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Ausgabe:

1881

Spalte:

43

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rinck, Heinr. Wilh.

Titel/Untertitel:

Bileam und Elisa, Propheten-Gabe und Propheten-Gestalt. Schrift-Betrachtungen 1881

Rezensent:

Fay, Friedrich Rudolf

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Scharfblick durchgeführte Charakteriftik innerlicher Ge-
müthszuftände, die Fülle des herbeigezogenen Materials
aus allen dem Gebildeten zugänglichen Gebieten laffen
fich in der Kürze nicht mit Beifpielen belegen. Die Hauptwirkung
diefer Predigten liegt aber nicht in diefen einzelnen
Vorzügen, fondern vor Allem in der rückhaltlofen
Wahrhaftigkeit, mit der der Redner die Gewiffen feiner
Zuhörer zwingt, (fich felber mit einfchliefsend) die von
ihm vertretene Wahrheit anzuerkennen. Soll Ref. kurz
den Eindruck, den die Predigten auf ihn gemacht haben,
zufammenfaffen, fo kann er in Bezug auf diefelben nur
wiederholen, was einmal Ludwig XIV zu einem furcht-
lofen Prediger gefagt haben foll: ,Wenn ich die beiden
Anderen höre, fo bin ich mit ihnen zufrieden; wenn
ich aber Dich höre, fo bin ich mit mir felber unzufrieden
'. Wer darin einen Vorzug einer Predigt fieht,
den möchte Ref., einerlei ob Geiftlicher oder Laie, auffordern
, diefe Sammlung nicht ungelefen zu laffen.

Nuffe. H. Lindenberg.

Rinck, Paft. Heinr. Wilh., Bileam und Elisa, Propheten-Gabe
und Propheten-Geftalt. Schrift-Betrachtungen. Bafel
1880, Riehm. (VIII, 285 S. gr. 8.) M. 3. —

Wenn der geehrte Verfaffer, der namentlich durch
feine bereits in dritter Auflage erfchienene Schrift ,Vom
Zuftand nach dem Tode' wohl bekannt ift , in dem hier
zu befprechenden Werke Bileam und Elifa neben einander
ftellt, fo hat ihn dabei ein fehr ernfter Gedanke geleitet.
Er hat es nämlich deshalb gethan, ,damit der Unterfchied
zwifchen Propheten-Gabe und Propheten-Geftalt in die
Augen fpringe'. Ref. will nicht unterlaffen, zuzugeftehen,
dafs diefer Zweck erreicht ift, denn mit kundiger Hand
ift einerfeits Bileam, der Sohn Beor's, in fechs Schriftbetrachtungen
, anderfeits der Prophet Elifa in fünfzehn
Schriftbetrachtungen gezeichnet. ,Es fpringt' dem auf-
mtrkfamen Lefer, der durch die einfache, aber gerade in
ihrer Einfachheit anfprechende Darftellungsweife fich gern
feffeln läfst, wirklich ,in die Augen', dafs der feinem
Charakter nach unlautere Bileam nur die ,Propheten-
Gabe' befitzt, während Elifa als eine volle und ganze
,Propheten-Geftalt' zur Anfchauung gebracht wird.

Der Bibeltext, welcher den einzelnen Abfchnitten
vorgedruckt fich findet, ift der lutherifche, jedoch mit
angemeffenen Verbefferungen, die, wenn Ref. richtig ge-
fehen, vielfach Dr. J. F. von Meyer folgen. Für die
Exegefe ift Lange's Bibelwerk vorherrfchend, aber
durchweg in freier und felbftändiger Art benutzt. Der
eigenthümliche Standpunkt des Verfaffers, ein kräftiger,
biblifcher Realismus, kommt überall zur Geltung. Es
wird daher confequent alles, was auch nur entfernt an
Rationalismus anzuklingen fcheint, energilch abgewiefen.
Bileam's Efelin hat wirklich geredet (S. 19—22) und
Elifa's Diener .fchaute Realitäten, wirkliche Feuer-Wagen
und Feuer-Rolfe' (S. 220), wofür I Kor. 15,40 zur Begründung
angeführt wird! Ref. vermag diefe Anfchauung
nicht zu theilen, hält mit J. P. Lange für den einen, mit
Bahr für den andern der angeführten Fälle an der fym-
bolifchen Deutung feft, glaubt aber, trotz diefer Meinungs-
verfchiedenheit, die Schriftbetrachtungen Rinck's über
Bileam und Elifa als eine lehrreiche und zugleich erbauliche
Leetüre empfehlen zu dürfen.

Crefeld. F. R. Fay.

j Sperber, Sem.-Dir. Ed., Pädagogische Lesestücke aus den
wichtigsten Schriften der pädagogischen Classiker. Als

Unterlage für den Unterricht in der Gefchichte der
Pädagogik und zur Förderung der Privat-Lectürc
für evangelifche Seminare unter Mitwirkung des
Reg.-R. Fr. Schultz hrsg. 4. Heft. Die Claffiker der
Griechen, Römer und des Mittelalters. Gütersloh
1879, Bertelsmann. (III, 246 S. gr. 8). M. 2. 4c.

Mit diefem vierten Bändchen ift die Sammlung
pädagog. Lefeftückc, welche mit vielem Beifall aufgenommen
worden ift, gefchloffen. Sie befolgt eine um-
j gekehrte Reihefolge, als fonft die Gefchichte der Pädagogik
zu beobachten pflegt. Das Alterthum und Mittel-
I alter kommt zuletzt und wir können folches nicht tadeln,
I obgleich Schumann in feiner päd. Chreftomathie mit den
antiken Völkern begonnen hat. Die Betrachtung der
hervorragenden Pädag. neuerer Zeit ift jedenfalls für die
Seminariften und für die Lehrer an der Volksfchule
wichtiger als die des Altcrthums und Mittelalters; doch
fördert auch das Studium diefer das Verftändnifs jener.
. Die nicht klaffifchen Völker des Alterthums hat Sperber
j übergangen, während Schumann auch von diefen umfangreiche
Abfchnitte mitgetheilt hat. Von den Römern
I ift nur Quinctilian und Sueton vertreten. Von den Kirchen-
j vätern haben Origenes, Bafilius d. Gr., Hieronymus und
I Auguftin Beiträge geliefert. Das Mittelalter ift reichlich
vertreten und nimmt die gröfsere Hälfte diefes Heftes
ein. Auch von anderer Seite hat man erkannt, dafs
auch diefe Zeit eine nicht zu verachtende päd. Ausbeute
liefert. Darum hat auch Seminarlehrer Schütze in
Eifenach eine Auslefe aus den Werken der Pädagogik
des Mittelalters in einzelnen Heften veröffentlicht. Natürlich
hat der Herausgeber nicht daran gedacht, was er
mitgetheilt hat, auch jetzt noch als muftergültig zu empfehlen
; wenigftens könnte das nur cum granp salis ge-
fchehen. Am wenigftens möchte wohl der geehrte Herausgeber
die mönchifche Erziehungsweife des Hieronymus
als muftergültig hinftellen, während deffen Vor-
fchriften über das Lefen der h. Schrift viel Beherzigens-
werthes enthalten. Was Quinctilian über den Vorzug
des Unterrichts in öffentlichen Schulen vor dem häuslichen
fagt, hat auch noch heute feine Gültigkeit. Dagegen
glauben wir nicht, dafs die Mittheilungen Sueton's
über berühmte Grammatiker für Seminariften und Lehrer,
die aus Seminarien hervorgehen, von Intereffe feien; wir
würden diefen Abfchnitt wenig vermiffen. Dafs in dem
Dunkel des Mittelalters auch leuchtende Meteore er-
fchienen find, beweift der berühmte Gerbert, weswegen
wir es vollkommen billigen müffen, dafs über deffen
wiffenfehaftliche Leiftungen Ausführliches mitgetheilt
wird. Er verfertigte z. B. eine Kugel, um den Lauf der
Planeten darzuftellen, und eine andere, welche dazu diente,
die Sternbilder kennen zu lernen. Unteren Zeitgenoffen
möchten wir einen Ausfpruch von Hugo v. St. Victor
zur Beherzigung empfehlen. S. 164 heifst es: ,Mir fcheint
die Sorge nicht von geringerer Wichtigkeit, den Schüler
abzuhalten, dafs er feine Kraft in unnützen Dingen
verfchwendet, als die, dafs er lebendig bleibt bei einem
guten und nützlichen Vorfatze.' S. 170 fagt derfelbe
Verf.: ,Wir müffen darum bei jeder wiffenfehaftlichen
Arbeit etwas Kurzes und Gewiffes fammeln, was wir
in dem Schatzkäftlein des Gedächtnifses verbergen,
aus dem wir es nachher, wenn es nöthig ift, wieder
heraus nehmen können. — — — Deshalb freue
dich, o Lefer! nicht zu fehr, wenn du viel gelefen,
fondern wenn du viel verftanden, und nicht nur verstanden
haft, fondern auch behalten kannft. Sonft nützt
weder das Lefen viel, noch auch das Verftändnifs.'
Fall noch nachdrücklicher empfiehlt Plutarch die Uebung
des Gedächtnifses. Er fagt u. A.: ,Nie follen Väter
vergeffen, dafs das Gedächtnifs ein wefentlicher Theil