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Ausgabe:

1880 Nr. 24

Spalte:

595-596

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmidt, Paul Wilh.

Titel/Untertitel:

Was trennt die beiden Richtungen in der evangelischen Kirche? Ein Beitrag zur Schätzung der kirchlichen Gegensätze 1880

Rezensent:

Köhler, Karl

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Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. 24.

596

den Wunfeh nicht unterdrücken können, dafs es dem
gründlichen Kenner des dänifchen Autors gefallen möge,
einmal in etwas zugänglicherer Weife Kierkegaard'fche
Theologumene zu verarbeiten.

Nuffe. H. Lindenberg.

Schmidt, Prof. Dr. Paul Wilh., Was trennt die beiden Richtungen
in der evangelischen Kirche? Ein Beitrag zur
Schätzung der kirchlichen Gegenfätze. [Deutfche
Zeit- und Streitfragen. 132. Heft] Berlin 1880, Habel.
(32 S. gr. 8.) M. —. 80.

Die vorliegende kleine Schrift des ehemaligen Herausgebers
der Proteftantifchen Kirchenzeitung, oder genauer
ein in derfelben enthaltener Satz, hat wie bekannt
das Signal zu lebhaften Erörterungen unter den Parteifreunden
des Verf.'s gegeben und dadurch eine gröfsere
Bedeutung erlangt, als der knappe Umfang erwarten
läfst. Vgl. Prot. K.-Ztg. Nr. 20. 25. 26. 28. 33. Der
umftrittene Satz findet fich S. 24 der Brofchüre und geht
feinem wefentlichen Inhalte nach darauf hinaus: die Liberalen
, ,fo weit fie fich felbft verftehen', feien Unitarier,
die Anderen dagegen in irgend einer Weife ,Chriftus-
Anbeter'.

Der Verf. geht mit Recht davon aus, dafs es, ehe
von einer Verftändigung zwifchen den diffentirenden
Richtungen die Rede fein könne, nothwendig fei, zur
Klarheit darüber zu gelangen, was fie trennt. Diefe
Frage will er beantworten. — Er findet, dafs faft überall,
wo die liberale und orthodoxe Richtung auseinander
gehen, die Grenzlinien thatfächlich fliefsende feien; nur
an zwei Punkten erkennt er einen wirklich trennenden
Gegenfatz: in der Stellung zu der Perfon Chrifti und in
der Auffaffung und Praxis des Gebetes, Was das letztere
betrifft, fo ift des Verf.'s Satz (S. 27): der Orthodoxe
bete in der Meinung, durch fein Bitten auf Gott einwirken
und ihn zur Erfüllung feiner Wünfche in wunderhafter
Weife bewegen zu können, wogegen der Liberale
wiffe, dafs von Erhörung im Sinne einer Naturdurchbrechung
die Rede nicht fein könne. Es fragt fich, ob
damit gerade ein fpeeififches Merkmal der einen und anderen
Richtung conftatirt ift. Das wird am Ende der
Orthodoxe von feinem Standpunkt auch anerkennen,
dafs das echte und rechte Gebet allezeit das ift, welches
mit dem Vorbehalt Mt. 26, 39 fchliefst, und dafs wir
nur dann darauf rechnen dürfen von Gott gehört zu
werden, wenn wir etwas bitten nach feinem Willen 1 Joh.
5, 14. Eher hätte wohl an diefem Orte die Stellung zur
heil. Schrift erwähnt werden follen. Es ift wohl wahr,
was der Verf. den orthodoxen Theologen vorhält, dafs
fie alle, in Deutfchland wenigftens, bis zu den höchften
Höhen von dem Hauche moderner Kritik mehr oder
weniger angekränkelt feien. Aber principiell dreht es
fich noch immer um die grofse Frage, ob es ein Recht der
Kritik an der Bibel gebe, oder ob in alter Weife Bibel j
und Gottes Wort gleich zu fetzen feien. Hier liegen die
beiden grofsen Differenzen: einmal, darin hat der Verf.
Recht, in der Auffaffung der Perfon Chrifti, dann in der |
Stellung zur heil. Schrift. In der erfteren Beziehung hat l
fich die liberale Theologie von dem Gefetz der altkatho-
lifchen, in der anderen von dem der altproteftantifchen '
Tradition frei gemacht: überall, wo dies gefchieht, ift
principiell die theologifche Grenzlinie, welche Liberale
und Orthodoxe trennt, überfchritten.

Aber diefe Grenzlinie ift im Sinne des Verf.'s gar
nicht blofs eine theologifche, fondern ganz eigentlich
eine religiöfe. Er redet von einem ,wefentlich verfchie-
denen Verhalten zu dem Stifter der chriftlichen Religion'
(S. 24). Es handelt fich darum, was uns Chriftus religiös
gilt; die Frage fpitzt fich fchliefslich dahin zu, ob er nur
das vorbildliche Subject, oder auch das Object der wahren
Religion fei. M. a. W.: Ift Jefus nur das nach-
ahmenswerthe Mufter der rechten Lebensftellung zu Gott,

oder ift die perfönliche Stellung zu ihm felbft irgendwie
Bedingung und Quelle des Heils? Erfteres wäre nach der
Anfchauung des Verf.'s die liberale, letzteres die orthodoxe
Thefis. Es ift kaum möglich und dem Verf. auch
gar nicht darum zu thun, der Confequenz auszuweichen,
dafs hiernach liberale und orthodoxe Proteftanten in
Wahrheit eine verfchiedene Religion haben; man fieht
nicht, wie unter folchen Umftänden noch eine kirchliche
Gemeinfchaft beider Richtungen möglich oder ein künftiger
Ausgleich zu hoffen fein folle, woran der Verf. mit
fchönem Optimismus doch fefthält. Ernftlich kann von
beidem doch nur fo lang die Rede fein, als feftfteht, dafs
in zwei differirenden Richtungen das religiöfe Motiv das
gleiche und eine Differenz nur in der begrifflichen Faf-
fung vorhanden ift, worin der felbige religiöfe Inhalt
von den Einen und den Andern zum Ausdrucke gebracht
wird. Und fo fteht es zwifchen den in der evang. Kirche
Breitenden Richtungen, von extremen Auswüchfen rechts
und links abgefehen, dermalen doch in der That.

Der Verf. ftellt in feiner letzten Kundgebung (Prot.
K.-Z. Nr. 33) die Forderung, ,dafs unfer Schwanken zwifchen
dem fynoptifchen und dem johanneifchen Chriftus
aufhöre, dafs wir die Hand des fynoptifchen ergreifen
und das Kunftgebilde des johanneifchen dafür hingeben.'^
,Denn', heifst es weiter, ,das letztere war zwar keine
traurige Illufion, fondern eine gefchichtlich geforderte
und gefchichtlich fegensreiche, aber ein Irrthum war es;
die Zeit diefes Irrthums ift für uns dahin' u. f. w. Der
Chriftus des Glaubens müffe ,aus dem Jefus der Gefchichte
hervorwachfen, nicht neben ihm her fchweben'. Die
Aufgabe der liberalen Theologie der Gegenwart fei es,
wie fchon die vorliegende Brofchüre ausführt, das Ge-
fchichtsbild des wahren, wirklichen Jefus zu enthüllen
und der heutigen Menfchheit bekannt zu machen — was
doch m. a. W. nichts anderes heifst als : es hat bis zur
Gegenwart ein wirkliches Chriftcnthum noch nicht gegeben
, erft zu Ende des 19. Jahrhunderts nach Chriftus
feiert es feine Geburtsftunde. Aber u. E. ift der johan-
neifche Chriftus, diefer unvergängliche Urtypus des
.Chriftus des Glaubens', aus dem fynoptifchen Jefus
wirklich hervorgewachfen, und hat die Wiffenfchaft des
Lebens Jefu ihre Aufgabe dann erft erfüllt, wenn fie die
Erfcheinung des gefchichtlichen — fynoptifchen —■ Jefus
als eine folche verftehen lehrt, aus welcher das Idealbild
des 4. Evangeliums organifch hervorwachfen konnte.
Jenes Idealbild hätte nicht entliehen und Anerkennung
finden können, wenn nicht die Gemeinde in ihm den
Ausdruck deffen erkannt hätte, was der gefchichtliche
Jefus ihr war. Und die Gefchichte der kirchlichen
Chriftologie ift nur eine Reihe von Verfuchen, ausgeführt
mit den Mitteln der jeweiligen Zeit, für eben diefes Ver-
hältnifs die dogmatische Formulirung zu finden. Wenn
wir heute über diefe hinausgehen und nach einem treffenderen
Worte fuchen, find wir nicht gemeint, mit der
Gefchichte zu brechen, indem wir von der Illufion, d. h.
dem falfchen Scheine, zur Wahrheit ablenken, fondern
fie weiter zu bauen. Irren wir nicht, fo find gerade die
liberalen Theologen, die wie unfer Verf. den Anderen
zurufen — nicht allein: ihr habt einen anderen Geift,
fondern gar: ihr habt eine andere Religion als wir —
diejenigen, die fich felbft nicht verftehen, ganz fo wie
umgekehrt der Orthodoxe, der dem liberalen Theologen
die religiöfe Gemeinfchaft aufkündigt, welchem doch
gleich wie ihm felbft Chriftus der Weg, die Wahrheit
und das Leben, der perfönliche Träger des Heils ift, den
Vorwurf leiden mufs, fich felbft nicht zu verftehen. Die
Mifsverftändnifse kommen bekanntlich daher, dafs man
fich gegenfeitig — fehr oft aber auch, dafs man fich
felbft mifsverfteht.

Friedberg. K. Koehler.