Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1881 Nr. 10

Spalte:

240-243

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schwane, Jos.

Titel/Untertitel:

Specielle Moraltheologie 1881

Rezensent:

Kähler, Martin

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

239

Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 10.

240

frifchen,volksthümlichen Prediger mit kräftigem Plumor erkennen
laffen; der Abt Konrad von Brundelsheim, der Verf.
der ,Socci Sermones1 aus dem 13. Jahrh.; der Ciftercienfer-
mönch Nicol. von Landau, der einzige unter den fcho-
laftifchen Predigern, der feine Predigten in deutfcher
Sprache herausgegeben hat; der Auguftiner Heinrich von
Weimar, der als Vertreter der rubricirenden fchematifchen
Methode, wir möchten fagen alsReinhardianer des Mittelalters
aufgeführt wird, und fein in fcholaftifche Spielerei
fich verlierender, gelehrte Kenntnifse namentlich phyfi-
kalifcher Art dazu verwendender Schüler Jordan von Quedlinburg
. Auch Albertus Magnus, der jedenfalls als Prediger
jüngft wieder vielfach über Gebühr gefeierte ,Bi-
fchof Albrecht', kommt zur Sprache; die ihm bisher
zugefchriebenen Sermones de tempore et de Sanctis erklärt
der Verf. aus äufseren Gründen für unecht, da hi-
ftorifche Thatfachen aus fpäterer Zeit, wie die Canoni-
firung des Thomas v. Aquino u. A., darin erwähnt werden
, und er verlegt daher diefe Sermone in die 2. Hälfte
des 14. Jahrh., wo er ihren Autor als Pfeudo-Albertus
einreiht. Ob nicht aber doch echte Beftandtheile in
diefen Sermonen fich finden, was durch die Argumente
des Verf.'s nicht ausgefchloffen in, laffen wir ebenfo da-
hingeftellt, als wir bekennen, nicht vollftändig von derUn-
echtheit des dem Albertus Magnus ftets zugefchriebenen
Werkes: summa de laudibus virginis Mariae durch die
Gegengründe des Verf.'s überzeugt worden zu fein. Bei
der Herrfchaft, die der Marianismus über die Geifter
jener Zeit, auch über die hervorragendften hat, werden
die Ueberfchwänglichkeiten in der Verherrlichung der
Maria felbft im Munde eines Albertus Magnus erklärlich.
Da in den Gefchichten der Predigt meift nur die Sterne
ihrer Zeit glänzen, fo find die Proben befonders dan-
kenswerth, welche der Verf. von der vulgären Predigtweife
giebt, wie fie der Durchfchnitt der Prediger in
Stadt und Land in jener Zeit geübt hat, und zwar an
zwei Predigern, welche die höchfte und die niederfte
Stufe diefer Predigtweife repräfentiren; jene ift vertreten
durch den Dominicaner Nicol. von Strafsburg, diefe
durch den unbekannten Verf. der Elfäffer Predigten.

Sehr gründlich und eingehend, mit befonderer Be-
rückfichtigung der Predigtmagazine und der erften Lehrbücher
der Homiletik (von Plieronymus Dingersheim und
Ulrich Surgant), fowie einzelner Predigtgattungen , als
insbefondere der Faftenpredigten und Paffionsandachten,
wird das 15. Jahrhundert behandelt. Die herrfchende
Annahme, dafs während der letzten beiden Jahrhunderte
vor der Reformation, im Ganzen genommen, weniger
gepredigt worden fei, als in unfern Tagen, bekämpft der
Verf. mit verfchiedenen, meift freilich indirecten Zeug-
nifsen aus jener Zeit, wobei er felbft zugeben mufs, dafs
zumal der niedere Clerus auf dem Lande es fich mit der
Predigt fehr leicht gemacht und diefelbe an den feftlofen
Sonntagen auf eine kurze Anfprache befchränkt habe
Zum Schlufs fucht der Verf. die Urtheile der Reformationszeit
über die Befchaffenheit der Predigt am Ausgang
des Mittelalters und namentlich über das Piereinziehen
ariftotelitcher und neuplatonifcher Philofophie in
diefelbe, das man nicht feiten in ganz übertriebener
Weife dargeftellt hat, auf ihr richtiges Mafs zurückzuführen
, wobei uns freilich der Verf. in das entgegengefetzte
Extrem zu verfallen und namentlich das Gewicht
der bekannten Aeufserungen Luther's über diefen Gegen-
ftand, die auch anderweit ihre Beftätigung finden, zu fehr
abzuschwächen fcheint.

Sein Gefammturtheil über die deutfehe Predigt und
ihren inneren Gang im Mittelalter fafst er zum Schlufs
in den Worten zufammen: ,Die deutfehe Predigt hat im
Mittelalter eine lange und reiche Gefchichte gehabt und
alle Stadien durchlaufen, welche ihr innerhalb der be-
ftehenden Verhältnifse zu durchmeffen möglich wer. Mit
dem 15. Jahrhundert tritt indeffen immer mehr zu Tage,
dafs auf diefem Boden bei wachfendem äufsern Reichthum
ihre innere Lebenskraft fich erfchöpft hatte, und
dafs es zu ihrer Verjüngung und Umgeftaltung auch
einer Erneuerung des ganzen religiöfen Lebens bedürfen
werde. Wie nothwendig und grundlegend aber ihre
Entwicklung im Mittelalter gewefen, ergiebt fich deutlich
aus der nachreformatorifchen Gefchichte derfelben,
welche, wenn auch auf einem höheren Standpunkte und
unter freieren Bedingungen, doch zunächft ihre Haupt-
phafen nur wiederholen konnte, um durch weitere Gähr-
ungen und Kämpfe hindurch für eine tiefere und vollere
Erfaffung des chriftlichen Glaubenslebens auch einen
immer reineren und vollendeteren Ausdruck zu gewinnen
'.

Möchte gegenwärtige Anzeige recht Viele veran-
laffen, namentlich auch Geiftliche, die daraus für ihre
Predigt indirect vielen Gewinn ziehen können, mit diefem
gediegenen, ebenfo inftruetiven, als intereffanten Werke,
das infonderheit kein fpäterer Forfcher auf diefem Gebiete
entbehren kann, genauere Bekanntfchaft zu machen.

Dresden. Meier.

1. Schwane, Prof. Dr.Jof., Specielle Moraltheologie. Preiburg

i/Br. 1878, Herder (V, 536 S. Lex.-8.) M. 7. 80.

2. Linsenmann, Prof. Dr. F. X., Lehrbuch der Moraltheologie.

Freiburg i;Br. 1878, Herder. (XVI, 696 S. Lex.-8.)
M. 8. 40.

Die beiden genannten Werke find gleichzeitig in dem
für kathol. Theologie fo fruchtbaren Verlage von Herder
in Freiburg erlchienen; fie zeugen von der Rührigkeit
auf diefem Gebiete, aber fie führen dem proteftan-
tifchen Theologen zugleich recht deutlich vor, wie weit
die Wege der confeffionellen Theologien auf demfelben
auseinander gegangen find, feit fie fich einft in einer Arbeit
, wie Sailer's Plandb. der chriftl. Moral, fo nahe berührt
hatten. Allerdings flehen beide Arbeiten in be-
wufster Oppofition gegen das einfeitige Wuchern der
Cafuiflik, und vielleicht hört man nicht zu fcharf, wenn
man eine Ungehaltenheit über das VorherrfchendesGury-
fchen Lehrbuches zu vernehmen meint, wie fehr ihm in
Worten immer feine Ehre zu Theil werde. Denn Schw.
bemerkt, man könnte die Zweckmäfsigkeit der cafuift.
Methode fogar für die Anwendung im Beichtftuhle fraglich
finden, S. 2, und erklärt deshalb die ,mehr wiffen-
fchaftliche Methode' wählen zu wollen, deren ,eigentlicher
Vater der h. Thomas v. Aq.' fei; L. aber bezeichnet in
einer eigenthümlichen Parallelifirung der fcholaftifchen,
cafuiftifchen und myftifchen Methode mit Schleiermacher's
Güter-, Pflichten- und Tugendlehre die Cafuiflik zuletzt
nur als ein promptuarium des kirchlich-gefchichtl. Stoffes,
welcher erft ,wiffenfchaftlich ausgewerthet' werden foll,
^ 8. Trotzdem muthen die Ausführungen felbft mannigfach
recht cafuiflifch an, wenn fie auch hierin, wie überhaupt
im weiteren, fehr verfchiedene Wege gehen.

Schwane's Buch fcheint nur allmählich aus dem prak-
tifchen Bedürfnifse erwachfen. Die 2. Plälfte ift 5 Jahre
vor der erften veröffentlicht; fie trägt die Ueberfchrift:

I 3. u. 4. Th., obwohl in dem Inhalte keine zweitheilige,
vielmehr eine dreitheilige Gliederung befolgt ilt. Das
Ganze behandelt die fpecielle Moral oder die Lehre von
den fpecififch-chriftlichen Tugenden und Pflichten. Eine
kurze Einleitung ftellt als Princip die Gottesliebe hin und
zwar in einer fo allgemeinen Faffung, dafs fogar eine
befondere Beziehung auf Chriftus dabei abgelehnt wird;
denn die fides und die Charitas explicita in Christum nec-
cessitate medii für die Seligkeit zu fordern, das fei nicht
fichere Kirchenlehre, § 2. Darnach geht es aber ohne
Vcrmittelung zu den kirchlichen Lehrformen fort. Die
Fintheilung ift hier, wie auch bei Linf, von den drei
Vcrhältnifsen zu Gott, zu fich felbft und zu den Mit-

' menfehen entlehnt; wiefern die Religion nicht zu den
Selbftpflichten zähle, wird bei beiden nicht einmal er-