Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1881 Nr. 3

Spalte:

52-54

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gelbhaus, S.

Titel/Untertitel:

Rabbi Jehuda Hanassi und die Redaction der Mischna, eine kritisch-historische und vergleichend-mythologische Studie 1881

Rezensent:

Strack, Hermann L.

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

5i

Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 3.

52

Jahrtaufenden von fo reichen Goldminen in jenen Gegenden
Nichts bekannt geworden, obwohl fich eine Sage
von arabifchem Goldreichthume bis in die römifchen
Kaiferzeiten erhalten hat?

Es mag fein, dafs es feit Jahrtaufenden dort kein
Gold mehr giebt. Auch in Lydien, wo Gyges und
Kröfus unermefsliche G°ldfchätze aus dem Tmolus und
im Pactolus gewannen, auch in Phrygien, wo ein einzelner
König Pythios in kurzer Zeit für 88 Millionen Mark Gold
ausbeutete, ift jetzt kein Gold mehr. Auch die Goldfelder
des weltlichen Spaniens find erfchöpft, und in
Californien find in wenigen Jahren die Goldfelder ausgebeutet
. Wenn durch Wafferkraft in langen Jahrtaufenden
das Gold aus den Gebirgen in den Sand der Ufer
und Tiefebenen hinabgefchwemmt wird, fo liegt es in
grofsen Maffen, leicht gewinnbar. Aber eine energifche
Ausbeutung erfchöpft fehr fchnell diefe Lager, fo dafs
die weitere Bearbeitung nicht mehr die Kotten deckt.

Dafs aber in jenen Gegenden Arabiens folche ,cali-
fornifche' Goldfelder gewefen find, das wiffen wir, um
von Ezechiel und Plinius zu fchweigen, aus Agatharchides,
deffen aus den königlichen Archiven Aegyptens gefchöpfte
Nachrichten Strabo, Diodor und Photius uns erhalten
haben. Er weifs im Gebiete der friedlichen aber unci-
vilifirten Debai'von Flüffen, die Goldfand führen, weifs,
dafs die Bewohner dort das Gold gediegen in Klumpen
von der Gröfse des Fruchtkerns bis zu der der Wallnufs
finden, und es zu billigftem Preife gegen Eifen und Silber
eintauschen.

So ergiebt fich folgende Vermuthung. Die reichen
Goldfelder an diefer Külte, wo die Bäche im Gebiete
der Debai diefelben angefchwemmt hatten, waren vor
Salomo bekannt und vorwiegend von den Nachbarn, den
Sabaeern, ausgebeutet, deren Schätze daher erklärlich
find. Diefe Ausbeutung hatte aufgehört, als die erlten
Felder erfchöpft waren und man in das Gebiet der ftreit-
baren und wilden Alilaeer hätte eindringen müffen. Das
zu thun vermochte nur ein mächtiger Monarch, dem es
weder an Kriegern noch an Bergarbeitern mangelte. Salomo
befafs beides. Sein Hafen am rothen Meere und
feine Beziehungen zu den Phöniken boten ihm die Mittel,
in wenigen Wochen eine Expedition an jene Kütten zu
werfen, die unter ausreichendem militärifchen Schutze in
einigen Jahren die reichen Goldlager ausbeutete. Die
phönikifchen Schiffer werden indeffen die Zufuhr beforgt
und Handel getrieben haben, wobei die indifchen Thiere
und Gewächfe, fei es in Arabien, fei es in Indien, leicht
erworben und von den Israeliten angekauft werden konnten.
Der Ertrag der Unternehmung war fehr grofs, doch
lange nicht gleich dem des Kröfus, der allein für
mehr als 15 Millionen Mark von feinem Gewinne an das
Heiligthum weihte.

Bei diefer Betrachtungsweife verlieht man auch die Erzählung
von dem grofsartigen Goldgefchenke der Königin
von Saba nach Jerufalem. Der fromme Sinn des Alterthums
fühlte fich getrieben, von unverhofftem Götter-
fegen der Gottheit einen Antheil, meiftens den Zehnten,
zu geben. Das aber war bei folchem Goldgewinne mehr
als bei anderem Segen motivirt. So hat fchon Gyges
unermefsliche Goldfchätze nach Delfi geweiht, — fo
Kröfus in noch höherem Mafse. Und man weihte nicht
immer der heimifchen Gottheit, fondern etwa einem fremden
berühmten Pleiligthume des Gottes, welchem man
den Segen zufchrieb. Nach diefer echt antiken Denkart
weihte Gyges fein Gold nach Delfi, Kröfus das feinige
nach Delfi und an das Heiligthum des Amphiaraos,
während von dem Volksgewinne ein Weihgefchenk an
den Apollotempel von Didymai bei Milet ging. So wird
die Königin von Saba den Zehnten ihres Gewinnes aus
den Goldfeldern Ofirs im Betrage von 120 Kikkar Gold
(höchftens 13 Millionen Mark, alfo lange nicht dem Weih-

gefchcnke des Kröfus entfprechend), dem Hciligthume
des Himmelsgottes geweiht haben, welches damals, ge-
wifs weithin berühmt, in Jerufalem durch Salomo gebaut
ward.

Göttingen. H. Schultz.

Gelbhaus, Rabb. Pred. Dr. S., Rabbi Jehuda Hanassi und die
Redaction der Mischna, eine kritifch-hiftorifche und ver-
gleichend-mythologifche Studie. Wien 1876 (gedruckt
1880), Druck von G. Brög. (98 S. 8.)

Die gewöhnlichen Drucke der Talmude und der
Midrafche berichten fo wenig von Jefu und dem Ur-
chriftenthum, dafs man leicht zu derMeinung kommen
kann, das Wirken des Heilandes und die Lehre feiner
Apoftel wie der Apoftelfchüler hätten auf den erheblich
gröfseren Theil des Volkes Israel, nämlich faft alle nicht
direct für den Glauben an den erfchienenen Meffias Gewonnenen
, gar keinen Einflufs ausgeübt; und in der
That ift diefe Meinung mehrfach, namentlich von jüdi-
fcher Seite, ausgefprochen worden. Dafs fie dennoch irrig
ift, kann ohne einen hier nicht ftatthaften längeren Ex-
curs über die Bedeutung des Wirkens Jefu und das
Wefen des Urchriftenthums nicht vollftändig erwiefen
werden; wir befchränken uns an diefer Stelle erftens auf
die Bemerkung, dafs angefichts des nachweisbar fehr
mannigfachen und häufigen Einwirkens äufserer Ein-
flüffe auf das Vielen für ganz exclufiv geltende Juden-
thu Unbeeinflufstbleiben desfelben durch das in

feiner Mitte entftandene Chriftenthum (dem in nur drei
Jahrhunderten das mächtige römifche Reich erlag) an
fich höchft unwahrfcheinlich ift, und zweitens auf die
Andeutung, dafs bei forgfältiger, mit Hülfe der älteften
Drucke und handfehriftlicher Zeugnifsc zu veranftalten-
der Befeitigung der von der Cenfur oder aus Furcht vor
ihr gemachten Aenderungen die Zahl der Berührungen
mit in Paläftina lebenden Chriften fich vergröfsert und
die Fälle von (allerdings meift polemifcher) Rückficht-
nahme auf fie fich vermehren.

Hr. Gelbhaus hat richtig erkannt, dafs eine Einwirkung
des alten paläftinifchen Chriftenthums auf das dortige
Judenthum ftattgefunden haben müffe, und bemüht fich,
an dem Beifpiel des berühmten Mifchna-Redacteurs
Rabbi Jehuda die Art diefer Einwirkung zu zeigen. ,Als
R. Jehuda nach Innen und nach Aufsen feine Stellung bc-
feftigt und nach allen Richtungen hin feinen Einflufs
geltend gemacht hatte, konnte er feine ganze Aufmerk-
famkeit dem für das Judenthum fich immer drohender
geftaltenden Chriftenthum zuwenden' (S. 80). Seine
hieraus fich ergebende Thätigkeit erftreckte fich nach
den Ausführungen des Verf.'s (S. 67. 80—91) auf folgende
Punkte: 1) Er bemühte fich, ,der in allen Schichten der
Gefellfchaft um fich greifenden Armuthsfucht und der
mit ihr verbundenen Gütergemeinfchaft zu Heuern', indem
er, der reichfte Mann Judäa's, durch Wort und That
den Reichthum zu Ehren zu bringen fuchte; 2) er fetzte
feine Abkunft vom König David der Davidifchen Ab-
ftammung Jefu als Gegengewicht entgegen; 3) damit
man chriftliche Lehrer von rabbinifchen unterfcheiden
könne, verbot er den jüdifchen Lehrern auf öffentlichen
Plätzen Vorträge zu halten; 4) den Neumond liefs er
nicht mehr durch Bergfeuer ankündigen, fondern durch
Boten, welche natürlich nur an die rabbinifchen Gemeinden
, nicht an die judenchriftlichen, gefchickt wurden;
5) er fchlofs die Judenchriiten durch eine Halacha völlig
aus dem Verbände des Judenthums aus und fprach
ihnen 6) die Sündenvergebung ab; 7) Jefu Grundfätzen
und Lehren fetzte er andere entgegen [vgl. z. B.
,Machet Platz dem Befitzer von 200 Minen' mit
Matth. 19,23. Luc. 16]; 8) ,endlich, um dem durch die
Niederfchrift der Evangelien vom Chriitenthume gewonnenen
literarifchen Uebergewichte ebenfalls die Wage