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Ausgabe:

1880

Spalte:

539-541

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zöckler, Otto

Titel/Untertitel:

Die Lehre vom Urstand des Menschen, geschichtlich und dogmatisch-apologetisch untersucht 1880

Rezensent:

Thoenes, Karl

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Theologifche Literaturzeitung. 1880. No. 22.

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Zöckler, Prof. Dr. O., Die Lehre vom Urständ des Menschen
, gefchichtlich und dogmatifch-apologetifch un-
terfucht. Gütersloh 1879, Bertelsmann. (VIII, 337 S.
gr. 8.) M. 5. 40.

Der Verf. giebt im Vorworte als Zweck feiner
Schrift an, er habe der herkömmlichen dogmatifchen
und apologetifchen Behandlungsweife des Capitels vom
Urftande in der Art eine Bereicherung zu ertheilen ver-
fucht, dafs er die fowohl biblifch, als durch uralte Traditionen
bezeugten höheren Lebensalter der älteften
Menfchheitsftammväter unter den Gefichtspunkt einer
allmählich dahinfchwindenden Nachwirkung des Urftan-
des mit feinen reineren und reicheren Lebenskräften ge-
ftellt habe. Indefs bilden die Makrobier nicht in dem
Mafse den Hauptgegenftand der Verhandlung, dafs nicht
auch alle übrigen Seiten des erwähnten Lehrgegenftan-
des ihre ausführliche Befprechung fänden.. Es handelt
fich, wie die Einleitung näher angiebt, für Zöckler
darum, gegen fchroff oder mehr gemäfsigt naturaliftifche,
wie liberal-theologifche Gegner die Behauptung zu begründen
, dafs ein reinerer und höherer Urftand an der
Spitze der Menfchheitsentwickelung ,nicht blofser Glau-
bensfatz fei, fondern eine durch fchwerwiegende Zeug-
nifse auch der Wiffenfchaft gedeckte Wahrheit' (S. 7. 8).

Wie es vom Verf. der ,Gefchichte der Beziehungen
zwifchen Theologie und Naturwiffenfchaft' nicht anders
zu erwarten war, fo ift in den 10 Capiteln des Zöckler-
fchen Buches, welche behandeln: 1) den Urltand nach
kirchlicher Ueberlieferung, 2) die Schriftlehre vom Urftande
, 3) die Traditionen des Heidenthums, 4) die
Oppofition des modernen Naturalismus, g) eine Prüfung
der vorgefchichtlich-anthropologifchen Gegeninftanzen,

6) fprach-, religions- und culturgefchichtliche Inftanzen,

7) den Urfitz des Menfchengefchlechts, 8) die Langlebigkeit
der Patriarchen als Nachglanz der Paradiefesherr-
lichkeit, 9) das Alter des Menfchengefchlechts, 10) die
richtig gefafste Theorie vom Kindheitsalter der Menfch-
heit als Löfung des Räthfels der Urftandsfrage — eine
Fülle von Arbeit und mannigfaltigfter Gelehrfamkeit
niedergelegt. Auch fehlt es nicht, namentlich gegenüber
den Ausfchreitungen des Naturalismus, an treffenden
Bemerkungen. Zu diefen rechnen wir es z. B., wenn
Zöckler die Caspari'fche Annahme, erft eine gewiffe
Handgefchicklichkeit in Verbindung mit allmählichem
Aufrechtgehenlernen habe auch das Sprechenlernen der
erften Menfchen bedingt und verbreitet, mit der Bemerkung
abweift, dafs fchon jene rohen Artefacte der
paläolithifchen Zeit nicht von Alalen herftammen könnten
. Vielmehr müffe auch den primitivften Erfindungen
vernünftige Ueberlegung, Denken und damit Sprechen
vorausgegangen fein (S. 183). Ferner wird nicht mit
Unrecht auf die feltfame concordia discors hingewiefen,
nach welcher die Naturaliften z. B. behaupten, der
Menfch befitze vom Affen die Körperform u. f. w., feine
erften religiöfen Regungen aber ftänden in Parallele mit
dem feelifchen Leben der Hunde, oder gar der Ameifen
— fchon die Thierwelt habe religiöfe Empfindungen,
und doch habe die religiös-fittliche Entwickelung der
Menfchheit mit fchwärzeftem Atheismus und abfolutefter
Sittenlofigkeit begonnen (S. 190. 191). — Hie und da
werden auch Ueberfchreitungen der Apologetik zurück-
gewiefen. So erklärt Zöckler die Fürer'fche Annahme,
die Makrobier hätten , wenigftens in den erzväterlichen
Familien, nur Pflanzenkoft genoffen, zuerft zwar für exe-
getifch zuläffig, aber fpäter lefen wir, dafs weder
,Fruchtefferthum noch Temperanzlerthum' in der betreffenden
Frage fördern könnten (S. 283).

Was aber den eigentlichen Zweck der Zöckler'fchen
Schrift anbetrifft, nämlich den Inhalt der erften Capitel
der Genefis über die Urzeit unferes Gefchlechts als
eigentliche Gefchichte nachzuweifen, fo ift zwar fo viel
zuzugeben, dafs der Verf. vielleicht die bisherigen Leift-

ungen der Apologetik in diefer Beziehung ziemlich weit
übertroffen hat. Aber es mufs fehr bezweifelt werden,
dafs die Beweiskraft feiner Argumente auch nur einen
wenig fchroffen Gegner in feiner Pofition zum Wanken
bringen werde. Allerdings kann man den Nachweis für
erbracht erachten, dafs viele der Gegeninftanzen aus der
Paläontologie, Sprach-, Religions- und Culturgefchichte,
die bis dahin vorgebracht zu werden pflegen, keineswegs
fchon den Charakter ausgemachter wiffenfchaft-
licher Wahrheit an fich tragen: aber damit find ja noch
nicht alle Gegeninftanzen erledigt. Uns will es fchcinen,
als ob die theologifche Wiffenfchaft in Bezug auf jene

! Probleme, welche die Urzeit unferes Gefchlcchtes betreffen
, eine freiere Stellung zur biblifchen Ueberlieferung
einnehmen müffe, als welche Zöckler ihr zu weift.
Diefer felbft führt von einem der neueften Darfteller der

1 Schöpfungsgefchichte vom römifch-orthodoxen Stand-

i punkte aus folgende Aeufserung an (S. 323): ,Wer überzeugt
ift, dafs die anthropologifch-archäologifchen Be-

J obachtungen der Neuzeit bereits zu dem negativen Er-
gebnifse geführt haben, dafs der Menfch älter ift als
6000 Jahre, der kann ruhig die Zeitrechnung der Bibel
als eine irrige bezeichnen, ohne deshalb ihren autoritativen

I Charakter überhaupt angreifen zu müffen'. Man darf der

! Meinung fein, dafs evangelifche Theologen von römifch-
katholifchen in freier Wiffenfchaftlichkeit fich nicht be-
fchämen laffen follten. Daran kann man bei der Lec-

, türe des Zöckler'fchen Buches befonders auch noch
durch die Walfrnehmung gemahnt werden, dafs Zöckler
felbft nicht im Stande ift, feine Pofition in allen Stücken

j ftreng aufrecht zu halten. Wir lefen z. B. S. 298, dafs
auch von ,fchriftgläubiger' Seite der Annahme eines blofs
particulären Charakters der Sündfluth nichts Gegründetes
entgegengeftellt werden könne, und S. 321, dafs eine

| Erweiterung des biblifchen chronologifchen Syftems

! nothwendig fei, welche durch die Annahme bewirkt werden
könne, die Patriarchenregifber in Genef. 5 und vielleicht
auch 11 feien nicht lückenlos überliefert.

Es ift überall eine beftimmte dogmatifche Stellung,
welche die Zöckler'fchen Ausführungen ftark beeinflufst.
Dies gilt insbefondere auch von einem einzelnen Punkte
feiner Darftellung der ,Schriftlehre vom Urftande'. Indem
er nämlich nachweifen will, dafs der dreieinige

| Gott es fei, nach deffen Bilde der Menfch gefchaffen
worden, lehnt er zwar ab, den Plural in Gen. 1, 26 als
Beweisftelle noch zu benutzen, weift aber für die zweite
Perfon der Trinität darauf hin, dafs auch in Gott ein
Analogon der menfehlichen Leiblichkeit fein müffe, eine
göttliche Natur, ein Wort, ein Sohn Gottes. Ohne ftarke
Phantafie, die ihren Impuls von dogmatifchem Wollen
empfängt, wird wohl kaum einer die Gleichftellung der
letztgenannten drei Begriffe in feinem Denken leicht
vollziehen können. Seinem dogmatifchen Denken zu
Liebe fchliefst Zöckler aus den biblifchen Daten leicht
zu viel. So hält er z. B. auch daraus, dafs Gen. 4, 22
als Schwefter Thubalkain's eine Naama genannt wird,
den Schlufs für berechtigt, die metallbereitende Kunft
fei frühzeitig auch für die Verfertigung zierlicher Schmuckfachen
zur Hebung menfehlicher Schönheit verwerthet
worden (S. 80). Zu viel fchliefst Zöckler auch aus aufser-
biblifchen von ihm angeführten Daten. In den Opfer-
und Gebetsfitten der Völker, der Sitte der Befchneidung,
der Tätowirung, der Couvade, des Faftens und der
Ascefe u. a. erblickt er z. B. fchon gleich Sündenfalls-
reminifeenzen, eine dunkle Ahnung einer nur durch ernfte
Büfsungen wegzureinigenden G e fc h 1 e c h t s fchuld (S.
204 ff.). Von Schuldgefühl überhaupt, mit dem immerhin
mehrere der genannten Sitten zufammenhängen mögen,
bis zum Gefühl einer Gefchlechtsfchuld ift doch noch
ein weiter Weg.

In dem Capitel über die Schriftlehre vom Urftande
findet fich auch ein mifsverftändlicher Satz. Der Menfch
folle, fo heifst es S. 64, ,nicht als individuelle Einzel-