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Ausgabe:

1881 Nr. 1

Spalte:

9-11

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nobbe, Heinr. F. A.

Titel/Untertitel:

Gerhoh von Reichersberg. Ein Bild aus dem Leben der Kirche im 12. Jahrhundert 1881

Rezensent:

Möller, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 1.

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der hiftorifchen Hilfswiffenfchaftcn umfaffen, Abhand- I von feinem Charakter und feinen Schriften gehandelt

lungen aus dem Bereiche der vorchriftlichen Zeit jedoch
nur ausnahmsvveife, und Arbeiten aus den Gebieten der
Cultur-, Kunft-, Literatur- und Provinzialgefchichte nur
dann aufnehmen foll, wenn ihr Gegenftand von allge-

wird (S. 36—66), letzteres fo weit es dem Zwecke des
Verf.'s entfprach, der nicht eine erfchöpfende Monographie
, fondern ein Lebensbild geben wollte, in welchem
die grofsen Bewegungen der Zeit fich fpiegeln. Der 4.

mein-hiftorifchen Gefichtspunkten aus behandelt wird, j Abfchnitt (S. 67—105) zeigt uns Gerhoh ,auf der Warte
Das Jahrbuch foll literarifches Vereinigungsmittel zunächft feines Jahrhunderts', indem er uns mit feiner Beurtheilung
für diejenigen Hiftoriker fein, /welchen Chriftus der der Zeitlage bekannt macht, welche durch den Inveftitur-
Mittelpunkt der Gefchichte und die katholifche Kirche ftreit und das Wormfer Concordat, durch den zweiten
die gottgewollte Erziehungsanftalt des Menfchenge- Kreuzzug, die zwiespältigen Papftwahlen und den Anta-
fchlechts ift', foll aber eine direct apologetifche Tendenz j gonismus der päpftlichen und kaiferlichen Partei be-
nicht verfolgen. Akatholiken follen als Mitarbeiter will- zeichnet wird. Gerhoh's religiöfe (eschatologifche) Gekommen
fein, falls in ihren Beiträgen das ausgefprochene fchichtsbetrachtung fchliefst fich hier an, ebenfo auch
Princip nicht angetaftet wird. Die vom Herausgeber j feine Beurtheilung hervorragender Zeitgenoffen. Im 5. Ab-
vorangefchickten Erklärungen ,Zur Orientirung' geben die t fchnitt (S. 106—157) handelt der Verf. von Gerhoh's
Ausführungen zu dem Programm, und zwar, wie zu er- i Kampf für kirchliche Lebensordnung, indem er zuerft zeigt,

warten, in einem Sinne, dem Chriftliches und Römifch
kirchliches fchlechthin zufammenfällt, und die ftattliche
Reihe von Namen Solcher, welche dem Unternehmen
beigetreten find, bürgt ebenfofehr dafür, dafs die hier
zum Ausdruck gekommene Tendenz die beherrfchende
fein wird, als allerdings auch dafür, dafs innerhalb der
durch diefe Tendenz bezeichneten Schranken Tüchtiges
erwartet werden darf. In dem uns vorliegenden erften
Hefte dürfte der darin begonnene Auffatz von P. D.
Rattinger S. J. über den Patriarchat- und Mctropolitan-
fprengel von Conftantinopel und die bulgarifche Kirche
zur Zeit der Lateinerherrfchaft in Byzanz der kirchen-
hillorifch werthvollfte fein. Der Verf. unternimmt hier eine
eingehende ftatiftifch-geographifche Untcrfuchung der Angaben
des Briefes der bulgarifchen Bifchöfe an Inno-
cenz III vom Jahre 1203 (bei Briqttigny und La Porte du
TA., Diplom., chartäe, . . , ad res Franc, spect. II, 2 p. 449
u. ö.) und fucht diefe noch wenig verwerthete Urkunde
mit ihren in den Ortsnamen aufserordentlich variirenden
Lesarten zu deuten. P. Weifs O. P. (Die Entwickelung
des chrifllichen Ritterthu ms. Studien über die Roland-
fage) charakterifirt an der Clianson de Roland und dem
Rolandslicde des Pfaffen Kuonrät den Fortfehritt in der
Durchdringung des Ritterthums mit chriftlichem Geifte,
anziehend, aber auch ein wenig romantifch-fchönfärbend.
Wenn Niehues (Die Wahldecrete Stephans III und Stephans
IV) dafür eintritt, dafs die Beftimmungder römifchen
Synode von 862 oder 863 unter Nicolaus I betr. die
Papflwahl (Manfi XV, 659. Hefele IV, 260 d. 2. A.) in
den Worten Stent in concilio beatissimi Stephani papac
sta tu/um est nicht auf das Decret Stephan's III (TV) von
769, fondern auf jenes in Gratian's Decret erhaltene Decret
eines Papftes Stephan, das eben deshalb Stephan IV (V)

aus welchen Gefichtspunkten und in welchem Umfang
G. die Schäden der verweltlichten Kirche rügt, wie
fie hervortreten am Papft und am römifchen Stuhl, an
den Bifchöfen und am Klerus, am Mönchthum und
Klofterwefen, fodann welche Reformen der Kirche auf
diefen Gebieten er erftrebt. Vcrhältnifsmäfsig kurz wird
im 6. Abfchnitt (S. 158 — 173) von G.'s Kampf für die Lehre
der Kirche gehandelt. Ein Schlufswort wirft endlich noch
Blicke auf die Stellung G.'s in der gefchichtlichen Entwicklung
der Kirche und Ausblicke von da auf die Reformation
, wie auf die kirchlichen Tragen der Gegenwart.
Eine etwas concretere Ausführung und dadurch etwas
lebendigere Farben hätten wir befonders dem Abfchnitte
über das äufsere Leben G.'s gewünfeht; fie würden in-
direet auch den andern Abfchnitten zu Gute gekommen
fein. Der Lefer, befonders der mit der Zeitgefchichte
weniger vertraute, wird an manchen Stellen wünfehen,
das Hereinfchlagender Wellen dergrofsen Zeitbewegungen
in G.'s eignes Leben und in die Gefchicke feiner engern
Heimath deutlicher vorgeführt zu fehen. Indeffen wesentliche
Punkte find doch nicht übergangen, wenn wir auch
bedauern müffen, dafs der Verf. z.B. für die letzte Lebenszeit
G.'s neben den andern hier einfchlagenden Schriften
desfelben nicht auch die höchft intereflante epist. ad Cardinales
de sc Aismate, welche Mühlbacher im Archiv f.
öfterr. Gefchichte Bd. 47 1871 veröffentlicht hat, fowie
die von Scheibeiberger edirte Schrift de quarta vigilia
noctis ausgenutzt hat; erftere ift nicht nur für die bedrängte
Lage im Salzburger Erzftift, fondern namentlich
auch für die wiederholte perfönliche Berührung mit dem
Kaifer und feiner Umgebung und den fehmerzlichen innern
Conflict höchft bezeichnend, in welchem G. fich befindet
zwifchen feiner kirchlichen Anhänglichkeit an Alexan-

um 816 zuzufchreiben fei, fich beziehe, fo mufs Ref. be- der III und feiner Loyalität gegen Kaifer und Reich. —
zweifeln, dafs es ihm gelungen fei, die entgegenftchende Von höchftem Intcreffc bleibt immer, wie bei Bernhard
Anficht von Hinfchius (Sylt, des kath. Kirchenrechts fo bei feinem Zeitgenoffen Gerhoh, zu fehen, wie die

I, 231) wirklich zu widerlegen. — Recenfionen und
Referate fchliefsen fich den Abhandlungen an.

Kiel. W. Möller.

Nobbe. Paft. Dr. Heinr. F. A., Gerhoh von Reichersberg.

Ein Bild aus dem Leben der Kirche im XII. Jahr-

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hundert. Leipzig 1881, Böhme. (VIII, 180 S. 8.) M. 2. 50. Katholicismus und des hierarchifchen« in ihnen arbeitet,

eifrige Hingabe an das geiftliche Ideal, welches ja doch
wefentlich das mönchifchc ift, fie nicht nur in ihrer Beurtheilung
des geiftlichen Berufs der Kirche zu ftrengen
Cenforen der Verwcltlichung in allen ihren Formen macht,
fondern die eifrigen Kirchenmänner in eine innere Disharmonie
mit dem doch feftgehaltenen Ideal kirchlicher
Herrfchaft und Macht bringt, wie, um einen Ausdruck
Reuter's zu brauchen, ,der Gegenfatz des afketifchen

Der Reichersberger Propft ift eine fo charaktenftifche f ohne eine wirkliche Vermittelung zu finden. Nobbe hat
Erfcheinung, dazu eine fo einflufsreichc Perfönlichkeit . in diefer Beziehung die bei G. beherrfchenden Gefichts-
und bei aller Schroffheit und Streitluft ein fo achtungs- j punkte gut zufammengeftellt, auch darauf hingewiefen
werther Repräfentant des kirchlichen Gciftes feiner Zeit, (S. 117), dafs G. hinfichtlich des Verhältnifses von regnum
dafs es fich lohnt, das Bild feines Lebens und Strebens, und sacerdotium doch etwas anders urtheilt als Bernhard,
für deffen deutlichere Herausftellung neuerlich fo Manches Auch wie fehr doch G. die Regalien der Bifchöfe mit
gefchehen ift, durch Zufammcnfaffung der wefentlichen j bedenklichen Augen anficht, ift aus S. 120. 142 zu ent-
Züge einem weiteren Kreife zugänglich und verftändlich nehmen; man kann noch auf die höchft charakteriftifche
zu machen. Dies gefchieht in der vorliegenden fleifsigen Ausführung de invest. Antichr.l, 37 verweifen, wo G. in
Schrift in der Art, dafs nach einer allgemeinen orientiren- dem unter Cyrus und Darius wiedcrhergeftellten Tempel
den Umfchau über die Zeitverhältnifse (S. I—10) zunächft den Typus der Kirche und in der ominöfen Sechszahl
Gerhoh's äufseres Leben vorgeführt (S. 11—35« dann der Mafse (Efr. 6, 3), die an die Mafse des goldnen