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Ausgabe:

1880 Nr. 15

Spalte:

370-371

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wiener, W.

Titel/Untertitel:

Am heiligen Herde. Hausandachten in Losung, Lied, Schriftauslegungen und Gebeten auf alle Tage des Kirchenjahres, für christlich gebildete Familien und das Pfarrhaus, zugleich ein homiletischesRepertorium

Rezensent:

Wetzel, Paul

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369

Theologifche Literaturzeitung. 1880. Nr. 15.

370

durch den Glauben (S. 213). In allen Prämiffen flimmt
alfo der Verf. mit dem Irvingianismus überein, nur an
diefem Punkt bezeichnet er felbft direct feine Abweichung
von demfelben. Die neuen Apoftel erkennt der
Verf. nicht als die Gewähr für das Eintreten der neuen
Stufe der Kirche an. Und freilich hat es nichts Verlockendes
, jetzt nach 33 Jahren fich auf die inzwifchen
zu ihren Vätern verfammelten obfcuren Engländer ein-
zufchwören. .Anders als in England geftaltete fich die
Sache in unferem Vaterlande, denn hier begegnen wir
einer dem deutfchen Charakter angemeffenen
tieferen und geiftigeren Auffaffung unferes Gegen-
ftandes' (S. 206). Was er meint, ift nämlich das Poftulat
einer neuen Ausgiefsung des Paraklet, auf welches der
Württembergifche Pfarrer Chriftoph Blumhardt Igelt.
25. Febr. 1880) verfallen ift. DiefeAusficht fchliefst dasvor-
liegende Buch ab. Alfo das ift dem deutfchen Charakter
angemeffen , das ift tief und geiftig! Zunächft ift
diefe Ausficht auf das Zeitalter des heiligen Geiftes das
folgerechte Complement der Legende von der fpe-
cififchen Vollkommenheit der Kirche im apoftolifchen
Zeitalter; und jene Auskunft zu finden ift blofs eine
Sache des natürlichen Verftandes, der aus einem gegebenen
Anfatz von Gegenfätzen per analogiam das herausrechnen
kann, was deren Entfcheidung herbeiführen
wird, wenn es blofs nach dem natürlichen Verftande
ginge. Uebrigens find der Verf. diefes Buches und fein
Meifter in Hinficht ihrer gemeinfamen Gefchichtsbe-
trachtung und Zukunftshoffnung blofs Revenants des
Franciscanismus. Alles fchon dagewefen! Nur eins
darf noch hinzugefügt werden. Diefer Blumhardt'fche
Pietismus ift der Pietismus auf der Stufe der Verzweiflung
an fich felbft und an den Mitteln, über welche er bisher
verfügte. Aber hierin giebt fich ein fehr ehrenwerther
Charakterzug diefer Gruppe kund, nämlich dafs fie fich
vor der Weltförmigkeit bewahrt hat, in welche der
Pietismus gegenwärtig vielfach verftrickt ift.

Göttingen. A. Ritfchl.

Zur Erbauungsliteratur.
Lange, Confift.-R. Carl, Christliches Handbuch zu Haus-
Andachten auf jeden Tag des Jahres. Breslau 1880,
Gutsmann. (VI, 568 S. gr. 8) M. 4. 50; geb. M. 6. —;
m. Goldfehn. M. 7. —

Ein Andachtsbuch zu täglichem Gebrauch, wie es
deren viele giebt. Zu loben ift, dafs die darin enthaltenen
Schriftbetrachtungen kurz und fachgemäfs find.
Um eine eingehendere Befprechung in diefen Blättern
zu verdienen, ift indefs das anfpruchslos auftretende Buch
zu unbedeutend. Weit beachtenswerther ift:

Krekeler, Paft. L., Erklärung des heiligen Vaterunsers.

Bielefeld 1880, Velhagen & Klafing. (VII, 227 S. 8.)
M. 2. 40; geb. M. 3. 60.

Wie im Vorwort erwähnt wird, ift das Buch eine
Zufammenfaffung von Abhandlungen, die zumeift fchon
in einzelnen Jahrgängen des Minden-Ravensberger Kalenders
erfchienen find. Sie enthalten in knapper und gedrängter
Form eine reiche Gedankenfülle, bezeugen einen
tiefen fittlichen Ernft und eine ungewöhnliche geiftliche
Erfahrung ihres Verfaffers und erheben fich an einzelnen
Stellen zu überrafchender Schönheit und ergreifender
Gewalt. Es fcheint kaum zu vermeiden, bei einer Auslegung
des Vaterunfers fich mit Vorgängern zu berühren
und öfter Gefagtes zu wiederholen. Dem Verf. ift dies
gelungen. Er vermeidet die ausgetretenen Wege und
trägt auch Bekanntes in einer Weife vor, dafs es neu
und überrafchend erfcheint. Er giebt keine leichte,
aber eine kräftige und anregende Geiftesnahrung, weifs in
fcharfer und fchlagender Rede die Gewiffen zu fchärfen
und durch eine von dem Geift der edelften Myftik durchwehte
Auslegung in die Tiefen der Schriftwahrheit einzuführen
. Und doch wird das Buch nicht Jedermann
fympathifch fein. Ein herber ftrenger Ton durchzieht
das Ganze. Aber nicht dies allein. Es ift, als hätte der
Verf. es gefliffentlich darauf abgefehen, den Genufs des
Vortrefflichen und Schönen, das fein Buch in fo reicher
Fülle enthält, der Mehrzahl auch unter denen, die Erbauung
fuchen, gründlich zu verleiden. Wir rechten nicht mit
der Orthodoxie des Verf.'s, die doch öfters die Linie des
fchriftmäfsig Berechtigten überfchreitet, wie wenn bei
der Auslegung der erften Bitte der Name Jefus als der
hochfte und vollkommenfte Name bezeichnet wird, den
fich Gott gegeben hat. Aber diefe Orthodoxie bringt
der Verf. in aller Schärfe zur Geltung, ohne irgend welchen
Verfuch der Vermittelung mit dem modernen Be-
wufstfein. So unterfcheidet er bei der Auslegung der
zweiten Bitte mit gefuchter Abfichtlichkeit zwifchen dem
Reiche des Satans und dem Reiche Gottes, zwifchen
denen es kein drittes gebe. Ja er fcheut felbft die Behauptung
nicht: ,Es wird wohl nicht in Abrede zu Hellen
fein, dafs auch noch jetzt Menfchen mit klarem Bewufst-
fein fich mit Leib und Seele dem Teufel zum Eigenthum
ergeben und wie Doctor Fauftus mit ihm einen Bund
eingehen. Derartige Thatfachen werden dadurch nicht
ungefchehen gemacht, dafs man fie leugnet'.

Crafs realiftifche Anfchauungen über das Reich
des Teufels und feine Werke zu entwickeln, fcheint
überhaupt eine Lieblingsneigung des Verfaffers zu fein.
So hebt er bei der Schilderung des neuen Himmels
und der neuen Erde als einen befonderen Segen hervor,
dafs dann jene krankhafte Nachfchöpfung, die in dem
ekelhaften Gcfchmeifs hervorgetreten fei, das den Menfchen
auf kleinliche Weife peinigt, durch den Weltbrand
auf immer vernichtet fein werde'. Man fleht, es ift dem
Verf. darum zu thun, nicht nur den alten Glauben wieder
zur Geltung zu bringen, er fucht auch den Aberglauben
früherer Jahrhunderte mit allen feinen thörichten
und widerwärtigen Auswüchfen zu repriftiniren. Hiezu
kommt, dafs der Ton feiner Polemik öfters ein geradezu
unwürdiger genannt werden mufs, welche Behauptung
mit Beifpielen zu belegen uns erlaffen bleiben möge.

Als eine durchgehends tüchtige und würdige Arbeit
ift dagegen zu bezeichnen:

Wiener, W., und G. Leonhardi, Am heiligen Herde.

Hausandachten in Lofung, Lied, Schriftauslegungen
und Gebeten auf alle Tage des Kirchenjahres, für
chriftlich gebildete Familien und das Pfarrhaus, zugleich
ein homiletifches Repertorium. Leipzig 1880,
Teubner. (VII, 1004 S. gr. 8.) M. 8. —; geb. M. 10.—

Das Buch enthält zunächft Schriftauslegungen von
Pfarrer Wiener aus Rüffelsheim a M. und zwar für jeden
Sonntag und Montag über die altkirchlichen Evangelien
und Epifteln, für jeden Dienftag und Mittwoch über die
Würtembergifchen, für die übrigen Wochentage über die
von Nitzfeh ausgewählten Perikopen. Der Auslegung,
die, wie im Vorwort bemerkt wird, in der Regel dem
Gedankengang einer fchon gehaltenen Predigt folgt, ift
die betreffende Perikope, ein Bibelfpruch alsTageslofung
und ein Liedervers nebft Angabe des Verfaffers und
feines Todesjahrs vorangeftellt. Ein zweiter liturgifcher
Theil, von Pfarrer Leonhardi bearbeitet, enthält eine
Reihe von liturgifchen Feftandachten und eine Sammlung
von Gebeten. Das Gepräge des ganzen Buches ent-
fpricht feiner Beftimmung für chriftlich gebildete Familien
. Prägnanz im Ausdruck der Gedanken und ge-
wiffenhafte Sorgfalt in der Sprache, wie die kirchliche
Aefthetik fie fordert, haben beide Verfaffer fieh zur
Pflicht gemacht. Auch fpecielle Familienverhältnifse
haben Berückfichtigung gefunden, z.B. auch darin, dafs
fich unter den liturgifchen Feftandachten eine für den
Hochzeitstag und eine für den Fefttag eines Jubiläums