Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1881

Spalte:

225-228

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Réville, A.

Titel/Untertitel:

Prolégomènes de l‘Histoire des Religions 1881

Rezensent:

Baudissin, Wolf Wilhelm

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack und D. E. Schürer, Troff, zu Giefsen.

Erfcheint , , ,, _ _' ,Preis

alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 10.

7. Mai 1881.

6. Jahrgang.

Reville, Prolegomenes de l'Histoire des Re-

ligions (Iiaudiflin).
Ab bot, Par palimpsestorum Dublinensium

(Gregory).

Zimmer, Der Spruch vom Jonazeichen (Schürer
).

Wolf, Commentar zu den drei Briefen St. Johannis
(Iloltzmann).

Overbeck, Zur Gefchichte des Kanons (Weifs).

Deutfch, Die Synode von Sens und Abälard
(Nitzfeh).

Cruel, Gefchichte der deutfehen Predigt im
Mittelalter (Meier).

Schwane, Specielle Moraltheologie (Kahler).
Linfenmann, Lehrbuch der Moraltheologie
(Kühler).

Baur, Die Weltanfchauung des Chriftenthums
(Kraufs).

Kurzgefafste Mittheilungen.

Reville, Prof. A., Prolegomenes de l'Histoire des Religions. , Mythen überall als verhältmfsmäfsig jung anzufehen

Paris 1881, Fischbacher. (III, 319 S. gr. 8.)

Mit Vergnügen mache ich aufmerkfam auf diefes
Buch, welches ich mit vielem Intereffe gelefen habe. Der
Verf. reproducirt darin in überarbeiteter Geflalt Vor-
lefungen, welche er am College de France gehalten,
wo er die erft vor zwei Jahren begründete Profeffur für
allgemeine Religionsgefchichte bekleidet. Ich halte diefe
Vorlefungcn für fehr geeignet, um einen gröfseren Kreis

find, da es nicht in der Art primitiver Völker liege, über
ihre ,Vergangenheit' (beffer wäre: über ihre Anfänge) zu
reflectiren, noch weniger über die der Menfchheit. —
Als bewegende Urfachen der ,religiöfen Entwickelung'
(S. 92—125) werden genannt: die wachfende Erkenntnifs
der Natur, die Raceneigenthümlichkeit, der Fortfehritt
der Vernunft und des fittlichen Bewufstfeins, politifche
und fociale Ereignifse und endlich die perfönliche Wirk-
famkeit religiöfer Genies. Wir wollen über die Aus-

Gebildeter in die Religionswiffenfchaft einzuführen. Nicht 1 einanderlcgung diefer verfchiedenen Factoren mit dem
als Unterfuchungen gefchrieben, fondern als Darfteilung I Verf. hier nicht rechten, obgleich fich mancherlei daran

in gefälliger Form, ohne allen gelehrten Apparat, wenden
fie fich an ein folches gröfseres Publicum. Ohne auf
neue Refultate der Forfchung Anfpruch machen zu
können, fetzen fie doch mit gefundem und geiftvollem
Urtheil manches von den durch Andere gewonnenen
Frgebnifsen in ein neues Licht und rectificiren viele verkehrte
unter den herrfchenden Anfchauungen Gelehrter
wie Ungelehrter. Ref. befindet fich, obgleich er die

ausfetzen, z B. bezweifeln liefse, ob es wirklich ein
allgemeines Wachfen des fittlichen Bewufstfeins giebt, ob
nicht vielmehr jeder Fortfehritt desfelben veranlafst wird
durch das Eingreifen einer in irgend welchem Sinne als
,religiöfes Genie' zu bezeichnenden Einzelperfon. Diefen
Weg geht deutlich wie die religiöfe fo die ethifche Entwickelung
Ifraels, wo von einer allmählichen Vervoll-
kommenung des volksthümlichen Bewufstfeins aus fich

fpeeififeh theologifchen Anfchauungen des Verf. (in den | felbft heraus nicht die Rede fein kann, fondern jeder

fpäteren Capiteln des Buches) keineswegs theilt, in der
erfreulichen Lage, feinem Urtheil über die Anfänge der
Religion und über das Verhältnifs der vorchriftlichen
Religionen zu einander im Wefentlichen beiftimmen zu
können. — Es ift ein reicher Inhalt, welchen das Buch
uns bietet. Nachdem in einem erften Capitel ,Die Religion
' (S. 1—33) das allmähliche Entliehen des Religions-
begriffes und dann einer Religionswiffenfchaft ge-
fchildert worden, giebt das zweite die ,Definition der
Religion' (S. 34—48). Sie ift dem Verf. ,die Beftimmung
des menfehlichen Lebens durch das Bewufstfein eines
Bandes, welches den menfehlichen Geilt vereinigt mit
dem verborgenen Geilte {TeSprit mystcrieiix), deffen Herrfchaft
über die Welt und über fich felbft er anerkennt
und nach deffen Gemeinfchaft er trachtet' (S. 34). Obgleich
die Möglichkeit zugebend, dafs es einen religions-
lofen Zultand der Menfchheit gab oder dafs es religions-
lofe Völker gebe, fieht doch der Verf. einen folchen
Zuftand als hiftorifch unerwiefen an und beurtheilt die
vielfach vorgetragene Behauptung von dem noch gegenwärtigen
Vorhandenfein religionslofer Völker fehr richtig
aus einem zu engen Religionsbegriff" Derer, welche dies
behaupteten (S. 45 ff.). Es werden dann verfchiedene
Anfchauungen beleuchtet, auf Grund welcher man einen
feiten Ausgangspunkt der Religionsgefchichte zu gewinnen
trachtete: ,Die Uroffenbarung' (S. 49 fr.), ,Die
Urtradition' (S. 69 fr.), .Andere a priori der Religionsgefchichte
' (S. 82 ff.). Es finden fich hier überall fehr
richtige Urtheile; ich mache beifpielsweife aufmerkfam
auf das über die Mythen von den Anfängen der Menfchen-
gefchichte S. 77, wo dargeltellt wird, dafs gerade diefe

neue Anfatz hervorgetrieben wird durch die Wirkfamkeit
eines prophetifchen Mannes. Ueberhaupt ift es falfch,
die moralifche Entwickelung darzuftellen als eine die
religiöfe bedingende, da beide überall gleichen Schrittes
einen Weg gehen und fich nicht fagen läfst, die eine
führe die andere, am wenigften mit Voranftellung der
moralifchen Heranbildung vor die religiöfe. Man kann
fich freilich für das Gegentheil auf die Immoralität der
griechifchen Götter berufen (S. 118), welche auch dem
moralifchen Bewufstfein des Griechen nicht verborgen
blieb. Allein auch hier darf an ein Auseinanderfallen
von Gottesglaubcn und ethifchem Bewufstfein kaum gedacht
werden; diefes harmonirt nicht mit der Mythologie
, welche aber vom Gottesglauben zu unterfcheiden
ift. Den Zeus, welchen man anbetete, dachte man ohne
jene .Immoralitäten' des mythologifchen Zeus, und diefe
find überhaupt nur entftanden durch das Mifsverftändnifs
der Naturbedeutung des Mythos, ein Mifsverftändnifs,
welches für uns craffer erfcheint als es wirklich war, weil
wir unberechtigt die volksthümliche Anfchauung nach
der Licenz der Dichter conftruiren. Es liegt in jenem
Widerftreit zwifchen Göltergefchichte und moralifchem
Bewufstfein der Keim zu der Auflöfung des griechifchen
Götterglaubens; in diefem Refultat aber tritt gerade die
Zufammengehörigkeit von Moral und Gottesglauben
hervor. Zugleich mit der moralifchen Verabfcheuung
des Kinderopfers bildete fich bei den Hebräern die Anfchauung
, dafs ihr Gott an demfelben ein Gefallen nicht
finde. — Der Verf. giebt dann eine ,Claffificirung der
Religionen' (S. 126—143). Er neht clas Mifsliche diefes
Unternehmens fehr wohl ein: ,Welches Princip der Claffi-

225 226