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Ausgabe:

1881 Nr. 16

Spalte:

385-386

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wiener, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Das evangelische Pfarrhaus in seiner socialen Bedeutung 1881

Rezensent:

Krauss, Alfred

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Seite 1

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385

Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 16.

386

tung. An die gefchichtliche Darftcllung fchliefst jedesmal
die eigene Kritik fich an.

Vielleicht mag es katholifchen Theologen nicht fo
fauer werden, den Weg durch die Rüftkammer der
fcholaftifchen Begriffsbeftimmungcn und Argumente für
und wider, welchen der Verfaffer feine Lefer führt, mit
zu wandern; dafs viele evangelifche fich diefer Mühe
unterziehen, ift kaum anzunehmen.

Der Inhalt der Schrift dreht fich, wie aus dem oben
Bemerkten hervorgeht, um den Gewifsheitsgrund der
fidts divina. Ungefähr 50 Seiten feines Buches widmet
der Verfaffer der Darftcllung und Kritik auch der pro-
teftantifchen Lehre. Die proteftantifchen Theorien fcheidet
er in myftifche und hiflorifche. Unter den erftcren verficht
er diejenigen, welche den Glauben an die ,Göttlichkeit
der Schrift rückfichtlich ihres Hauptinhaltes oder
Gefammtinhaltes' auf das testim. sp. s. zurückführen, unter
den letzteren diejenigen, welche jenen Glauben auf hifto-
rifchen Wege zu begründen fuchen. Gegen jene wendet
er ein, dafs das Zeugnifs des heil. Geiftes, wenn es auch

noch kein Stand fo viel Opfer für feine Ueberzeugung
und fein fociales Wirken gebracht hat, wie der geifiliche'
(S. 151), fondern auch den Pfarrern, dafs ihr Wirken an
ihr Leben gebunden ifi. Von vielen treffenden Bemerkungen
nur ein Beifpiel! S. 134: ,Nur keine Menfchen-
fiudien im heimatlichen Wirthshaus! Dort wird er [der
Pfarrerj viel gründlicher felbft fiudirt'.

Hier und da möchte die Mittheilung von Scanda-
lofa, die in Pfarrhäufern und Pfarrersfamilien vorgefallen
find, überflüffig erfcheinen. WerCulturgefchichte fchreibt,
wie Tholuck in feinen bekannten Werken, mufs dergleichen
erzählen. In einem Buche wie das vorliegende
könnte eine Vcrweifung meift genügen. Auch über die
hifiorifchen Anfchauungen liefse fich rechten. Luther's
Stellung zur Doppelheirath Philipp's des Grofsmüthigen
wird S. 150 befprochen, als ob hier eine der Glanzfeiten
in Luther's Leben vorläge. Ueberhaupt liegt die Stärke
des Autors in den geifircichen Gedanken über das augenblicklich
Vorliegende. Ich verweife noch befonders auf
das über Culturexamen, Preffe und Schaufpiel S. 64 f.

die Göttlichkeit des Offenbarungs- und Schriftwortes be- j Gefagte.

zeugen, doch die Untrüglichkeit d. h. Allwiffenheit und | Man könnte das Büchlein ein Seitenfiück zu Henry
Wahrhaftigkeit Gottes in ,all' deffen Offenbarungen' ohne ' Ward Beecher's Vorträgen über das Predigtamt nennen,
falfchcn Cirkel nicht mitbezeugen könne, und andererfeits 1 freilich nicht blofs ftofflich, fondern auch national fich
müffe auch fogar die Göttlichkeit des Glaubens, indem j eben fo unterfcheidend wie berührend, gcgenfätzlich wie

fie auf gewiffe Wirkungen des heil. Geiftes von ,innerlich
geiftiger Art' geftützt werde, unficher werden; denn
.pfychifche Thatfachen von gefchöpflicher Natur' könnten
der letzte Gewifsheitsgrund des göttlichen Glaubens un

..... - . t ■ , • n ' r . _ ?T-1_____«___ ____:n. C1._2.

ergänzend fich verhaltend. Mit Intereffe wird es Jedermann
lefen, manchmal ein Fragezeichen machen, Manches
als nicht ganz richtig, Anderes als nicht tief oder
nicht gründlich genug bezeichnen, das Ganze aber, fo-

möglich fein. Die hifiorifchen Theorien weift Schmid | weit beim Lefer religiöfer und kirchlicher Sinn und wei
damit ab, dafs eine über jeden Zweifel erhabene Gewähr tes Herz vorhanden ift, loben.

für den infpirirten Charakter nicht nur der altteft., fon- Strafsburg L K Alfred Kraufs.

dem auch der neuteft. Schrift nur aus dem untehlbaren [----

Zeugnifs der Kirche gewonnen werden könne. Er felbft Stämmler, Juftizr. R., Rathschläge und Erläuterungen zu
erklärt fich für die ,wohlverftandene' Theorie des Car- den Gesetzen über das Ruhegehalt der emeritirten Geist-
dinals(Johannes Lugo, nach welcher weder eine innere ,jcnen der preussischen Landeskirche. Berlin 1881,
Offenbarung, noch eine aufsere Offenbarung Gottes der .... «.•,-. . ,n c „, ..

letzte Beweg- oder Gewifsheitsgrund des göttlichen I Wiegandt & Grieben. (82 S. gr. 8.) M. 1. -
Glaubens fein könne, fondern nur die Auctorität (Allwiffen- Eine nicht allein für den praktischen Gebrauch

heit und Allwahrhaftigkeit) und die äufsere Offenbarung j dankenswerthe, fondern auch von allgemeinerem Gefichts-

Gottes, fo wie fie uns in dem gegenwärtigen Lcbensftandc
vorgelegt und erkennbar find'.

Die nähere Begründung diefer Thefe des Verfaffers
zu fkizziren fehlt uns der Raum. Wir glauben indefs
nicht, dafs proteftantifche Theologen durch die Ausführungen
Schmid's veranlafst werden können, die eigenen
Aufftellungen zu corrigiren.

Lennep. Lic. Dr. Thönes.

Wiener. Wllh., Das evangelische Pfarrhaus in seiner socialen
Bedeutung. Ein Wort zur Aufklärung und Ver-
ftändigung. Gotha 1880, F.A.Perthes. (VIII, 221 S. 8.)
M. 3. -

In leichtem, gefälligem Deutfch giebt uns der Verf.,

punkt intereffirende Arbeit. Die Emeritirung der Geift-
lichen gefchah nach dem preufsifchen Allg. L.-Recht in
der Weife, dafs der Emeritus von dem Amtsnachfolger
ein Drittel des Stellecinkommens lebenslang bezog. Dazu
kamen Zufchüffe aus provinzialen Emeritenfonds,
welche man, um die dürftigen Altersgehalte einigermafsen
aufzubeffern, feit den 40er Jahren, zumeift aus Beiträgen
der Geiftlichen, gefchaffen hatte. An die Stelle diefes
Syftcms ift durch das Kirchcngefetz vom 26. Jan. 1880
(nebft zugehörigem Staatsgefetz v. 15. März 1880) ein
anderes getreten; nach demfelbcn geht die Penlionslaft
auf den neu gefchaffenen allgemeinen Penfionsfond der
Landeskirche über, in welchen die vorhandenen Emeritenfonds
mit allen Activen und Paffiven aufgehen, und
welcher im Uebrigen feine Mittel hauptfächlich aus Bci-

um zu beweifen dafs die Bedeutung und felbft das An- j tragen der betheihgtcn geiftlichen Stellen und aus Abfeilen
des evangelifchen Pfarrhaufes nicht gefunken, fon- zugen von den Befoldungen, deren letzte Inhaber eme-
dern viel eher geftiegen feien, einen kleinen Curfus über ntirt wurden dann aus Umlagen auf die Gemeinden
das was des Pfarrers Stellung, amtliche Wirkfamkeit und 1 empfangt. Die I enfionen bemeffen fich nach der Höhe
perfönliche Führung war, ift und fein foll. Seinen eignen j des letzten Dienfteinkommcns des Emeritus und nach
Standpunkt fpricht er am Schluffe des 9. Capitels, das dem Uienftalter. — Der Verf. giebt eine überfichtliche
vom Streit der Confcffioncn und Parteien handelt, S. 112 Zufammenftcllung der beiden Gefetze und der vom
mit folgenden Worten aus: ,Er ift der feften Ueberzeug- Oberkirchenrath erlaffencn Ausführungsinftruction, beglei-
ung dafs der rechten Mitte die fociale Aufgabe der Zu- tet mit erläuternden und kritifchen Bemerkungen. Er
kunft zufällt und dafs man auch weiter links oder weiter hat mit junftifchem Scharffinn an dem Kirchengefetz und
rechts nur mit ihren Principien und ihrer Praxis befonders an der Inftruction eine Reihe von Lücken und
die entfprechende gefellfchaftliche Wirkfamkeit findet'. Unzutraghchkeiten herausgefunden, und man mufs feinen
Diefer feften Ueberzeugung von dem fchliefshch alle ; Nachvveifungen faft überall Recht geben. Er erkennt in
andern überwiegenden Rechte der Vermittlungstheologie ; dem Gcfetz einen Sorgfältig gearbeiteten Verbuch', wel-
entfpricht die fichere, mafsvolle und liebenswürdige Halt- 1 chen er jedoch nicht als ganz gelungen bezeichnen könne,
un" Ein freudiges Vertrauen auf die Zukunft geht j ,vveil er nicht in hinreichendem Mafse mit dem alten
durch das Ganze; aber mit Nachdruck wird nicht blofs | Rechte bricht und das Notwendige nicht in genügender
den Verächtern des Pfarrhaufes ans Herz gelegt, ,dafs 1 Hohe gewährt'. Bcfondcre Schwierigkeiten entliehen