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1881

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4

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(ohne Kategorisierung)

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Transtatio Syra Pescitto Veteris Testamenti ex codice Ambrosiano sec. fere VI photolithographice edita, curante et adnotante Sac. Obl. Antonio Maria Ceriani praefecto collegii doctorum bibliothecae Ambrosianae. Pars. III

Rezensent:

Nestle, Eberhard

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Theologifche Literaturzeitung. 1881. Nr. 1.

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Jahwe' und ,Bruder des Jahwe'. In diefen Fällen denkt
der Verf. den Gottesnamen hinzugefügt lediglich zum
Zweck der Bildung eines neuen Namens, ohne dafs die
Zufammenftellung von einem fpeciellen Verhältnifse zur
Gottheit etwas ausfagte, wie fich ähnlich im Griechifchen
neben Bios Hermobios und Diogeiton neben Geiton
finde (S. 12 ff.). Freilich läfst fich dagegen einwenden,
dafs ab und ach nicht wie Bios und Geiton für fich allein
als Eigennamen vorkommen. Doch fcheint mir diefe,
fo viel mir bekannt, dem Verf. eigenthümliche Deutung
immerhin beachtenswerth, und dafür, dafs man fich nicht
fcheute, Beftandtheile verfchiedener Namen zu neuen
Namensformen zu verfchmelzen, ohne Rückficht darauf,
dafs das heue Compofitum finnlos oder nichtsfagend
wurde, beruft De Jong fich vielleicht nicht mit Unrecht
auf Namen wie Barabbas (aus bar ,Sohn' und abba
,Vater'), obgleich man darin doch die Bedeutung finden
könnte: ,echter Sohn feines Vaters'. Die Auslegung
jener zuerft befprochenen Compofita als Ausdruck eines
Familienverhältnifses fcheint auch mir, in fehr vielen
Fällen wenigftens, die nächftliegende, und wenn wir unfere
Familiennamen Friedrichfen u. f. w. vergleichen, fo ift
es nicht befremdlich, dafs auch die Hebräer folche
Namen gebrauchten, ohne Rückficht auf das Gefchlecht
des Trägers. Ich finde es aber durchaus nicht noth-
wendig, alle diefe Namen nach einer Schablone zu erklären
. Wenn wir Namen wie Abimelech zufammen-
ftellen mit Elimelech ,Gott (oder: mein Gott) ift König'
einerfeits und Gadmelech andererfeits (phönicifch neben
Gad-Afchtoreth u. f. w., wonach melech hier ohne Zweifel
Gottesname ift, alfo: ,Glück des Melech' oder auch
,Glücksgott ift Melech'), fo liegt es doch fehr nahe, nach
diefen Analogieen zu deuten: ,Vater (oder: mein Vater)
ift Melech' als Ausfage von der Gottheit, umfomehr
als gegen De Jong's Erklärung ,Vater des Melech' einzuwenden
ift, dafs Melech als menfchlicher Pcrfonname
(wenn ich nicht irre, nur in der Chronik vorkommend,
wie Hammelech nur bei Jeremia) doch wohl eine fpätere
Abkürzung ift für einen zufammengefetzten Eigennamen.
Ebenfo mag dann unter den von De Jong zuletzt be-
Iprochenen Namen Abijah bedeuten , Vater (oder: mein
Vater) ift Jahwe', aber freilich nicht Achijah ,Bruder ift
Jahwe'. Andererfeits entbehrt es der Analogie, wenn
Neftle in ab an und für fich einen Gottesnamen ver-
muthet und darnach Namen wie Abinoam, Abifchua
u. f. w. erklärt, wo De Jong's Deutung viel näher liegt.
Für ungerechtfertigt halte ich es dagegen wieder, dafs
De Jong in allen mit ben und bath zufammengefetzten
Eigennamen den urfprünglichen Ausdruck der Bluts-
verwandtfehaft fucht. Wenn man bedenkt, wie geläufig
es dem Semiten ift, geiftige Verwandtfchaftsverhältnifse
mit ben und bath auszudrucken, fo wird derfelbe Tropos
fich doch wohl auch in Eigennamen finden. Die Neben-
einanderftellung von Benjamin und Benoni in der
Patriarchengefchichte zeigt, dafs den Israeliten diefe bildliche
Erklärung der mit ben zufammengefetzten Namen
geläufig war.

Jedesfalls find manche Schwierigkeiten durch De
Jong's Erklärung befeitigt. Ich habe deshalb geglaubt,
über den fehr forgfam gearbeiteten kleinen Auffatz, der
deutfehen Lefern leicht entgehen könnte, verhältnifs-
mäfsig ausführlich berichten zu follen.

Strafsburg i. E. Wolf Baudiffin.

j Translatio Syra Pescitto Veteris Testamenti ex codice Am-
brosiano sec. fere VI photolithographice edita, cu-
rante et adnotante Sac. Obl. Antonio Maria Ceriani
praefecto collegii doctorum bibliothecae Ambrosianae.
Pars III. [Tom. I: Prov. XXIV ad fin., Sap., Eccle.,
Cant, Isa., Jer., Thr. Tom. II: Epist. Jer., Epist. I et
II Bar., Ezech., XHProp. Min., Dan.I—IX.] Mediolani,
MDCCCLXXIX, in officinis photolithographica Angeli
dclla Croce et typographica Boniardi-Pogliani. gr. fol.
M. 40. —; in charta grandiori M. 60. —

Ueber die beiden erften Lieferungen diefes Prachtwerks
f. 1876, 13; 78, 10. Die vorliegende dritte, die
den erften Band zum Abfchlufs und vom zweiten noch
34 Blatt bringt, ift fchon vor längerer Zeit erfchienen,
fo dafs Ceriani die 2 noch ausftehenden Lieferungen bis

I circa finem all. 1881 fertig zu bringen hofft; auf dem

1 Umfchlag des erften und zweiten Heftes hiefis es ante
annnm 1880. — In welcher Reihenfolge die altteftament-
lichen Bücher in der Handfchrift flehen, habe ich bei

1 der Anzeige des erften Theiles angegeben, f. 76, 329 f.;
der vorliegende bringt zum erften Mal apokryphifche
Schriften mitten unter den kanonifchen: ,die grofse Weisheit
' (Sap. Sah), den Brief Jeremia's; einen erften und
zweiten Brief Baruch's; letztere 3 Stücke hinter den Klagliedern
, welche ihrerfeits in der Handfchrift mit dem
Prophetenbuche Jeremia's ganz eng verbunden find.
Spuren kirchlichen Gebrauchs finden fich fehr wenig:
zu Cant. 1, 1 und Jer. 38, 1 hat eine fpätere Hand auf
den Rand gefchrieben ,Weihung des Salböls'; zu einer
Stelle des den abendländifchen Kirchen ganz unbekannten
erften Baruch-Briefes Np-|-7i"p Lection (? am Tage) der
Gerechten. Jefaja ift von alter Hand in 38, Jeremias, von
neuerer in 34 Capitel eingetheilt; Jefaja heifst in der Ueber-
fchrift ,der Gepriefene unter den Propheten'; die ,12 kleinen
' bilden zufammen nur ein Buch. Merkwürdig ift die
Auffchrift des Hohen Liedes, indem in derfelben ftatt des
Singulars Lied der Lieder dreimal der Plural gefetzt ift
(N-nnau:n nrpujn — NrrvrjT nym = hebr. p-itra rnsns).
Mehrere Bücher, z. B. Joel, Sap., Coh., I und II Bar.
habe ich mit den Ausgaben von Lee und Lagarde genau
collationirt und mich gewundert, wie verhältnifs-
mäfsig gering die Zahl wirklicher Textesbefferungen ift,
welche diefe alte Handfchrift uns bietet. An einer ganzen
Reihe von Stellen, wo Lagarde den fyrifchen Text aus
dem griechifchen glücklich emendirt hat, findet fich auch
im Ambrosianus das Richtige nicht mehr, und auch fonft
find feine Lesarten, wo er vom textus reeeptus abweicht,
häufig minder gut. Vom bibelkritifchen Gefichtspunkt
aus wäre daher eine fo prachtvolle Wiedergabe unnöthig
gewefen; eine genaue Collation, die ja doch vorgenommen
werden mufs, hätte genügt und hätte nur wenig Bogen
gefüllt; um fo gröfsere Freude macht diefe Ausgabe
dem Freunde fyrifcher Sprache und Schrift. Aus dem
Buch Daniel, dafs in diefem Theil den Schlufs bildet,
fei hervorgehoben, dafs in c. 7 und 8 eine ganze Reihe
exegetifcher Bemerkungen mitten in den Text gekommen
find: 7, 4 ,Königreich der Meder', 6 der Perfer, 8. 20
Antiochus; c- 8, 8 ,der Tod Alexanders bar Philippus',
ebendafelbft orro-es Dinare*. Den folgenden Lieferungen
, die uns unter anderem die Apokalypfen des Ba-

] ruch und Efra, 4 Makkabäerbücher und des Jofcphus
VI. Buch de hello Judaico bringen werden, fehen wir mit
Spannung entgegen.

Münfingen. Dr. E. Neftle.

*) Die Angabe des Theodoret, dafs die fyrifche Hibel Jer. 23. 6,
33,16 xvpis Sixaaoaov rjfiug lefe, wird auch von diefer Handfchrift
nicht beftätigt.