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Ausgabe:

1881 Nr. 20

Spalte:

477-479

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kramer, Gust.

Titel/Untertitel:

August Hermann Francke. Ein Lebensbild. 1. Thl 1881

Rezensent:

Weizsäcker, Carl

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Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 20.

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Allein es kommt in jener Zeit in Bezug auf literarifches
Eigenthum ein noch viel harmloferes Verfahren vor.
Beifpielsweife fchliefst der Eisleber Prediger C. Güttel
eine 1528 gedruckte Predigt mit Verkündigung eines
,himmlifchen Ablafsbriefes', den man dem Contexte nach
durchaus für ein von ihm felbft verfafstes Schriftftück
halten würde, wenn diefer Ablafsbrief nicht fchon wörtlich
gleichlautend am Schluffe einer Predigt des Urban
Regius von 1523 zu finden wäre.

Klemzig. Kawerau.

Kramer, Geh. Reg.-R. D. Guft, August Hermann Francke.

Eto Lebensbild. Ii Tbl. Halle 1880, Buchh. d.
Waifenh. (XII, 304 S. m. Portr. in Stahlft. gr. 8.)
M. 4. 80.

Dafs der Verf,, dem wir bekanntermafsen erhebliche j
Beiträge zu der Kenntnifs Francke's durch Quellenmittheilung
und Richtigftellung von Thatfächlichem ver-
danken, die vollftändige Ueberficht über den Stoff haben 1
würde, um eine Biographie Francke's zu fchreiben, war
theils nach diefen Leiftungen, theils nach feiner früheren j
Stellung als Director der Francke'fchen Stiftungen, die I
ihm vollkommenen Einblick in das Quellenmaterial gewährte
, aufser Zweifel. Ebenfo auch dafs es ihm dabei
leicht fein würde, unrichtige Ueberlieferungen und Dar-
ftellungcn in diefem und jenem zu verbeffern. Endlich
nicht weniger, dafs er diejenige Liebe zu dem Gegen-
ftande befitzt, die doch zuletzt allein befähigt, fich in
denfelben zum hinreichenden gefchichtlich.cn Verftänd-
nifs, auch wo es fich nicht um eine ferne Vergangenheit
liandelt, einzuleben und denfelben mit Treue abzubilden.
Wer nun mit diefer Vorausfetzung an den vorliegenden .
Band einer Biographie geht, die hier bis zum jähre 1702
fortgeführt ift, und uns daher nebft Francke's jugend und
Bildungsgcfchichte, die Leipziger, Erfurter und die Halle-
fche Zeit bis zur ganz feften Begründung feiner Stellung
dafelbft und fchon weit gediehener Entwicklung feiner
grofsen Unternehmungen darlegt, der wird fich auch in
feiner Erwartung nicht getäufcht finden. Uenn er findet
eine fchlichte Erzählung, gefällige Ueberficht, fichere
Ordnung, die Erzählung belebt durch fo manche eingelegte
Quellenauszüge, die Darfteilung erfüllt von Verehrung
des Manneä, dem fie gewidmet ift, feines Charakters
, feiner Gaben und Abfichten. Der Biograph ift
ganz mit feinem Gegenftande verwachfen. Er fieht in
allem, was Francke thut, nicht weniger als diefer felbft
es zu äufsern pflegt, den reinen Drang des wahren Chri-
ftenthums, in allem, was ihm widerfährt, nicht weniger
den ganzen Schutz und Segen der göttlichen Leitung.
Wet alfo von den ähnlichen Vorausfetzungen ausgeht,
Oder, doch zu diefer Auffaffung geneigt ift, der mag hier !
feine volle Befriedigung finden; es wird ihm ein Lebens- |
bild geboten, das ihn erbauen kann, und die weiten
Kreife, welche eben diefes verlangen, werden ihre Befriedigung
finden. Alles, was die böfe Welt etwa da und 1
dort fchon an Francke auszufetzen gehabt hat, das wird j
ihnen hier widerlegt oder doch zurechtgelegt, und
Francke erfcheint noch einmal in ganzem Glorienfchein.
Wenn der Verf. aber damit auch für andere Lefer alles
befeitigen will, was etwa in neuerer Zeit theils rein hi-
ftorifch, theils auch vom kirchlichen Standpunkte in abweichender
Richtung vorgebracht ift, fo mag man an
der Wirkung feiner Mittel wohl mit Grund zweifeln.
Eine Darftellung, welche aufs neue die Legende im alten
Stile auffrifcht, in welcher alle Welt, die irgend nicht
mit Francke ging oder Bedenken gegen ihn hat, als eine
Welt voll fchwarzer Teufel gemalt, er felbft aber in
allem gerechtfertigt wird und diefen Gegnern als Engel
der Unfchuld gegenüber fleht, ift nicht gerade angethan
zu überzeugen. Aber es follte fich heutzutage auch
nicht mehr handeln um Fortfetzung des alten Streites,
fondern um ein Bild, das in Licht und Schatten das

wirkliche Leben wiedergiebt und das den einzelnen hervorragenden
Mann aus feiner Zeit und für feine Zeit
wirklich begreift. Francke ift in der That bedeutend,
und was er gethan hat erheblich genug, um auch im
Lichte einer wirklich hiftorifchen Auffaffung noch zu
feffeln. Dafs aber hier eine folche vorliege, wird man
nicht fagen können, und bei der grofsen Sachkenntnifs
des Verf.'s kann man es immerhin nur beklagen, dafs
er diefe Leiftung einem andern überlaffen hat. Francke's
Aufzeichnung über feine Jugendgefchichte bleibt trotz
der Verficherung des Verf.'s über feine unbedingte Wahrhaftigkeit
viel zu offenbar eine für beftimmte Zwecke
verfafste Muftergefchichte, als dafs fie uns zur Gefchichts-
quelle dienen könnte. Sein Verhalten in feinen Streitigkeiten
mit der Geiftlichkeit in Erfurt wie in Halle bleibt
trotz aller Zurechtlegung gewaltthätig, anmafsend und
übergreifend, und die Wege, die er dann für fich ein-
zufchlagen wufste, felbftluchtig und ungerade. Der
Spruch: was ihr wollet dafs euch die Leute thun follen,
das thut ihr ihnen, hatte für ihn nur eine fehr be-
fchränkte.Geltung. Seine Gefühle waren auch dem Tode
eines Gegners gegenüber nicht allzu zart (S. 200). Nicht
minder bleibt beliehen, dafs er in feinen theologifchen
Ueberzeugungen keineswegs Halt genug hatte, um vor
bedenklichen Einflüffen und Abwegen ficher zu fein.
Der Chiliasmus war verführerifch genug für ihn (S. 156),
man mufs dabei aber im Auge behalten, was damals
der Chiliasmus war. Wenn er fchliefslich doch in fol-
chen Dingen nicht über Velleitäten hinauskommt, fo ift
es fein praktifcher Sinn, die überwiegende Klugheit, was
ihn zurückhält. Deswegen verweilt er auch nicht bei
der Liebhaberei der Befeffenheit (S. 112). Auch das läfst fich
nicht ändern, dafs feine Behandlung der Kinder mit
Katechefe und Beichte höchft bedenkliche Seiten zeigt,
dafs auch die Stellung zum klaffifchen Alterthum im
Gymnafialunterricht eine tief befchränkte ift, dafs das ganze
pädagogifche Syftern ftark jefuitifche Züge hat, dafs feine
Kirchenzuchtspläne auf einen kräftigen Terrorismus ausgehen
, und dafs er fich in vornehmen Krcifen glatt zu
winden wufste, wenn er auch den Verwandten feiner
Frau durch die Art, wie er diefe gewinnt, nicht zum
Edelmann werden mochte, und endlich dafs er doch in
feinen Bemühungen um Gunft von oben und ftaatliche
Geltung fich auf das Fleifch etwas mehr verlaffen hat,
als man gern zugeben will. Wollen wir ihn damit geringer
machen als er ift? Nein, aber fehen wie er ift,
und das ift es eben, wozu die Darfteilung des Verf.'s
nicht immer behilflich ift, der ja felbft den bekannten
Recefs wie einen reinen Sieg Francke's auffaffen möchte.
Francke's kühner Unternehmungsgeift, fein aufserordent-
liches Gefchick der Verwaltung, feine hervorragende
Weltklugkeit, feine Univerfalität und die Leichtigkeit
feiner Auffaffung aller Dinge, wie feine unermüdliche
Energie bleiben immer fo grofs wie feine Leiftungen
ftattlich. In feiner theologifchen und kirchlichen Stellung
werden wir zwar weder die Originalität des Gedankens
, noch die unberührte Einfalt des Glaubens wie bei
anderen finden, aber er ift mit der Frifche und fchnei-
digen Energie, in welcher er die Sache der Neuerung vertritt
, um fo merkwürdiger, als er in feiner Perfon einleuchtend
zeigt, wie der Pietismus zufammenhängt mit
dem erwachenden Unternehmungsgeift und Bildungsdrang
, mit der allgemeinen Neuerung feiner Zeit. Was
aber die Theologie betrifft, fo ift das vorliegende Buch
befonders dazu angethan zu beweifen, wie nöthig es ift,
dafs der Pietismus endlich überhaupt theologifch beur-
theilt werde. — Unter den als Beilagen gegebenen kleinen
Schriften befindet fich der fchon von Plath gedruckte
Pliants missionis evangelicae, welchen der Verf. geneigt
ift aus der Feder Francke's abzuleiten. Die vorgebrachten
Gründe find nicht entfeheidend genug, um mehr als
eine Vermuthung an die Hand zu geben. Zunächft
müfste noch abgewartet werden, ob lieh nicht Mittel