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Ausgabe:

1880 Nr. 23

Spalte:

549-551

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Neteler, B.

Titel/Untertitel:

Grundzüge der hebräischen Metrik der Psalmen 1880

Rezensent:

Smend, Rudolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. 23.

55o

fchreibung des Tempels und der Landesvertheilung
geradezu die Befchreibung von Zeichnungen, die Ezechiel
gemacht und vor (ich liegen hatte.

Alles in allem können wir unfer Urtheil dahin zu-
fammenfaffen, dafs diefe Neubearbeitung des Ezechiel
als eine tüchtige Leiftung dem kurzgef. exeget. Handbuch
zur Ehre gereicht.

Tübingen. E. Kautzfeh.

Zur hebräischen Metrik.

1. Bickell. Dr. G., Metrices biblicae regulae exemplis illu-
stratae. Innsbruck 1879, Wagner. (72 S. gr. 8.;
M. 1. 60.

2. Bickell. Dr. G.. Supplementum ad metrices biblicae re-
gulas exemplis illustratas. Innsbruck 1879, Wagner.
(S. 73-92 gr- *•) M- —• 40.

3. Gietmann, P. Gerardus, S. J., De re metrica Hebraeorum.
Freiburg i Br. 1880, Herder. (135 S. gr. 8.) M. 2. 40.

4. Neteler. Dr. B., Grundziige der hebräischen Metrik der
Psalmen. Münfter 1879, Theiffing. (24 S. gr. 8.)
M. —. 50.

. Dafs der Rhythmus der hebräifchen Poefie völlig
und überall in die Nebeneinanderftellung zweier oder
mehrerer logifch auf einander bezüglicher Sätze aufgehe,
wird gegenwärtig von vielen Seiten bezweifelt. Zu die-
fem Gedankenrhythmus, der nach Ewald's Meinung bei
allen Völkern die urfprüngliche Form der Poefie ift,
kommt auf die Dauer nothwendig ein lautlicher, der fich
natürlich je nach der Eigenthümlichkeit der betr. Sprache
früher oder fpäter, vollkommener oder unvollkommener
entwickelt. Dafs auch die hebr. Poefie des A. T. fchon
einen gewiffen lautlichen Rhythmus kennt, leidet in der
That keinen Zweifel.' Das äufserliche Ebenmafs nicht
nur der Stichen desfelbcn Verfes fondern auch der
Verfe dcsfelben Stückes ift vielfach unverkennbar,
nicht nur in den eigentlichen Liedern, fondern ebenfo
fehr im Buche Hiob, den Proverbien und auch in manchen
prophetifchen Abfchnitten. Namentlich fcheint
ferner die Vorfchreibung beftimmter Melodien in manchen
Pfalmüberfchriften auf eine gewiffe Scandirung der
Verfe hinzuweifen. Die vorliegende Vocalifation des
hebr. Textes fuhrt da zu der Vermuthung, dafs im hebräifchen
wie im altgcrmanifchen Verfe neben einer be-
ftimmten Zahl von Hebungen, die durch den Wortton
fixirt waren, Senkungen in ziemlich unbeftimmter Zahl
und Reihenfolge möglich waren. Man hat längft beobachtet
, dafs im Buche Hiob und in den Proverbien
der Regel nach 3—4 Haupttonfylben auf den Halbvcrs
kommen. Deshalb ift freilich noch nicht viel darauf zu
geben, dafs Hieronymus Hexameter zu hören meinte,
wenn die Juden ihm den Hiob vorlafen, und ebenfo
werthlos find auch die Behauptungen des Jofephus, dafs
David feine Pfalmen in Trimetern und Pentametern ab-
gefafst habe, oder dafs Ex. 15 und Dt. 32 hexametrifch
feien. Immerhin darf man aber annehmen, dafs da, wo
die beftimmte Zahl von Hebungen nicht erreicht oder
auch uberfchritten zu werden fcheint, diefelbc dennoch
eingehalten wurde, indem man nach gewiffen Principien
eine Haupttonfylbe überging oder umgekehrt eine folche
durch den Ictus ftatuirte.

Mit diefer Vorftellung unzufrieden möchte Bickell
vielmehr eine völlig entwickelte Metrik im A. T. nachweifen
, die mit der fyrifchen aufs näclifte verwandt fei.
Diefe letztere hat bekanntlich Verfe von gleicher und
gleichgemeffener Sylbenzahl. Von einem regelmäfsigen
Wechfcl von kurzen und langen Sylben kann nämlich
im Syrifchen nicht die Rede fein. Im Wefentlichcn fleht
es freilich mit dem Hebräifchen ebenfo, indeffen ift das
letztere doch viel reicher an Vocalen als das erftere,

die Sylbcnbildung ift mannigfaltiger und freier und vor
allen Dingen wird das hebräifche Vocalfyftem vom Wort-
accent dominirt, der im Allgemeinen auf der letzten
Sylbe ruht. Diefe Umftände ftehen alfo dem Verfuche,
eine hebräifche Metrik nach der fyrifchen zuzufchneiden.
im Wege; doch trägt Bickell kein Bedenken, einer hebr.
Metrik zu Liebe die überlieferte Vocalifation des Hebräifchen
von Grund aus umzuftürzen und je nach Bcdürf-
nifs nach der Syrifchen umzugeftalten. Auch im Hebräifchen
foll nach ihm der Wortton wie im Syrifchen
regelmäfsig auf der Vorletzten ruhen, die Vortonvocale
werden fehr häufig ausgeftofsen, die Hülfsvocale (in den
Segolatformen etc.) ebenfalls. Jeder Vocal am Anfange
des Worts (nach n) kann elidirt werden, nicht nur nach
vorgehender Präpolition und Conjunction, auch am Anfange
des Verfes fpricht Bickell 7n als '£ aus. Die vo-
califchen Ausgänge der 1. und 2. Sing. Perf. fowie das
Suffix der 1. Sing, werden nach Belieben ignorirt oder
gefprochen. Weiter verlieren die proclitifchen Präpo-
fitionen und Conjunctioncn je nach Bedürfnifs ihren Vocal
. So auch das übrigens beliebig in ya!C verlängert,
wie ton in o verkürzt wird. Jedes Suffix der 3. Sing.
wird event. in chu auseinandergezogen und der Stamm
Hifil jeweilig in fyrifcher Weife gebildet. Nimmt man
nun noch hinzu, dafs jedes Schwei mobile refp. Chatef
bald ignorirt, bald als Sylbe gezählt wird, bald fogar
' den Accent haben kann, fo begreift man, dafs hier in
der That Alles aus Allem gemacht wird, ganz abgefehen
von der grofsen Unbefangenheit, mit der der Verf. fich
überdies noch den Confonantentext zurechtzupft. Vgl.
übrigens feine Selbftrechtfcrtigung in der ZDMG XXXllI
S. 701 ff. XXXIV S. 557 ff.

In BickelTs Fufstapfen geht der Jefuit Gietmann,
fofern auch er in jedem Verfe eine beftimmte Zahl von
Sylben zählen will, bei denen jedesmal eine unbetonte
mit einer betonten wechfelt. Dabei fucht er gewiffe
Fehler BickelTs zu vermeiden, indem er fich etwas mehr
an den maforethifchen Confonanten-Text anfchliefst und
zugiebt, dafs auch vollkommene Sylben vielfach in der
Thefis nicht gerechnet werden. Gerechnet werden nach
ihm in allen Fällen die Haupttonfylbe und Gegenton-
fylbe des Worts, eine von beiden müffe aufserdem den
rhythmifchen Accent tragen. Allein fchon die Art, in
der der Verf. die letztere beftimmt, zeigt, dafs es ihm
an jedem Verftändnifs des hebr. Vocal- und Sylben-
fyftems fehlt. Die Beweife dafür kehren auf jeder Seite
feincr Schrift zahlreich wieder. Ueberdies ift die Will-
! kür, mit der er noch weit über Bickell hinausgehend die
überlieferte Vocalifation bald nach fyrifchem bald nach
arabifchem Muftcr umgeftaltet, fo mafslos und abenteuerlich
, dafs die freilich von viel Fleifs und gutem Willen
zeugende Arbeit auf keinerlei Beachtung Anfpruch
I machen kann.

Die kleine Brofchüre Neteler's hält fich im Gegcn-
fatz zu den beiden genannten an die überlieferte Aus-
fprache, zieht jedoch die Sylben mit Sclnva mobile und
Chatef nicht zur Berechnung und ebenfowenig den zweiten
Vocal der Segolatformen. Indem der Verf. weiterhin
1 annimmt, dafs bei zwei auf einander folgenden Ton-
! fylben die eine durch die andere enttont werde, und in
mehrfylbigen Wörtern je nach Bedürfnifs für die zweite
volle Sylbe vor dem Wortaccent einen Gegenton poftu-
1 lirt, glaubt er bei einer Reihe von Pfalmen in den ent-
fprechenden Vershälften eine gleiche Zahl von Hebungen
und übrigens das Gefetz zu rinden, dafs zwifchen zwei
j Tonfylben (Hebungen) wenigftens eine und höchftens
| zwei volle unbetonte Sylben ftehen können. Offenbar
j unterliegt aber die durchgängige Fixirung des Gegentons
in mehrfylbigen Wörtern auf die zweite volle Sylbe vor
J dem Hauptton fchweren Bedenken, abgefehen davon,
j dafs der Verf. fich aufserdem einigermafsen im Cirkel
j bewegt. Am Schlufs giebt er übrigens zu, dafs fein
Gefetz nicht überall zutreffe und die Unterfcheidung von