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Ausgabe:

1880 Nr. 16

Spalte:

386-390

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wünsche, August

Titel/Untertitel:

Der jerusalemische Talmud in seinen haggadischen Bestandtheilen, zum ersten Male in’s Deutsche übertragen 1880

Rezensent:

Strack, Hermann L.

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Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. 16.

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der Infchrift durch den Verf. Alles deutlich bis auf das
18, welches verwifcht fei. Ift dies richtig, fo kann die
Wiederherftellung des in nicht beanftandet werden. Der
Verf. verwirft die Ueberfetzungen: ,dem König Aftarte'
(wegen der Verbindung eines masculininifchen Epithetons
mit dem Femininum) und ,dem Könige der Aftarte' d. h.
dem Baal (weil eine derartige Benennung des Baal nicht
nachweisbar). Eher möglich fcheint ihm: ,dem Mo-
loch-Altarte' von einer androgynen Gottheit (S. 40).
Diefe Erklärung halte ich noch jetzt, die Richtigkeit der
Lefung vorausgefetzt, für die befte. Sie erhält eine
vortreffliche Stütze an der S. 42 mitgetheilten kartha-
gifchen Infchrift mit dem Doppelnamen Esmun-Aftarte.
Der Verf. aber fchlägt eine ganz neue Deutung vor.
Er combinirt den "jba der Infchrift als .Engel der
Aftarte' mit dem Malcach ha-elohim (Gen. 31,11 ff.), welcher
fich dem Jakob als Gott von Bethel bezeichnet (S. 43).
Wie von dem Patriarchen diefem Maleach ein Salbftein
errichtet wird, fo find dem Baal-Chamman Steine geweiht
mit der Bezeichnung bw"tb», was bedeuten foll
.Engel des Baal' (S. 44). Es foll alfo fb» in der Verbindung
mit den Gottesnamen Baal und Aftarte nicht
der bekannte dem hebräifchen ihn ,König' entfprechende
Gottesname (Molech) fein, fondefn verkürzte Schreibung
für das hebräifche ^sbn .Bote, Engel'. Der Verf. fucht
aus altteftamentlichen analogen Beifpielen den Ausfall
des radicalen n wahrfcheinlich zu machen (S. 45 f.). So
lange aber nicht erftens "jbu in anderweitigen Verbindungen
als phönieifche Form für nachgewiefen ift
und namentlich fo lange nicht zweitens nachgewiefen,
dafs den Phöniciern wie den Hebräern die Vorftellung
von Engeln geläufig war, kann ich die Deutung des
Verf.'s nur höchft unwahrfcheinlich finden. Freilich
haben polytheiftifchc Völker Genien als Vermittler zwi-
fchen Göttern und Menfchen gekannt, aber die altteftl.
Benennung folcher Vermittler als maleacliim erweckt
doch den Eindruck, auf monotheiftifchem Boden ent-
ftanden zu fein, während ihre andere altteftl. Bezeichnung
als .Söhne Gottes' unverkennbar aus einer vormonothe-
iftifchen Periode flammt. Am wenigften ift irgend ein
Zufammenhang zwifchen dem Götterboten Hermes und
dem MaUäch lia-elohim (S. 53) nachweisbar. Ich verliehe
nicht die Bemerkung über den Hermes S. 53:
.Auch er hat P"lügel, und wenn die griechifche Kunft
diefelben feinen Ferfen anheftet, fo ift dies ein Unter-
fchied, deffen Urfache wir hier nicht zu unterfuchen
brauchen'. .Auch er' — foll das heifsen: wie die Engel?
Aber diefe, welche in Jakob's Traum einer Leiter bedürfen
, um vom Himmel zur Erde herniederzufteigen,
werden im A. T. nicht geflügelt dargeftellt.

Am Schluffe bezeichnet der Verf. felbft feine Ueber-
fetzung des fraglichen Epithetons als zweifelhaft und
bemerkt: ,Das Einzige, was wir glauben behaupten zu
dürfen, ift dies, dafs Malak-Aftoret derfelben mytholo-
gifchen Familie angehört wie Malak-Baal' (S. 55). Wie
es mit feiner fpecielleren Thefe flehen mag, jedenfalls
mufs anerkannt werden, dafs die mit grofser Akribie
gearbeitete Abhandlung durch manche von der Hauptbeweisführung
unabhängige Details dankenswerth bleibt.

Der verhältnifsmäfsig grofse Umfang, zu welchem
diefe Befprechung von zwei kurzen Abhandlungen an-
gewachfen ift, darf als ausreichender Gradmeffer gelten
für den Werth, welchen Ref. denfelben, feiner mehrfachen,
hier nur zum Theil geltend gemachten Differenzen ungeachtet
, beilegt.

Strafsburg i. E. Wolf Baudiffin.

Wünsche, Dr. Aug., Der jerusalemische Talmud in seinen
haggadischen Bestandtheilen, zum erften Male in's
Deutfche übertragen. Zürich 1880, Verlags-Magazin.
(VIII, 297 S. gr. 8.) M. 5. 6b.

Da der Herr Verfaffer durch eine Anzahl gröfserer
und kleinerer Arbeiten als einen gründlichen Kenner
der jüdifchen Literatur, fpeciell der der talmudifchen
Zeit fich bekannt gemacht hat, nahm Ref. das in der Ueber-

] fchrift genannte Buch mit günftigem Vorurtheile in die
Hand. Durch die Leetüre fühlte er fich in mehrfacher
Weife angeregt, und gewann er zugleich die Ueberzeug-
ung, dafs für verfchiedene Zwecke aus dem hier anzuzeigenden
Buche Manches zu lernen fei, dem Verfaffer
oder richtiger Ueberfetzer daher für feine mühfame Arbeit
aufrichtiger Dank gebühre, da das Original der Natur
der Sache nach immer nur von einem geringen Theile
Derjenigen, welche für den Inhalt Intereffe haben oder
doch haben füllten, ftudirt werden wird.

Dafs Hr. W. fich zunächft auf die Ueberfetzung der

I Haggada befchränkt hat, wird den Beifall aller Sach-

I kenner finden: erftens nämlich wäre die Ueberfetzung
des ganzen jerufalemifchen Talmuds eine Riefenarbeit,
zu welcher auch der geborene Jude eine lange Reihe
von Jahren brauchen würde; zweitens aber können aus
dem Gebiete der Halacha für die Chriften nur einzelne
Abfchnitte von allgemeinerem Intereffe fein, während
die Haggada in ihrer bunten Mannichfaltigkeit vielerlei
und darum Vielen etwas bietet. Eher kann es Bedenken
erregen, dafs nicht die ganze Haggada überfetzt ift,
fondern manche Stücke, und zwar nicht nur kurze Aus-

j fprüche und Sentenzen, weggelaffen worden find. Allerdings
glaubt Hr. W. ,gerade diejenigen Fragmente ausgewählt
zu haben, die von allgemeinerem Intereffe find';
ein Werk aber, welches vielen auf verfchiedenen Gebieten
arbeitenden Forfchern (z. B. Culturhiftorikern,
Geographen u. f. w.) das Original wenigftens bis zu
einem gewiffen Grade erfetzen foll, mufs möglichft voll-
ftändig fein , da der Eine dies, der Andere jenes für

j beachtenswerth halten wird, und da oft eine Notiz zwar,
fo lange fie für fich allein lieht, werthlos zu fein fcheint,
aber wichtig wird, fobald man fie mit einer oder einigen
anderen in Verbindung zu bringen vermag. Sobald man

j fich überhaupt damit einverftanden erklärt, dafs eine
Auswahl getroffen wurde, wird man die des Herrn W.
als im wefentlichen zweckentfprechend anerkennen können
(für die am wenigften berückfichtigten Sentenzen
giebt es manches andere brauchbare Hülfsmittel): er

! folgte, foweit Ref. bemerkte, zumeift der von-Samuel
Japheh unter dem Titel Jepheh Mar'cJi veranstalteten,
feit 1587 ziemlich häufig gedruckten*) Sammlung der
Haggadoth des Jerufchalmi. Die Verglcichung des Originals
zeigte, dafs Hr. W., abgefehen von der Weglaffung
ganzer Abfchnitte, auch mehrere kleine Streichungen
vorgenommen hat: das wäre, wenigftens an einigen
Stellen beffer unterblieben. So fehlt S. 35, Z. 21: ,Wer

| an Götzentempeln vorübergeht, fagt Spr. 15, 25"; R.

| Jofse Sohn des R. Bun fagte im Namen des R. Levi:

j wer Götzenopfer darbringen ficht, fpricht Exod. 22, 19"',
und S. 286, Z. 4 v. u. die Worte irm "lött n*ip: n::bi

Die Ueberfetzung lieft fich im Ganzen gut (S. 88.
123. 127 Amoriten ft. Amoräer; S. 234: Ein Töpfer,

, welcher einem Menfchen Töpfe übergeben hatte, um fie
für Lohn weiter zu fahren, aber unterwegs zerbrachen,
kam .-..)•{ doch ift fie an manchen Stellen nicht genau
genug, an manchen nicht correct. Hier einige Beifpiele.
5. 64, ,Als Rabbi die Schemita aufheben wollte, kam

; Rabbi Pinchas ben Jair zu ihm und fragte ihn' ftatt ,Da

*) Zuletzt wohl 1864 (ohne Ort, 4'°) unter dem Titel: Binjan Jeru-
schalajim mit einiyen Zufätzen durch Noach Chajjim ben Mofcheh Levin
aus Kobrin.