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Ausgabe:

1881 Nr. 10

Spalte:

231-232

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wolf, Carl August

Titel/Untertitel:

Ein exegetischer und practischer Commentar zu den drei Briefen St. Johannis 1881

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 10.

232

Wolf, Patt. em. Carl Aug., Ein exegetischer und practischer
Commentar zu den drei Briefen St. Johannis. Leipzig
1881, Köfsling. (VI, 354 S. gr. 8.) M. 6. —

Irren wir nicht, fo liegt von der Hand desfelben Ver-
faffers fchon ein früherer Anfatz zur praktifchen Auslegung
diefes Schriftftücks vor (Der erfte Brief Johannis
in kirchlichen Catechifationen ausgelegt, Leipzig 1850—
1851). Nachdem mittlerweile ein Menfchenalter vergangen
, erfcheint vorliegender, nicht blofs praktifcher, fondern
auch ,exegetifcher' Commentar, zum Druck befördert
durch die Pietät des Sohnes. Auch wir wünfchen
dem Buche zahlreiche Lefer unter dem ,hochachtbaren
Stande', welchem er es in der Einleitung darbringt, und
zweifeln nicht, dafs fogar neben Rothe's in diefer Beziehung
claffifchen Vorlefungen (vgl. Jahrg. 1879, S. I34fg.)
die überall auf Erbauung abzielende Erklärung einer
Schrift, welche ,den Lefern Stufen in den Himmel bauen
will' (S. 12), die ausgiebig bemeffene praktifche Anwendung
des gefundenen Sinnes, nicht zum minderten
auch die den Inhalt der einzelnen Abfchnitte wo möglich
präcis und vollftändig umfaffenden Dispofitionen, die
der Verf. beizufügen nicht vergifst, das Ihrige zur Erreichung
des in erfter Linie in's Auge gefafsten Zweckes
beitragen und den Hoffnungen, mit welchen er diefe feine
jHerbftfaat' ftreute, zur Verwirklichung verhelfen werden.
Bemerkungen wie die zu 1, 9 über den Werth der kirchlichen
Beichthandlung, zu 2, 8 über den zugleich alten
und neuen Charakter des Gottesgebotes, zu 2, 13 über
den Religionsunterricht der Kleinen, zu 2, 20 über die
chriftliche Salbung und viele andere, neben welchen fich
freilich auch manche trivialere Excurfe finden, wird
man dem Verf. gern abnehmen und verdanken.

Nur fcheinbar giebt fich der theologifche Standpunkt
desfelben in der Auslegung der xoivtovia 1, 3 zu erkennen
als einer ,Gemeinfchaft, welche fich die f. g. Gottesfreunde
der neueren Zeit ausdrücklich zum Ziele fetzten,
welche die Myftiker aller Zeit fogar durch finnliche Mittel
erzwingen wollten', welche aber jedenfalls ,beffer, als
jedes Philofophem, zeigt, was Religion im chriftlichen
Sinne und infofern fie dem Menfchen inwohnt irt' (S. 10).
Freilich pafst das nicht recht fchon zu V. 3, wo die
xoivwvLa auch /.leit r<^üv und noch weniger zu V. 7, wo
fie psre' ahXrjXcov befteht und daher neben der ,wahren
Religion' auch ein ,zweiter Sinn' ftatuirt wird (S. 17).

Ueberhaupt aber weift der fragliche Myfticismus
unferes Commentators auf keinen Fall ein irgendwie gefährliches
Geficht auf. Wie die Einleitung in dem Brief-
fteller einen ,grofsen Moraliften' erkennt, fo irt auch die
Auslegung durchweg eine moralifirende. ,Haltet Euch
zur Tugend, diefem erfreulichen Zeichen' — fo lautet
cp 32 das Thema zu 2, 3—6, wobei es als eine Untugend
der ,neueren Theologie' beklagt wird, dafs bei ihr das
Wort ,Tugend' in Verruf gekommen (S. 33). Auch das
alte und neue Gebot 2, 7 irt nicht fowohl fpeciell ein
Liebes-, als überhaupt ein Tugendgebot (S. 41). Der
Widerchrift 2, 22 nimmt Jefum nicht ,für ein höheres
Wefen', fetzt feine Lehre ,zu einer blofs menfehlichen
herab' (S. 88). Und fo geht es fort bis in die Auslegung
der zwei kleinen Briefe herab, wo z. B. das Thema zu

2 Joh. 4—6 lautet: ,Wozu veranlaffen hoffnungsvolle Zöglinge
?' und zu 12. 13 ,Auch einftweilige Abfchiede voneinander
haben ihre beachtenswerthen Seiten' und zu

3 Joh. 13—15 ,Der mündliche und der fchriftliche Unterricht
hat jeder feine Vorzüge'. Irren wir nicht, fo verhält
es fich mit der Orthodoxie des geehrten Verf.'s fo
wie wir es fchon da und dort fogar bei renommirteren
Commentatoren gefunden haben: ein bischen Rationalismus
irt allewege dabei.

Dagegen hat es Verf. auf Kritik allerdings nicht ab-
gefehen. Der Texius reeeptus ad Knappii recognitionem
genügt ihm (S. IV), und der Liebhaberei für die fchwie-
rigere Lesart tritt er entgegen, ,damit nicht ein ganz

j veränderter Text entliehe' (S. V). Vgl. bezüglich der
mifslichen Folgen eines folchen Verfahrens z. B. S. 57
zu 2, 13, bezüglich der Unmöglichkeit es confequent
durchzuführen z. B. S. 333 zu 3 Joh. 5. Vollends hiftori-
fche Kritik an dem Briefe mag üben, wer ,ftatt der Wahrheit
zu gehorchen, lieber Jemanden anders, etwa den
Presbyter Johannes, einer heuchlerifchen Nachahmung

j zeihen will' (S. 1). Wahrfcheinlich entftand der Brief

j aus ,Anlafs einer vorzunehmenden Kirchenvifitation' (S. 3).
Der alte Apoftel legt darin Wahrheiten nieder, die er
nach 1, 5 von feinem Herrn und Meifter, wenn auch, wie
die an diefem Orte verzeichnete, nur ,im Privatunter-

i rieht' (S. 14), gehört hat. Die gelegentlich bekämpften
Irrlehrer follen Cerinth, Ebioniten und Nazaräer, fowie

i die Vorläufer der Gnoftiker fein (S. 73). Bekanntlich
hat man fchon feit Lücke's lichtvoller Auseinanderfetz-

; ung nur noch die Wahl zwifchen Ebioniten und Gnofti-
kern, und auch diefe Wahl irt im Grunde fchon längft
zu Gunften der Letzteren entfehieden. Unfer Verf. hält
es zwar für ,zu fern liegend', das zweimalige yivioaxecv

1 2, 3 mit Beziehung auf die Prätentionen des Gnofticis-

1 mus zu verliehen, fieht aber nicht, wie nahe dafür gleich
im folgenden Vers das formulirte Bekenntnifs zur Gnofis
liegt: 6 Xeywv da kyviov.a avr.dv, vgl. Clem. Ree. 2, 22
gut deum se nosseprofitentur. Und fo ilt es unferes Verf.'s
Sache auch nicht, darauf zu achten, welche Rolle das
ytvidaxew überhaupt in unterem Briefe fpielt, wie durchweg
eine fittlich gerichtete yvüoig der intellectualirtifchen
entgegengefetzt irt. Nach 2, 9 ,legt fich irgend ein Gemeindeglied
den hohen Vorzug bei, im Lichte zu fein':
im Befitze eines beftimmteren Signalements für dasfelbe
weifs fich der Verfaffer nicht (vgl. dagegen Rothe, S. 66).

Auch das Räthfel der beiden kleinen Briefe dürfte
damit, dafs diefelben auf die Gemeinde in Pergamus bezogen
werden fS. 326. 336. 339), fchwerlich gelöft er-
fcheinen, wenn auch die Vorausfetzung, dafs fie zufam-
men ein Paar bilden und denfeiben Verhältnifsen gelten,
als fchon feit Baur feft begründet gelten darf. Diotrephes
foll ein kirchlicher Unterbeamter fein, der feinem Bifchof
Cajus das Leben fauer macht (S. 339 f.). Mit demfelben
Recht könnte man umgekehrt in dem (piXonc-mzevwv
JlOTfQcprjg den Theophoros finden, der als Ignatius die
Anfprüche des Epifkopates gegenüber den Presbytern und
zugleich die paulinifche Vergangenheit der Gemeinden
dem ephefinifchen Johannes gegenüber vertritt.

Strafsburg i. E. H. Holtzmann.

Overbeck, Prof. Dr. Franz, Zur Geschichte des Kanons.

Zwei Abhandlungen. Chemnitz 1880, Schmeitzner.
(VIII, 142 S. gr. 8.) M. 10. —

Es irt ein unbeftreitbares Verdienft Overbeck's, durch
die obige Schrift wieder einmal die Frage nach der Ge-
fchichte des Kanon im Anfchlufs an die verdienftlichen
Forfchungen Harnack's über das muratorifche Fragment
in Flufs gebracht zu haben. Ref. hat es fchon in einer
Recenfion über Credner's Gefchichte des Kanon feiner
Zeit ausgefprochen, dafs diefelbe wohl eine bedeutende
Anregung und reiches Material gegeben, aber doch die
wichtigften Fragen eigentlich noch völlig unaufgehellt
gelaffen hat. Seitdem find bald 20 Jahre verftrichen, und
wir befinden uns im Grunde noch auf demfelben Fleck.
Die Kritik der einzelnen NTlichen Schriften operirt ruhig
weiter mit den Thatfachen der fogen. Tradition über diefelben
, ohne dafs eine zufammenhängende Gefchichte der
Kanonbildung, die diefen Thatfachen doch allein ihre
Bedeutung geben kann, dafür ein methodifch gefichtetes
und gefichertes Material böte.

Ueber das, was Overbeck in den zwei hier veröffentlichten
Abhandlungen zur Löfung unferer Aufgabe bietet
, kann ich freilich nicht fo günftig urtheilen. Die erfte
beschäftigt fich mit der Tradition der alten Kirche über
den Hebräerbrief und beginnt mit der Annahme, dafs