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Ausgabe:

1880 Nr. 6

Spalte:

134-135

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Liebmann, Otto

Titel/Untertitel:

Zur Analysis der Wirklichkeit. Eine Erörterung der Grundprobleme der Philosophie. 2. beträchtlich vermehrte Aufl 1880

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. 6.

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ftandene Antiquität zurückgegriffen und in einem Zeitalter
, deffen Neigungen auch der Reliquie Jerufalem
höhere Schätzung verfchafften, einigen — wenn auch be-
fcheidenen — Erfolg damit gehabt. Tendenziös ift ferner
die Art, wie der Verf. den römifchen Primat zu den Clementinen
in Beziehung fetzt. Zwar dagegen wird eine
kritifch-hiftorifche Betrachtung diefer Dinge nichts einzuwenden
haben, dafs der Verf. die Bedeutung, welche
die clementinifche Petrusfage für die Begründung des
römifchen Primats gehabt hat, anerkennt. Allein das
berechtigt noch durchaus nicht, den römifchen Primat
als ,ebionitifches Gift' zu behandeln (vgl. S. 71. 74. 78.
92. 118) und zu behaupten, ,dafs Roms Anfprüche auf
aufserkirchlichem, d. h. haeretifchem und zwar ebioniti-
fchem Boden wurzeln' (S. 114)- Dafs die römifche
Kirche für ihre Zwecke eine judenchriftliche Sage verwendet
, macht fie nicht ,ebionitifcher' als die altkatho-
lifche Kirche überhaupt ihr Glaube an einen Hauptzweig
diefer Sage, den als folchen auch der Verf. anerkennt
, nämlich an den Aufenthalt des Petrus in Rom.
Unter ganz verkehrter Ifolirung der römifchen Kirche
erfcheint aber im vorliegenden Buche die Verfaffungs-
gefchichte der alten Kirche als ein Idyll, welches nur
der abfonderlich dämonifche Ehrgeiz einiger häretifch
inficirter Menfchen, die den Bifchofsfluhl von Rom eingenommen
haben, geftört hätte. Allein mit feinen hier-
archifchen Beftrebungen befindet fich der Bifchof von
Rom in der alten Kirche durchaus inter pares, und nur
die Umftände und der Erfolg haben ihn zum primus darunter
gemacht. Wer das nicht überfieht und die per-
fönliche Rohheit, mit welcher einzelne Individuen die
Anfprüche ihres Amts vertreten haben mögen, nicht
mifsbraucht, wird auch den Ketzertaufftreit des 3. Jahrhunderts
nicht, wie der Verf., ungefähr im Tone eines
Diakonen von Karthago, der ihn mitgemacht hat, dar-
ftellen wollen, fo gewifs auch den Bifchof Cyprian einft
nur Fälfchung feiner Schriften zum Anwalt des römifchen
Primats machen konnte und jetzt nur das blin-
defte Vorurtheil noch kann. Die Darfteilung des Verf.'s
ift überhaupt einfeitiger, als er es mit feiner auf keine
vollftändige Gefchichte des Primats gerichteten Abficht
entfchuldigen kann. Indem der Verf. fich damit begnügt,
einige von Rom für fich angerufene Rechtstitel ihres Un-
werthes zu zeihen, dabei aber gänzlich übergeht, was
im Geifte der alten Kirche überhaupt dem römifchen Primat
entgegenkam und in den allgemein hiftorifchen Ver-
hältnifsen ihn begründete, hat man nur den Eindruck einer
Anklagefchrift in dem gegen die römifchen Bifchöfe geführten
Procefs. Vielleicht aber thäte felbft da, wo ihnen
diefer Procefs noch nicht gemacht ift, der Wirkfamkeit
rolcher Anklagefchrift gröfsere Gerechtigkeit keinen Ein-
ftag. Auch im Einzelnen wäre manches Mal mit dem
Verf. über Auslegung zu rechten. Hier foll nur noch
wegen des befonderen, übrigens, foweit es fich um mehr
als blofse Negation des römifchen Primats handelt, ungebührlichen
Gewichts, welches der Verf. auf die Worte
des Clemens Alexandrinus bei Euf. KG. II, 1, 3 legt, gegefragt
werden, mit welchem Recht der hier zwifchen
Petrus und Johannes genannte Jakobus wiederholt für
den Zebedäiden erklärt wird (S. 15. 17. 57. 1581. Es fleht
™* m,t den eigenen Annahmen des Verf.'s S. 33 in
Widerfpruch und verträgt fich auch nicht mit der von
ihm (S. 34) hier anerkannten Abhängigkeit des Clemens
vom Galaterbrief. — Der Stil des Verfaffers ift bisweilen
bis zur Incorrectheit nachläffig. Uneingefchränktes Lob
gebührt feinem Verleger wegen der prachtvollen Aus-
ftattung feines Buches.

Bafel. Franz Overbeck.

Lieb mann, Otto, Zur Analysis der Wirklichkeit. Eine Erörterung
der Grundprobleme der Philofophie. 2.
beträchtlich vermehrte Aufl. Strafsburg 1880, Trübner
. (VIII, 680 S. gr. 8.) M. 9. —

Vorliegendes Buch, zum erftenmal 1875 erfchienen,
jetzt bereichert durch eine Reihe kleinerer Anmerkungen
und einen Anhang zum Capitel ,über die Phänomenalität
des Raumes' (S. 69 f.), fowie durch die neuen Capitel
über ,Raumcharakteriftik und Raumdeduction' (S. 72 f.),
über ,die Affociation der Vorftellungen' (S. 435 f.) und
über ,die Einheit der Natur', fieht zunächft allerdings
mehr aus wie ein Bündel von Effays, während es in der
That aus einem planmäfsig angelegten, alle Fragen von
fundamentaler Bedeutung umfaffenden Kreife conver-
girender Gedankengänge befteht. Ausgefchloffen erfcheint
unter der Zahl der heute brennenden Fragen blofs
diejenige, welcher der Verf. fchon früher eine befondere
Behandlung in der auch jetzt (S. 663) nur formell ge-
mifsbilligten Schrift ,über den individuellen Beweis für
die Freiheit des Willens' (1866) hat angedeihen laffen,
während eine andere Leiftung ,über den objectiven Anblick
' (1869) in gegenwärtigen Ausführungen theils vorausgefetzt
, theils zurückgenommen wird (S. 52. 235 u.
ö.). Directer Anfchlufs dagegen findet ftatt an des Verf.'s
Erftlingsfchrift ,Kant und die Epigonen' vom Jahre 1865,
in welcher er die, durch die feither immer umfangreicher
gewordene Kantliteratur beftätigte Lofung ,Es mufs auf
Kant zurückgegangen werden' erftmalig präcis entwickelt
zu haben fich bewufst ift (S. 231. 242). Hatte er hier
das ,Ding an fich' für den wunden Punkt in der Lehre
des Meifters, für die auf die letzte, nothwendiger Weife
unbeantwortet bleibende, Frage hinzugeträumte Antwort
erklärt, fo leidet er auch in dem Hauptwerke auf die
Erreichbarkeit einer endgültigen philofophifch :n Welt-
anfehauung Verzicht. Er hat allen Refpect und weifs
auch gebührenden Refpect zu erwecken vor jenen Raulen
des Herkules, die den Grenzocean unferer bisherigen
Einficht bewachen' (S. 143). Daher fo manches höchft
wichtige Problem, wie z. B. die Frage nach der trans-
cendenten Realität oder Idealität des Raumes (S. 36 f.)
oder die nach dem Verhältnifse von Materie und Geift (S.
509 f.) eben nur als Problem fcharf und treffend formulirt,
dann aber ungelöft flehen gelaffen wird, obwohl eine Löf-
ung auf dem Wege der Speculation ganz nahe liegen
würde; fo dafs ,uns häufig das letzte Wort auf den Lippen
fchwebt, ohne dafs wir es ausfprechen' (S. II}. Aber
ewige Zurückhaltung mufs fich aulerlegen, wer als Phi-
lofoph an folche Aufgaben herantritt. Fortwährend fieht
fich der, über feine Stellung zur Natur und zur Innenwelt
nachdenkende Menfch vor Räthfel geführt, von
welchen er fich fagen mufs, dafs er diefelben nur mit
Ueberfpringung des eigenen Erkenntnifsvermögens, unter
Emancipation von fich felbft löfen könnte. So gleich
die im erften Capitel behandelte Grundfrage nach .Idealismus
und Realismus' (S. 19 f.). Behufs ihrer Entfcheid-
ung ,beftünde der directe, leider jedoch unzugängliche
Weg in der Ausführung des übermenfehlichen Experiments
: Hebe jedes Bewufstfein auf, zunächft jedes dir
gleichartige Bewufstfein; was bleibt dann übrig von der
uns bekannten Welt? Alles? Oder Etwas? Oder Nichts?
— Der hierbei eintretende Defect würde eben das Ideale
fein, der übrig bleibende Reil das Reale' (S. 35).

Nachdem der Verf., immer auf dem analytifchen
Wege der Einzelforfchung weiterfchreitend, in feinem
erften Cyklus eine Reihe von Fragepunkten ,zur Erkennt-
[ nifskritik und Transcendentalphilofophie' behandelt, führt
er, der alten, von Diogenes Laertius dem Plato zugeschriebenen
, Dreitheilung der Philofophie in Dialektik, Phyfik,
Ethik folgend, in einen neuen Kreis vonBetrachtungen ein,
welchen er überfchreibt: ,Zur Naturphilofophie und
Pfychologie', da die gefammte Wirklichkeit für unfere
Intelligenz in die beiden disparaten Gebiete der ma-