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Ausgabe:

1880

Spalte:

457-458

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gebhardt, Oscar v.

Titel/Untertitel:

Evangeliorum codex Graecus purpureus Rossanensis, litteris argenteis sexto ut videtur saeculo scriptus picturisque ornatus 1880

Rezensent:

Schürer, Emil

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457

Theologifche Literaturzeitung. 1880. No. 19.

Gebhardt, Oscar v., und Adolf Harnack, Evangeliorum
codex Graecus purpureus Rossanensis, litteris argenteis ^
sexto ut videtur saeculo scriptus picturisque ornatus.
Seine Entdeckung, fein wiffenfchaftlicher und künft-
lerifcher Werth. Mit 2 facfim. Schrifttafeln (in Sil-
berdr.) und 17 (lith.) Umrifszeichnungen. Leipzig
1880, Giefecke & Devrient. (VI, XLIX S. Fol.) cart.
M. 20. —

Lagarde macht am Schluffe feiner Ausgabe des
Hippolytus [Hippolyti quae fcruntur ovinia, p. 216) auf
eine Notiz aus dem 16. Jahrh. aufmerkfam, wornach in
dem Klofter S. Maria de lo Patire bei Roffano in Cala-
brien Handfchriften des Cyrillus von Jerufalem, Uiony-
fius Alexandrinus und Hippolytus vorhanden fein follten. I
Diefe Notiz veranlafste die DD. Gebhardt und
Harnack, bei einer Studienreife in Italien imJ. 1879fichin
dortiger Gegend nach dem Verbleiben jener Klofterbiblio-
thck zu erkundigen. Von den gebuchten Handfchriften '
fand fich nun freilich keine Spur, da das Klofter längft
zerftört ift. Statt deffen wurde ihnen aber bei ihrem
Nachfragen nach alten Handfchriften in Roffano mitge-
theilt, dafs fich in der erzbifchöflichen Curie dafelbft ein
altes merkwürdiges Buch befinde. Als ihnen nun die
Berichtigung diefes merkwürdigen Buches gefiattet wurde,
fahen fie zu ihrer gröfsten Ueberrafchung einen prachtvollen
Evangelien-Codex in griechifcher Uncialfchrift vor
fich, deffen hohes Alter fofort beim erften Anblick
zweifellos war. Die 48 gelehrten Herren des erzbifchöflichen
Capitels hatten nicht einmal eine Ahnung davon,
in welcher Sprache das Buch gefchrieben feil!

Der Codex, der durch diefen glücklichen Zufall feinem
bisherigen Stillleben entzogen wurde, befteht aus
188 Pergamentblättern, 26 Centimeter breit, 30,7 Cent,
hoch. Er enthält die Evangelien Matthäi und Marci
vollftändig. Von Marcus fehlen nur die letzten Verfe
des unechten Schluffes (16, 14 ff.). Urfprünglich mufs
er aber die fämmtlichen vier Evangelien enthalten haben.
Die Schrift ift mit Silber auf das feine, purpurblau gefärbte
Pergament aufgetragen. Schon dadurch ift der
Codex merkwürdig. Denn bisher war nur ein einziger
griechifcher Purpur-Codex der Evangelien bekannt, und
auch diefer nur höchft fragmentarisch (Cod. N.). Der
Text ift in zwei Columnen zu je 20 Zeilen gefchrieben,
ohne Accente und Wortabtheilung, mit fehr einfacher
Interpunktion, in fchöner regelmäfsiger griechifcher Un- I
cialfchrift. Aus paläographifchen Gründen läfst fich mit
ziemlicher Sicherheit die Abfaffung des Codex ins fechfte
Jahrhundert verlegen; nur darüber kann man etwa zweifelhaft
fein, ob er, wie die Herausgeber annehmen, der
erften, oder, was mir nicht ausgefchloffen fcheint, der
zweiten Hälfte des Jahrhunderts angehört. Am Rande
des Textes find die Zahlen der Ammonianifchen Capitel
und der betreffenden Canones des Eufebius notirt. Der
Text des Codex fleht allerdings (wie die Herausgeber
conftatiren) dem des Vaticaims und Sinaiticus nach, fleht
aber ungefähr auf gleicher Stufe mit AJ1I, nur dafs er
fich von diefen durch eine ftärkere Verwandtfchaft mit
den abendländifchen Zeugen (cod. D und itald) unter-
fcheidet. Am nächften verwandt ift er mit dem einzigen
bisher bekannten Purpurcodex der Evangelien (cod. N.).

Kl die Handfchrift fomit für die Textkritik nicht
eine Urkunde erften Ranges, fo ift fie dagegen von um
fo gröfserer Bedeutung für die Gefchichte der chrift-
lichcn Malerei. Von den 188 Blättern find nämlich acht
(Bl. 1 — 5. 7. 8. 121) mit fehr fein ausgeführten Miniaturen
bemalt, hauptfächlich Scenen aus der Leidensge-
fchichtc Chrifti darftcllend. Die Herausgeber machen es
fehr wahrfcheinlich, dafs die Handfchrift urfprünglich
noch wefentlich mehr enthielt. Hinfichtlich des Stiles
find die Miniaturen am nächften verwandt mit denjenigen
des berühmten Wiener Genefis-Codex. Sie repräfentiren

die Zeit des Ueberganges von der antiken claffifchen
zur byzantinifchen Malerei. Sie beftätigen alfo das aus
dem Schriftcharakter gewonnene Urtheil über das Alter
des Codex: dafs er nämlich dem 6. Jahrhundert angehört
. Da wir Miniaturen aus jener Zeit überhaupt nur
fehr wenige, folche aber, welche Scenen aus der evan-
gelifchen Gefchichte darfteilen, von gleichem Alter gar
keine haben, fo ift die Entdeckung der Handfchrift in
diefer Hinficht von der gröfsten Bedeutung.

Die Herausgeber haben den Text der Handfchrift
vollftändig collationirt, und von den Malereien fich Durch-
paufungen der Umriffe verfchafft. In der obigen Publi-
cation geben fie zunächft nur einen vorläufigen Bericht
über ihre Entdeckung. Die Befchaffenheit der Handfchrift
, ihres Textes und ihrer Malereien wird mit aller
nur wünfehenswerthen Gründlichkeit und eingehendfter
Sachkenntnifs befchrieben. Beigegeben find: 1) zwei
Schrifttafeln, welche in Silberdruck auf purpurfarbigem
Grunde Proben des Textes und die fämmtlichen vorkommenden
Abbreviaturen und Ligaturen in genauer
faefimilirter Nachbildung geben, fo dafs man auch ohne
Einficht der Handfchrift im Stande ift, fich ein Urtheil
über das Alter derfelben zu bilden. 2) Die folgenden
17 Tafeln enthalten die lithographirten Umrifszeichnungen
der Bilder. Können diefe auch bei dem Mangel
der Farbe nur eine unvollftändige Vorftellung von dem
Originale geben, fo find fie doch ausreichend, um we-
nigftens im Allgemeinen über Inhalt und Stil der Malereien
zu orientiren. — Die höchfte Anerkennung aber
verdient die Liberalität des Verlegers, der diefe Publi-
cation mit einer Eleganz, ja einem Luxus ausgeftattet
hat, wie wir es in Deutfchland für folche Dinge nicht
gewöhnt find.

Giefsen. E. Schür er.

Hagenmeyer, Heinr., Peter der Eremite. Ein kritifcher
Beitrag zur Gefchichte des erften Kreuzzuges. Leipzig
1879, Haraffowitz. (XII, 401 S. gr. 8.) M. 12. —

Diefe Schrift ift veranlafst durch die Bemerkung,
welche der Herr Verf. gemacht hat, dafs über das Ver-
hältnifs Peter's d. E. zu jenem das ganze Abendland
,erregt habenden' (diefe Form des part. perf. act. er-
fcheint das ganze Buch hindurch in auffallender Häufigkeit
) Unternehmen gewifs kein unnöthiges Beginnen fein
kann. Das ift zuzugeben, wenn auch andererfeits gefagt
werden mufs, dafs feit v. Sybel's Gefchichte des erften
Kreuzzuges die Frage im Princip ebenfo wie in weitaus
dem meinen Detail als entfehieden gelten kann. Allein
es bleibt darum immer noch eine Aufgabe, über einen
ob mit Recht oder Unrecht gefeierten Mann alles zu
fammeln, was uns glaubwürdig überliefert ift. Das hat
Hagenmeyer in vorliegendem Buche gethan und zwar fo
vollftändig und mit fo erfchöpfender Gründlichkeit, dafs
hier wohl kaum mehr eine Nachlefe übrig bleiben wird.
Alle Romantik im Leben Peter's ift geftrichen und
allein das ficher Ueberliefertc beibehalten. Nur in zwei
Punkten fcheinen mir des Herrn Verf's. Aufftellungen
und Verfuche hiftorifcher Rettungen unhaltbar: die
Kämpfe in Bulgarien fcheinen auch mir in die Claffe des
höchft probleniatifchen, die Rede auf dem Oelberg aber
in das Reich des entfehieden Mythifchen zu gehören.
Es exiftirt einmal für beide Thatfachen gar keine andere
Quelle als Albert von Aachen. Die fonft beftunterrich-
teten zeitgenöffifchen Quellen — im erfteren Fall befon-
ders Anna Komnena — fchweigen völlig; im zweiten Fall
ift eine Nachricht fogar pofitiv dagegen. Man kann alfo
höchftens fagen: wir können beides nicht für unmöglich
erklären, haben aber auch kein Recht, aus einer fo un-
zuvcrläffigen Quelle, wie Albert von Aachen, einzelne
fonft fo gar nicht bezeugte Data anzunehmen. Das erftere
gehört alfo im Einzelnen einfach zu den Lückenbüfsern,
welche die bei Albert fo einflufsreiche Sage für den lan-