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Ausgabe:

1881 Nr. 3

Spalte:

56-58

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kneucker, J. J.

Titel/Untertitel:

Die Anfänge des römischen Christenthums 1881

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 3.

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fchliefst freilich nicht aus, dafs auch hier Sachen von
zweifelhaftem Werthe mit unterlaufen.

Die Nr. 1 enthält folgende Auffätze und Abhandlungen
: 1. J. Derenbourg, Reflexions detachees sur le
Ihre de Job (p. 1—8). — 2. Halevy, Cyrus et le retour
de l'exil (p. 9—31). — 3. Darmefteter, Notes epigra-
phiqucs toucliant quelques points de Phistoire des Juifs sous
l'empire roviain (p. 32—55)- ~ 4- Hartwig Derenbourg,
Les noms de personnes Jans PAncien Testament et dans
les inscriptions himyarites (p. 56—60). — 5. Loeb, Le
role des Juifs de Paris en 1296 et 1297 (p. 61—71). —
6. Loeb, La ville d'Hysope (p. 72—82). — 7. Cahen,
L'emancipation des Juifs devant la societe royale des Sciences
et arts de Metz en 1787 et M. Roederer (p. 83—
104). — An diefe Auffätze fchliefsen fich unter dem
Titel Notes et Melanges noch folgende kleinere Artikel:
1. Levi, Manger le morceau (p. 105—108). — 2. Levi,
Apocalypses dans le Talmud (p. 108—114). — 3. Loeb,
Rulles inedites des Papes (p. 114—118). — 4. Darmefteter
, Lettres des Juifs d'Arles et de Constantinople,
1489 (p. 119—123). — Auf die Artikel folgt eine Bibliographie
judeo-frangaise für das erfte Halbjahr von 1880
(p. 124—132); ferner ausführlichere Anzeigen einiger
neueren Werke [Ascoli, Iscrizioni inedite; Derenbourg,
Opuscules et traites d'Abou V Walid ibn Djanali; Valois,
Guillaume d'Auvergne] (p. 133—145); endlich eine Ana-
lyfe des im J. 1588 zu Venedig erfchienenen Werkes von
David de Pomis, De medico Hebraeo enarratio apologica
(sie), von Dukas (p. 145—152).

Von befonderem Intereffe waren dem Referenten
die epigraphifchen Beiträge von Darmefteter.
Er hat hier eine Anzahl römifcher Infchriften zufammen-
geftellt, welche fich mehr oder weniger direct auf die
Gefchichte der Juden unter den Kaifern Vefpafian, Titus,
Domitian und Hadrian beziehen, die aber bisher, weil
in den gröfseren Infchriftenwerken zerftreut, faft noch
gar nicht für die jüdifche Gefchichte verwertnet worden
waren. Auch Ref. mufs diefe Unterlaffungsfünde in
Betreff feiner Neuteftamentlichen Zeitgefchichte bekennen;
und wenn ihm auch inzwifchen durch fortgefetzte Be-
fchäftigung mit dem Gegenftande die Mehrzahl derfelben
bereits bekannt geworden war, fo weifs er eben doch aus
eigener Erfahrung, welche umfaffenden Nachforfchungen
dazu gehören, um diefes zerftreuten Materiales habhaft
zu werden. Es ift alfo höchft dankenswerth, dafs Darmefteter
hier Alles fo bequem zufammengeftellt hat. Am
meilten Ausbeute gewähren die Infchriften für die Gefchichte
des hadrianifchen Krieges. Von Intereffe ift z. B.
die von Mommfen in Dalmatien aufgefundene Infchrift
Corp. lnscr. Lat.. T. LH vi. 2830, welche den vollltändigen
cursus bonorum des Julius Severus giebt, des Oberfeldherrn
der Römer in den letzten oder im letzten
Kriegsjahre. Wir erfahren daraus auch, dafs ihm der
Senat die ornamenta triumphalia ob res in Judea pro-
spere gestas zuerkannte.

Eine der unglücklichften Leiftungen in dem vorliegenden
Hefte ift der kleine Artikel von Levi über
manger le morceau (p. 105—108). Er giebt eine ebenfo
neue als thörichte Erklärung des evangelifchen Berichtes
über die Bezeichnung des Verräthers durch Jefum beim
letzten Mahle. Manger le morceau foll nämlich ein bildlicher
Ausdruck fein für ,verrathen, verklagen, verleumden
', wofür wir auf Daniel 3, 8 und 6, 25 verwiefen werden
. Und es wird uns nun die Wahl gelaffen: den Bericht
des johanneifchen Evangeliums für authentifch zu
halten oder nicht. Im erfteren Falle würde Jefus durch
die vorgenommene Handlung (er giebt dem Judas einen
Biffen und diefer ifst das von Jefu ihm dargereichte
Stück) den Judas fymbolifch als Verräther dargeftellt
haben; er würde nicht nur mit Worten, fondern auch
durch eine fymbolifche Handlung den Gedanken ausgedrückt
haben, dafs Judas der ift, der ihn verräth (der
,fein Stück verzehrt'). Im Falle der Ungefchichtlichkeit

des johanneifchen Berichtes würde anzunehmen fein, dafs
der von Jefus gebrauchte Ausdruck (Judas va manger
le morceau) den Anlafs zur Entftehung jenes Berichtes
gegeben habe. Bei diefem geiftreichen Einfall ift vor
Allem die Kleinigkeit überfehen, dafs bei Daniel nicht
,das Stück Jemandes verzehren', fondern ,die Stücke
Jemandes verzehren' bildlicher Ausdruck für ,denunciren,
(eigentlich: moralifch zu Grunde richten) ift. — Zum
Glück flehen die anderen Artikel auf einem etwas höheren
Niveau als diefer.

Giefsen. E. Schürer.

Pick, Pf. Dr. Bemh., Jüdisches Volksleben zur Zeit Jesu.

Rochefter, New-York, 1880. (75 S. 8.)

Diefe populäien Auffätze zur neuteftamentlichen
Zeitgefchichte behandeln folgende Themata: 1. Politifche
Lage Paläftina's vor 1800 Jahren (21L Seiten!); 2. Palä-
ftina; 3. In Galiläa; 4. Zollwefen und Strafsenfyftem; 5.
Unter dem Volk; 6. Jüdifches Hauswefen; 7. Kindererziehung
; 8. Religiöfes Leben; 9. Synagogen, ihre Entftehung
und Einrichtung; 10. Der Synagogen-Gottes-
dienft. — Der Verfaffer hat fleifsig gefammelt; aber
feine Zufammenftellungen find zu kritiklos und zugleich
in der Form zu mangelhaft, als dafs fie einem deutfehen
Publicum empfohlen werden könnten. Nach dem Vorwort
find diefe Auffätze ohne wefentliche Aenderungen
bereits in drei (!!) verfchiedenen Zeitfchriften erfchienen:
1) im ,Evangelifchen Magazin für die Sonntagsfchule und
den Familienkreis', Cleveland, O., 1876; 2) in dem von
P. F. W. S. Schwarz in Berlin herausgegebenen Miffions-
blatt .Friedensbote' 1878—1879; endlich 3) in dem von
dem Verf. felbft herausgegebenen Monatsblatt ,Bundesbote
' 1880. Damit dürften fie bereits hinreichend die
ihnen gebührende Verbreitung gefunden haben.

Giefsen. E. Schürer.

Kneucker, Prof. Pfr. Lic.J. J., Die Anfänge des römischen

Christenthums. Ein für den Druck erweiterter und mit
Anmerkungen verfehener Vortrag. Karlsruhe 1881,
Reuther. (57 S. gr. 8.) M. —. 80.

Der Verf. fafst fein Urtheil über den Urfprung der
römifchen Gemeinde felbft fo zufammen: ,Gegenüber
der Tübinger (Baur's) Annahme eines judenchrift-
lichen Urfprungs und Charakters der römifchen
Gemeinde behauptete Weizfäcker (mit Beyfchlag) nur
jüdifchen Urfprung durch juden- und profelytenchrift-
liche Stiftung, dagegen feit 53 n. Chr. heidenchrift-
liche Mehrheit (gegen Beyfchlag) und judenchriftliche
Minderheit derfelben, während wir auch eine, wenigftens
mittelbare, paulinifche Stiftung ,römifcher' Chriften-
gemeinden in Italien geltend machen, welche fogleich
von Anfang an aus Heiden und jüdifchen Profelyten,
Letztere zum Theil mit judaiftifcher Denkweife, durch
einen Schüler des Paulus gefammelt und für das paulinifche
Chriftenthum gewonnen wurden'. Die eigenthüm-
lichfte der vom Verf. zur Begründung diefer feiner Haupt-
thefe vorgetragenen Hypothefen ift aber die, nach welcher
Titus die Gemeinde zu Rom gegründet haben foll. Er ift
nämlich der Verfaffer der .Wirftückc' in der AG. und
er, derrömifche (?!) Heidenchrift, ift von Paulus imj. 52
nach Rom von Philippi aus gefendet worden. ,Wenn (fo)
die Lücken, welche einerfeits die Paulusbriefe im Leben
des Titus flehen laffen (eine wunderliche Ausdrucksweife
!) und welche andererfeits die AG. in ihren Wirftücken
aufzeigt, ausgefüllt werden, und dabei zugleich
die beiderfeitigen Einzeldaten zu einem einheitlichen,
in fich abgerundeten Gefchichtsbilde fich gegenfeitig ergänzen
und zufammenfchlicfsen, fo darf dies wohl als
Probe gelten für die Richtigkeit der ganzen gefchicht-
lichen Anfchauung'. Kein Vorfichtiger wird hierin irgend