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Ausgabe:

1880

Spalte:

615-617

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Reusch, Fr. Heinrich

Titel/Untertitel:

Die deutschen Bischöfe und der Aberglaube. Eine Denkschrift 1880

Rezensent:

Fay, Friedrich Rudolf

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Theologifche Literatlirzeitung. 1880. No. 25

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auf dem Frankfurter Reichstag über den von den Für- züglich der Verbreitung des Aberglaubens durch diefe
ften hinfichtlich der Ausföhnung Ludwig's mit der Curie , Schriften die deutfchen Bifchöfe. Die allermeiften der-
gefafsten Befchlufs gegeben, ift fo allfeitig begründet, , felben find mit bifchöflicher Genehmigung erfchienen.
dafs fie fchvverlich auf Widerfpruch ftofsen wird. Auch 1 Aber auch für diejenigen, welche ohne eine folche ausverdienen
die an die ebenbezeichneten Refultate ge- drückliche Genehmigung erfchienen find, find die Bifchöfe
knüpften Unterfuchungen über die Stellung der Kur- ' mit verantwortlich; denn fie können nach dem römifch-
fürften zu dem Trier'fchen Bedenken, fowie über das katholifchen Kirchenrechte verlangen, dafs ihnen die in
Verhältnifs des ftädtifchen Gutachtens zu den Be- 1 ihrer Diöcefe erfcheinenden religiöfen Schriften zur Cen-
fchlüffen der Kurfürften das Lob einer mikrofkopifch für vorgelegt werden, können alfo das Krfcheinen oder
den kleinften Abweichungen nachgehenden und die doch die Verbreitung abergläubifcher Schriften unter den
übereinftimmenden Momente, wenn diefelben auch noch j Katholiken verhindern' 'S. 5). Es verfteht fich von felbfl,
fo weit auseinanderliegen, richtig herausfindenden Forfch- 1 dafs diefe Herren, unter denen fich leider keine üalberg's
ung. In § 25 giebt der Verf. einen Ueberblick über die ' und Weffenberg's mehr befinden, von dem allen nichts
Stellung des hohen deutfchen Clerus zu den kämpfen- gethan, fondern offenbar es recht gern gefehen haben,
den Mächten in den letzten Jahren vor dem Tode Lud- j wenn das katholifche Volk immer mehr von den Schlin-
wig's. Den Abfchlufs des ganzen Werkes ($ 26) bildet i gen craffen Aberglaubens umftrickt wurde, da an einer
eine Betrachtung über ,die Nachwehen und Ausgänge folchen Herde die Hirtenpflicht fehr leicht auszuüben
des grofsen Kampfes', in welcher die fich allmählich an- : ift. Sie folgt der Stimme ihrer Führer unbedingt, ohne
bahnende Ausföhnung der Partei Ludwig's des Baiern [ Nachdenken und ohne Widerftreben. Wie follte fie auch
mit Avignon und Karl IV gefchildert wird. Das Facit, nicht? Bietet ihr doch die Kirche fo unendlich viele und
das Müller zieht (S. 261): ,Faft nirgends ift es uns ge- j ausgebuchte Wohlthaten an! Abiäffe, infonderheit aus
lungen eine Spur davon zu entdecken, dafs der Eintritt ' den Qualen des Fegfeuers errettende Abiäffe für Ver-
in den Kampf und das Ausharren in demfelben bedingt j ftorbene, Scapuliere, Gürtel, Medaillen und Ignatiuswaffer
und getragen gewefen wäre von religiöfen Motiven, von ! werden als heilkräftig und fegenfpendend angepriefen,
der Einficht in den fittlichen Verfall, die ganze Unwürdig- j die Marien-Verehrung, vorzüglich diejenige der Mutter
keit des damaligen Papftthums, von dem Verlangen nach ! Gottes von Lourdes, in einer der alten Lehre der katholi
einer wirklichen Wiedergeburt in der Kirche', diefes 1 fchen Kirche keineswegs (S. 67) entfprechenden Weife
Facit drängt fich jedem Forfcher auf, der an der Hand 1 empfohlen, Rofenkränze und Novenen d. h. neuntägige
unferes völlig leidenfchaftslos und parteilos darfteilenden j Andachten (S. 81) eindringlich befürwortet! Was aber
Verf.'s die einzelnen Phafen des grofsen .Kampfes der durch diefe fchönen Dinge noch nicht erreicht wird, das
Staatsgewalt um ihr Recht und ihre Freiheit' mit Auf ; bewirkt ficher die Andacht zu den Herzen Jefu, Mariä
merkfamkeit betrachtet. Manchem Lefer wäre es ge- ! und Jofeph (S. 81—88). Aufserdem hat man zahlreiche
wifs fehr erwünfeht gewefen, wenn Müller bei der letzten, I Gebetsvereine (S. 89) organifirt und weifs man von merk-
abfchliefsenden Verwerthung aller Kampfesmomente würdigen Gebetscrhörungen, unter denen Befreiung vom
(S. 261—267) noch einmal die Eigentümlichkeiten des Militärdienfte (!) eine hervorragende Rolle fpielt (S. 98),
Charakters und der Kampfesart fowohl des Kaifers, wie zu erzählen. Um allem noch die Krone aufzufetzen,
feiner Gegner auf dem Stuhle Petri zufammengefafst werden fortwährend neue ,fromme Meinungen' (S. 103 —
hätte. Ref. fcheidet von dem Werk, welchem er viel An- 108) in Umlauf gefetzt. Man hat nicht genug an der
regung, Belehrung und ein volleres Verfländnifs einer i von Pius IX zum Dogma erhobenen ,frommen Meinung'
der wichtigften, aber auch fchwierigften Perioden in der 1 von der unbefleckten Empfängnifs; man ift jetzt bereits
Gefchichte des Zufammenftofses zwifchen Papftthum und fo weit, auch den h. Jofeph in den Kreis diefer intereffanten
Kaiferthum verdankt, mit dem Wunfche, dafs der Verf. ' Betrachtung hereinzuziehen (S. 103. 104. 107), ferner,unterfeine
reichen Geiftesgaben auch ferner in den Dienft der 1 liegt es' nach der Meinung des Bifchofs Laurent ,keinem
Erforfchung der von den Kirchenhiftorikern noch fo Zweifel und fleht durch die Ueberlieferung feft, dafs der
wenig angebauten Papflgefchichte ftellen möge. ; Herr bei feinem letzten Abendmahl auch feiner Mutter

Strafsbure i E R. Zoepffel. ! Maria, die, obwohl nicht in der Gefellfchaft der Apoftel,

° doch ficher zur Ofterfeier in demfelben Haufe gegenwärtig
war, feinen Opferleib und fein Opferblut in der
Reusch, Prof. Dr. Fr. Heinr., Die deutschen Bischöfe und Form der Speife und des Trankes gereicht oder gefandt
der Aberglaube. Eine Denkfchrift. Bonn 1879, Neuffer. *f (S. 105). Als Beweis für die leibliche Himmelfahrt
. 0 *7 Maria — bekanntlich auch eine ,fromme Meinung' —

(109 S. gr. 8.) M. 2. 40. wird von demfelben Herrn Bifchof der allerdings höchft

Diefe Denkfchrift eines hervorragenden Vertreters merkwürdige Umftand angeführt: ,Die Ueberbleibfel ihrer
des Altkatholicismus giebt zu denken, denn fie gewährt Kleider werden mit ehrerbietigfter Sorgfalt in den
einen traurigen Einblick in die fyftematifch betriebene : älteften Kirchen der Chriftenheit verehrt; Aachen z. B.
Verbreitung des Aberglaubens unter der römifch-katho- , verwahrt fchon über 1000 Jahre Mariä Kleid und Gürtel,
lifchen Bevölkerung Deutfchlands. ,Den Hauptinhalt ' welche Conftantinopel fchon vier Jahrhunderte vorher
bilden Auszüge aus Schriften, welche meift feit dem in feiner älteften Marienkirche verwahrte und aus Jerufa-

Jahre 1870 in Deutfchland erfchienen und unter dem
katholifchen Volke verbreitet worden find' (S. 3). Der
Verfaffer hat ,diefen Auszügen nur fo viel beigefügt,
als er für nöthig hielt, um folchen Lefern, welche mit
diefen Gegenftänden nicht bekannt find, das Verfländnifs
und die richtige Würdigung der Auszüge zu er

lern überkommen hatte; Reliquien des Leibes Mariä
aber hat nie eine chriftliche Kirche aufgewiefen, und doch
wäre es rein unmöglich, dafs die h. apoftolifche Kirche
die Stätte je vergeffen oder vernachläffigt hätte, wo ein
folcher Schatz ruhte' (S. 106). Bifchof Martin von Paderborn
hat diefes fcharffinnige Argument des franzöfifchen

leichtern' (S. 3). Die Schriften felbfl, denen die Mittheil- Amtsbruders fo überzeugend gefunden, dafs er es ihm
ungen entnommen wurden, find ,grofsentheils aus Frank- I einfach nachfpricht (S. 106). Auch weifs er, dafs Maria

reich importirt', erfcheinen .alljährlich in grofscr Zahl, ,an keinem anderen Schmerze ftarb (alfo doch geftorben
theilweife bei den renommirteften katholifchen Verlegern, | als allein an dem Schmerze der Sehnfucht nach ihrem

meift zu einem geringen, auf eine Maffenverbreitung berechneten
Preife, und das Erfcheinen immer neuer Auflagen
und neuer Schriften derfelben Tendenz beweift,
dafs diefe Literatur eine grofse Verbreitung findet'
S. 4) . . . . ,Eine fchwere Verantwortung tragen begöttlichen
Sohne' oder, wie er anderswo (Andacht zum
Herzen Jefu S. 8) fagt, ,an keiner anderen Krankheit, als
allein an der Liebe zu Jefus' (S. 106).

Dies möge genügen! Wer noch mehr zu erfahren
wünfeht, lefe felbfl die durch vollendete Objcctivität aus-