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Ausgabe:

1880 Nr. 24

Spalte:

588-589

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Plitt, Gust.

Titel/Untertitel:

Gabriel Biel als Prediger geschildert 1880

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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Theologifche Literaturzeitung. 1880. No. 24.

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gewefen, der es in die Acten des 2. ökumenifchen Con-
cils eingefchwärzt und als Symbol diefes Concils ausdrücklich
bezeichnet hat; aber noch im 9. Jahrhundert
kennen es die gelehrteften Griechen, felbft Photius, noch
nicht als folches.

8) Die altkirchliche Lehre von derprocessio ab utro-
que und ihre abendländifche fymbolmäfsige Ausprägung
feit dem Ende des 6. Jahrhunderts ift fomit älter als das '
apokryphe Symbol von Conftantinopel.

9) Das Abendland ift vom 9. Jahrhundert ab, indem
es das CPanum recipirte, von den Griechen düpirt worden
. Alle Veränderungen, Weglaffungen, Zufatze zum
Nicänum, von Häretikern gemacht, find der Kirche verderblich
geworden: ,sed damnum longe maximum
ccclesia e catliolicae attnlit praesumptam syvtbo-
lum, vulgo constantinopolitanum dictum1.

10) Appendix (S. 245—255,: Der berühmte Schriftbeweis
der Griechen für die processio a patre excluso

filio Joh. 15, 26 (xo nvsvfia rrjg aX-inpeiag, o nagte rov
naxgbg ev.Jiogf.tnai) ift hinfällig; die Stelle bezeugt vielmehr
die lateinifche Lehre; denn ,der Geift der Wahrheit
' ift der von dem Sohne ausgehende Geift, weil
Chriftus ,die Wahrheit' ift; mithin lehrt die Stelle die

processio ab utroque.

Wir haben in diefer Untcrfuchung und diefem Re-
fultate das exquifitefte Cabinetsftück modernfter römifcher
Gefchichtsfchreibung zu erkennen, die Probe darauf, dafs
das moderne katholifche Traditionsprincip in Wahrheit
ein Revolutionsprincip ift. Was der Vorzeit das Heiligfte
war, die Befchlüffe der alten Synoden, darf heutzu- 1
tage ungeftraft als Lügenwerk aufgewiefen werden. Aus
der ,rechten Gebundenheit' erwächft erft die wahre j
,wiffenfchaftliche Freiheit': es ift mit Händen zu greifen.
Von einer methodifchen Unterfuchung und fyftemati-
fchen Vergleichung der alten Symbole ift auch nicht im
entfernteften die Rede: der Verf. fleht in dem fog. j
CPanum nichts anderes als die Worte ,qui a patre pro- j
cedit', das übrige ift ihm lediglich gleichgültige Umrahmung
. Er geht daher von der Thefe aus, dafs diejenigen
, welche das Symbol aufgeftcllt haben, keinen
anderen Zweck verfolgt haben können, als der ortho- I
doxen Lehre die häretifche betreffs der processio Spiritus
entgegenzuftellen. Da nun, den einzigen Theodoret
ausgenommen, noch über das 6. Jahrhundert hinaus,
Niemand die processio simplex gelehrt hat, fo folgt fchon
hieraus, dafs das fog. Symbol von Conftantinopel unecht
fein mufs. Alle Argumente, die dem im Wege
flehen, müffen befeitigt werden. Das gefchieht in den
17 Capiteln, in welchen der Verf. nicht ohne Gelehr-
famkeit die Zeugen vom 4.-9. Jahrhundert verhört, fo,
dafs directe Citate des CPanums unter wiederholten und
immer mehr fich fteigernden Schmähungen auf die fides
Graeca als Interpolationen erklärt, offenkundige An-
fpielungen, wie fie mindeftens feit dem 6. Jahrhundert
zahlreich und unwiderleglich find, durch Interpretation
entfernt werden. Da fchon im 6. Jahrh. die Con-
fufion eingeriffen ift, unter dem Namen des Nicänums
das CPanum zu verliehen refp. mitzuverltehen, und da
man fchon im 6. Jahrhundert anfing, das CPanum für ein
erweitertes, auch wohl blofs beftätigtes Nicänum zu halten,
fo hatte der Verf. verhältnifsmäfsig leichtes Spiel. Wo
es ihm gefällt, vertritt er in feinem Buche die bornirtefte
griechifche Nicänolatrie und proclamirt die abfolute
Sufficienz und Unantaftbarkeit des Symbols von 325,
um wenige Seiten darauf die Acten lammtlicher Synoden
der erften 7 Jahrhunderte zu verhöhnen. Alles dient
eben nur dem Nachweife, dafs das ,filioquel des Abendlandes
in jeder Beziehung das Zeugnifs des Alterthums
für fich hat. Der Verf. fetzt unbekümmert uralte Wälder
in Brand, um dem griechifchen Feuer durch ein
Gegenfeuer zu begegnen.

Es wird dem Verf. nicht gelingen, in Deutfchland durch
fein frivoles Verfahren die richtige Anficht über den Ur-

fprung des CPanums zu discreditiren; denn diefe hat noch
nicht einmal angefangen, fich bei uns Bahn zu brechen. In
England weifsman es beffer. Es ift nämlich unwiderleglich:
i)dafs das fog. 2.ökumenifcheSymbol derSynode von 381
kein erweitertes Nicänum ift, fondern ein erweitertes, mit
nieänifchen Formeln und eigenthümlichen Zufätzen aus-
geftattetes jerufalemifches Tauffymbol, 2) dafs die Synode
von Conftantinopel 381 kein anderes Symbol re-
eipirt hat als das unveränderte Nicänum, dafs fie fomit
weder das Nicänum ergänzt, noch ein Parallelfymbol
neben demfelben aufgeftellt hat, 3) dafs bis zum Jahre
451 keine Synode, kein Kirchenvater, kein Häretiker
das fog. CPanum kennt, citirt, gefchweige als Symbol
der Synode von 381 prädicirt, dafs fie dagegen ein-
ftimmig bezeugen, zu Conftantinopel fei lediglich das
Nicänum wiederholt worden, 4) dafs das fog. CPanum
zuerft in den Acten der 4. ökumenifchen Synode 451
plötzlich auftaucht, um wiederum fofort auf c. 60Jahre faft
gänzlich zu verfchwinden, und dafs es erft vom Anfang des
6. Jahrhunderts ab bekannt, als conftantinopolitanifches
bezeichnet, nun rafch verbreitet wird und bald das
Nicänum als Nicäno-CPanum verdrängt. Dies ift, was
fich fichcr über den Urfprung und die erfte Gefchichte
diefes zur Zeit räthfelhafteften unter den fog. ökumenifchen
Symbolen fagen läfst, und es taucht wohl unter
folchen Umftänden mit Recht die FYage auf, ob die
beiden einzigen deutlichen Citate desfelben vor dem Anfang
des 6. Jahrhunderts, nämlich das feltfame im Anco-
ratus des Epiphanius 8 Jahre vor der Synode von 381
und das in den Acten des 4. Concils nicht interpolirt find.
Wie dem aber auch fein mag, jedenfalls gehört das Symbol
dem 4 Jahrhundert an und ift fomit zugleich fowohl früher
als fpäter als die Synode von 381, früher feinem Ur-
fprunge nach, bedeutend fpäter feinem kirchlichen Anfeilen
nach. Den Beweis für diefe Thefen kann ich hier
nicht antreten, erlaube mir aber auf meinen Artikel
,Konftantinopolitanifches Symbol' in Herzog's Realency-
klopädie 2. Aufl. zu verweifen. Die negative Thefe des
Verf.'s vorftehender Abhandlungen, dafs das Symbol von
Conftantinopel nicht der Synode von 381 angehöre, ift
richtig — fomit tragen die drei fog. ökumenifchen Symbole
fämmtlich eine falfche Ueberfchrift, — fie ift indefs
nicht neu, aber feine Hypothefen über den Urfprung
des Symbols find bodenlos und nur als Probeflücke
moderner römifcher Tendenzkritik lehrreich.

Giefsen. Ad. Harnack.

Plitt, D. Guft., Gabriel Biel als Prediger gcfchildert. Erlangen
1879, Deichert. (78 S. gr. 8.) M. 1. —

Ein im Einzelnen mannigfach Neues bietendes, in-
tereffantes Schriftchen des vor kurzem heimgegangenen
Erlanger Theologen. Plitt begnügt fich, Biel als Prediger
zu charakterifiren. Er bietet damit eine Ergänzung
zu der Darftellung Linfenmann's, welche befonders Biel's
Stellung in der Wiffenfchaft berückfichtigt. Im Eingange
liefert Plitt eine kleine Nachlefe zu den bereits bekannten
Daten aus Biel's Leben. Viel weifs man ja nicht von
demfelben. In Hinficht des Geburtsjahrs macht Plitt
evident, dafs die verbreitete, übrigens auf Nichts genützte
Zahl 1430 jedenfalls falfch ilt, indem Biel fchon
1441 von der pfiilofophifchen Imcultät in Heidelberg zum
Baccalaureus und Magifter promovirt wird. Die Frage,
die Tfchackert in Herzog's R. E.'1 unentfehieden läfst,
wo Biel Licentiat der Theologie geworden, ift wahr-
fcheinlich dahin zu beantworten, dafs Erfurt der Ort ift.
Belangreich find die Nachweife über Biel's Stellung zum
Papffthum nach Anleitung des .unter dem Titel de/eu-
soriurn obedieutiae apostolicae gedruckten Tractats, der
eine Ueberarbeitung von Predigten darltellt, welche 1462
auf Anlafs der Entfetzung des Mainzer Erzbifchofs Die-
ther von Ulenburg im Rheingau gehalten wurden. Es ift
ein Mythus, den zuletzt Tfchackert vertreten hat, dafs