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Ausgabe:

1880 Nr. 26

Spalte:

643-644

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Müller, Ernst

Titel/Untertitel:

Der Krankenfreund. Ein biblisches Hausbuch 1880

Rezensent:

Hartung, Bruno

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. 26.

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Gebrauch machen können, fo dürfen fie's doch für feinen
nächften Zweck durchaus empfehlen.

Halle a. S. A. Wächtler.

Müller, Ffr. Ernft, Der Krankenfreund. Einbiblifches Hausbuch
. Nach dem Holländifchen des C. E. van Koets-
veld frei bearbeitet. Bern 1880, Dalp. (XII, 280S.gr. 8.)
M. 3. 20; geb. M. 4. 80.

Der Herausgeber, welcher den Lefern d. Bl. als
Verf. der Volksfchriften ,Uas Gebet des Herrn' und ,Der
verlorene Sohn' bekannt ift und welcher es fich zur Aufgabe
gehellt hat, auf dem Boden der fog. freien Theologie
die dort noch fchwach vertretene populäre und erbauliche
Literatur zu fördern, bietet uns hier in freier Bearbeitung
und mit vielen eigenen Zufätzen das Erftlingswerk des
bekannten holländifchen Schriftftellers und Theologen,
das feit 1838 in mehreren Ausgaben erfchienen ift. Es
verdankt feinen Urfprung den Beziehungen zu einem langjährigen
Kranken, dem es die Hausbefuche des Geift-
lichen erfetzen foll. Zu diefem Zweck führt es den
Leidenden in kurzen Betrachtungen durch die hierher
gehörigen Gefchichten des alten und neuen Teftaments
und druckt dann in paffender Auswahl die hauptfäch-
lichften auf das Leiden bezüglichen Worte der Bibel
bei (auf etwa 60 Seiten). In einem dritten Theil läfst es
,die heiligen Zeiten des Jahres' und ,die befonderen Zeiten
und Gelegenheiten des Menfchenlebens' am Krankenbett
vorüberziehen. Ein vierter Theil enthält,allerlei Zufpruch'
(z. B. Einfamkeit, innere Kämpfe, Bekenntnifs der Schuld,
Armuth u.a.) und ein fünfter .Gebete und Lieder', letztere
meilt von neueren Dichtern. — Die dem Original an-
gehörigen Abfchnitte find unten mit v. K. gezeichnet und
find in Bezug auf edle Popularität und Gedankenreichthum
zum Theil muftergültig. Ganz vortrefflich find ins-
befondere die biblifchen Betrachtungen über das alte
Teftament, welche gefchickt auch ferner liegende Per-
fönlichkeiten, wie Mephibofeth, Abia u. a. herbeiziehen.
Weniger befriedigen aus nahe liegenden Gründen die
über das neue Teftament und die feftlichen Zeiten, zumal
die Paffionszeit, welche vom Herausgeber in ziemlichem
Umfang ergänzt find. Dagegen find paffende Zufätze
über .fchönes Wetter', die verfchiedenen Lebensalter u. a.
Die einfeitige Bevorzugung moderner Troftlieder vor den
alten könnte darin ihre Rechtfertigung finden, dafs die
letzteren als bekannt vorausgefetzt werden. Allein warum
find dann gerade die allerbekanntcften beigefügt, wie
,Befiehl du deine Wege'? — Der theologifche Standpunkt
des Herausgebers drängt fich auch in diefer Schrift, wie
in feinen anderen, durchaus nicht hervor und ift mehr
an dem, worüber er fchweigt, als in dem, was er fagt,
kenntlich. Eigenthümlich, aber mit der Sitte refor-
mirter Gemeinden zufammenhängend ift es, dafs die
Krankencommunion, diefer Mittelpunkt anderer derartiger
Andachtsbücher, kaum erwähnt wird. Allein auch ohnedies
kann das Buch andere Erbauungsmittel nicht ganz
erfetzen, zumal in fchwerer Krankheit, im Angefleht des
Todes, felbft bei denen nicht, die fich befcheiden, ein
Mehr chriftlichen Glaubensgehaltes zu verlangen. Hierfür
hat es zu fehr den Ton der Abhandlung und der Reflexion
.

Wenn jedoch eine befonders fchwere, vielleicht die
fchwerfte Aufgabe des Seelforgers da zu löfen ift, wo
mit der Zeit die innere Spannung und momentane Empfänglichkeit
aufhört und die Befuche Monate hindurch
wiederholt fein wollen, wo das Leben draulsen, dem
der Kranke äufserlich, aber nicht innerlich entrückt ift, ihm
das Traurige feines Zuftandes immer von einer neuen
Seite fühlbar macht und immer zu neuen Klagen und
Reflexionen Anlafs giebt, fo wird ,der Krankenfreund'
ein fehr willkommener Rathgeber fein, der in die innere
Gefchichte der Krankenftube und in die Reden, die man

da hört, einen tiefen Blick gethan hat, aus deffen Schrift-
kenntnifs und Lebenserfahrung der Gefunde, wie der
Kränke etwas nehmen kann.

Leipzig. • Härtung.

Schmid, em. Pfr. Ulr. Rud., Ein Mahnruf an unsere Zeit auf

Grund des tiefften Zufammenhanges ihrer Verirrungen,
nebft Andeutungen für den wahren Fortfehritt. 2. verb.
u. verm. Aufl. München 1880, Th. Ackermann. (XVI,
148 S. gr. 8.) M. 2. —

Auch wenn der Verf. es nicht gelegentlich erwähnte,
würde jede Seite feiner Schrift es erkennen laffen, dafs
wir in ihm einen alten Burfchenfchafter vor uns haben,
in welchem die romantifchen Ideale feiner Jugend noch
fortleben. Dafür fpricht die warme chriftlich - nationale
Gefinnung bei Unklarheit in der Beurtheilung confeffio-
neller und fonftiger Unterfchiede, wie er denn der katho-
lifchen Rechtfertigungslehre den Vorzug vor der pro-
teftantifchen giebt und die Verfchiedenheit der Orthodoxen
und Rationaliften nur darin findet, dafs jene auf die
Allmacht, diefe auf die Liebe Gottes mehr Werth legen;
feine entfchicdeneFreifinnigkeit, während er in den meiften
Zeitfragen dem herrfchenden Liberalismus entgegentritt.

i Der Darwinismus, die Frauenemancipation, die Milde der
Strafgefetze, die Gemeindewahl, überhaupt die directen
Wahlen in Kirche und Staat, Civilftandsgefetzgebung,
Trennung der Kirche und Schule, Leichenverbrennung u.a.
hält er für Urfache wie Wirkung eines widerchriftlichen
Zeitgeiftes. Ref. müfste fo ziemlich auf alle das innere
Leben des Volkes bewegenden Fragen eingehen, wollte
er den einzelnen Partien der Schrift gerecht werden.
So viel Bcherzigenswerthes über die meiften derfelben
gefagt ift, fo verhindert doch Voreingenommenheit für
oder wider die gerechte Würdigung einzelner Infti-
tutionen. So wird auf der einen Seite der Civilehe jede
principielle Berechtigung abgefprochen und ihr fchäd-
licher Einflufs weitaus übertrieben; nach der anderen Seite
hin wird z. B. von der Feier des Sedantages ein Einflufs
auf unfer Volk erwartet, wie ihn folch einzelner Tag
unmöglich haben kann. Ueberhaupt mögen folche Standpunkte
, die von der gewöhnlichen Heerftrafse der Parteien
abliegen, ganz intereffant und, wenn fic mit
der Gefinnung des Verf.'s vertreten werden, auch fympa-
thifch fein: ihre Mahnrufe laufen doch und eben darum
Gefahr, wenig gehört zu werden, zumal wenn fie fo

' ziemlich alles umfaffen und auf 150 Seiten eine Reform
des ganzen Volkslebens anftreben und begründen wollen.

Leipzig. Härtung.

Bibliographie

von Dr. Caspar Rene" Gregory.
iCcutfcbc (Literatur.

Bibliotheca rabbinica. Eine Sammig. alter Midrafchim, zum
erden Male ins Deutfche übertr. v. A. Wünfche. 7. Lfg.
Der Midrafch Schir Ha-Schirim [Schlufs]. Leipzig, O.
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Nöldeke, Thdr., Kurzgefafste fyrifche Grammatik. Mit einer
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