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Ausgabe:

1881 Nr. 22

Spalte:

532

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Funcke, O.

Titel/Untertitel:

Seelenkämpfe und Seelenfrieden. Predigten 1881

Rezensent:

Lindenberg, H.

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Seite 1

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53i Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 22. 532

Motivirung geben wird. — Dafs die ganze Schrift durch
den charaktervollen Ernft, welcher fie beherrfcht, und
durch die im beften Sinne originelle und anregende Art,
wie der Verf. feine Gedanken durchgeführt hat, ungemein
anziehend auf den Lefer wirkt, möchte Ref. am
Schluffe diefer Anzeige befonders hervorzuheben nicht
unterlaffen.

Göttingen. H. Wendt.

Ehrenhauss, Paft. M., Die neuere Philosophie und der christliche
Glaube in ihrem Verhältnifse aus den Quellen
dargelegt. Wittenberg 1881 , Wunfehmann. (160 S.
gr. 8.) M. 2.40.

Pfarrer Ehrenhaufs hat feine Schrift einem feiner
Freunde, der Fabrikbefitzer ift, gewidmet, und diefelbe
hat einen apologetifchen Zweck. Sie will in wiffenfehaft-
licher Begründung den ,Zufammenklang' von Philofophie
und Glauben darlegen. Die erftere definirt der Verf. als: ,das
menfehliche Nachdenken der göttlichen Gedanken, der
göttlichen Werke und der göttlichen Realitäten (Gottes
felbft)' und fucht den Nachweis für die Richtigkeit diefer
Definition dadurch zu führen, dafs er jeden von den nam-
hafteften Philofophen den Inhalt eines feiner Hauptwerke
mit feinen eigenen Worten vortragen läfst, während er
felbft fich auf verbindende, vergleichende, und beur-
theilende Bemerkungen' beschränkt. Mit Anfelm wird
begonnen, und diefem folgen: Cartefius, Spinoza, Leibnitz
, Locke, Hume, Kant, Fichte, Schelling, Herbart,
Hegel.

Unferes Erachtens ift es dem Verf. wohl gelungen,
die Hauptgedanken jedes der von ihm berückfichtigten
Syfteme für folche Gebildete, die philofophifchen Fragen
nicht ganz fremd geblieben, kurz und doch verftändlich
darzuftellen, und die von ihm befolgte, mehr referirende
Methode befitzt für diefen Zweck unleugbare Vorzüge.
Was feine eigenen Bemerkungen betrifft, fo hätten die-
felben vielleicht hie und da etwas ausführlicher fein
können.

Es lag in der Aufgabe, die Ehrenhaufs fich geftellt,
in den Gedankenreihen der einzelnen Philofophen die
dem chriftlichen Glauben zugewendeten vorzüglich hervorzuheben
, und er verdient deshalb keinen Tadel, dafs
er z. B. bei Kant auch die ,Religion innerhalb der Grenzen
der blofsen Vernunft', bei Fichte die ,Anweifung
zum feiigen Leben', bei Schelling die ,Philofophie der
Offenbarung' ausführlicher, als es in den verbreitetften
kurzen Darftellungen der Gefchichte der Philofophie zu
gefchehen pflegt, zu Worte kommen läfst. Gegenüber
dem weitverbreiteten Vorurtheil, dafs das wiffenfehaft-
liche Denken an der Frage nach Gott vorüberzugehen
habe, war es gewifs am Platze, möglichft deutlich zu
zeigen, welchen bedeutenden Raum diefe Frage auch in
der Wiffenfchaft immer eingenommen hat. Vielleicht
hat der Verf. die Uebereinftimmung zwifchen dem philofophifchen
Denken, wie es fich bis zur Gegenwart vollzogen
hat, und dem Inhalt der chriftlichen Glaubenslehre
etwas überfchätzt — namentlich fcheint dies der j
Fall in der Befprechung der Schelling'fchen Offenbarungs- |
philofophie — allein im Wefentlichen ift fein Urtheil
nüchtern und befonnen, und wir können nur wünfehen,
dafs er in dem Kreife, an den er zufolge der Widmung
feiner Schrift vorzüglich gedacht haben wird, recht zahlreiche
Lefer finde.

Lennep. Lic. Dr. Thönes.

Laurier, Pfr. Fr. W., Die geschichtliche Nothwendigkeitdes
ChristenthuitlS. Ein Vortrag in erweiterter Form für
Gebildete. Karlsruhe 1881, Reuther. (V, 86 S. gr. 8.)
M. 1.20.

Der Verfaffer behandelt in feinem Vortrage 1) das
Chriftenthum als Religion der Frlöfung und die voll- 1

endete Religion; 2) das Heimathland Chrifti und die Gefchichte
feines Volks; 3) die Entwickelung des religiöfen
Geiftes im Judenthum; 4) die meffianifchen Hoffnungen
Ifraels; 5) die jüdifche Diafpora; 6) die religiös-Sittlichen
Zuftände im römifchen Reich; J) das Auftreten Jefu als
des Meffias. Sein theologifcher Standpunkt ift der der
liberalen Theologie, in der Form, wie fie heute wohl
von der Mehrzahl der Geiftlichen in Baden und der Pfalz
vertreten wird. Die Form der Darfteilung ift gewandt,
I die Sprache edel-populär, und wir zweifeln nicht, dafs
I die Ausführungen Laurier's dem Bedürfnifse mancher
j Gebildeten in unferem Volke, die fich mit den gröfseren
[ Werken , welche das Leben Jefu und die neuteftament-
liche Zeitgefchichte behandeln, nicht bekannt machen
können, entgegenkommen.

Lennep. Lic. Dr. Thönes.

Funcke, Paft. O., Seelenkämpfe und Seelenfrieden. Predigten
. Bremen 1881, Müller. (XV,.363 S. 8.) M. 3. —

Funcke's befondere Gabe und Art ift jetzt bereits fo
I allgemein bekannt, dafs eine Charakteriftik derfelben nur
i oft Gefagtes wiederholen würde. Dafs der Verfaffer der
1 ,Reifebilder', des ,Apoftel Paulus' u. f. w. fich auf der
i Kanzel ebenfo giebt wie in feinen Schriften, wird keinen
Kenner derfelben überrafchen. Funcke hat unleugbar eine
befondere Gabe, die nicht für Alle fein mag, aber Vielen
gerade das bietet, wonach fie verlangen. Auch in
diefen Predigten, von denen die erften fieben Davids Fall
und Umkehr, die letzten elf die Gefchichte des Elias behandeln
, zeigt fich die Virtuofität des Verfaffers, gefchicht-
liche Situationen lebendig auszumalen, mit fchneller Ideen-
1 affociation die Uebergänge in die Praxis zu finden und auf
Grund feiner pfychologifcher Beobachtung feelforgerifchc
Winke zu geben und ins Gcwiffen zu reden, in glänzendem
Lichte. Als homiletifche Mufterftücke wollen diefe
Predigten nicht angefehen fein. In Bezug auf Thema
und Gliederung verfährt der Verf. mit ziemlicher Unge-
bundenheit. Mehrfach werden nur die einzelnen Momente
der Gefchichte herausgehoben, z. B. Predigt 11: Das
Gottesurtheil auf Karmel. 1) die Begegnung Elias' mit
Ahab. 2) die Volksverfammlung auf dem Berge. 3) des
Elias Anklage u. f. w. 4) Jehova's Antwort. In andern
Predigten wird im erften Theil die Textgefchichte
draftifch ausgeführt, im zweiten die perfönliche Anwendung
gemacht, z.B. Predigt i: ,Der Mann ift des
Todes'. 1) eine äufsere Gefchichte. 2) eine innere Gefchichte
, oder Predigt 2: ,Du bift der Mann'. Wir achten
: I) auf die unvermuthete Wendung und machen 2)
eine ehrliche perfönliche Anwendung. In dem Beftreben,
den fchwerfälligen Kothurn der vielfach üblichen Kanzel-
fprache zu vermeiden, geht der Verf. hie und da etwas
zu weit. Wendungen wie diefe: ,oder die noch gröberen
Sünden von Peter und Paul müffen als Fntlaftungszeugen
aufmarfchiren' (S. 15 bei Bekämpfung der Selbfttäufch-
ung) oder: ,Nur ein Fundament bleibt, das heifst: Jefus
nimmt die Sünder an. Punktum!' (S. 93) oder: ,es mag
in feinem (des Elias) Herzen allerlei Rumor gegeben
haben' (S. 159) und ähnliche fcheinen dem Ref. doch
über das Mafs des Erlaubten hinaus zu gehen. Doch
das find Einzelheiten, die bei der Beurtheilung des Ganzen
nicht ins Gewicht fallen. Nur wer in dem Vorurtheil
befangen ift, die hergebrachte homiletifche Methode fei
der unfehlbare Weg, das göttliche Wort zu verkündigen,
wird die Bedeutung diefer Predigten verkennen können.
Vom Standpunkt der Praxis aus kommt es mehr darauf
an, dafs eine Wirkung erzielt wird, als darauf, auf welchem
Wege fie zu Stande kommt. Und dafs diefe Predigten
fchon, als fie gehalten wurden, ihre Wirkung
gethan und nun, nachdem fie gedruckt vorliegen, Vielen,
namentlich Solchen, die noch fuchen, ein treuer Wcg-
weifer fein werden, daran hegt Ref. nicht den minderten
Zweifel. Nuffe. H. Lindenberg.