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Ausgabe:

1881

Spalte:

327-328

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Brieger, Theodor (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Zeitschrift für Kirchengeschichte. I. - IV. Bd 1881

Rezensent:

Schürer, Emil

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 188-1. Nr. 14.

328

erhebung als fbichen, als auf die unbefonnene, ,kindifche'
Ausführung, und Roget meint wohl mit Recht, dafs fie
weniger kräftig ausgefallen wäre, wenn der Erfolg den
Hoffnungen der Theilnehmer beffer entfprochen hätte
(p. 29). Er fchreibt zwar an Bullinger, dafs ihm eine
Unterftützung der evangelifchen Sache durch Waffengewalt
nie gefallen habe (p. 47), und fucht bei jeder Gelegenheit
die kriegerifche Leidenfchaft feiner allerdings
ja furchtbar genug dazu gereizten Glaubensgenoffen
zu befchwichtigen; aber anderfeits foll doch die Sendung
Beza's nach Nerac wiederum nach feinem eigenen
Zeugnifs dazu dienen, den König von Navarra zu einer
entfchloffenen bewaffneten Action zu veranlagen (p. 51),
und Roget wird Recht haben, wenn er fagt: was ihm
antipathifch war, das waren die Bewegungen von unten
und die nutzlofen einzelnen Aufftandsverfuche; der Wider-
ftand gegen die beflehende Gewalt war ihm dagegen
legitim, wenn er durch einen Führer organifirt war,
welchem die Geburt und das durch die Zeit geheiligte
Anfehen das Recht dazu gab. wenn der Aufftand ein
gut disciplinirter war und fich irgendwie auf ein Au-
toritätsprincip berufen konnte (p. 57). Man wird an
die ähnliche Stellung Luther's im Jahre 1520 zu diefer
Frage erinnert, wie üe neuerdings nicht nurjanfsen, fondern
auch Maurenbrecher durch ihre Zufammenftellungen
nachgewiefen hat. — Befremdend ift, neben dem Ver-
fehen ,Pius VI' p. 95, dafs der Verf. trotz den mehrfach
erhobenen und fo wohl begründeten neueren Einwendungen
die Histoire ecclesiastique des eglises reformees de
France ohne weitere Rechtfertigung Beza zufchreibt und
doch felbft gelegentlich (vgl. p. 142) die Widerfprüche
derfelben mit Beza's eigenen Angaben zu conftatiren
Veranlaffung hat.

Bafel. R. Staehelin.

Zeitschrift für Kirchengeschichte. In Verbindung mit D.
W. Gafs, D. H. Reuter und D. A. Ritfehl herausgegeben
von D. Theodor Brieger. I.—IV. Bd. Gotha
1876—1881, F. A. Perthes. (VIII, 648, VII, 647, VII,
678, VII, 647 S. gr. 8.) ä M. 16. —

Von der obengenannten ,Zeitf chrift für Kirchenge
f chic hte' ift vor Kurzem der 4. Bd. zum Abfchlufs
gekommen. Wir benützen diefe Gelegenheit, um noch
einmal diejenigen Kreife, welche bisher keine nähere
Notiz von ihr genommen haben, nachdrücklichft auf
diefelbe aufmerkfam zu machen. Es hat nach manchen
Spuren faft den Anfchein, als ob viele unferer Theologen
von der Anficht fich leiten liefsen, dafs eine ,Zeitfchrift
für Kirchengefchichte' nur für den Kirchenhiftoriker von
Fach beftimmt fei, und daher auch nur diefer verpflichtet
fei, von ihr Notiz zu nehmen. Es fei uns geblattet;
gegenüber einer folchen Vorausfetzung befonders den
Umftand hervorzuheben, dafs die genannte Zeitfchrift
keineswegs blofs der Detailforfchung dient, vielmehr gerade
ein Gewicht darauf legt, Stoße von allgemeinerem
und tiefergehendem Intereffe in zufammenfaffenden Abhandlungen
neu zu beleuchten und dadurch den Sinn
für hiftorifche Studien zu wecken und zu beleben. Wir
dürfen es daher wohl ausfprechen, dafs die Zeitfchrift
ganz ebenfo Anfpruch auf Beachtung von Seite der
weiteften theologifchen Kreife hat, wie irgend eine andere
theologifche Zeitfchrift. Denn es ift doch hoffentlich
noch nicht dahin gekommen, dafs man die Befchäf-
tigung mit Exegefe und Dogmatik oder gar mit kirchen-
politifchen Fragen für ungleich wichtiger hält, als die
Orientirung in der gefchichtlichen Vergangenheit unferer
Kirche, aus welcher auch für die unmittelbaren prakti-
fchen Fragen der Gegenwart noch fo unendlich viel zu
lernen ift. — Um zu zeigen, wie fehr die Zeitfchrift
ihrem eben erwähnten Programme bisher treu geblieben
ift, möge hier wenigftens beifpielsweife eine Anzahl der

bisher von ihr gebrachten Abhandlungen erwähnt fein.
Dem Gebiet der alten Kirchengefchichte gehören an
die Unterfuchungen von Weingarten über den Ur-
fprung des Mönchthums (Bd. I), von Harnack über
den fogenannten zweiten Clemensbrief (Bd. I), über das
muratori'fche Fragment (Bd. III) und über das Diateffa-
ron Tatian's (Bd. IV), von Jacobi über das Syftem des
Bafilides (Bd. I), von Reuter über Auguftin (Bd. IV),
von Brieger über Conftantin den Grofsen (Bd. IV) etc.
Auf die mittelalterliche Kirchen- und Dogmengefchichte
beziehen fich z. B. die Abhandlungen von Reuter über
Bernhard von Clairvaux (Bd. I) und von Ritfehl über
das Buch Von geiftlicher Armuth (Bd. IV); auf die neuere
Kirchengefchichte feit der Reformation: Ritfehl über
die Entftehung der lutherifchen Kirche (Bd. I), derfelbe
über die beiden Principien des Proteftantismus (Bd. I),
Lenz über Zwingli und Landgraf Philipp (Bd. III), Brieger
über die angebliche Marburger Kirchenordnung von
1527 (Bd. IV), Ritfehl, Prolegomena zu einer Gefchichte
des Pietismus (Bd. II). Zur Symbolik und zur Gefchichte
der Theologie hat namentlich Gafs Beiträge geliefert in
feinen Abhandlungen über: ,Die Stellung des apoftoli-
fchen Symbols vor zweihundert Jahren und jetzt' (Bd.
III), ,Zur Symbolik der griechifchen Kirche' (Bd. III),
,Zur Gefchichte der Ethik' (Bd. I und II). — Den Zwecken
der Detailforfchung dienen fpeciell die in jedem Hefte
enthaltenen kleineren ,Analecten', welche im Einzelnen
vielfach werthvolle Auffchlüffe, z. Th. auch neue hand-
fchriftlichePublicationen von mäfsigem Umfange bringen.
■— Höchft dankenswerth find endlich die ,Kritifchen
Ueberfi chten' über die neuere Literatur, welche fehr
eingehend und vollftändig über die neuere Literatur auf
einem beftimmten Gebiete orientiren. Bis jetzt find
folche geliefert worden von Harnack über die alte
Kirchengefchichte (zweimal), von Möller über die Kirchengefchichte
vom 4. bis 8. Jahrhundert und über die
Dogmengefchichte, von Schott über die Gefchichte des
franzöfifchen Proteftantismus, von Buddenfieg über die
englifche Reformationsgefchichte (zweimal;, von Benrath
über die Reformationsgefchichte Italiens (zweimal),
von Sepp, über die Gefchichte des Proteftantismus in
j den Niederlanden, vonStähelin über die fchweizerifche
Reformationsgefchichte, von Schultze über die kirchliche
Archäologie. — Durch eine regelmäfsige Fort-
fetzung diefer Ueberfichten wird fich die Redaction den
wärmften Dank Vieler verdienen und zugleich ein werthvolles
bibliographifches Hülfsmittcl auch für fpätere
Zeiten fchaffen. Möge fie überhaupt durch immer ftei-
gende Theilnahme zur rüftigen Fortfetzung des ganzen
Unternehmens ermuntert werden.

Giefsen. E. Schürer.

Nippold, Dr. Fricdr., Die Theorie der Trennung von Kirche
und Staat geschichtlich beleuchtet. Rektoratsrede, gehalten
am Stiftungsfefte der Univerfität Bern, den
15. Novbr. 1880, und in erweiterter Geftalt fowie mit
einem literarifchen Anhang dem Druck übergeben.
Bern 1881, Wyfs. (87 S. gr. 8.) M. 1. 50.

Das Thema der Rede ift ein zeitgemäfses und war
dem Schweizerifchen Publicum durch die vorjährige
Volksabftimmung in Genf — wo bekanntlich, einiger-
mafsen wider Erwarten, die beantragte Trennung der
Kirche vom Staat (Unterdrückung des Cultusbudgcts)
verworfen worden ift — befonders nahe gelegt. Ohne
wefentlich Neues zu bieten, weift Nippold zunächft die
gefchichtliche Genefis des Gedankens der Trennung nach
— hier kommt namentlich Gutes vor über das Wefcn des
Byzantinismus, über den Papalismus als eine andere F"orm
des Cäfarismus, über die gemeinfamen Wurzeln des Byzantinismus
und Papalismus in der Aera Conftantin's,
weiterhin über die grundmäfsige Verfchiedenheit des