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Ausgabe:

1881 Nr. 1

Spalte:

16-17

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Landerer, Maxim. Alb.

Titel/Untertitel:

Predigten. In einer Auswahl hrsg. von P. Lang 1881

Rezensent:

Meyer, Ernst Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 1.

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tifch als werthvoll Geübten angiebt, fo ifl das doch ein 1
canon lubricus. Bei der naturwiffenfchaftlichen Methode !
des Verf.'s kann das Wefentliche doch nur das relativ
am häufigften Vorkommende fein; kann er das aber
meinen, wenn die Moral doch ein Soll aufhellt auch nach
dem Verf. Und ift ,als werthvoll' objectiv oder fubjec-
tiv gemeint? Wenn das erfte, fo wird vorausgefetzt,
was gewonnen werden foll, das inhaltliche Princip der |
Moral, wenn das zweite, fo gehört nicht viel Peffimismus !
dazu, um als Refultat der Induction das Gegentheil eines
fittlichen Ideals zu gewinnen. Der Verf. rechnet das I
Streben nach etwas unbedingt Werthvollem zu den über- |
all gleichen formalen Anlagen des Menfchen — beiläufig
gefagt, ein Räthfel bei einem Wefen, das durchweg
ein bedingtes Glied der Erfcheinungswelt ift, ein
Räthfel, das der Verf. fich aber nicht wie Spencer pfycho-
logifch löft, fondern flehen läfst — und erklärt, dafs
hierauf es beruhe, dafs der Menfch Moral habe. Ift es
nun denkbar, dafs der fo veranlagte Menfch diefes Be- j
dürfnifs erfüllt fehe in der Vorftellung einer einzelnen unter
feinen mannigfachen Bethätigungen, die fich nicht mehrund
nicht minder wie fo viele andere als factifch in ihm vor-
handen ankündigt, dies Bedürfnifs nach einem Unbedingten
erfüllt fehe, fage ich, deshalb, weil diefe Bethätigung fich
mit der — doch wohl zunächft nur in des Moralphilofophen
Bewufstfein vorhandenen — Erkenntnifs, dafs fie extenfiv
und intenfiv verftärkt werden könne, und mit der auf Grund
der Gefchichtsbetrachtung erwachfenen Ueberzeugung verbindet
, dafs fie vielleicht aus einer Einzelregung zum !
Hauptftück des Menfchen gemacht werden könne? Der
Verf. vergifst gelegentlich das Unbedingte fo fehr, dafs
er — vom naturwiffenfchaftlichen Standpunkt aus mit
vollem Rechte — auch für feine moralifche Anficht den
Anfpruch auf Allgemeingültigkeit aufgiebt und das mo- j
ralifche Ideal durch Idiofynkrafie bedingt fein läfst. Die j
Unfruchtbarkeit feiner Methode hat er fich verhüllt
durch die erftaunliche Leichtigkeit, mit der er feine erfte
Formel für das Moralprincip, fich zu bethätigen nämlich
nach der eigenen individuellen Art mit Anerkennung
der desAndern, eineFormel, die doch in ihremZufammen- j
hang und Wortlaut höchftens auf negative Achtung i
führt, ohne jedes Mittelglied mit der andern vertaufcht
,Erhaltung und Förderung der Menfchheit' und diefe J
weiter nach dem Princip der chriftlichen Liebe inter-
pretirt. Durch eine Moral von fo unficherer Haltung i
kann einem die Moral des wohlverftandenen eigenen In-
tereffes oder des Selbfterhaltungstriebes wirklich fym-
pathifch werden, bringen es doch beide zu einem ftrafferen
Zufammenhang. Wie ift der Verf. aber überhaupt dazu
gekommen, fich eine fo widerfpruchsvolle Aufgabe zu
{teilen wie die einer Begründung der Moral durch fo disparate
Mittel wie die Befchreibung bedingter Thatfachen
des Seelenlebens und die Aufftellung unbedingter Normen
für den Willen? Anfcheinend fo. Das Princip der
Erhaltung und Förderung der Menfchheit im Ganzen und
im Einzelnen ftand ihm als oberfte fittliche Norm feft — j
fo fchliefse ich aus der Art, wie er früher in feinen Vorträgen
zur praktifchen Philofophie fich Kant's Moralprincip
ausgelegt und angeeignet hat. Nun hat er —
vielleicht durch pädagogifches Intereffe zur pfychologi-
fchen Betrachtung des Willens veranlafst — von der I
unbedingten Selbftändigkeit, der ausfchliefslichen Gültigkeit
, der vollkommenen Sufficienz, welche die Natur- J
wiffenfchaft als Erforfchung der caufalen Zufammen- !
hänge der Erfcheinungen vielfach fich vindicirt, fich der-
mafseh imponiren laffen, dafs er gemeint hat, auch die
ihm bereits inhaltlich feftftehende fittliche Aufgabe .immanent
' oder naturwiffenfehaftlich begründen zu müffen.
Ueber diefe feine Fundamentalanfchauung, über die da
mit zufammenhängende Frage, in welchem Sinn die
Ethik Wiffenfchaft fein kann, über die von ihm verneinte
Möglichkeit, durch moralifche Poftulate eine Allgemeingültigkeit
beanfpruchende Weltanfchauung zu beweifen,

mit ihm zu discutiren, bieten feine hierauf bezüglichen
Behauptungen nicht Stoff genug. So fleht es aber doch
noch nicht, dafs mit feinen wenigenZeilen die Anflehten von
Männern wie Kant und Lotze fich abthun liefsen, die bei
aller Anerkennung, dafs die thatfächlich gegebene Welt
naturwiffenfehaftlich zu erklären fei, doch erftlich es für
nöthig halten, die Möglichkeit einer wiffenfehaftlichen
Erfahrung zu beweifen, zweitens den Selbftwerth des
Ethifchen fefthalten, nachdem feine Idee vorhanden
ift, gleichviel wie fie pfychologifch entftanden ift, drittens
für die im praktifchen Intereffe erforderliche Transfcen-
dirung der Erfahrung fich von moralifchen Bedürfnifsen
leiten laffen, die fchliefslich— und hier kann noch Herbart
hinzugefügt werden — fich deffen fehr wohl bewufst
find, was das A und O des Verfaffers ift, dafs der Wille
als ein Glied der Erfcheinungswelt nur mit Beachtung
feiner durch die Pfychologie aufzufindenden Natur-
gefetze umgebildet werden kann.

Magdeburg. J. Gottfchick.

Landerer, weil. Prof. Dr. Maxim. Alb., Predigten. In

einer Auswahl hrsg. von Präl. Gen.-Superint. P. Lang.
Mit einem Bildnifs in Lichtdr. Heilbronn 1880, Henninger
. (VI, 170 S. gr. 8.) M. 3. —

Man kann dem Herausgeber nur dankbar fein für
die Veröffentlichung diefer Predigten, einer Auswahl aus
dem homiletifchen Nachlafs des Verewigten. Sie zeigen
den edlen, gediegenen Theologen von einer neuen, dem
gröfseren theol. Publicum bisher unbekannten Seite und
ergänzen fein Lebensbild in trefflicher Weife. Aber die
Predigten haben nicht blofs ein perfönliches Intereffe;
fie find eine wirkliche Bereicherung unferer homiletifchen
Literatur. Obgleich Predigten eines Profeffors haben fie
durchaus nichts Kathedermäfsiges; mancher Landpfarrer,
der mitten im Leben fteht, und doch nicht aus dem
Leben, fondern aus der Doctrin predigt, kann an diefen
Predigten des gelehrten Theologen echte Popularität
lernen, die Tiefe des Gedankens mit lebensvoller Einfalt
verbindet.

In fchmucklofer Form, frei von aller Prätenfion,
bieten die Predigten eine finnige und gefchickte Benutzung
des Textes mit tiefen, nicht feiten überrafchen-
den Blicken in die Schrift, in's menfehliche Herz, in das
Leben der Zeit und des Volkes. So fröhlich fie in
wohlthuender Glaubenswärme die Gnade in Chrifto verkündigen
und fo trefflich es der Verf. verlieht, die Bekümmerten
in väterlicher Weife zu berathen und zu
tröffen, fo fchneidig ift auch das Schwert feiner Rede,
fo fcharf das Salz feiner Bufspredigt. Es ift eine grofse
ethifche Kraft in feinen Zeugnifsen. Speciell gilt dies
von den im engeren Sinne fog. Zeitpredigten des Verf.'s,
die als Mufterpredigten diefer Gattung bezeichnet werden
dürfen, von denen einige aus fehr verfchiedenen
Zeiten abgedruckt find; wir heben befonders eine Pfingft-
predigt aus dem Jahre 1847, eine Sonntagspredigt aus
dem J. 1848, eine Reformationspredigt aus dem J. 1850
und eine Sonntagspredigt aus dem Jahre 1870 hervor.
Mit unerfchrockenem Freimuthe wendet fich der Verf.
nach Oben und Unten, gegen die herrfchende liberale
Zeitftrömung und Alles, was ihr verwandt ift, aber nicht
minder gegen die Sünden der oberen Stände und gegen
die Einfeitigkeiten und Engherzigkeiten des heimifchen
Pietismus. Der befondere theologifche Standpunkt des
Verf.'s tritt in keiner Weife auffällig hervor; er verkündigt
ein gefundes, lebenskräftiges Schriftchriftenthum mit
nachdrücklicher Betonung der alleinigen Gebundenheit
an Gottes Wort und der Pflicht des Wachsthums in
evangelifcher Erkenntnifs und evangelifchem Leben; aus
wenigen neueren Predigtfammlungen hat Ref. fo wie
aus diefer den Eindruck einer ganz im lauteren Dienfte
der freimachenden Wahrheit flehenden, von keiner theo-