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1881 Nr. 20

Spalte:

483-485

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Pädagogischer Jahresbericht von 1879. Bearbeitet und hrsg. von Friedr. Dittes. 32. Jahrg 1881

Rezensent:

Strack, Carl

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Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 20.

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die wichtigften ftaatlichen und pädagogifchen Einrichtungen
laffen erkennen, dafs ein grofser Theil der Lehrervereine
auf Abwege gerathen ift, welche eine wirkliche
Gefahr für die gedeihliche Entwickelung unferes Volks-
fchulwefens in fich tragen. Wir haben gerade diefe
Stelle in extenso mitgetheilt, weil fie beweift, dafs der
Herausgeber auch das, was feinen Anflehten widerfpricht,
nicht verfchweigt. Zugleich zeigt aber auch die Umhüllung
des Mitgetheilten, dafs die Mittheilung felbft
eine Polemik dagegen enthält. Der Herausgeber bezeichnet
den ganzen Erlafs als ein ,Charakterifticum der jetzigen
Unterrichtsverwaltung'.

Ebenfo trägt, was über die Simultanfchule gefagt
ift, die Lobrede derfelben in fich. Andere Befprechun-
gen betreffen die Schulhygieine, die Mädchenbildung,
die Verwendung von Lehrerinnen, welche die Lehrervereine
auf ein möglichft geringes Minimum zurückgeführt
wiffen möchten. Man hat die Trennung des Schul-
minifteriums vom Cultusminifterium verlangt; letzteres
fei nach der jetzigen Stellung des Staates zur Kirche
überflüfüg; was es allenfalls noch zu thun habe, könne dem
Minifterium des Innern überwiefen werden. Gerade die
Verbindung des Schulminifterium mit dem des Cultus
verhindere den Erlafs eines Schulgefetzes in Preufsen.

Doch wir können nicht alles erwähnen, was in dem
vorliegenden Jahrgange behandelt wird. Wir fügen nur
noch hinzu, dafs auch über die auswärtigen Schulver-
hältnifse manches Intereffante mitgetheilt wird. So über
den Kampf der belgifchen Bifchöfe gegen das neue
Schulgefetz, über das Gefetz betreffend den Schulzwang
in Frankreich, die Anlagen von Schulbibliotheken da-
felbft, die Einführung der fchönen Künfte in Volks-
fchulen u. f. w.

Eine Stelle aus dem Bericht über England können
wir nicht unterdrücken. ,Ungeachtet aller Reglements
von oben find die Schulen überfüllt, und ift noch grofser
Mangel an geeigneten Schullocalen. Das günltige Ver-
hältnifs in England l) kommt jedenfalls daher, dafs der
freie Sinn der englifchen Regierung auch die Kirche
Schule halten läfst. So befitzt das Land Schulhäufer die
Fülle, die zum grofsen Theil dem Staat nichts koften.
Anderwärts, wo das Schulmonopol herrfcht, werden
zwar koftfpielige Schulpaläfte aufgeführt; allein dennoch
bleibt die Befchaffung paffender Schulräume eine Bändige
Verlegenheit und eine ftändige Laft in vielen Gemeinden
. Nach Lord Hamilton hat fich die Zahl der
die Elementarfchule befuchenden Kinder während der
letzten 8 Jahre verdoppelt, dadurch find aber die Koften
des unteren Schulwefens verhältnifsmäfsig gewach
fen u. f. w.

Die ftatiftifchen Angaben über Oefterreich und die
Schweiz find fehr ausführlich und genau.

Wer fich über den Stand des modernen Volksfchul-
wefens aufklären will, dem bietet alfo die vorliegende
Schrift ein geeignetes Hilfsmittel dar.

Lang-Göns. K. Strack.

Pädagogischer Jahresbericht von 1879. Bearbeitet und hrsg.
von Dir. Dr. Friedr. Dittes. 32. Jahrg. Leipzig
1880, Brandftetter. (XII, 819 S. gr. 8.) M. 10. —

Der vorliegende Band des Päd. Jahresberichtes be-
fpricht in fchon früher mitgetheilter Weife und in dem-
felben liberalen Geilte die Angelegenheiten des Volks-
fchulwefens in Deutfchland, Oefterreich-Ungarn und der
Schweiz. Er unterfcheidet fich von der oben von
uns angezeigten ,Schulchronik' von Seyffarth fchon
dadurch, dafs er nicht wie diefe auch die aufserdeut-
fchen europ. Länder, fowie die Hauptftaaten anderer
Erdtheile befpricht, und doch ift fein Umfang bedeutend

1) Es giebt dafelbft für 3,400,000 fchulpflichtige Kinder 3,950,000
Schulplätze (? Die Red.).

I gröfser; das kommt daher, dafs er über die einzelnen
[ pädag. Disciplinen, ihren Stand in der Gegenwart fowie
die betreffende Literatur fehr ausführlich berichtet. Die
| Mitarbeiter find meiltens diefelben geblieben. Die Pä-
I dagogik im allgemeinen ift von dem Herausgeber felbft
' bearbeitet, der Religionsunterricht von Pfr. Dr. Fels-
I berg zu Senneborn bei Gotha, die Naturkunde von Dr.
| C. Rothe, Prof. an der Staats-Realfchule des VII. Be-
j zirks zu Wien (fehr ausführlich), die Mathematik von
Jof. Haberl, Prof. in Wien, die Geographie von Dr.
• Oberländer, Seminar-Director in Pirna, die Literaturkunde
und Gefchichte von Albert Richter, Schul-
director in Leipzig, das Zeichnen von Fedor Flinzer,
Oberlehrer an der Realfchule I. Ordnung und ftädt.
| Zeicheninfp. zu Leipzig, Lefen und Schreiben fowie
! deutfeher Sprachunterricht von Dr. FI. O. Zimmermann
, Schuldirector in Leipzig. Englifcher und fran-
zöfifcher Sprachunterricht von G. N. Haufchild, Lehrer
J am Gymnaf. zu Frankf. a. M., Jugend- und Volksfchrif-
ten von B. Lüben zu Bremen. Ueber die Entwicke-
lungsgefchichte der Schule in Deutfchland hat A. Klein-
fchmidt, Seminarlehrer in Friedberg, berichtet; über
Oefterreich Theod. Eckardt, Schuldirector in Wien
(IV), über Ungarn Dr. V. Emericzy, Seminardirector zu
j Iglö (Ungarn, Zips), über die Schweiz Seminardirector
Morf in Winterthur. Diefe Berichte find durchgängig
fehr ausführlich, namentlich was ftatiftifches Material betrifft
; letzteres gilt befonders von denen über Oefterreich
und Ungarn. Wir glauben, in denfelben ift mitunter
des Guten zu viel gefchehen, namentlich bietet die
S Aufzählung der einzelnen Lehrervereine für den ferne
j Stehenden kaum ein Intereffe dar. Ob die ftatiftifchen
j Angaben alle zuverläffig find, mufs Ref. dahingeftellt
j fein laffen, da ihm eine fichere Norm zur Beurtheilung
j fehlt. In Oefterreich und theilweife auch in Bayern ift
der befonders von klerikaler Seite geführte Kampf gegen
den achtjährigen Schulbefuch zu erwähnen, wie überhaupt
eine Reaction gegen das liberale Schulgefetz nicht
ohne Erfolg an den Tag tritt. Auch anderwärts zeigt
fich diefe Unzufriedenheit. Wir führen eine Stelle aus
dem Berichte Kleinfchmidt's über Deutfchland an: ,Die
fchul- und lehrerfreundliche Gefinnung, deren belebender
Hauch in einem grofsen Theile des deutfehen Volkes
wehte und der Entwickelung des vaterländifchenSchulwefen
auf lange Zeit hinaus der mächtigfte Förderer zu werden
verfprach, fcheint leider vielfach ins Gegentheil umzu-

| fchlagen.--Die Schule kann nur verbeffert werden,

I indem man den Lehrerftand fördert; das Letztere aber
j auch in äufserer Hinficht nachdrücklich zu thun, find
I felbft in den zahlreichften parlamentarifchen Körper-
i fchaften nur verfchwindend Wenige bereit. Woraus erklärt
fich diefer befremdliche Umfchwung? Sind die
Lehrer nach irgend welcher Richtung fchlechter geworden
? Leiften die Schüler weniger als in früheren Jahren?
Beides kann nur vollftändige Unkenntnifs der wahren
Sachlage oder ungerechte Parteileidenfchaft behaupten.
Trotzdem läfst fich das Vorhandenfein einer weitverbreiteten
Mifsftimmung gegen Schule und Lehrerfchaft
leider nicht ableugnen, ja, diefe Mifsftimmung ift in
manchen Kreifen zu einem ingrimmigen Haffe aufge-
wachfen.'

Wir ftimmen nun den mitgetheilten leidenfchaft-
lichen Ausfällen des fränkifchen Volksblattes, des baye-
rifchen Abgeordneten Sepp, fowie des elfäffifchen Reichstagsabgeordneten
Winterer keineswegs bei; wir halten
es für eine Uebertretung des 8. Gebots, wenn das frän-
kifche Volksblatt die ,moderne Volksfchule als eine
Peftbeule am Staatskörper, und die vom Staate felbft
mit fo grofsem Koftenaufwand erzogenen Lehrer grofsen-
theils als Pioniere jener Parteien, die fich gegen den
Stand der modernen Gefellfchaft richten', bezeichnet.
Aber wir glauben, die Schule hat Urfache fich ernftlich
die Frage vorzulegen, ob fie nicht diefe Mifsftimmung