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Ausgabe:

1881 Nr. 14

Spalte:

329-330

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pfleiderer, Edmund

Titel/Untertitel:

Kantischer Kritizismus und englische Philosophie 1881

Rezensent:

Gottschick, Johannes

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329

Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 14.

330

nordamerikanifchen Freiheitsbegriffs und des in der fran-
zöfifchen Revolution vvirkfamen u. A. — und erörtert fo-
dann die Frage nach der Angemeffenheit des Syftems
für europäifche Verhältnifse. Die Vorzüge, aber auch
die Gefahren der Sache werden gut gegen einander abgewogen
; das Ergebnifs ift, dafs einer Volkskirche mit
freier Gemeindeverfaffung der Preis zuerkannt wird. Der
Gefichtspunkt, von dem der Verf. redet, ift der des
praktifchen Culturpolitikers; aus einer principiellen An-
fchauung über Wefen und Aufgabe des Staates entwickelt
er fein Refultat nicht, doch nimmt er Bezug auf Rothe's
bekannte ideale Anfchauung (S. 25). Man wird ihm in
feinem Schlufsergebnifs im Ganzen nurzuftimmen können,
wenn gleich ein Satz wie diefer: ,dem Staate voll und
ganz die Pflege der Wiffenfchaft, den Kirchen die Pflege
des in der Liebe thätigen Glaubens', die Frage noch keineswegs
löft.

Friedberg. K. Koehler.

Pfleiderer, Prof. Dr. Edm., Kantischer Kritizismus und
englische Philosophie. Eine Beleuchtung des deutfch-
englifchen Neu-Empirismus der Gegenwart als Beitrag
zum Centcnarium der Kritik der reinen Vernunft.
Halle 18S1, Pfeffer. (VI, 148 S. gr. 8.) M. 2. 50.

Kant's Kritik der reinen Vernunft feiert in (liefern
Frühjahr ihr hundertjähriges Jubiläum. Pfl. erwartet, dafs 1 Gebiet von Kant vollzogene Synthefe von Rationalismus

Fortbildung Kant's vorträgt, befchränke ich mich auf
einige Hauptpunkte. Im Allgemeinen ift fein Standpunkt
der, dafs er auf Kant's theoretifchem Kriticismus, in dem
er mit Recht eine Synthefe von Rationalismus und Empirismus
fieht, metaphyfifch fortbaut, Kant's Ethik dagegen
auf Grund feiner m. E. irrigen Auffaffung der-
felben als einerauf Metaphyfikbegründetenanthropologifch
umbildet.

Richtig erkennt er die Identität der Begriffe praktische
Vernunft, reiner Wille, Freiheit bei Kant, aber
er mifsverfteht diefelben, die der einfachfte Ausdruck für
den Inhalt des fittlichen Soll felbft find und alfo nur
im Reich der Werthe oder Ideen Realität befitzen, dahin
, dafs er fie als Ausdrücke für die Quelle des fittlichen
Gefetzes anfleht, als ein thatfächhch vorhandenes
Moment am empirifchen Menfchen, als die in allen Einzelnen
gleicherweife vorhandene überperfönlich-identifche
Potenz, unfer eigenftes Wefen in feinem innerften Grunde,
das er dann fogar in anfcheinender Anlehnung an Schopenhauer
als den univerfalen Grundwillen in uns bezeichnet
. Was für Kant eine Idee ift, die ihren Werth
in fich felbft trägt, wird hier zu einer Thatfächlichkeit,
welche durch ihr angeblich allgemeines, ob auch nicht
auf der Oberfläche liegendes Vorhandenfein das Recht
bekommt, als Quelle der fittlichen Werthe zu gelten.
Von diefem fundamentalen Mifsverftändnifs aus wird es
begreiflich, dafs Pfl. meinen kann, die auf theoretifchem

bei diefem Anlafs eine Reihe von Feftfchriften erfchei
nen werden, fürchtet aber, dafs bei der gegenwärtig in
der Philofophie herrfchenden empiriftifchen Strömung
manche diefer ,Feftfchriften' fich wie hicus a non lucendo
präfentiren möchten. Da hält er es nun für paffend,
dafs fich eine wirklich dankbare Stimme auch von derjenigen
Seite erhebe, welcher der alte und echte Kant
noch etwas gilt. Von den ,Kantianern' ift Pfl. nämlich
wenig erbaut; vielmehr ift ihm der gegenwärtige Rückgang
über Kant zu dem englifchen Empirismus und die j es, wie er es als ein Schöpfen ,aus diefer Quelle des
mit pietätslofer Herabfetzung Kant's verbundene blinde permanenten Spruchortes innen in uns' anfehen kann,

und Empirismus hätte für die Beftimmung des Effentiel-
len in der Ethik ihr Gegenftück in einer Synthefe von
Metaphyfik und Phyfik d. h. Anthropologie finden müf-
fen, eine Forderung, der K. nicht vollkommen genügt
habe, ebenfo wird es verftändlich, dafs er bei der metho-
dologifchen Frage der Ethik auf das Gewiffen als die
Wirkung jener überperfönlich-identifchen Menfchheits-
feite verweifen kann — eine Inftanz, die er übrigens mit
Vorficht präcifirt. Nicht wohl begreiflich dagegen ift

Vergötterung der Engländer — er exemplificirt auf Wolff,
Speculation und Philofophie undGizycki, die Ethik Humes,
als Typen diefer Richtung — nur eine Confequenz des
,Neukantianismus'; ja er geht in diefem ungerechten
Urtheil fo weit, dafs er unter den Vorarbeiten für Kant's
Ethik ein Werk wie Cohen, Kant's Begründung der Ethik,

wenn Kant den ethifchen Werth einer Maxime an ihrer
Qualification zur allgemeinen Gefetzgebung mifst. Das
Gcwiffensurtheil, welches bei aller Vorficht fich doch in
Form des unmittelbaren Gefühls vollzieht, hat doch
wirklich keinerlei Aehnlichkeit mit der ganz objectiven
Reflexion, ob bei dem angenommenen allgemeinen Vor-

ignorirt, eine Schrift dagegen wie Dorner, die Principien j handenfein einer beftimmten Maxime kein logifcher

der Kant'fchen Ethik, mit befonderer Anerkennung hervorhebt
. Nun, man kann den Werth Kant's würdigen,
ohne bei ihm flehen zu bleiben; und es ift dankenswerth,
dafs hier den Ausfchreitungen jenerModeftrömung gegen-

Widerfpruch herauskommt. Uebrigens tritt dies Prin-
eip der Kant'fchen Ethik doch nicht, wie Pfl. zu meinen
fcheint, wie aus der Piftole gefchoffen auf, fondern wird
umftändlich hergeleitet aus dem durch Analyfe des vul-

über mit Wärme Kant's bleibende Verdicnfte um die j gären Pflichtbegriffes gewonnene Grundmerkmal des fitt
theoretifche und ganz befonders um die praktifche Phi- i liehen Willcnsactes, aus dem Merkmal des unbeding-
lofophic hervorgehoben, die von den VerklcinerernKant's ' ten Werthes. So trefflich Pfl. von der fpeeififeh neuen
mit dem Mantel der Nachficht bedeckten Schwächen der i Art von Realität fpricht, welche in dem fittlichen Werth
Engländer blofsgelegt werden, dafs unbefchadet der Inter- auftritt, fo fucht man doch diefen Grundgedanken
natTonalität uncTObjectivität der Wiffenfchaft mit Ernft Kant's in der vorliegenden Schrift vergebens. Allerdings
an Nationalgcfühl und Pietät appellirt wird, wo beide : fchliefst diefer Gedanke, wo es fich um das Eflentielle
ohne fachliche Berechtigung in parteiifchcr Vorliebe des Ethifchen handelt, eine .Synthefe von Metaphyfik

für Fremdes verletzt werden. Aber ich fürchte, dafs der
guten Sache Kant's mit diefer Schrift doch wenig gedient
ift, und nicht blofs in Folge der Verftocktheit der
Empiriftcn. Abgefehen davon, dafs folche Anklage in
Laufen und Bogen etwas recht mifsliches ift, wenigftens,
wenn fie fich zu Infinuationen wie die einer dissimnlatw
igiwrantiae verfteigt, aus der der empiriftifche Wider-
pruch gegen Kant fich erkläre, doch ein Urtheil, das ein
fchreiendes Unrecht ift z.B. gegenüber einer Schrift wie die

und Phyfik' fchlcchterdings aus. Von einer folchen kann
erft in der angewandten Ethik die Rede fein.

Magdeburg. j. Gottfchick.

Rei, Dr. Juftus, Der Gott des Christenthums als Gegenftand
ftreng wiffenfehaftlicher Forfchung. Prag 1880, Rziw-
natz in Comm. (VII, 172 S. gr. 8.) M. 3.60.
Nach dem Vorwort will der Verfaffer darfteilen, ,dafs
durchaus ^oni Standpunkt ^ nicht mit dem chriftlichen Glauben fo

von Paulfen Entwicklungsgefchichte der Kant'fchen Er- , fchlccht beftellt ift, als (!) dafs man fchon leichthin felbft
kenntnifstheoric — abgefehen hiervon, geht Pfl. trotz ; in grofsen und höheren Kreifen und fogar für die uner-
einer gewiffen Breite der Darftcllung auf die vielen Fra- ■ fahrene Jugend von den Lehrern aus über diefelbe (!)
gen, die er ftreift, viel zu wenig ein, um Eindruck zu ! abfpricht und als altes abgetragenes Machwerk zwar
machen Bezüglich deffen, was er zur Vertheidigung und j möglichft compläfant und fchonend, aber auch gefchwind