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Ausgabe:

1880

Spalte:

558-561

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bachmann, Rich.

Titel/Untertitel:

Niclas Storch, der Anfänger der Zwickauer Wiedertäufer. Ein Lebensbild aus dem Reformationszeitalter 1880

Rezensent:

Kawerau, Gustav

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Theologifchc Literaturzeitung. 1880. Nr. 23.

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faft eine erbauliche nennen. Man hört hier nicht nur den I Im Uebrigen fei nur noch Folgendes bemerkt. Die

Mann der Wiffenfchaft, der hiftorifch darftellt, fondern Entwickelung des Begriffs des Gottesreiches nach der

zugleich den Prediger, der das Dargeftellte als werthvoll Lehre Jefu (S. 109—120) ift, ähnlich wie bei Baur, be-

empfiehlt. denklich moralifirend. Das Gottesreich foll nur eine

Der mehr populäre als wiffenfchaftliche Charakter 1 fittliche Gemeinfchaft fein nach Analogie der jüdifchen

des Buches zeigt fich freilich auch in dem Mangel an j Localgemeinde (S. 112. 113), Jefus der Meffias nur in

principieller Schärfe. Eine eigentlich wiffenfchaftliche dem Sinn, in welchem Johannes der Täufer der Elias

Darftellung müfstc doch aus der Maffe des ethifchen i ift (S. Iii). Dafs das Gottesreich in erfter Linie ein Com-

Stoffes die leitenden durchfchlagenden Gefichtspunkte j plex von Gaben und Gütern ift, die durch Gottes Gnade

mit gröfserer Schärfe und ftärkerem Nachdruck hervor- 1 den Mcnfchen verliehen werden, und dafs es zunächft

heben als es hier gefchieht. Man erfährt zwar, welche ] nur für Israel beftimmt ift — diefe Fundamentalgedanken

fittlichen Anfchauungen in diefem und jenem Lehrbegriff j werden faft völlig verwifcht. Doch ift es felbft bei der

vorliegen, aber nicht mit hinreichender Deutlichkeit: i gegebenen Darftellung auffallend, dafs dem Verf. der

welches denn nun die eigentlich beherrfchenden und
übergreifenden Ideen find. So wird z. B. bei der Lehre

mindeftens fehr ungefchickt formulirte Satz entfchlüpfen
konnte, die Lehre jefu fei eigentlich Ethik, nicht Reli-

Jefu nicht deutlich, dafs alle ethifchen Anfchauungen gion (S. 134). — Die Vollftändigkeit und Ausführlichkeit
hier bezogen find auf die Idee des Reiches Gottes, dafs | der Darfteilung nimmt um fo mehr ab, je mehr es dem

es fich bei der Predigt Jefu immer um die Frage handelt
: was man zu thun hat, um der Gaben und Güter
des Gottesreiches theilhaftig zu werden, und welche Anforderungen
an die Glieder des Gottesreiches zu ftellen

Ende des Buches zugeht. Schon die Lehre Pauli ift nicht
mehr fo vollftändig entwickelt wie die Lehre Jefu. Sehr
kurz ift z. B. die Darftellung der paulinifchen Ideen in
Betreff der Ehe (S. 201—203), überhaupt in Betreff des

find? Der Verf. hat fich den Einblick in diefes Ver- fittlichen Handelns in den verfchiedenen Gemeinfchafts
hältnifs freilich dadurch verfperrt, dafs er den Begriff ] kreifen. Noch kürzer find dann die nachpaulinifchenLehr-
des Gottesreiches nicht an die Spitze, fondern an den j begriffe behandelt. Mit äufserfter Dürftigkeit ift nament-
Schlufs feiner Darfteilung der Lehre Jefu geftellt hat. — | lieh der gerade in Bezug auf die ethifchen Ideen fo
Bei der Lehre Pauli hätte vor allem darauf hingewiefen ! eigenthümliche und reiche johanneifche Lehrbegriff darwerden
müffen, dafs in der Erlöfungslehre des Apoftels ; geftellt. Und hier tritt ganz befonders wieder der be-
zwei Gedankenreihen neben einander hergehen: der ] reits gerügte Mangel zu Tage, dafs die entfeheidenden
Gläubige wird einerfeits durch die Rechtfertigung in den Grundgedanken nicht in ihrer principiellen Bedeutung
Stand principieller Heiligkeit verfetzt, und er erlangt | hervorgehoben werden. — Im Ganzen vermag ich alfo
andererfeits durch die Mittheilung des Geiftes eine neue die gegebene Darftellung höchftens für einen Anfatz zur
Kraft von Gott. Beide Gedanken find von funda- j Löfung der durch das Thema geftellten wiffenfehaft-
mentalcr Bedeutung für die Ethik des Apoftels. Der Stand 1 liehen Aufgabe zu halten.

principieller Heiligkeit, in welchen der Gläubige durch J rn-fsen c- cr|.:,r„r

Gott verfetzt worden ift, foll für ihn das Motiv zu einem ^eisqn. aenurer.
fittlichen Wandel fein (er foll das, was er principiell ift,

auch durch die That bewähren), und die neue Kraft, die Bachmann, Rieh.. Niclas Storch, der Anfanger der Zwickauer
er von Gott erlangt hat, giebt ihm die Möglichkeit Wiedertäufer. Ein Lebensbild aus dem Reformations-
eines fittlichen Wandels, ja er kann im Grunde gar Zeitalter, auf Grund der in der Königl. öffentl. Biblio-
nicht anders als fittlich handeln, weil er vom Geifte ge- thek zu Dresden wie auf der Rathsbibliothek zu Zwickau
trieben wird. Dies Alles tritt bei I homa nicht mit , , XT , . , . , , .. ~ , , 00

rechter Deutlichkeit zu Tage. - Bei der Lehre des j vorhandenen Nachrichten bearbeitet. Zwickau ,880,

Jakobusbriefes (S. 282 ff.) hätte vor allem deffen Begriff

Altner. (35 S. gr. 8.) M. 1. 20.

des Gefetzes und der guten Werke entwickelt werden j Der Titel der kleinen Schrift lautet vielverfprechend;
müffen: davon ift aber hier kaum die Rede. — Und fo man erwartet neue Auffchlüffe über Leben und Treiben
fehlt es überhaupt bei der Darfteilung der meiften Lehr- j des bekannten ,Zwickauer Propheten' aus handfchriftl.
begriffe an der präcifen Formulirung der leitenden Ideen, 1 Quellen. Aber diefe Erwartungen werden nur in ganz
fowie an der energifchen Hervorhebung des Zufammen- j geringem Mafse befriedigt. Der handfchriftl. Apparat,
hanges, in welchem alles Einzelne mit diefen leitenden I deffen fich der Verf. bedient, reducirt fich fo ziemlich

Ideen fleht. — Vor allem hätten aber in einer Sitten
lehre des N. T.'s zwei Fragen überall beftimmter in's
Auge gefafst werden müffen: einmal auf welchen An-

auf die Angaben der Zwickauer Annalen, die aber fchon,
foweit lie Storch betreffen, durch Wilhelmi-Schmiedt's
Descriptio urbis Cycneae längft bekannt geworden find

fchauungen über das Wefen des Mcnfchen, über feine I [auch die Berichtigung des von Wilhelmi falfch ange
fittlichen Kräfte und Fähigkeiten die verfchiedenen ethi- gebenenDatums des Verhöres Storch's vor demZwickauer
fchen Anfchauungen beruhen? und fodann: welches das Magiftrat, welche Bachmann S. 20 giebt, ift fchon feit
eigentliche Ziel der gefammten NTlichen Ethik ift? Es Herzog's Auffatz im Zwickauer Wochenblatte 1855 Nr. 116
hätte viel beftimmter hervorgehoben werden müffen, dafs bekannt], und auf eineHandfchrift d. Widemann'fchen Hofer
die urchriftliche Ethik fchon von der apoftolifchen Zeit Chronik, deren Nachrichten über Storch gleichfalls fchon
an, wenigftens nach ihrem vorherrfchenden Grundzug, ; durch Fortgef. Samml. 1736 und Mencke III, 741 flg. allge-
eigentlich keine fe 1 bftän digen fittlichen Aufgaben für j mein zugänglich gemacht und daher fchon längft für feine
diefe Welt kennt. Denn die gegenwärtige Welt ift Lebensgefchichte verwerthet worden waren. Nacii
ihr ja das Herrfchaftsgebiet der widergöttlichen Mächte, diefer Seite bietet Bachmann's Arbeit nur einige ganz
Der Gläubige hat daher in Bezug auf diefe Welt keine po- unbedeutende Nachträge, refp. Correcturen in dem Texte
fitiven Aufgaben; und das Ziel des fittlichen Handelns jener annaliftifchen Angaben. Gleichwohl wären wir
ift im Grunde nur die Vorbereitung des Individuums auf dem Verf. für ein Lebensbild Storch's, auch ohne er-
die zukünftige Welt. Dies ift wenigftens die vorwiegende hebliche handfehriftliche Funde, dankbar, wenn nur das
Strömung in der chriftlichen Ethik des zweiten Jahr- gedruckt vorliegende, weit verftreute Material mit einiger
hunderts. Und es hätte nun in einer Darftellung der , Vollftändigkeit zufammengetragen und angemeffen ver-
NTlichen Ethik ganz befonders darnach gefragt wer- ] arbeitet wäre. Aber in beiden Beziehungen ift Vörden
müffen, ob und inwieweit diefe Anfchauung auch liegendes ,Lebensbild' überaus mangelhaft. Betreffs der
im N.T. vorliegt. — Diefer Mangel an principieller Benutzung des literarifchen Materials leitens des Verf.'s
Durchdringung des Stoffes ift alfo der Hauptfehler des fei bemerkt, dafs er die Hauptfeh rift über Storch aus
Buches. I dem 16. Jahrh., den ,Einfeltigen Bericht: Wie durch