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Ausgabe:

1881 Nr. 9

Spalte:

215-217

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Siebeck, Hermann

Titel/Untertitel:

Geschichte der Psychologie. I. Teil. 1. Abt 1881

Rezensent:

Heinze, Max

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Theologifche Literaturzeitung. 1881 Nr. 9.

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tung aus und adoptirt das Wort, dafs man auch hier
weniger verlangen müffe, um mehr zu erlangen.
Zu wünfchen wäre nur gewefen, der Herausgeber hätte
in der Vorrede auch auf die Ausführungen Schleier-
macher's aufmerkfam gemacht, die einer Entwicklung der
kirchlichen Verhältnifse Vorfchub geleiftet haben, wie fie

wiffenfchaftliche Kreife zugänglich feien. Diefe Zwecke
zu verbinden ift freilich eine fchwierige Aufgabe, wie
fich der Verf. wohl bewufst ift. Er hat fie aber in diefer
erften Abtheilung, fo weit ich fehe, nach Möglichkeit
gelöft. Das Werk entfpricht wiffenfchaftlichen Anforderungen
, ift mit ftreng hiftorifchem Sinne gefchrieben,

Schi, felbft fchwerlich gewünfcht hat. 1 beruht auf gründlichen Studien, bringt viele zerftreute

Giefsen. Adolf Harnack.

Angaben in den richtigen Zufammenhang, ltellt fie fo
in helles Licht und hält doch fremdartige Gefichtspunkte
fern. Zugleich ift es fo gefchrieben, dafs es jeder wif-
Siebeck. Prof. Dr. Herrn., Geschichte der Psychologie, fenfchaftlich Intereffirte verftehen und mit Nutzen ge-
I. Thl. 1. Abth.: Die Pfychologie vor Ariftoteles'. brauchen können wird.

Gotha 1880, F. A. Perthes. (XX, 284 S. gr. 8.) ln&de" r?inleit"ng j}>ri5ht der Verf von der primi-

^ ö y tiven Auffaffung des Verhaltnifses Zwilchen Leib und
M. o. — Seele bei den Naturvölkern und von den Gründen für

Dafs die im J. 1878 von Friedrich Harms heraus- die Ausbildung diefes Gegenfatzes, fodann von den äl-
gegebene Gefchichte der Pfychologie, fo hoch man auch teften griechifchen Vorftellungen und giebt hierauf eine
den Werth der principiellen Erörterungen in ihr anzu- - Eintheilung der griechifchen Pfychologie bis einfchliefs-
fchlagen geneigt fein mag, die Anforderungen, die man j lieh Ariftoteles. Freilich hätte in die vorausgefchickte
an die Darftellung der Gefchichte einer Wiffenfchaft zu | Gliederung wenigftens das Ende des griechifchen Alter-
ftellen berechtigt ift, nicht erfüllt, dürfte kaum auf all- j thums mit hereingezogen werden follen. Die drei Pe-
gemeinen Widerfpruch ftofsen. Das Werk, das Siebeck j rioden diefes Zeitraumes fcheiden fich fo, dafs zuerft in
in Angriff genommen hat, und von dem uns fchon eine { dem moniftifchen Gedanken des belebten Stoffs alle Pro-
Abtheilung vorliegt, ift alfo auch nach dem Harms'fchen 1 bleme des Verhältnifses von Leib und Seele ununter-
keineswegs unnöthig, und inwiefern jetzt gerade das Be- fchieden befchloffen liegen, dafs fich zu zweit ein ausge-
dürfnifs nach einer Gefchichte der Pfychologie fich leb- I prägter Dualismus entwickelt, der in Platon's Lehre
hafter äufsert, darüber fpricht fich der Verf. felbft im ! gipfelt, und dafs drittens bei Ariftoteles der, freilich
Vorworte aus. Er meint, jede Wiffenfchaft, die im Be- ' vergebliche, bewufste Verfuch gemacht wird, es mit der
griff fei, in ein neues Stadium ihrer Entwickelung einzu- , Einheitlichkeit des geiftig-leiblichen Organismus des
treten, verlange nach der Darftellung ihrer eigenen Ge- : Menfchen wieder ftrenger zu nehmen. Nicht ganz im
fchichte. Die pfychologifche Arbeit ftehe jetzt gerade 1 Einklang mit diefer Eintheilung flehen die Abfchnitte,
daran, fich von der allgemeinen Philofophie zu löfen und ! welche Siebeck in der Behandlung feines Gegenftandes
fich als eine Specialwiffenfchaft mit befonderem Forfch- • felbft macht. Da bezeichnet er die erfte Periode als die
ungsgebiet und eigener Methode einzurichten. Auch j von den Anfängen des pfychologifchen Denkens bis zur
darin zeige fich diefe Selbftändigkeit, dafs die Pfycho- Begründung der Pfychologie als philofophifcher Disciplin
logie, nachdem fie im Laufe diefes Jahrhunderts zu den ; durch Sokrates und Piaton, und die Unterabtheilungen
verfchiedenften Methoden und Ergebnifsen gelangt fei, J derfelben behandeln auch wieder nicht die Phafen, wie
jetzt immer mehr dazu komme, ,ohne von beftimmteren fie vorher von einander getrennt waren, da die erfte die
metaphyfifchen Theorien noch wefentlich geleitet zu fein, Anfänge der Pfychologie vor Sokrates und der Sophiftik
die verfchiedenen Strömungen ihrer bisherigen Forfch- j umfafst, alfo manche dualiftifche Anfätze mit hineinzieht,
ung in den gemeinfamen Flufs eines anthropologifchen die zweite auf die Begründung der Pfychologie als phi-
Monismus einmünden zu laffen'. Ganz abgefehen nun lofophifcher Disciplin durch Sokrates und Piaton im
davon, ob wirklich diefer Wendepunkt für die Pfycho- i Sinn des Dualismus geht. In dem erften diefer Ab-
logie gekommen ift, jedenfalls ift eine Behandlung diefer ; fchnitte giebt Siebeck nun in vier Capiteln die princi-
Disciplin in ihrer gefchichtlichen Entwickelung durchaus pielle Auffaffung des Wefens der Seele bei den Philo-
zeitgemäfs, und es ift nur zu wünfchen, dafs diefe Ar- fophen, die Anfänge der medicinifchen Pfychologie, deren
beit, die nicht ganz leicht ift, jetzt von Siebeck fo durch- Darftellung von befonderem Werthe ift, da fie von Seiten

geführt werde, dafs fie nicht wieder aufgenommen zu
werden braucht.

Den Plan des ganzen Werkes hat der Verf. fo entworfen
, dafs die zweite Hälfte des erften Bandes die
Pfychologie des Ariftoteles, fowie die des fpäteren AI

der Philofophie bisher noch wenig Beachtung gefunden
hat, ferner die Lehre vom Erkennen, viertens vereinzelte
Beobachtungen empirifch piychologifcher Vorgänge, wobei
zugleich auf die Behandlung pfychophyfifchcr Fragen
eingegangen wird. Ob es richtig war, diefem letzten Ge-

terthums bringe, fodann auch eine Darftellung der Pfy- 1 genftande ein befonderes Capitel zu widmen, ift mir
chologie des Mittelalters. Es fei mir hier geftattet, es zweifelhaft, da der Verf. felbft fagt, die pfychophyfifchen
als wünfehenswerth auszufprechen, der Verf. möge nicht , und pfychologifchen Fragen in diefem Zeitraum feien
gar zu flüchtig an den Patriftikern und Scholaftikern vor- nicht getrennt. Doch kommt in dem Capitel Einiges
übergehen. Wenn beiden auch keine befondere Origi- i vor, z. B. über Träume, Temperamente, das nicht gut
nalität zuzufchreiben ift, fo find ihre Anflehten, wie fie | in die Darfteilung der principiellen Auffaffung der Seele

fich geftaltet haben aus der Vermifchung der platonifchen,
ariftotelifchen, ftoifchen mit der chriftlichen Lehre, doch
von weitgreifender Wirkung auf die Entwickelung der
ganzen chriftlichen Bildung. Der zweite Band wird dann
die Zeit vom Ausgang des Mittelalters bis zum Schlufs

gepafst hätte. In dem zweiten Abfchnitt handelt er im
erften Capitel von der Sophiftik und Sokratik, im zweiten
von der Pfychologie Platon's, welcher letzteren er
wieder verfchiedene Unterabtheilungen giebt: Metaphyfik
der Seele, die Aufgabe der Seele und ihr Verhältnifs

des vorigen Jahrhunderts umfaffen, und der dritte die zum Leibe, die empirifche Befchaffenheit der Seele, und
neuen .Anläufe des pfychologifchen und pfychophyfifchen zum Schlufs kritifirt er die platonifche Lehre. Er betont
Forfchens und Denkens von Anfang diefes Jahrhunderts j hierbei mit Recht, dafs bei Piaton zuerft der Begriff der

bis zur Gegenwart' behandeln. Das Werk foll ,den fte
tigen Zufammenhang der Entwickelung mit möglichft
eingehender Berückfichtigung fowohl der einzelnen Richtungen
wie innerhalb desfelben der einzelnen Bahnen
auf Grund fremder wie eigner Specialforfchung zur Darfteilung
' bringen, aber die Refultate des gelehrten Materials
in der Art bieten, dafs fie nicht nur für fach-

Seele unter den Hauptbegriffen der Speculation auftrat,
dafs fie bei ihm nicht mehr als ein Stück Welt wie jeder
andere Theil der Natur angefehen werde, fondern dafs
ihr Dafein wie ihr Werth bedingt fei durch ein hinter
der Natur liegendes Reales und Werthvolles, und dafs
die Erkenntnifs der Welt wie das Handeln in derfelben
ein Werk der Seele fei.