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Ausgabe:

1881 Nr. 6

Spalte:

123-125

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wiedemann, Alfred

Titel/Untertitel:

Geschichte Aegyptens von Psammetich I. bis auf Alexander den Grossen, nebst einer eingehenden Kritik der Quellen zur ägyptischen Geschichte 1881

Rezensent:

Baudissin, Wolf Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 6.

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felbftändiges Urtheil über denfelben. Schmerzlich ver-
mifst man es auch, dafs man nirgend über den Werth
und das gegenfeitige Verhältnifs der bei Parfons verglichenen
Handfchriften unterrichtet wird. Ohne eine
Gruppirung derfelben kann ein gelegentliches Vorführen
ihrer Schaaren zu Gunflen einer Lesart wenig nützen.
Dagegen hätten manche Etymologien aus dem Arabifchcn
und andere Beweife der Gelehrfamkeit des Verf.'s, ohne
Schaden für die hier vorliegende Aufgabe wegbleiben
können. Ihre Aufnahme in diefe Unterfuchung erklärt
fich jedoch zur Genüge daraus, dafs die Arbeit als
Differtation dienen foll. Die aramaifirende Auffaffung
des Textes beim Ueberfetzer, auf welche der Verf. oft
mit Recht hinweift, berechtigt meiner Anficht nach weder
zur Annahme einer paläftinenfifchen noch zur Abweifung
einer alex. Herkunft. Die Frage nach der Einheit der
Ueberfetzung will der Verf. erft nach der Vollendung
des Ganzen befprechen.

Der Verf. wird übrigens gut thun, fich mit der
älteren Literatur noch bekannter zu machen; manches,
was er auf J. Fr. Schleusner zurückführt, ift viel älter,
und auch viele Vermuthungen, die er anfcheinend zuerft
macht, finden fich fchon bei den fleifsigcn früheren For-
fchern. Es ift Pflicht, ihnen die Ehre zu geben, die ihnen
gebührt. Seine Conjectur Y.aToivov/usvog (Hab. 2, 5) fteht
fogar im Text der 1550 bei Nie. Brylinger in Bafel er-
fchienenen Ausgabe, die fonft mit der Aid. überein-
ftimmt. Ich verweife noch auf Schleusner's opasc. crit.
ad. vers. gr. v. t. Ups. 1812 und Eichhorn's Repertorium
für bibl. und morgenl. Literatur z. B. Band VI 1780
S. 104—124. 208 — 262. Diefe letzten Bemerkungen follen
der Selbftändigkeit des Verf.'s, die durch feine zahlreichen
guten Conjecturen hinreichend documentirt wird, keinen
Abbruch thun. Seine mühfame Arbeit, für die wir ihm
aufrichtigen Dank fchulden und deren baldige Fortfetzung
wir erwarten, bietet trotz mancher Mängel einen werthvollen
Beitrag zur Löfung der Aufgabe und wird auch
dem Exegeten erfpriefslichc Dienfte leiften.

Moers. Joh. Hollenberg.

Wiedemann. Dr. Alfr., Geschichte Aegyptens von Pfam-
metich I. bis auf Alexander den Grofsen, nebft einer
eingehenden Kritik der Quellen zur ägyptifchen Ge.
fchichte. Leipzig 1880, Barth. (VIII, 312 S. gr. 8.
M. 6. —

Wenn Ref., der in ägyptologifchen Dingen nur als
Laie mitreden kann, über diefes Buch berichtet, fo
gefchieht es erft auf wiederholte Bitte der Redaction.
Nur in einigen allgemeinen und wenigen fpeciellen
Punkten bin ich im Stande, diefe Leiftung zu beurtheilen.
Einer Hinweifung auf diefelbe bedarf es in diefer Zeit-
fchrift nicht nur infofern die Aegyptologie überhaupt zu
den Grenzgebieten altteftamentlicher Wiffenfchaft gehört,
fondern in diefem Falle ganz befonders, weil die vorliegende
Arbeit, wenn ich richtig fehe, einen höchft
nöthigen Wendepunkt in der Darftellung der ägyptifchen
Gefchichte bezeichnet. Nicht dafs die hier gebotene
Darftellung eines Abfchnittes diefer Gefchichte eine
hervorragende Leiftung hiftorifcher Kunft mir zu fein
fchiene — ich glaube vielmehr, dafs fich mancherlei daran
ausfetzen liefse; aber während die bisherigen Arbeiten
über die Gefchichte Aegyptens alle mehr oder
weniger in kritiklofer Gläubigkeit den Quellen nacherzählt
haben, ift in den Voruntcrfuchungen diefes Buches
über ,die Quellen der ägyptifchen Gefchichte' (S. 1 —112)
zum eriten Mal ein Anfatz gemacht worden zu wirklich
hiftorifcher Beurtheilung. In diefen Vorunterfuchungen
fcheint mir der Hauptwerth des Buches zu beftehen. In
der Gefchichtsdarftellung felbft wäre wohl Vieles zu
ftreichen, was antiquarifches Intereffe haben mag, ge-
fchichtliches aber kaum bcanfpruchen kann (gefchicht-

liche Eingliederung einzelner Infchriften, aus welchen
nur von fonft unbekannten Privatperfonen oder Hofbeamten
Name und Stand und etwa eine religiöfe Weihehandlung
hervorgeht u. dgl.); andererfeits liefse fich vielleicht
der nicht eben überaus intereffanten Berichterftat-
ung mehr Lebensfarbe geben durch im Ganzen zu ver-
miffende Geltendmachung eigentlich hiftorifcher Gcfichts-
punktc neben den kritifchen. Das Lob aber wird auch
diefem Theile nicht vertagt werden können, dafs mit
erftaunlichem Flcifse das weit zerftreute Material aus
aller Herren Ländern zufammengetragen worden ift.
Vieles hat der Verf. zum erften Mal ans Licht gezogen,
oder will es doch beffer eingefehen haben als feine Vorgänger
. Dabei darf aber eine Bemerkung, welche Ref.
lieber der privaten Mittheilung vorbehielte, nicht unterdrückt
werden, da ihre Untcrlaffung jeder Lefer des
Buches diefem Berichte zürn Vorwurf machen müfste,
dafs nämlich der Verf. fein perfönliches Verdienft bei
jenen Funden in einer unangenehm berührenden Weife
in den Vordergrund Hellt. Es könnten wohl auf jedem
Bogen einige der vielen ,ich' getroft geftrichen werden,
auch ohne die Verdienfte des Verf.'s zu fchmälern, da
dem einfichtigen Lefer noch in anderer Form die Neuheit
einer Bemerkung fich anfehaulich machen läfst. Die
berechtigte Freude an den Erfolgen emfigen Suchens
entfchuldigt diefen fpäterhin hoffentlich vermiedenen
Fehler.

In der Beurtheilung der Quellen ift wohl am wich-
tigften die der einheimifch ägyptifchen (S. 2—74), welche
um fo nothwendiger war, als die Aegyptologie es zu
einer Literaturgefchichte noch nicht gebracht hat.
Während man bisher den ägyptifchen Infchriften ziemlich
unbedingten Glauben gefchenkt hat, zeiht der Verf.
die Aegypter ,einer faft fyftematifch durchgeführten Ge-
fchichtsiälfchung', welche ihren Grund habe in der Liebhaberei
des Volkes für Wiederholung. Einigermafsen
ähnliche Ereignifse würden vielfach ganz gleichmäfsig
mit ftereotyp gewordenen Phrafen und Detailangabcn
erzählt, fo dafs die Befonderheit dadurch gänzlich ver-
wifcht werde (S. 9). Seti I ufurpirte, ftatt feine eigenen
Siege aufzeichnen zu laffen, die um mehrere Jahrhunderte
älteren Siege Tutmes' III, indem er eine Infchrift des-
felben einfach abfehreiben liefs (S. 10). Ebenfo handelten
Privatperfonen, indem fie auf alten Todtenftelen ihren
Namen anbringen liefsen an Stelle des urfprünglichen,
welchen man auskratzte (S. 16 f.). Die bisherigen Angaben
über das Alter der ägyptifchen Cultur find nach
dem Verf. bedeutend zu modificiren, da die Autoren
wiffenfehaftlicher Schriften die Sitte hatten, diefe für
Copieen weit älterer Werke auszugeben (S. 14 ff.). Es
ift dem Ref. nicht unwahrfcheinlich, dafs es fich ebenfo
mit affyrifchcn Infchriften verhält, welche fich als Ab-
fehriften uralter Originale ausgeben. — Bcfondere Beachtung
wird dem hiftorifchen Roman im Aegyptifchen
gefchenkt (S. 63 ff.), da Herodot, Diodor und auch
Manetho ihre Angaben über ägyptifche Gefchichte vielfach
aus romanhaften Darftellungen gefchöpft zu haben
fcheinen. Nicht nur hierdurch wird die Glaubwürdigkeit
namentlich des Herodot erfchüttert, fondern weiter durch
die Unzuverläffigkeit feiner ägyptifchen Dolmetfchcr,
was der Verf. durch einen beftimmten Fall, wo Herodot
von feinem Gewährsmann deutlich hintergangen wurde,
zu illuftriren fucht (S. 87 ff.). Ebenfowenig follen jene
Nachrichten Herodot's zuverläflig fein, welche er von
Prieftern empfangen haben will (S. 91 ff.), da man fich
unter diefen zumeift niedere Cuftoden vorzuftellen habe
nach Art der heutigen die Fremden belehrenden Küfter.
Unbedingtes Vertrauen dürfe man in ägyptifchen Dingen
dem Herodot nur fchenken hinfichtlich deffen, was er
als von ihm felbft gefehen und erlebt berichte. Im
Uebrigen feien feine Nachrichten verhältnifsmäfsig beffer
von der 26. Dynaftie an, ,von dem Augenblicke an, wo
fich Griechen dauernd in Aegypten niederliefsen', durch