit dem Ganzen herausgegeben werden wird.

In den 4 letzten Abfchnitten (S. 279—478) wird die
Zeit vom Ausgang des Regensburger Religionsgefpräches
bis zum ,Sieg der Spaltung' (1555) behandelt. Doch wird
es nicht von nöthen fein, dafs ich mich bei diefen Abfchnitten
aufhalte. Die hier zu Tage tretende Flachheit
oder Stumpfheit in der Beurtheilung der politifchen
Verhältnifse überfteigt jede Vorftellung und wird felbft
von dem Mangel theologifchen Verftändnifses nicht überboten
. Die Leetüre wird immer langweiliger: zu lernen
giebt es hier für den Hiftoriker nichts, und die ftets gleich
ftark aufgetragene Tendenz ermüdet den Lefer nicht
minder, als die reichlich in extenso mitgetheilten Briefe
und Actenftücke (felbft mit den langathmigen Reichs-
tagspropofitionen wird man bisweilen behelligt) an feine
Geduld ftarke Anforderungen ftellen. Zum Schlufs
könnten vielleicht die pikanten Wendungen, in denen
— vom Standpunkt des Katholiken aus leider nicht
mit vollem Rechte! — der Augsburger Friede verur-
theilt wird, eine gewiffe Entfchädigung gewähren, käme
in ihnen nicht wiederum blofs Onno Klopp zu Worte,
wie kurz zuvor bei Gelegenheit der Fürftenverfchwörung
Cornelius das Wort ertheilt ift. Gegen die Repro-
duetion der bekannten Comelius'fchen Kraftausdrücke
(,der Gauner Moritz und die übrigen Gefeilen der Bande')
würde ich, abgefehen von einem äftthetifchen Bedenken
, wenig einzuwenden haben, wäre von P. die Politik
Karl's V., der in der Weife des Herrn O. Klopp glori-
ficirt wird, mit gleichem Mafse gemeffen.

Die ganze Arbeit entfchleiert fich uns je länger defto
mehr als eine zwar mit hinreichendem Selbftbewufstfein,
aber ohne fonderliches Gefchick vollführte Compilation.
Neue Quellen hat P. in fehr geringem Umfange benutzt,
fo dafs fie für das Ganze feiner Darfteilung nicht ins
Gewicht fallen (mit den Notizen aus den Reichstags-
acten der Stadt Frankfurt ift fehr wenig gethan; und
auf die am Schlufs [S. 481—-501] abgedruckten Actenftücke
, die an fich dankenswerth find, wird P. felbft nicht
die Berechtigung zu einer neuen Darftellung gründen
wollen). Nun hat P. zwar das fchon vorhandene Quellenmaterial
mit einem anerkennenswerthen Fleifs einge-
fehen; wie er aber eine wirklich felbftändige Durcharbeitung
desfelben vermiffen läfst, fo hat er auch nicht
verftanden, ihm neue, bisher vernachläffigte Gefichts-
punkte abzugewinnen. Er führt nur für fein unglücklich
gewähltes (nur formell einheitliches) Thema diejenige
Auffaffung durch, welche durch Döllinger (den
einfügen), Höfler, Janffen u. A. im Gegenfatz zu der
proteftantifchen Gefchichtfchreibung begründet ift —
und das wird man mit Fug und Recht Compilation
nennen dürfen. Aus den Schriften des quellenkundigen
Höfler kann man noch immer Gewinn ziehen; auch
Janffen bietet uns bei aller Oberflächlichkeit feines Quellen-
ftudiums durch feine reiche Belefenheit wie durch das
Umfaffende feiner Aufgabe noch hie und da Förderung;
diefer Jugendarbeit P.'s können wir (von ein paar ge-
i legentlichen Notizen abgefehen, wie z. B. S. 240 A. über
Nausea) derartiges nicht nachrühmen.

Marburg, April 1881. Th. Brieger.

Runze, Privatdoc. Lic. Dr. Georg, Der ontologische Gottesbeweis
. Kritifche Darftellung feiner Gefchichte feit
Anfelm bis auf die Gegenwart. Halle 1881, Pfeffer.
(VIII, 176 S. gr. 8.) M. 3. 60.

Der Zweck diefer Arbeit ift kein blofs hiftorifcher,
j fondern der Verf. möchte für das bleibend Werthvolle'
j des ontologifchen Beweisverfahrens Intereffe wecken.